Ein bisschen Spaß muss sein

Bekannt wurde sie durch ihre Beziehung zu Kurt Cobain, exzessiven Drogenkonsum und ein Faible fürs Brüstezeigen. Heute ist Courtney Love (fast) normal. Ein Interview.

SZ-Magazin: Frau Love, möchten Sie etwas trinken?
Courtney Love:
Keine Umstände, bitte. Ich nehme einfach einen Schluck von Ihrem Wasser.

Sie wirken gesund, frisch und aufgeräumt. Große Erleichterung, dass Ihr Album Nobody’s Daughter nach fünf Jahren fertig wurde?
Vielen Dank. Die meisten Leute sind überrascht, wenn sie mich treffen, weil sie ein Wrack erwarten. Aber freuen Sie sich nicht zu früh, meine Stimmung kann jederzeit umschlagen. Haben Sie heute Nacht gut geschlafen?
Ja, ich habe meine Medikamente umgestellt. Nach Kurts Tod nahm ich jahrelang Ambien. Aber es hat mich genervt, morgens mit dem Gefühl aufzuwachen, mein Gehirn bestünde aus Pizzaab-
fällen. Jetzt nehme ich Sonata. Ich schlafe wie ein Stein und bin morgens fit.

Andere Medikamente?
Brauche ich nicht mehr. Ich bin gut in Form.

Drogen?

Das alte Vorurteil, ich sei ein Junkie gewesen! War ich nie, mein Freund. Zumindest nicht im herkömmlichen Sinne. Koks hat mich angewidert, eine Spießerdroge. Ganz selten mal Crack, noch seltener Heroin. Die Paranoia, die einsetzt, wenn du Drogen nimmst, war mir zu anstrengend. Du denkst, die Leute reden schlecht über dich im Fernsehen, sie verfolgen dich auf der Straße, sie lästern über dich am Nachbartisch? Daraus besteht mein Alltag seit zwanzig Jahren, dafür brauche ich keine Halluzinationen. Eine Zeit lang war ich auf Oxycontin, ein starkes Schmerzmittel, und kam auch ein paar Mal einer Überdosis nahe. Aber irgendjemand war immer so nett, mich zu retten. Einmal leistete mir Johnny Depp Erste Hilfe. Ich hatte nie Sex mit ihm, aber immerhin hat er mich beatmet.

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Alkohol?
Seit ich wieder auf Tour gehe mit meiner Band Hole, gerate ich manchmal in Versuchung. Früher habe ich vor einem Konzert eine Flasche Bourbon gekippt, dann ging ich auf die Bühne und habe alles versaut, bis jeder im Saal genervt war von mir. Letzte Woche saß ich vor dem Konzert in Cincinnati im Backstage-Raum und verspürte plötzlich diesen Alkoholdurst, den ich schon fast vergessen hatte. Aber ich sagte mir: Lass es bleiben, du willst es diesmal nicht ruinieren.

Funktioniert Punkrock ohne Bier und Schnaps überhaupt?
Jetzt vergesse ich die Texte nicht mehr.

Wie viel wiegen Sie?

Die Ärzte sagen, mein ideales Gewicht liege bei 130 Pfund (Anmerkung: 59 Kilogramm), heute bin ich bei 125.

Auf Bikini-Fotos wirken Sie abgemagert. Essen Sie genug?

Das Bild muss aus dem Winter stammen, als ich einige Sorgen hatte wegen meiner Tochter Frances Bean. Da wog ich um die hundert Pfund. Inzwischen war ich bei Selbsthilfegruppen für Essgestörte, meine Ärzte haben mir geholfen. Wir haben eine Diät entwickelt. Ich trinke jetzt drei Protein-Shakes am Tag.

Sind die Leute in solchen Selbsthilfegruppen nett zu Ihnen?

Ja, die behandeln mich wie jeden anderen Betroffenen auch. Ich war auch schon in einer Selbsthilfegruppe für Shopaholics, da saßen all die reichen Ehefrauen, die niemals gedacht hätten, dieselben Probleme zu haben wie Courtney Love. War lustig.

