Lasst sie doch feiern

Je voller die Wiesn, desto größer der Hass vieler Münchner. Aber wieso definieren sich Menschen so gerne darüber, dass sie etwas ablehnen?

Ein Prosit aus dem Jahr 2017

Foto: Getty

Das Oktoberfest kann sehr schön sein. In guten Momenten riecht es nach gebrannten Mandeln. In guten Momenten klingt es nach »Angels« von Robbie Williams, gesungen mit einer Wunderkerze in der Hand. In guten Momenten verbindet es Menschen: den angetrunkenen Australier und den Trachtler aus Oberbayern, der seinem Bierbanknachbar das Flieger-Lied beibringen möchte.

Das Oktoberfest kann fürchterlich sein. In schlechten Momenten stinkt es nach Erbrochenem und Urin. In schlechten Momenten klingt es nach besoffenen Typen, die einer Frau hinterhergrölen. In schlechten Momenten bringt es die hässlichste Seite in den Menschen hervor: die laute, aggressive.

Weil das Oktoberfest beide Seiten hat, spaltet es die Münchner. Die einen warten sehnsüchtig auf den Anstich, die anderen verabscheuen es. Ich kann beide Haltungen verstehen. Nur eine Sache nicht: Warum man den anderen nicht einfach die Freude daran lassen kann.

Es zwingt sie ja niemand, hinzugehen. Hinzu kommt: Wer als Münchner nicht in der Nähe der Theresienwiese wohnt, spürt in seinem Alltags-Bermudadreieck aus Büro, Supermarkt und Wohnzimmercouch nicht allzu viele Auswirkungen.

Viele Oktoberfestgegner tragen ihre Haltung aber mit einer Inbrunst vor sich her. Sie erklären, dass sie am liebsten in dieser Zeit Urlaub nehmen und aus München wegfahren würden. Wie absurd es sei, dass manche kein Problem damit haben, für einen Abend für Fahrgeschäfte und Bier einen Betrag auszugeben, der schnell ins Dreistellige geht. Und dass die Wiesn komische Touristen in die Stadt schwemme, die dann die U-Bahn verstopfen.

Die Oktoberfest-Fans sind deutlich leiser. Sie gehen einfach hin. Sie schimpfen auch nicht beim Mittagessen in der Kantine – sondern fragen höchstens, ob man auf ein Bier mitkommen möchte.
Damit folgt die Haltung zu dem Oktoberfest einem Muster, das im Alltag immer wieder spürbar ist: Zustimmung ist still, Ablehnung ist laut. Menschen definieren sich immer stärker darüber, was sie nicht mögen. In der Soziologie wird dieses Phänomen als »Othering« bezeichnet – man bestimmt sein eigenes Bild, indem man sich von Menschen mit anderen Haltungen abgrenzt.

Auf den ersten Blick passt es gut zu dem Streben nach Individualität. Nur vergessen manche, dass sie in dem Versuch ihrer Abgrenzung jede vermeintliche Individualität wieder verlieren. Einer regt sich über Poplieder auf, der nächste über Burgerlokale, englische Speisekarten oder darüber, dass jetzt wieder abgeschnittene T-Shirts in sind. Alle hassen etwas. Aber das zeichnet einen nicht aus. Oder wie eine Twitter-Nutzerin vor kurzem zusammenfasste: »Warum es dich nicht interessanter macht, dass du beliebte Dinge blöd findest.«

Eine Sache ist ja, wenn man seine Abscheu wenigstens ernst meint. Es gibt aber auch Fälle, in denen der Hass nur eine Pose ist, eine Haltung, die derjenige nach außen hin einnehmen möchte, weil er sie interessanter findet. Wie Menschen, die behaupten, alle Lieder im Radio zu hassen, und dann überraschend gut gelaunt sind, wenn ein Lied von Taylor Swift läuft. Oder wie Menschen mit Wiesn- und Trachten-Abscheu, die in der Kantine noch erzählen, dass sie in diesem Jahr wirklich nur einmal hingehen mit dem Büro, aber halt auch nur aus Gruppenzwang, natürlich in Jeans, und die dann etwas später am Abend mit dem breitesten Lächeln auf der Bierbank stehen und »Westerland« singen.

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