Willkommen in Facebookistan

Wie sähe es aus, wenn Facebook einen eigenen Staat gründete? Und würde dieses neue Gebilde noch etwas anderes exportieren als Lügen, Fälschungen und Niedertracht?

Illustration: Dirk Schmidt

Anfang kommenden Jahres will Facebook eine eigene Währung einführen, den Libra. In manchen Lexika kann man nachlesen, eine Währung sei die Verfassung und Ordnung des Geldwesens in einem Staat. Es wird also nicht mehr lange dauern, bis Facebook auch einen eigenen Staat gründet, wir wollen ihn hier fürs Erste Facebookistan nennen, eines der fünf künftig die Welt beherrschenden Reiche neben Amazonien, der Googlischen Föderation, den Apple-Inseln und China.

Facebookistan wird neben den schon be­stehenden Staaten der Welt insofern etwas Besonderes sein, als es – und das tun nur wenige Länder – keinerlei Steuern von seinen Bürgern erheben muss, weil es sich einzig und allein durch die Steuerersparnis von Facebook in Europa finanziert.

Die Einwohner Facebookistans werden Freunde genannt. Ihre hauptsächliche Beschäftigung ist das Folgen. Normalerweise ist ein Freund täglich etwa 18 Stunden mit Folgen beschäftigt, besonders Folgsame schaffen auch mehr. Deshalb spricht man in Facebookistan auch nicht vom Staatsvolk, sondern vom Staatsgefolge.

Die Freunde kommunizieren untereinander ausschließlich per Facebook, WhatsApp und Instagram, das heißt, sie meiden jedes persönliche Gespräch und verständigen sich stattdessen nur in kurzen, oft ruppigen Sätzen, an deren Ende, so wird es in den Schulen gelehrt, nach Möglichkeit immer eine Beschimpfung, besser noch eine Verwünschung stehen sollte. Tiefster positiver emotionaler Ausdruck sind das Katzenbild, das Lächel-Emoji sowie die fotografische Aufnahme von Mahlzeiten und insbesondere Aperol Spritz im Gegenlicht. Weitergehende Empfindungen sind den Behörden zu melden.

Die Freunde leben nach drei wesentlichen Grundsätzen.

1. Freiheit ist Hass.
2. Hass ist Geld.
3. Geld ist Freiheit.

Die Erzeugung von Hass ist somit eine der wesentlichen wirtschaftlichen Grundlagen des Landes. Wie in anderen Ländern Getreide, Oliven oder Obst angebaut werden, so sät und erntet man in Facebookistan Zwietracht, Feindseligkeit und Gemeinheit. Niedertracht, Perfidie und Infamie gehören ebenso zu den bevorzugten Ausfuhrartikeln wie Lügen, Fälschungen und Verdrehungen. Der erste Satz der facebookistanischen Verfassung lautet deshalb auch: Du sollst nicht löschen, denn am Gelöschten ist nichts zu verdienen.

Der Rest der Verfassung ist unbekannt. Unbestätigten Angaben zufolge befindet sich der Text unter einer Matratze im Schlaf­zimmer Mark Zuckerbergs. Noch weniger bestätigten Behauptungen nach existiert er gar nicht. Auch über den Staatsaufbau weiß man so gut wie nichts. In einer Studie von Politikwissenschaftlern der Harvard University heißt es, Nordkorea sei ein offenes Buch, verglichen mit Facebookistan.

Im Moment ist das Land noch auf der Suche nach einem geeigneten Staatsgebiet. Wie man hört, soll zum Beispiel Großbritannien praktisch geschenkt zu haben sein. Als Bestätigung wird gewertet, dass Boris Johnson gesagt hat, »niemals« werde das geschehen. Auch Italien wird zum Schnäppchenpreis angeboten, zumal der dortige Machthaber Salvini ein Facebook-Großkunde ist. Im Gespräch sind ebenfalls gewisse Teile Russlands, weil dort ohnehin schon die bewaffneten Kräfte Facebookistans stationiert sind, die sogenannte Troll-Armee.

Einige besonders entlegene Gebiete Sibiriens gelten als Orte der Wahl für die Ansiedlung aller Lösch-Beauftragten Facebookistans, die das Hässliche und Gemeine aus den Medien des Internets streichen sollen. Dem Einwand, dort gebe es doch in weiten Landstrichen gar kein WLAN, wurde von Mark Zuckerberg, wie es heißt, mit den Worten »That’s why« und einem kurzen Wedeln der neuen Landes­flagge begegnet.

Die Fahne zeigt den gereckten Daumen, weiß auf blauem Grund.