Auch modisch ein angsteinflößendes Jahr

Schnulzensänger mit Metal-T-Shirts, eine Königin in radioaktivem Grün und das Comeback der Radlerhose: ein Rückblick auf die bizarrsten Modephänomene des Jahres 2016.

Die Männerfrisur: Der erfolgsverwöhnte Gelbschopf

Schwer zu glauben, aber wenn es eine Frisur gab, die - statistisch gesehen - im Jahr 2016 mit politischen Überraschungserfolgen in Verbindung gebracht werden konnte, dann diese. Im Juni führte der ehemalige Londoner Bürgermeister sein Land als platinblonde Vogelscheuche zum Brexit, wenige Monate später wurde Donald Trump mit fluffigem Gelbschopf zum neuen amerikanischen Präsidenten gewählt. Blondes Männerhaar als beruflicher Erfolgsgarant? Darauf scheinen zumindest die zahlreichen Nachfärber zu hoffen. Nach dem Aus für Argentinien bei der Copa América und seinem Rücktritt vom Rücktritt aus der Nationalmannschaft wagte etwa Lionel Messi einen Neuanfang in Platinblond (»Einige Dinge müssen sich ändern«) und selbst Rapper Kanye West kam nach Tourabsage und Klinikaufenthalt Anfang Dezember zum bizarren Kurzbesuch bei seinem »alten Freund« Donald Trump in dessen Trump Tower vorbei - mit blondgefärbtem Milimeterschnitt.
Wird getragen von: größenwahnsinnigen Männern auf der Suche nach Erfolg, Kanarienvögeln, langhaarigen Meerschweinchen, gelbhaarigen Plastik-Trollpuppen, Vogelscheuchen
Wird getragen mit: Bluthochdruck, Selbstbräuner, patriotistischen Basecaps
Das fragen Trumps Nachahmer: Nutzen sie für Haare und Gesicht das gleiche gelbe Färbemittel?

Der Einblick des Jahres: Diane Kruger und die Schweizer Nationalmannschaft im Puma-Trikot

Cut-outs waren 2016 ein gängiges Stilmittel der Red-Carpet-Garderobe. Sorgten früher vor allem tiefe Dekolletees oder kurze Röcke für Einblicke, lässt sich heute an jedweder Körperstelle etwas Haut zeigen: in der oberen Magengegend, am Steißbein oder den Hüftknochen. Diane Kruger entschied sich beim Deutschen Filmpreis für die Entblößung ihrer Schulterbeine und Rippchen - und beeindruckte damit nicht nur die Fotografen. Auch Puma schien vom dem roten »destroyed«-Look angetan und baute in seine EM-Trikots für die Schweizer Nationalmannschaft selbstentstehende Cut-Outs ein - während des Spiels gegen Frankreich rissen ganze sieben Trikots.
Wird getragen von: Nahezu allen weiblichen Celebrities bei Abendveranstaltungen, Fans von »distressed«-Denim, Schweizer Nationalfußballern
Wird getragen mit: durchtrainiertem Körper und keiner Unterwäsche, bzw. Humor
Typischer Facebook-Kommentar: Gut, dass Puma keine Kondome produziert…

Das Make-up des Jahres:  Alicia Keys' No-Make-Up-Look

Schon im Mai hatte die Sängerin Alicia Keys in einem Gastbeitrag auf lennyletter.com, der Publikationsplattform von Lena Dunham, verkündet, nie mehr Make-up tragen zu wollen. Das tat sie dann auch auf dem roten Teppich der MTV Video Music Awards im August und auf dem Cover ihres neuen Albums »Here«, auf dem sie auch den großartigen Satz singt: »Maybe all this Maybelline is covering my self-esteem«. Keys »nacktes« Gesicht stieß auf einige Empörung, größtenteils aber auf Zuspruch – und trat eine Welle an Nachahmern los. Sogar Kim Kardashian, Königin des Contouring, zeigte sich (fast) ohne Make-up während der Pariser Fashion Week und Stars wie Gwyneth Paltrow, Katie Holmes oder Lady Gaga teilten #nomakeup-Selfies auf Instagram. Generell ging es 2016 in der Mode und Körperpflege viel ums Weglassen. Von BHs (#freethenipple), der Achselhaarrasur (#hairypits) und hohen Schuhen – Julia Roberts schritt im Mai barfuß über den roten Teppich in Cannes - kurzum: von revidierwürdigen weiblichen Schönheitsidealen.
Wird getragen von: Normalsterblichen im Supermarkt, Celebrities auf dem Roten Teppich (und nach reiflicher Vorbereitung)
Wird getragen mit: fettigem Haar und Jogginganzug, bzw. Abendkleid, Solariumbräune und vorheriger Gesichtsbehandlung
Typischer Facebook-Kommentar: Bei mir sieht das irgendwie anders aus, wenn ich morgens aufwache…

Das Poweroutfit: der rote Hosenanzug

Manchmal benötigt es besonderes Interpretationsgeschick (oder blühende Fantasie), um politische Kleiderwahlen richtig zu deuten. Nicht so im Falle Hillary Clintons während der TV-Debatten zur Präsidentschaftswahl – ihre Message war klar. Statt sich an demokratisches Blau zu halten, setzte die bekennende Hosenanzug-Fanatikerin (»pantsuit aficionado« ist Teil ihrer Twitter-Biografie) voll auf textilen US-Patriotismus, in einem roten, einem blauen und einem weißen Ensemble des amerikanischen Designers Ralph Lauren. Besonders das rote Modell (eigentlich die Farbe der Republikaner!) fand große Beachtung - ein ähnlicher Anzug des Designers Alexander McQueen für knappe 2.500 US-Dollar wurde nach dem ersten TV-Duell zum Kassenschlager unter Hollywoods weiblicher Führungsetage, wie Luxuskaufhäuser in Beverly Hills berichteten. Und auch andere Promis wie Tilda Swinton, Gigi Hadid oder Kirsten Steward präsentierten sich dieses Jahr in roten Hosenanzügen und setzten damit ein modisches #ImWithHer-Statement - bewusst, oder unbewusst.

Wird getragen von: Hillary Clinton, Angela Merkel, Gillian Anderson aka Dana Scully in Akte X, Power-Frauen im Allgemeinen
Wird getragen mit: Louboutins, Aktentasche, Firmenwagen
Typischer Twitter-Kommentar: #ImWithHer
Der Song dazu: Lady in Red, Chris de Burgh

Der Schuh des Jahres: Theresa Mays Leo-Pumps

Theresa May, seit dem 13. Juli 2016 Premierministerin des Vereinigten Königreichs, hat ein Faible für modisches Schuhwerk. Schenkelhohe Lack-Boots, Ballerinas mit Kussmund-Print, Gummistiefel, Sneakers mit Union-Jack-Verzierung: alles schon an ihr gesehen. Doch besonders ein Modell scheint sich wie ein roter Faden durch Mays politische Karriere zu ziehen: der halbhohe Leoparden-Pumps. Schon 2002 trug sie diese während ihrer legendären Rede bei der Tory-Jahreskonferenz, in der sie an ihre Partei-Genossen appellierte, die konservative Basis zu öffnen und dabei den Begriff der »nasty party« prägte. Im Juli druckte die britische »Sun« nach der Ankündigung, dass May Premierministerin würde, ihren Fuß in Leo-Pumps auf ihr Titelblatt - über einer Reihe Köpfe führender Tory-Politiker und unter der Headline »Heel, Boys« (»Heel« steht im Englischen nicht nur für den Absatz, sondern auch für »bei Fuß«). Auch nach Amtseinführung wurde May bereits mehrfach mit Leo-Pumps in der Downing Street gesichtete. Ob ihr »heeling« nach dem Vorbild von Margaret Thatchers »handbagging« einst ins Oxford English Dictionary aufgenommen wird? Der Brexit bleibt abzuwarten.
Wird getragen von: Best Agern auf der Düsseldorfer Kö, den Darstellerinnen von Absolutely Fabulous, Samantha Jones in Sex and the City
Wird getragen mit: Leo-Schal, Kroko-Handtasche, goldener Fliegerbrille, viel Schmuck und Glitzer
Der Song dazu: Roar von Katy Perry