Wird da auch mal gelacht?

Na klar. »Diesen Monat wieder 40 000 Dollar für Schuhe ausgegeben, mein Mann droht mit Scheidung« – da darf man auch mal kichern.

Konnten Sie Ihre Einkaufssucht besiegen?

Die Experten gaben mir den Trick mit auf den Weg, statt mit Kreditkarten mit kleinen Scheinen zu bezahlen. Seitdem trage ich immer ein Bündel Zehn-Dollar-Noten mit mir herum.

Was ist mit Ihren Fingernägeln passiert?

Ich benutze eine Martin-Akustikgitarre – ohne Plektrum, weil ich keines finde, mit dem ich spielen kann. So habe ich mir die Nägel zerstört. An einigen Fingern ist sogar das Nagelbett beschädigt. Die Finger sind nicht das Schönste an meinem Körper.

Das neue Album Ihrer Band Hole trägt den Titel Nobody’s Daughter. Meinen Sie damit Ihre Mutter, Ihre Tochter oder sich selbst?

Ich fing vor ein paar Jahren an, Songs zu schreiben, nachdem mir meine beste Freundin die Gitarre in die Entzugsklinik brachte. Da war ich nicht in der Laune, bei jedem Text und jedem Titel zu analysieren, was er bedeutet. Ich achte darauf, wie die Worte klingen, ob sie eine Atmosphäre erzeugen, ein Gefühl. Der Titel Nobody’s Daughter könnte für jede Frau stehen.

Diese Worte passen auf Ihren Lebenslauf, aber auch auf den Ihrer Tochter und Mutter. Sie standen 2005 unter Hausarrest, weil Sie gegen Bewährungsauflagen für Ihre Drogenvergehen verstoßen hatten. War das ein passender Moment, um über die Familie nachzudenken?

Meine Mutter war ein Adoptivkind und hat ihre leiblichen
Eltern nie getroffen. Ich glaube, das hat ihr nicht gutgetan. Kurz nachdem ich auf die Welt kam, ließen sich meine Eltern scheiden und stritten sich um das Sorgerecht. Ich lebte mit meinem Vater in Hippie-Kommunen in Oregon, dann bei Freunden meiner Mutter – sie war irgendwo in Neuseeland mit einem neuen Mann. Mit zwölf zog ich auch nach Neuseeland, bekam aber schnell das Gefühl, dort nicht erwünscht zu sein. Irgendwann landeten wir wieder in Portland, Oregon. Ich kann mich gar nicht mehr an die Details erinnern. Nur noch daran, dass ich mit 16 genug hatte und nach England floh.

Stimmt es, dass Ihr Vater Ihnen LSD gab, als Sie drei waren?
Das weiß ich natürlich nicht. Aber er verlor wegen dieser Behauptung das Sorgerecht endgültig an meine Mutter, die sich allerdings nicht für mich interessierte.

Wie haben Sie die Jahre verbracht zwischen Ihrer Ankunft in England 1980 und Januar 1990, als Sie in Portland Kurt Cobain trafen?
Ich verbrachte viel Zeit mit Musikern, mit den Jungs von The Teardrop Explodes und Echo & the Bunnymen.

Es heißt, Sie waren ein Groupie.
Ich habe nützliche Dinge gelernt, zum Beispiel, Gitarre zu spielen. Oder mich auf der Bühne zu bewegen.


Aber aus Ihren ersten sechs oder acht Bands schmiss man Sie heraus.

Ich kann mich nicht mit dem Mittelmaß arrangieren. Deswegen habe ich 1989 Hole gegründet. Kim Gordon von Sonic Youth und Billy Corgan von Smashing Pumpkins produzierten unser Debüt Pretty On The Inside. So was hatte niemand von mir erwartet.

Dann lernten Sie Kurt Cobain kennen. Konnte man damals
ahnen, dass er das Idol einer Generation werden würde?

Ich fand ihn einfach nur süß.

