Noch ganz sauber

Statt zu duschen, sprüht sich ein Amerikaner seit zwölf Jahren jeden Morgen mit Bakterien ein. Axel Hacke ist begeistert und würde sein Badezimmer am liebsten durch einen »Dirtroom« ersetzen.

Menschen, die in ihrem Leben die eine oder andere gute Idee hatten, werden von anderen Menschen bisweilen gefragt, wann und wo sie die besten Ideen hätten. Die Antwort lautet dann oft: morgens unter der Dusche.

Bei David Whitlock muss die Antwort schon deshalb anders lauten, weil er seit zwölf Jahren nicht geduscht hat. Dass er trotzdem nicht von der menschlichen Gemeinschaft ausgestoßen wurde, verdankt er einer Idee, die er hatte, als eine Bekannte ihn gesprächsweise fragte, warum ihr Pferd sich immer wieder im Staub wälze.

David Whitlock hatte keine Ahnung.

Meistgelesen diese Woche:

Aber da er Chemiker ist, untersuchte er den Dreck im Bostoner Pferdestall seiner Bekannten und entdeckte darin das Bakterium Nitrosomonas eutropha in großer Zahl. Dieses Bakterium ernährt sich von Ammoniak. Ammoniak befindet sich im Schweiß, und so entwickelte Whitlock die Theorie, dass Pferde sich zur Körperpflege im Staub wälzten: Nitrosomonas eutropha essen Schweiß auf.

Diese Theorie unterzog unser Mann dem Praxistest – und zwar eben an sich selbst. Er duschte nicht mehr, besprühte sich aber Tag für Tag mit einem stark bakterienhaltigen Sud. Bereits im vergangenen Jahr wurde er von einer Reporterin des New York Times Magazine einer sowohl visuellen als auch olfaktorischen Prüfung unterzogen. Ergebnis: Der Mann sei offenkundig sauber. Ja, die Autorin verzichtete selbst sogar vier Wochen lang auf die Morgendusche zugunsten des Bakteriensprays. Jemand stellte an ihr einen leichten, aber nicht unangenehmen Zwiebelgeruch fest, ein anderer einen angenehmen Hauch von Hasch. Die Haut wurde besser, sanfter, weicher, sie war nicht mehr trocken und schuppig. Die Poren schrumpften. Kein Fußgeruch.

Das alles ist insofern interessant, als der aufmerksame Zeitungsleser einerseits gelernt hat, dass der Mensch von Bakterien in einer Menge besiedelt ist, dass man es schier gar nicht fassen kann. (Allein hinter dem linken Ohr von Versuchspersonen hat man 2363 Arten bakterieller Gene gefunden, in jedem Gramm unseres Stuhlgangs leben mehr Bakterien als Menschen auf der Erde.)

Andererseits weiß man oft sehr wenig über die genaue Funktion dieser kleinen Freunde. Jeder von uns lebt also als Mikrobenplanet, wir sind umgeben von einer Bakterienwolke, so individuell und persönlich wie ein Fingerabdruck. Beständig werden wir umschwirrt, durchwandert und bekrabbelt von winzigen Lebewesen. Kaum denkt man daran, beginnt es zu jucken und zu pieken, spüren Sie’s denn nicht?

Und diese lieben kleinen Gesellen, ohne die menschliches Leben unmöglich wäre, die wie ein weiteres, bisher aber kaum bekanntes menschliches Organ wirken, duschen wir, zum Beispiel, Morgen für Morgen weg? Jeder weiß doch, dass Kinder, die auf Bauernhöfen aufwachsen, weniger Allergien haben! Was aber ist die Alternative zum Hygienewahn unserer Zeit? Wie werden wir leben? Sollen wir in unseren Wohnungen, statt eines Bades, eine Suhlkammer einrichten, einen Dirtroom, in dem wir, statt einer Wäsche uns im Inhalt der Biotonne wälzen oder doch wenigstens mit einem ordentlichen Kübel linksdrehender Bazillen übergießen?

Eltern etwa zwölf- bis vierzehnjähriger Kinder haben eine ziemlich genaue Vorstellung vom Geruch in einem solchen Zimmer, und Frauen, deren Mann sich eine in Amerika sogenannte Man Cave eingerichtet hat (also eine Männerhöhle, einen der weiblichen Dekorations- und Hygienehoheit entzogenen Raum, den man einst in gehobenen Häusern »Herrenzimmer« nannte), schwant ebenfalls sowohl dieses als auch jenes.

David Whitlock hat sein Spray aus Nitrosomonas eutropha auf Fläschchen ziehen lassen. In eleganten weißen Gefäßen wird es unter dem Namen Mother Dirt vertrieben, erstaunlich: dass auch der Dreck, wenn er verkauft werden soll, sauber verpackt wird: reiner Schmutz. Wir ahnen, was geschehen wird, wenn sich erst die Hygiene-Industrie dieses Projektes annehmen wird: Landlust Nr. 5 wird nur ein Anfang sein.

Illustration: Dirk Schmidt

Artikel teilen: