Schau nicht so

Wenn der Chef in der Besprechung keine Miene verzieht, kann das an Ihnen liegen. Oder er will sich nicht in die Karten schauen lassen – und hat nachgeholfen.

So mancher Manager verzieht neuerdings am Verhandlungstisch kaum noch eine Miene, auch dann nicht, wenn er gestresst, unsicher oder müde ist. Die Stirn wurde entkraust, das Zucken am Mund entfernt, sämtliche Spuren im Gesicht, die Unsicherheit oder Zweifel zeigen, sind weg. Einzelne Muskelbewegungen? Betäubt und abgestellt – mit Botox.

Die Behandlung nennt sich – ganz offiziell – Pokerface, angeboten wird sie am Hamburger Hanseaticum, einer Klinik für plastische Chirurgie. Erfunden hat es, wenn man so will, die Zielgruppe selbst. Vor vier Jahren kam ein Topmanager in die Praxis von Tina Peters. Groß gewachsen, hübsches Gesicht, markante Züge, schöne Lippen. Was will der denn hier?, dachte die Chirurgin. Der Mann, durchtrainiert, Mitte 40, setzte sich und sagte, er habe ein Problem: Er könne nicht verstecken, was ihm durch den Kopf gehe. Er arbeite in der Automobilbranche, müsse Verhandlungen führen, Entscheidungen von großer Tragweite treffen. Und da könne eine kleine Unsicherheit, ein Mini-Zögern schon mal das Geschäft verderben. Er habe versucht, seine Mimik mit der Kraft seiner Gedanken zu steuern, sogar mit einem Mentaltrainer. Ohne Erfolg. Ob Peters nicht was machen könne, um das Gesicht etwas unbeweglicher werden zu lassen, irgendwie kontrollierbar; er wolle sich nicht mehr in die Karten schauen lassen. Er wünsche sich ein Pokerface.

Peters sah dem schönen Mann eine Stunde lang beim Reden zu. Zuckt der Mundwinkel? Kraust die Stirn? Kneift das Auge? Danach spritzte sie ihm ein bisschen Botox hier und da. Dauerte 15 Minuten, hielt vier Monate, sprach sich herum. 30 Männer und drei Frauen kamen seither mit dem Wunsch: Einmal Pokerface, bitte. Noch ist die Zahl zwar recht überschaubar. Aber die Lidstraffung ist laut einer Umfrage bei Männern schon heute die häufigste Art der Schönheitskorrektur. Sie lassen ihre müden Augen doppelt so oft behandeln wie Frauen.

Und Peters Klienten? Die lassen sich mit ein bisschen Nervengift das Zucken der Wange wegspritzen (ist der nervös?), die runterhängenden Mundwinkel (arbeitet der zu viel?) die Tränensäcke (schläft der zu wenig?) oder die Zornesfalte zwischen den Augen (der hat doch nicht etwa Zweifel oder noch schlimmer: Angst?). Es kommen Familienunternehmer, Geschäftsführer und Manager, tätig in der Schifffahrt, der Lebensmittelbranche, der Kleidungsindustrie und dem Theater.

Ein bisschen peinlich ist den Herren das mit der Botox-Behandlung übrigens schon. Nur selten nehmen sie den Haupteingang in die Praxis. Sie fahren lieber in die Tiefgarage. Und nehmen dann den Aufzug. Nicht, dass sie jemand erkennt und ihnen womöglich das Gesicht entgleitet.

Foto: Fritz / photocase.de

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