»Sie wollen Ihn zu einer Marionette degradieren«

Ihr Mann sitzt im Arbeitslager in Sibirien, weil er reich und mächtig und Putin gefährlich wurde. Sie selbst würde das nie so sagen, denn sie fühlt sich noch als Patriotin. Ein persönliches Gespräch mit Inna Chodorkowskaja.

SZ-Magazin: Frau Chodorkowskaja, wann haben Sie Ihren Mann zuletzt gesehen? Inna Chodorkowskaja: Das war am 25. Oktober 2005. Ich hatte die erste Besuchsgenehmigung für das Gefängnis von Krasnokamensk. Ich weiß nicht, warum sich das so gefügt hat, aber das war genau zwei Jahre nach seiner Verhaftung am 25. Oktober 2003.

Krasnokamensk liegt im Osten Sibiriens, an der chinesischen Grenze. Welchen Eindruck hat es auf Sie gemacht?
Es sieht aus wie eine Plattenbausiedlung in Moskau. Das kam mit vertraut vor. Ich habe Jahrzehnte in so einer Schlafstadt gewohnt.

Sie durften mit Ihrem Mann drei Tage verbringen. War es nicht eigenartig, mit ihm im Gefängnis zusammen zu sein? Natürlich war es das, sehr eigenartig sogar. Jeder Schritt war merkwürdig und ungewohnt. Streng genommen war das aber nicht im Gefängnis, sondern auf einer Art neutralem Territorium. Ich war nicht im Gefängnis und er nicht in Freiheit. Das war die Linie, die uns trennte – dieses Gefühl, dass du nirgendwo bist. Nicht hier, nicht dort. Wie hat dieser Ort ausgesehen? Wie ein Wohnheim. Ich war nie in einem Studentenwohnheim, aber so stelle ich es mir vor: ein langer Gang, rechts und links neun Zimmer, und Küche und Bad gemeinsam. Alles sah genau so aus wie zu sowjetischer Zeit. Nichts hat sich verändert.

Haben Sie an Ihrem Mann neue Seiten entdeckt?
Es ist unglaublich, wie er sich unter diesen Bedingungen hält. Aber diese Stärke hatte er wohl immer. Er ist ein sehr stabiler Mensch mit festgefügten Positionen. Deshalb ist auch er selbst nicht umzustoßen. Im zivilen Leben war es ja nicht anders. An ihm kamst du nicht vorbei. Nun geschieht dort im Gefängnis das Gleiche. Als seine Frau wusste ich immer, dass er ein starker Mensch ist. Er ist keiner, der zweifelt, fragt, um Rat bittet.

So war er schon, als Sie ihn Mitte der achtziger Jahre kennen lernten?
Wir arbeiteten im gleichen Unternehmen. Er ist schon damals an alles sehr ernsthaft herangegangen, nie oberflächlich. Und er hat immer geführt. Er war ein Führer.

Er ist Ihnen also gleich aufgefallen? Das ging schrittweise. Es war nicht so, dass ich gesagt hätte: Das ist nun der Mann meines Lebens. Uns hat damals die Arbeit im Kommunistischen Jugendverband Komsomol verbunden. Über die Arbeit kamen wir uns näher. Mischa war immer sehr direkt, hat mit seinen Absichten nicht hinterm Berg gehalten. Ich wusste also schnell, woran ich war.

Was wissen Sie heute über das Leben, den Alltag Ihres Mannes?
Nicht mehr, als alle wissen. Ich weiß, dass er arbeiten muss, dass er aber auch an die frische Luft kommt. Es ist kalt dort, aber sonnig.

Ihr Mann muss als Näher arbeiten. Soll er erniedrigt werden? Er soll abstumpfen. Es ist eine mechanische Arbeit, wie am Fließband. Dabei ist er gewohnt, mit dem Kopf zu arbeiten. Aber sie werden keinen Erfolg haben. Mischa ist ein starker Mensch und versteht, was sie mit ihm machen und was sie erreichen wollen. Sie wollen ihn zu einer Marionette degradieren. Das versteht er und das ist gut so.

Worunter leidet Ihr Mann in der Haft am meisten? Am Mangel an Informationen. Ab Januar wurde ihm gestattet, die Moskauer Zeitungen und Magazine zu abonnieren, doch sie sind bisher nur ein einziges Mal angekommen. Das ist schlimm für ihn.

Ihr Mann hat Sie die Frau eines Dekabristen genannt. Das waren jene Frauen, die im 19. Jahrhundert ihren vom Zaren verbannten Männern nach Sibirien gefolgt sind. Wollten Sie wirklich diese Rolle spielen? Nein, das wollte ich nicht. Ich wollte die Frau meines Mannes sein. Das ist alles. Aber die Lage lässt mir keine Wahl. Ich bin mit dieser Lage allein. Wer will, kann mir ein Etikett aufkleben, aber darauf kommt es nicht an.

Können Sie diese Lage beschreiben?
Unser Alltag dreht sich um Gefängnisangelegenheiten. Es ist ein Leben im Wartestand. Du kannst die Gedanken daran nicht abschalten. Sie sind den ganzen Tag da.

