Ich will nicht »die deutsche Adele« sein

Steht eine Frau in der Öffentlichkeit, geht es sehr bald auch um ihr Äußeres - etwa um ihre Körperform. Unsere Autorin hat es selbst erlebt. Können bitte auch Künstlerinnen nach ihrer Leistung beurteilt werden?

Giulia Becker in ihrem Video »Verdammte Schei*e« Im Neo Magazin Royale

Foto: Alexander Pauckner, ZDFneo

Wir schreiben das Jahr 2018 und schaffen es immer noch nicht, Frauen sachlich für das zu kritisieren, was sie tun. Wie sie aber dabei aussehen, während sie es tun, an wen sie uns erinnern, wenn sie die Haare so und so tragen, wenn sie ein grünes Kleid tragen, wenn sie besonders klein sind oder groß, dick oder dünn, dann ist das so brisant, dass es zwingend in die Feuilletonspalten gehört.

Ich kenne mich aus, denn ich bin »die deutsche Adele«, »die deutsche Beth Ditto« und »die deutsche Netta«. In einer Person! Echt stark. Diese Vergleiche sind natürlich ganz lieb gemeinte Komplimente. Immerhin handelt es sich hier um drei Frauen, die sehr erfolgreich Musik machen und ab und zu im Fernsehen zu sehen sind. Zufälligerweise sind aber auch alle drei übergewichtig, die eine mehr, die andere weniger.

Ich habe im Jahr 2016 ein Lied veröffentlicht, den »Scheidensong« beim »Neo Magazin Royale«. Das war es auch schon. Ich muss jedes Mal lachen, wenn mich jemand mit einer dieser Sängerinnen vergleicht, die Grammys, Oscars oder den ESC gewonnen haben, während ich immer noch Bleistifte bei IKEA klaue. Die Töne treffe ich vielleicht, aber meine Stimme ähnelt in keinster Weise denen der drei Damen. Ich wüsste beim besten Willen nicht, wie man uns in Verbindung bringen könnte, wenn man unseren Body Mass Index außer Acht ließe.

Die mehrheitliche Wahrnehmung meiner Performance muss damals ungefähr so ausgesehen haben: Schau mal, da steht eine dicke Frau im goldenen Paillettenkleid und singt ein Lied. Unglaublich. Die traut sich was. Sie singt irgendwas von ihrer Scheide, dass sie als Frau härtere Kämpfe zu kämpfen hat als Männer im gleichen Business, aber HEY, HABT IHR DIESES KLEID GESEHEN? Krass, das ist die deutsche Adele. Gänsehaut.

Statt ausschließlich über den Inhalt meines Liedes zu sprechen, den Gesang vielleicht, das Arrangement, den Text oder die Produktion, ging es also mal wieder um mein Äußeres. So ist es immer: Wird die Arbeit einer Frau besprochen, fliegen wilde Vergleiche durch den Raum, die ihr Aussehen betreffen. Und bei mir ist es eben das Dicksein, das für die Vergleiche herhalten muss.

Es gibt ja ohnehin nur eine Handvoll dicke Frauen, die man kennt, früher war das noch ganz verboten, aber jetzt sieht man hier und da mal eine, im Hintergrund bei den »Trovatos« oder Schnittchen schmierend bei »Bauer sucht Frau«. Dicke Frauen bilden genreübergreifend eine Riege für sich, sie mit dünnen Frauen oder gar Männern aus ihrem Arbeitsgebiet zu vergleichen, das würde einfach keinen Sinn ergeben.

In den Köpfen vieler Menschen sind dicke Frauen ein eigenes Volk, eine große Masse Mensch. Wir kennen uns untereinander alle und nicken uns auf der Straße zu wie Busfahrer.

Vor unserer eigentlichen Arbeit, unseren Texten und Songs und Filmen und Musikvideos steht unser dicker Körper wie ein gesichtstätowierter Türsteher, der zahlungswilligen Gästen „Du kommst hier nicht rein“ entgegenruft. Am Ende des Tages ist unser Tun fast vollends verpufft, die wenigen, die sich an dem außergewöhnlichen Riesen vorbei getraut haben, fanden es großartig. Aber er verhindert, dass es ein einziges Mal um das geht, für das wir gerne beurteilt werden würden: unsere Leistung.

Artikel teilen: