Das Sommermärchen hat dem Fußball die Leichtigkeit genommen

Wenn die deutschen Fußballer wie gegen Holland oder Frankreich verlieren, scheint das eine Staatskrise auslösen. Zumindest gefühlt. Denn der Fußball steht in Deutschland seit 2006 für mehr, als ihm und der Gesellschaft guttut.

Verzweiflung? Trauer? Tränen? Eigentlich ist alles gar nicht so schlimm. 

Foto: Getty Images

Es gab mal eine Zeit, da traf man sich abends zum Fußballgucken, um abzuschalten. Um den Alltag mit seinen echten Problemen hinter sich zu lassen, sich zu zerstreuen. Aus dieser Zeit stammt die Bezeichnung des Fußballs als »schönste Nebensache der Welt«. Wenn die deutsche Nationalmann heute Abend gegen Frankreich antritt, ist das für viele Menschen nicht nebensächlich. Es ist bitterer Ernst. Denn es geht um sehr wichtige Fragen: Wie lange wird Jogi Löw noch Bundestrainer sein? Ist Manuel Neuer noch der, für den wir ihn halten? Kann Deutschland noch Tore schießen? Und das alles kulminiert in der entscheidenden Frage: Sind wir noch wer?

Der Fußball hat seine Leichtigkeit verloren, mit der er uns die Feierabende versüßen sollte. Nach dem vergangenen Wochenende, als »die Mannschaft« (so heißt die DFB-Elf ja seit einiger Zeit gewichtig) gegen die Niederlande verloren hatte, musste man sich ernsthaft fragen, ob diese Niederlage für den Großteil der deutschen Bevölkerung eine mindestens so große Tragweite wie die Bayern-Wahl besaß. Im deprimierenden Sinn.

Wie konnte das passieren? Es gibt naheliegende Antworten. Aus Fußballsicht war es ein ziemlich schwieriger Sommer. Da war der Streit um Mesut Özil, der sich mit dem türkischen Präsidenten Erdogan hatte ablichten lassen und Wochen später aus der Nationalmannschaft zurücktrat, weil die Verantwortlichen beim Deutschen Fußball-Bund (DFB) keinen richtigen Umgang mit der Angelegenheit fanden. Dann war da das so schmerzhafte wie peinliche Vorrunden-Aus der Deutschen bei der Fußball-WM in Russland. Und dann waren da vor einiger Zeit die Football-Leaks des Spiegel, die den Fußball als dreckiges Geschäft zeichneten, und die Enthüllungen rund um die WM-Vergabe 2006. Das alles hat den Fußball zuletzt viel gutes Image gekostet.

Aber eigentlich hat es schon viel früher angefangen. Nämlich in jenem Sommer vor zwölf Jahren, als »die Welt zu Gast bei Freunden« war: während des deutschen »Sommermärchens«. Der Legende nach haben die Deutschen in diesen vier Wochen ihr Nationalgefühl zurückerobert, sie trauten sich plötzlich wieder, schwarz-rot-gold zu tragen und die Nationalhymne zu singen. Der Fußball hat Deutschland im Juni und Juli 2006 mit neuem Selbstbewusstesein und Selbstverständnis zusammengebracht. »Schland« war in und cool, der Fußball stärkte das kollektive deutsche Gedächtnis. Wir waren wer.

Doch genau diese gesellschaftspolitische Aufladung, die der Fußball während und nach der WM in Deutschland erfuhr – und die sich durch den Titel 2014 verstärkte –, scheint der Grund dafür sein, weshalb er sich jetzt, wo es nicht gut läuft, so wahnsinnig schwer anfühlt. Über viele Jahre musste der Fußball für mehr stehen, als er in Wahrheit kann: für eine zusammengewachsene deutsche Gesellschaft. Wir alle kennen die ikonischen Bilder von Angela Merkel in der deutschen Umkleidekabine, die innen- und außenpolitische Gravität symbolisieren sollen. Natürlich gehören Sport, Politik und Gesellschaft zusammen, historisch und aktuell, und es ist sicher etwas dran an der Floskel, dass der Fußball ein Spiegel eben jener sei. Das zeigt gerade die Özil-Debatte eindrücklich. Gleichzeitig haben wir dieses Spiel von 22 Menschen mit einem Ball auf eine Art und Weise überhöht, dass sein Aufprall in der Realität gerade extrem weh tut.

Das wohl einzige Medikament gegen diesen Schmerz ist, die schönste Nebensache Fußball nicht mehr ganz so wichtig zu nehmen. Nicht auf eine Weise, dass davon unser gesellschaftliches Wohlergehen abhängt. Sondern höchstens unser persönliches Feierabendgefühl. Deutschland ist nicht die Fußball-Nationalmannschaft und eine Niederlage der Fußballer bedeutet nicht automatisch, dass es schlecht um alle Deutschen steht. Schon rein aus Eigenschutz sollte das deutsche Selbstbild nicht auf sportlichen Erfolgen beruhen. Denn die sind ziemlich wackelig, wie man zuletzt gesehen hat.

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