Das Kraken-Orakel

Die Welt steckt voller Rätsel. Jede Woche gehen wir hier einem davon auf den Grund. Heute: Paul und das Kraken-Orakel.

In diesem Sommer wurden wir Spezialisten für Tintenfische, ob wir wollten oder nicht. Wir wissen jetzt alles über ihre Subfrontallappen, ihre neun Hirne und drei Herzen, ihr Paarungsverhalten: Der Penis des Tiefsee-Oktopus erreicht mit 67 Zentimeter Länge fast die Körpergröße des Tieres. All das ist mehr, als man je wissen wollte, aber es gab kein Entrinnen: Der unfehlbare Oberhausener Orakel-Krake Paul (nicht die Krake, selbst das wissen wir jetzt), der acht WM-Spiele hintereinander richtig getippt hatte – das entspricht einer mathematischen Wahrscheinlichkeit von 0,39 Prozent –, wurde noch hysterischer gefeiert als Thomas Müller.

Das deutsche, spanische und holländische Fernsehen übertrugen live vom Beckenrand, nach der WM hagelte es Transferangebote: Ein Spanier bot 35 000 Euro für Paul – nicht übel, wenn man bedenkt, dass eine Packung Tiefkühl-Calamares bei Lidl 1,99 Euro kostet. Nun ist das Phänomen Sommerloch-Tier eine lieb gewonnene Tradition im deutschen Medienwesen: unvergessen Sammy, der Kaiman, Kuno, der Killerwels, Bruno, der Problembär, und Manni, das Känguru. Wieso aber ist Paul selbst ohne Sommerloch der König des Boulevards geworden? Warum beherrschen Orakelviecher plötzlich weltweit die Headlines?

Zeitweise wurde eine veritable WM der Tierpropheten ausgefochten: Die Argentinier warfen Paco (Papagei), Sayko (Delfin) und Jorge (Schildkröte) als Wahrsager ins Gefecht, Singapur einen Sittich namens Mani: alle vernichtend
geschlagen von Paul, ebenso die Chemnitzer Zoobewohner Petty (Flusspferd), Anton (Krallenäffchen), Lissy (Polarfüchsin) und Renate (Lippenbärin). Einzig das Stachelschwein Leon zeigte vielversprechende Ansätze.

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Vielleicht herrscht ja angesichts all der Stümpereien, denen wir derzeit ohnmächtig zuschauen – die Gesundheitsreform, das deutsche Schulsystem, die absurden Technikprobleme der Bahn – eine klammheimliche Sehnsucht nach der
Unfehlbarkeit einer höheren Instanz, die Paul erfüllt: Habemus pulpo. Zumindest ein Wirbelloser mit echtem Urteilsvermögen in diesem Land, das ist doch schon was. Leider wird die Hellsicht nicht von Dauer sein, wie das bei Hellsicht nun mal die Regel ist. Sosehr wir uns jetzt schon darauf freuen, Paul im unvermeidlichen Jahresrückblick mit Günther Jauch wiederzusehen: Er wird dann vermutlich schon alle acht Arme von sich gestreckt haben. Tintenfische leben selten länger als zwei bis drei Jahre, Paul ist zweieinhalb.
Visionäre werden hier nie sehr alt.

Foto: dpa

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