Der royale Auftritt des Jahres: die Neon-Queen

Trooping the Color - das Motto der Feierlichkeiten schien die Queen beim Wort genommen zu haben. Die vielleicht prominenteste Anhängerin der farblosen Pastellmode zeigte sich während der Militärparade zu ihrem 90. Geburtstag im Juni ungewohnt knallig im leuchtend grünen Neon-Kostüm mit passendem Hut. Steckt dahinter die Erkenntnis, dass man mit 90 auch mal Fünfe gerade sein lassen kann und mit alten Gewohnheiten brechen? Ein stilles Bekenntnis zu ihrem elektronischen Musikgeschmack oder der Liebe zu Jim Carrey-Filmen? Unklar. Wer an diesem Tag in London die Hauptrolle spielte, daran ließ das Knaller-Outfit jedenfalls keine Zweifel.
Wird getragen von: Kermit dem Frosch, Techno-Fans, Katy Perry, Hulk, Jim Carey in Der Grinch oder Die Maske
Wird getragen mit: Raver-Frisur, weiten Techno-Hosen, Plateau-Boots, bunten Plastikbrillen in Regenbogenfarben
Trageanlass: 80er-Aerobic-Parties, Techno-Raves, Promoauftritte für Stabilo-Textmarker

Das Wagnis des Jahres: Radlerhosen

Allein der Begriff schürt schon nostalgische Gefühle: Radlerhosen. Da denkt man an Bibi Blocksberg, Mutter-und-Kind-Turnen und Freundschaftsbändchen. Im Mai änderte sich das. Chanel zeigte seine Cruise Collection auf Kuba - und darin mit Rosen bedruckte Glitzer-Radler, hochgezogen bis zum silbernen Taillengürtel. Und damit das Ganze ja nicht als Eintagsfliege abgeschrieben wird, präsentierte die Luxusmarke in ihrer kürzlichen Pre-Fall Show ein ähnliches Modell - diesmal mit Pailletten besetzt und eher in Capri-Länge. Während wir uns gerade erst vom allgemeinen Leggings-Wahn erholt haben und an die neue Länge noch langsam gewöhnen, gibt es bereits einen prominenten Fan: Kim Kardashian. Der Social-Media-Star, generell nie darum verlegen, ihre Kurven zu zeigen, führte diesen Sommer mehrfach ein paar Gym-taugliche Elasthan-Radler aus - mal zu Corsage und bodenlangem Kimono, mal zur nietenüberladenen Lederjacke, jedes Mal irritierend. Styling-Inspiration konnte sich Kardashian später während der Olympischen Spiele holen: Auch hier waren Spandexhosen ein großes Thema - ob klassisch beim Rennradfahren oder als zweite Schicht unter weiten Basketballshorts.
Wird getragen von: Chanel-Models, Kim Kardashian, Basketballern, Fahrradkurieren, Mutter-und-Kind-Turnern
Wird getragen mit: Spanx-Unterhose, Anti-Cellulite-Creme

Das Shirt des Jahres:
Metal-Bandshirts

Justin Bieber (wie oben bei einem Konzert in Bologna), Kendall Jenner (»I don't get how some people can listen to heavy metal«), Miley Cyrus - Hollywoods Millennials hatten dieses Jahr ein favorisiertes Kleidungsstück: Bandshirts altehrwürdiger Metal-Bands wie Iron Maiden, Metallica oder Slayer. Während diese sich teilweise irritiert über ihre vermeintliche neue Fanbase zeigten, griff die Modewelt den Trend großherzig auf. Nicht nur hingen plötzlich Band-Shirts bei H&M und Urban Outfitters, die gesamte Modebranche schien sich einer »Metalisierung« zu unterziehen - Brionis kurzzeitiger Kreativdirektor Justin O’Shea verpasste sogar dem Schriftzug des italienischen Luxushauses einen neuen, rockigeren Anstrich und engagierte Metallica als Kampagnenmodels. Außerdem bedienten sich Musiker der verschiedensten Richtungen (etwa Justin Bieber, Rihanna oder Kanye West) klassisch-gotischer Metal-Typografie für ihr Tour-Merchandise - und setzten damit Millionen um.
Wird getragen von: Justin Bieber, Wacken-Besuchern, trendbewussten Teenagern
Wird getragen mit: Zerschlissenen Jeans, Kutten, Matsch und Festivalbier, bzw. Designer-Jeans und Hut
Das sagt der Metal-Fan: We’re on the highway to hell.

Teil 2 des Mode-Jahresrückblicks lesen Sie hier.

Fotos: Gettyimages/Theo Wargo, Matt Cardy, James Devaney, Jerritt Clark; Bloomberg, Reuters, Xposure, Getty Images/Roberto Serra-Iguana Presse

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