Ihre gemeinsame Tochter kam im August 1992 zur Welt, zwanzig Monate später erschoss sich Cobain.

Hätte er doch nur sechs Monate gewartet, bis Frances Bean sprechen konnte. Ich bin überzeugt, er wäre niemals auf den Gedanken gekommen, Selbstmord zu begehen, wenn er sich mit ihr
hätte unterhalten können.

Erinnern Sie sich an den Tag, als er starb?
Darüber möchte ich nicht sprechen.

Sein Ruhm hatte ihn überfordert.
Er war überzeugt, mit seinem Erfolg habe er sich und seine Freunde verraten.

Wenige Tage nach Cobains Selbstmord erschien Live Through This, das zweite Album von Hole. Nirvana-Fans protestierten, Sie würden sich an Cobains Tod bereichern. Es hieß, er habe die meisten Ihrer Songs geschrieben.
Die anderen Mitglieder von Nirvana haben diese Lügen verbreitet.

Aber spurlos sind die Ereignisse an Ihnen nicht vorbeigegangen. Bei einem Fototermin zündeten Sie die Garderobe an und wälzten sich vor dem Fotografen nackt auf dem Boden. Bei David Letterman sprangen Sie auf den Tisch und zeigten Ihre Brüste.

Ein bisschen Spaß muss sein. Ich war außer Kontrolle, nahm Drogen und niemand konnte mich bremsen.

Wo ist denn nun das Geld geblieben, das Sie von Cobain erbten?
Das wüsste ich auch gern. Meine Manager und Berater stahlen es mir zwischen 2002 und 2008, als ich meistens unzurechnungsfähig war. Ich habe Wirtschaftsprüfer und Anwälte eingeschaltet, die alle sagen, es handle sich um einen gigantischen Skandal. Banken und Investmentfonds sind verwickelt, auch einige Plattenfirmen. Das FBI hat den Fall übernommen.

Wittern Sie eine Verschwörung?
Wenn die Wahrheit ans Licht kommt, werden viele Leute Probleme bekommen.

Um wie viel Geld geht es denn?

Die Rechte an den Songs sind sicher eine halbe Milliarde wert, vielleicht mehr.

2006 verkauften Sie ein Viertel dieser Rechte für fünfzig Millionen Dollar.
Kein guter Deal.Und das Geld ist weg! Das FBI zeigte mir Rechnungen von irgendwelchen Geschäften, die ich angeblich in Nizza betreibe. Absurd!

Wie fühlt es sich an, wenn die eigene Tochter der Mutter gerichtlich das Besuchsrecht entzieht?
Wir hatten uns Weihnachten in meiner New Yorker Wohnung gestritten und die Situation geriet außer Kontrolle. Aber schon kurz darauf war unser Verhältnis wieder repariert. Wann erscheint dieses Interview?

Im April.
Dann kann ich es Ihnen ja verraten, weil bis dahin die einstweilige Verfügung gegen mich ausläuft: Frances und ich unterhalten uns seit Wochen über Facebook, obwohl ich das gar nicht dürfte. Im August wird sie volljährig, dann wird sich unser Verhältnis sowieso bessern. Ich
hatte immer Angst, dass sie wegen ihrer Mutter diskriminiert werden könnte. Aber dazu kam es zum Glück nie. Frances ist sehr beliebt.

Ein Gericht entzog Ihnen das Sorgerecht, als Frances elf Jahre alt war. Das Mädchen wuchs bei Kurt Cobains Mutter auf.

Die beste Lösung für Frances, denn ich war nicht in der Lage, auf ein Kind aufzupassen. Ich war mit mir selbst überfordert.

Nach all den Katastrophen in Ihrem Leben: Haben Sie eine Strategie entwickelt, Krisen zu meistern?

Ha! Ich sollte einen Ratgeber herausgeben. Wer in einen Skandal verwickelt ist, ruft Courtney an. Kate Moss, Lindsay Lohan, Amy Winehouse würden mich um Rat fragen, und ich antworte dann: Nichts wird dir helfen, außer den Kopf aufrecht zu halten.

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