Frauen im Abseits

In kaum einem Wirtschaftssektor hinkt die Gleichberechtigung so hinterher wie im Sport. Unter den 100 bestverdienenden Sportlern ist keine einzige Frau. Wer das ändern kann? Wir Zuschauer. Und die männlichen Sportler.

Kein Widerspruch: Frauen sind meist nicht in der Lage, Männer im direkten Duell zu besiegen – und dennoch sind sie ihnen als Sportlerinnen ebenbürtig.

Foto: Miss X / photocase.de

Ein Mann und eine Frau stehen auf einem Siegerpodest, ganz oben. Der Mann wankt unter dem Gewicht seiner gewaltigen Trophäe, sie ist dreistöckig, fast hüfthoch, aufwändig verziert aus Gold und Marmor. Die Frau hält einen kleinen Pokal aus Glas, so groß wie ihre Hand. Der Mann ist Andreas Böcherer, Titelverteidiger des 31. Triathlons von Buschhütten im Siegerland, einer der wichtigsten Triathlon-Veranstaltungen in Deutschland.

Die Veranstalter hatten im Mai dieses Jahres kein Geld und keine Mühen gescheut, um die Elite der Profis zu ihrem Wettkampf zu locken. Die PR-Mühlen drehten sich, hohe Startgelder flossen – zumindest für die männlichen Profis. Sie kamen: Ironman-Weltmeister Patrick Lange, Vorjahressieger Andreas Böcherer, Nachwuchstalent Florian Angert. Und sie wurden frenetisch gefeiert, Böcherer nach seinem Sieg als »König von Buschhütten« bejubelt. Die Königin dagegen dackelte unbegleitet, ohne Begleitfahrrad, ohne Anmoderation, ohne Zielbanner über die Zielgerade. Ich weiß das, denn die Siegerin der Damen ist zufällig meine Schwägerin.

Auch außerhalb von Buschhütten dreht sich diesen Sommer alles um den Sport. Fußball-WM in Russland, Wimbledon mit Angelique Kerber, die Tour de France, seit Samstag die Leichtathletik-EM. Doch wer genau hinsieht, stellt fest: Die Gleichberechtigung zwischen Männern und Frauen hinkt im Sport immer noch hinterher. In den allermeisten Wirtschaftsbereichen schließt sich die Gender Pay Gap allmählich – das tat sie eine Zeitlang auch im Sport, doch seit etlichen Jahren tut sich nichts mehr: Die Lücke ist starr, wie festbetoniert.

Es geht nicht nur um aktive Sportlerinnen, sondern auch um die Frauen hinter den Kulissen, die kommentieren, moderieren, organisieren – und die etwa bei der Tour de France dennoch nur in hübschen Kleidchen Männern Trophäen überreichen dürfen, anstatt sie im Siegertrikot selbst in die Luft zu recken. Das bedeutendste Radrennen der Welt: Gibt es nur für Männer.

Dass die Kommentatorinnen bei der Fußball-WM (deren Zahl immerhin höher war als je zuvor) weltweit immer noch jede Menge Spott und Kritik ernteten dafür, dass sie einfach ihren Job machten, ist traurig. Dass eine Tennis-Legende wie Martina Navratilova laut eigener Aussage als Wimbledon-Kommentatorin beim Sender BBC ein Zehntel verdient von dem, was ihr Ex-Kollege John McEnroe bekommt, ist ein Skandal. Der Sender verteidigte die Anklage Navratilovas damit, dass McEnroes Aufgabenfeld über das ihre hinausgehen würde. Ach ja? Im Juli veröffentlichte Stuart Fraser, Tennis-Korrespondent der britischen Times, Zahlen. Demnach entspricht McEnroes Honorar für seine Arbeit bei Wimbledon haargenau dem, womit seine Co-Moderatorin, die britische Ex-Spielerin Sue Barker, entlohnt wird – nur dass diese in Wimbledon sowie bei drei weiteren Turnieren im Einsatz war. Gleiches Honorar bei dreiviertel weniger Arbeit.

Irgendwie passt es aber zum Tennis-Bad-Boy der achtziger Jahre. Seiner Ansicht nach erbringen Tennisspielerinnen, wie er vergangenes Jahr großspurig kundtat, ja auch nur einen Bruchteil der Leistung der Männer. Serena Williams, erfolgreichste Profi-Spielerin aller Zeiten, würde laut McEnroe in der Weltrangliste der Männer gerade mal Platz 700 belegen.

Ungeachtet der Tatsache, dass McEnroe an die Erfolge von Williams bei weitem nicht heranreicht (an Navratilovas übrigens auch nicht), steht er mit seiner Polemik in einer Tradition: Denn mit eben dieser Logik wird seit der Geburt des Sports jeglicher Vormarsch in Richtung »Equal Pay for Equal Play« abgekanzelt. Wenn Frauen ebenbürtig bezahlt werden wollen, müssen sie für Männer auch ebenbürtige Gegner sein. Wie bitte? Frauen sind tatsächlich meist nicht in der Lage, Männer im direkten Duell zu besiegen – und dennoch sind sie ihnen als Sportlerinnen ebenbürtig. Denn Niveau hat mit Können zu tun, mit Talent, Technik, hartem Training, vergossenem Schweiß, mit mentaler Stärke, die es erlaubt, nach Niederlagen wiederaufzustehen und in einem verloren geglaubten Wettkampf doch noch zu siegen.

