Es ist ja erschütternd, wie wenig man nach mehr als 15 Jahren von den neuen Bundesländern kennt, im Verhältnis dazu, wie viel dumme Scherze man über sie macht. Aber seit ich mich viel zu oft mit einer Frau aus Leipzig getroffen habe, ist die Neugier gewachsen und die Überheblichkeit geschrumpft. Diesmal fahren wir in die Oberlausitz, weil die so schön sein soll. In BAUTZEN geht es schon los: Der Name hört sich wie eine schlimme Magenkrankheit an, aber kaum ist man in der Innenstadt, kann man nachprüfen, wie sinnvoll der Solidarbeitrag angelegt wurde: Eine top-renovierte Altstadt mit kleinen Gassen und vielen Cafés. Im Restaurant L’AMBIENTE ist die Kombination aus altem Gebäude und neuer Inneneinrichtung besonders gut gelungen und das dreigängige Hummer-Menü für knapp 40 Euro ist ein Sensationsangebot. Wir übernachten im SCHUMANNS HOTEL in Kirschau, das nicht nur gute Küche anbietet, sondern auch ein tolles Spa. So toll, dass wir am nächsten Tag kaum mit unserem Besichtigungsprogramm durchkommen. Wir fahren nach GÖRLITZ, eine Stadt, die so voll gepackt ist mit historischen Bauten, dass Heidelberg die Altstadt-Touristen weglaufen, wenn sich das herumspricht. Neben dem KARSTADT WARENHAUS, dem einzigen erhaltenen Jugendstil-Kaufhaus in Deutschland, gibt es tausende weitere gut restaurierte Gebäude: Selbst das kleine ANTIQUARIAT im Zentrum befindet sich in einem Haus, in dem bereits August der Starke, Alexan-der I. von Russland und Napoleon gewohnt haben. Sofort könnte man hier einen historischen Film drehen, ohne Straßenzüge abhängen zu müssen. Der bekannteste Film, der in dieser Gegend entstanden ist, dürfte DREI HASELNÜSSE FÜR ASCHENBRÖDEL sein, den alle Frauen aus dem Osten lieben, weil sie sich auch im Sozialismus nach einem Prinzen gesehnt haben. Deswegen halten wir auf SCHLOSS MORITZBURG an, dem Drehort der meisten Szenen dieses Films. Das Restaurant im Schloss sollte man meiden, aber der Park ist wunderschön, vor allem jetzt, wenn alles blüht. Bei der Rückfahrt will meine Freundin noch an einer Tankstelle halten, um eine Tafel BAMBINA von ZETTI zu kaufen, die in der DDR mit weniger Schokolade hergestellt wurde als West-Schokolade, weil Rohstoffe knapp waren. Trotzdem hat Zetti damit so etwas Ähnliches wie Kinder-Schokolade hinbekommen. Seit 1998 wird die Bambina wieder mit Erfolg verkauft. Im ersten Moment schmeckt sie wie gepresstes Milchpulver, dann aber lecker. So habe ich an einem Wochenende ein paar Vorurteile beseitigt, meiner Freundin das Gefühl gegeben, sie sei eine Prinzessin, und, kein Scherz: nur blühende Landschaften gesehen. WOHNEN Schumanns Hotel, Bautzener Straße 20, Kirschau in der Oberlausitz, Tel. 03592/52 00, www.bei-schumanns.de, DZ ab 87 Euro, Suiten ab 126 Euro, Spa-Anwendungen z. B. »Magie« für zwei Personen 260 Euro; ESSEN L ’Ambiente, Innere Lauenstraße/ Hauptmarkt 1, Bautzen, Tel. 03591/442 63, www.l-ambiente.de; Bambina von Zetti, ab 1,25 Euro, zu beziehen z. B. unter www.ostprodukteladen.de; ANSCHAUEN Karstadt Warenhaus, An der Frauenkirche 5–7, Görlitz, Tel. 03581/46 00; Antiquariat, am Obermarkt, Görlitz; Drei Haselnüsse für Aschenbrödel, Tschechoslowakei 1973, digital überarbeitete Fassung auf DVD bei www.amazon.de für 8,95 Euro; Schloss Moritzburg, Moritzburg, Tel. 035207/87 30, www.schloss-moritzburg.de.

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