Kann man das ein vollwertiges Leben nennen? Wohl kaum.

Was kommt Ihnen heute wirklicher vor – dieses Leben als Ehefrau eines Häftlings oder das Leben als Frau des reichsten Mannes Russlands? Beide sind real. Dieses Leben und das andere. Ich nehme dieses Leben an. Das heißt aber nicht, dass ich mich damit abfinde. Das heißt nicht, dass ich den Kampf aufgebe.

Aber der Unterschied zu Ihrem alten Leben in Russlands Highsociety ist doch enorm? Ja, ich bin mit Mischa auf Empfänge gegangen. Das tue ich heute nicht. Ich glaube nicht, dass ich ihn vertreten kann. Er sollte selbst anwesend sein, also gehe ich nicht hin. Im Übrigen habe ich nie ein Leben mit viel Rummel geführt. Ich habe mich um die Familie gekümmert, das war’s. Erst kam die Tochter, dann kamen die Zwillinge. Die hätte ich doch nicht irgendwo abladen können.

Das Magazin Forbes schätzte das Vermögen Ihres Mannes auf 15 Milliarden US-Dollar. Hat Ihnen das viele Geld nicht manchmal Angst gemacht?
Ich habe diese Schwindel erregende Zahl nie auf mich bezogen. Die Summe betraf ja den Wert des von ihm gegründeten Unternehmens. Das war seine Arbeit, seine Sache, sein Verdienst. In meiner Familie gab es übrigens nie einen Kult ums Geld. Meine Mutter arbeitete als Chefbuchhalterin, um mich und meine Schwester zu ernähren. Viele Jahre lebten wir in einer Kommunalka, einer Gemeinschaftswohnung mit mehreren Familien, und dann im Plattenbau in einer Schlafstadt.

Aber Ihren Mann hat das Geld verändert?
Vielleicht gab es da irgendein zweites Leben, von dem ich nichts weiß. Nein, im Ernst: Ich kenne ihn. So wie er war, ist er geblieben. Müder und beschäftigter vielleicht. Seine Arbeitstage wurden länger. Aber an seiner Sicht auf die Welt hat sich nichts geändert.

Haben Sie denn mit ihm abends zum Beispiel über Politik gesprochen?
An solche Debatten erinnere ich mich wirklich nicht. Nein, über Politik haben wir nicht gesprochen.

Aber Sie haben doch mitbekommen, dass seine Konflikte mit dem Staat zunahmen. Wie haben Sie reagiert?
Mit Sorge. Wie andere ja auch. Aber er hat eben so entschieden.

Sie sind seine Frau. War er Ihnen keine Erklärung schuldig?
Er hat gesagt, alles wird gut. Das hat sich nicht wirklich bewahrheitet. Fehler passieren.

Im ganzen Land wurde damals darüber gesprochen, Michail Chodorkowskij könnte ins Gefängnis kommen. Bei Ihnen zu Hause nicht?
Wir sprachen über verschiedene Möglichkeiten. Das Thema gab es schon. Aber es war nie ein Hauptthema. Er wusste ja selbst nicht wirklich, was geschehen würde.

Was ging dann in Ihnen vor, als das Telefon klingelte und man Sie über die Festnahme Ihres Mannes auf einem Flughafen in Nowosibirsk informierte? Mir ging es wie einem Menschen, der gerade einen Unfall hatte. Er versteht noch nicht, was geschehen ist, welche Verletzung er erlitten hat. Bei mir ging es um innere Verletzungen.

Wie lange brauchten Sie, um diesen Unfall zu verkraften?
Ein Jahr. Aber alles hat ein Ende. Letztlich entschied ich, dass es reicht. Es war nötig, aufzustehen und sich an dieses Leben zu gewöhnen. Aber klar ist, dass ich darauf völlig unvorbereitet war.

Wohl auch nicht auf die Gerichtsverhandlung. Ihr Mann saß im Käfig, Sie waren im Publikum. Was empfanden Sie? Für mich war es schwer, das alles anzusehen.

Wie viel kann ein Mensch ertragen? Einmal dachte ich, ich stehe jetzt auf und gehe auf den Staatsanwalt los. Es gab so einen Moment, aber natürlich habe ich mich im Zaum gehalten.

Glauben Sie, dass Sie sich durch die Erlebnisse im Gericht verändert haben?
Ich glaube es nicht, ich weiß es. Früher habe ich andere Dinge für wichtig gehalten. Heute sind mir Beziehungen zu Menschen wichtig. Die schätze ich sehr hoch.

Was war Ihnen früher wichtig?
Schwer zu sagen, ich hatte früher keine klaren Maßstäbe, heute habe ich sie. Früher war alles irgendwie verwaschen, heute liegen die Dinge klar. Die Prioritäten haben sich herausgeschält. Ich spüre nun die Last meiner Erfahrungen. Das drückt mich auf den Boden der Tatsachen.

Und was denken Sie heute, wenn Sie den Namen Wladimir Putin hören?
Überhaupt nichts. Ich beschäftige mich nicht mit Politik. Verstehen Sie, von mir hängt nichts ab. Wenn das anders wäre, würde ich mich wohl einmischen. Meine Aufgabe ist es, diese Situation selbst zu überstehen und unseren Kindern dabei zu helfen.

Aber Ihre Lage ist doch mit der Lage des Landes verbunden? Natürlich, daran besteht gar kein Zweifel.

Reden wir nicht vom Volk, sondern von Ihrer Umgebung. Sind Ihnen die alten Freunde treu geblieben? Nein, nicht ein einziger.

Waren das alles Leute ohne Charakter?
Nein, das waren einfach alles Leute, mit denen Mischa gearbeitet hat. Es waren seine Freunde. Das ist die ganze Geschichte.

Machen Sie Ihrem Mann keine Vorwürfe? Schließlich hätte er mit der ganzen Familie rechtzeitig das Land verlassen können. Nein, welche Vorwürfe könnte ich ihm machen? Mischa hat uns ja nie gezwungen, bei ihm zu bleiben. Umgekehrt hat er mich auch nie gezwungen wegzufahren. Er sagte: Es wäre schön, wenn du auf mich hörst, aber die Entscheidung liegt nur bei dir. Und ich habe diese Entscheidung selbst getroffen. Ich wollte das Land nicht verlassen.

Ihr Mann bezeichnet sich als Patrioten. Sind Sie auch eine Patriotin?
Ich glaube schon. Durch diese ganze Sache ist mein Patriotismus nur noch hartnäckiger und gründlicher geworden. Für mich ist Patriotismus nicht blinde Liebe zum Vaterland. Unter einem Patrioten verstehe ich jemanden, der das gemeinsame Haus zu einem besseren Ort für das Leben macht.

Wie erklären Sie Ihren Kindern, wo ihr Vater ist? Ich habe es ihnen gesagt. Sie wussten es von Anfang an. Es ist sinnlos, etwas zu verheimlichen, wenn darüber jeden Tag im Radio und Fernsehen gesprochen wird. Aber der Grund dafür, dass ihr Vater im Gefängnis sitzt, ist für die Zwillinge schwer zu begreifen. Sie sind erst sechs. In ihrem Alter ist es schwer zu verstehen, dass es Ungerechtigkeit nicht nur in der Familie gibt, sondern auch im Maßstab eines ganzen großen Landes. Wie ich ihnen das erklären soll, das weiß ich nicht.

Mit Ihrer 14-jährigen Tochter haben Sie dieses Problem nicht?
Ihr ist alles ganz klar. Sie weiß, dass es Ungerechtigkeit gibt. Sie hat eine Vorstellung von Russland, dem Land der Gegensätze. Sie sieht, hört und liest.

Wenn Ihr Mann in vielleicht mehr als fünf Jahren aus dem Gefängnis kommt, wird er ein anderer Mensch sein. Haben Sie Angst davor?
Früher hatte ich davor Angst. Heute nicht mehr. Zerbricht er, zerbricht er nicht, verändert er sich, was denkt er? Darüber dachte ich nach. Heute beschäftigt mich das nicht mehr. Ich will nicht sagen, dass er sich nicht verändert, denn das hat er sich bereits sehr. Aber ich werde ihn immer so nehmen, wie er ist.

Aber Pläne für die Zeit nach dem Gefängnis haben Sie? Nein, nein, nein. Ich lebe im Hier und Heute. Die Zukunft will ich mir nicht ausmalen. Ich weiß noch nicht einmal, wann er wirklich herauskommt. Es hat keinen Sinn, Pläne zu schmieden. Ich weiß nur: Mischa wird nicht ewig sitzen.

Als INNA CHODORKOWSKAJA ihren späteren Mann MICHAIL kennen lernte, arbeiteten beide beim Jugendverband der Kommunistischen Partei der Sowjetunion. Sie wurde seine zweite Frau. Im Russland Boris Jelzins erlebte Inna Chodorkowskaja, wie ihr Mann zum Chef des Yukos-Konzerns aufstieg. Zielstrebig und zum Teil auch brutal schuf er ein Öl-Imperium. Im Russland Wladimir Putins sah sie, wie der Konzernchef zum Politiker wurde, zum Finanzier von demokratischen Parteien und Stiftungen – und zum Herausforderer des Präsidenten. Michail Chodorkowskijs beispielloser Aufstieg zum reichsten Mann Russlands endete am 25. Oktober 2003: Ein Kommando nahm ihn auf dem Flughafen von Nowosibirsk fest. Wegen Steuerhinterziehung und Betrugs wurde Chodorkowskij der Prozess gemacht. Das Urteil in dem offenkundig politisch motivierten Verfahren lautete acht Jahre Lagerhaft. Der 42-Jährige verbüßt sie im Osten Sibiriens, in Krasnokamensk an der chinesischen Grenze. Inna Chodorkowskaja, 36, ist mit ihrer Tochter Nastja, 14, und den Zwillingen Gleb und Ilja, 6, in der Moskauer Villa zurückgeblieben. Sie meidet die Öffentlichkeit und sieht sich doch als Kämpferin an der Seite ihres Mannes.

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