Das Argument, dass Männer mehr verdienen sollten als Frauen, weil sie meist stärker, schneller, ausdauernder sind, ist der rechte Haken der Geschlechtergerechtigkeit, der Schmetterball, der ultimative Smash, mit dem jede weitere Diskussion abgewehrt wird. Ja, die Preisgelder von Männern und Frauen haben sich seit 1973 (ungleiches Preisgeld in allen Sportarten) bis 2017 (gleiches Preisgeld in 83 Prozent aller Sportarten) gewaltig angenähert. Aber gerade in monetär trächtigen Sportarten wie Fußball, Golf und Basketball sind die Lücken besonders groß. Die Ungerechtigkeit besteht fort. Nur ein Beispiel: Die am besten bezahlte Spielerin der amerikanischen Profi-Basketballliga WNBA verdient laut Forbes gerade mal ein Fünftel des am schlechtesten bezahlten NBA-Spielers. Und, ja, es mag auch einige wenige Frauen geben, die neben den Sieg- oder Antrittsprämien lukrative Sponsorenverträge oder individuelle Gehälter aushandeln können. Doch das Gros der Sportlerinnen eben nicht. Ein Blick auf die diesjährige Forbes-Liste der bestbezahlten Menschen im Sport zeigt, dass diese Ausnahmeerscheinungen sind: Weil Serena Williams vergangenes Jahr schwanger gewesen war, befand sich diesmal unter den Top 100 keine einzige Frau.

Basketball: Frauen verdienen 1,6 % von dem, was Männer in diesem Sport verdienen
Fußball: Frauen verdienen 14,4 % von dem, was Männer in diesem Sport verdienen
Golf: Frauen verdienen 16,6 % von dem, was Männer in diesem Sport verdienen

Quelle: Entity Magazine

Um die Leistung der Frauen zu würdigen, um für Gerechtigkeit zu kämpfen, sollten auch wir Zuschauerinnen und Zuschauer, Sportfans jeden Geschlechtes und jeden Interesses, etwas tun: einschalten nämlich. Zuschauen, hinschauen, hingehen. Sportlerinnen und Sportler wertschätzen, nicht nur mit Geld und Pokalen, sondern auch mit neuem Respekt. Es kann nicht sein, dass ein kompletter Wirtschaftssektor der Hälfte der Menschheit qua Geschlecht nur eingeschränkt zur Verfügung steht.

Es geht nicht nur um Geld, sondern auch um Anerkennung. Um die Möglichkeit für Sportlerinnen, ihren Sport wie die männlichen Kollegen als Vollzeitjob auszuüben, und nicht nur als kraftzehrendes, zeitraubendes Hobby. Nach acht Stunden im Büro nicht noch vier Stunden lang für Wettkämpfe trainieren und dankbar zu sein, wenn sie dafür die Fahrtkosten erstattet bekommen und ab und zu ein Trikot obendrauf gelegt wird.

Warum kämpfen nicht auch Männer gegen diese Ungerechtigkeit? Oft genug ruhen sie sich darauf aus, dass sie mehr Zuschauer und damit bessere Quoten und höhere Eintrittspreise generieren. Und wenn es doch einmal gerecht zugeht, gehen sie auf die Barrikaden und beklagen ihrerseits Ungerechtigkeit: wie Rafael Nadal, der im Juni mit seinem elften Sieg der French Open die Preisgeldgrenze von 100 Millionen US-Dollar knackte und sich danach bitterlich beschwerte. Dass bei den vier Grand-Slam-Turnieren, den am höchsten dotierten Tennis-Wettkämpfen, Frauen und Männer seit 2007 die gleichen Preisgelder erhalten, findet er höchst unfair. Und auch Kollege Novak Djokovic jammerte schon vor zwei Jahren: Die Männer seien es schließlich, die mehr Zuschauer anzögen und mehr Tickets verkauften. Sie müssten ergo mehr verdienen.

Dass es auch Männer gibt, die Besseres zu tun haben, als ihren Kolleginnen zwischen die Beine zu grätschen, zeigen Vorstöße wie vom norwegischen Fußballverband: Die weibliche Nationalmannschaft verdiente bislang die Hälfte des Gehalts der männlichen. Seit vergangenem Jahr erhalten die Spielerinnen denselben Lohn. Nicht zuletzt dank der Solidarität der Männer, die künftig einen Teil ihrer Werbeeinnahmen an die Kolleginnen abtreten.

Frauen sind nicht in der Lage, dasselbe im Sport zu leisten wie Männer? Auch das stimmt nicht pauschal. Die Tour de France gilt als das härteste Radrennen der Welt. Für Frauen ist dort leider kein Platz. Vor vier Jahren rief Radsportlerin Claire Floret daher ihre eigene Tour ins Leben, auf der sie und ihre Mitstreiterinnen einen Tag vor den Tour-de-France-Teilnehmern sämtliche Etappen abradeln. Als Sportlerinnen und als Aktivistinnen. Vielleicht wird es irgendwann eine »Tour de Floret« geben. Schließlich war bis 1970 war auch Frauenfußball noch durch den DFB verboten – um die weibliche Anmut sowie Anstand und Schicklichkeit zu schützen.

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