Darf man SUV-Fahrer kritisieren?

Ein Leser, der selbst viel Auto fährt, fragt sich, ob er spritfressende SUVs ablehnen darf. Zur Antwort greift unser Moralkolumnist auf das Konzept des »Whataboutism« zurück.

Illustration: Serge Bloch

»Darf man das Fahren eines SUV wegen dessen hohen Verbrauchs kritisieren, wenn man selbst lange Strecken mit einem verbrauchsgünstigen Pkw zur Arbeit pendelt und daher mehr Sprit verbraucht als der Freund mit dem SUV? Oder gilt das Gegenargument: Zieh du erst mal näher an deinen Arbeitsplatz, um das Pendeln zu vermeiden und weniger Kraftstoff zu verbrauchen?« Milan C., Bochum

Ihr Problem wird heute unter dem Stichwort »Whataboutism« diskutiert, weil es um Argumente geht, die beginnen mit »What about« – »Was ist mit«, hier: deinem eigenen Spritverbrauch? Historisch nennt man diese Art der Argumentation »tu quoque«, Lateinisch für »du auch«.

Es ist umstritten, ob »tu quoque« einen Unterfall des »argumentum ad hominem«, eines zweifelhaften, weil statt auf die Sache »auf den Menschen bezogenen Arguments« darstellt. Denn »tu quoque« hat zwei Stoßrichtungen: einmal gegen den Menschen und dessen Berechtigung zur Kritik, weil er selbst das Gleiche oder ein vergleichbares Verhalten zeigt. Damit lenkt das »du auch« vom Inhalt der Kritik ab. Daneben aber auch – berechtigt – gegen das Argument der Kritik, hier die Bedeutung des Spritsparens, das schwach erscheint, wenn es offenbar nicht einmal den Kritiker selbst zur Verhaltensänderung bewegen kann.

Deshalb ist das »tu quoque« durchaus ein Argument, das jedoch den Inhalt der Kritik allenfalls schwächt, aber nicht beseitigt. In Ihrem Fall: dass man aus Umweltgesichtspunkten kritisieren kann, ohne Notwendigkeit ein Auto mit hohem Spritverbrauch zu fahren. Was nicht von der Person des Kritikers abhängt. Daneben kann das »tu quoque«-Argument aber auch einen positiven Effekt entfalten. Weil es die moralische Berechtigung des Kritikers angreift, mindert es den oft unschönen in der Kritik enthaltenen moralischen Vorwurf, und es bleibt der rein sachliche Teil, was dann auch eine sachlichere Diskussion ermöglicht.

Auf dieser, der sachlichen Ebene sehe ich allerdings einen deutlichen Unterschied zwischen einem Umzug mit Wohnortwechsel und der Entscheidung für ein anderes Auto. Insofern lassen sich die beiden Gründe für einen hohen persönlichen Spritverbrauch nicht 1:1 vergleichen, und das spricht gegen das Argument Ihres Freundes.

Literatur:

Douglas Walton, Ad Hominem Arguments, University of Alabama Press, Tuscaloosa 1998

Zu Argumentationstechniken ist immer wieder lesenswert:
Arthur Schopenhauer, Eristische Dialektik

Schopenhauer unterscheidet darin gleich am Anfang der »Basis aller Dialektik« zwischen dem Argument »ad rem«, zur oder über die Sache und »ad hominem«, zum oder über den Menschen:
»Zuvörderst ist zu betrachten das Wesentliche jeder Disputation, was eigentlich dabei vorgeht. Der Gegner hat eine These aufgestellt (oder wir selbst, das ist gleich). Sie zu widerlegen, gibts zwei Modi und zwei Wege.
1. Die Modi: a) ad rem, b) ad hominem, oder ex concessis: d. h. wir zeigen entweder, daß der Satz nicht übereinstimmt mit der Natur der Dinge, der absoluten objektiven Wahrheit; oder aber nicht mit andern Behauptungen oder Einräumungen des Gegners, d. h. mit der relativen subjektiven Wahrheit: letzteres ist nur eine relative Überführung und macht nichts aus über die objektive Wahrheit.«

Es gibt die Eristische Dialektik in verschiedenen Ausgaben, zum Beispiel:

Arthur Schopenhauer, Eristische Dialektik oder Die Kunst, Recht zu behalten. Verlag Kein & Aber, Zürich 2009

Arthur Schopenhauer, Die Kunst, Recht zu behalten: In achtunddreißig Kunstgriffen dargestellt. Hrsg. von Franco Volpi, Insel-Verlag, Frankfurt am Main 1995

Online abrufbar bei Projekt Gutenberg hier.