Das Kreuz mit dem Kreuz

Ein Leser hat sein Umfeld bislang immer daran erinnert, zur Wahl zu gehen. Nun befürchtet er, dass Mitglieder seines Fußballvereins Parteien wählen könnten, deren Werte er nicht teilt. Was tun?

»Als einer der wenigen Politikinteressierten im Fußballverein habe ich dort regelmäßig dazu ermuntert, wählen zu gehen. Jetzt habe ich aus Gesprächen den Eindruck gewonnen, dass einige Parteien wählen würden, die für meine Begriffe falsche Werte vertreten. Muss ich nun wieder an die Wahl erinnern, oder kann ich es dieses Jahr geflissentlich unterlassen?« Peter K., München

Wo genau liegt das Problem? Mir fallen zwei Punkte ein: Unaufrichtigkeit und Wahlbeeinflussung. Sie würden nicht lügen und auch nicht indirekt täuschen. Sie unterhalten sich dann jedoch, sagen wir, über den letzten Spielzug, während Sie daran denken, wie wichtig das Wählen ist, und gleichzeitig hoffen, dass das Nichtansprechen dazu führt, dass Ihre Mitkicker nicht wählen. So fallen Ihr inneres Denken und Ihre äußeren Taten und Worte bewusst auseinander, und das nenne ich Unaufrichtigkeit. Zudem wollen Sie das Wahlergebnis beeinflussen, indem Sie dafür sorgen, dass Ihnen widerstrebende Stimmen nicht zur Abstimmung gelangen. Und das nicht, indem Sie Ihre Mitkicker von Ihren Werten überzeugen, sondern über einen Umweg.

Andererseits gehört es zur politischen Betätigung, Wähler im Hinblick auf Wahlen zu überzeugen und zu motivieren. Für Sie als politisch interessierten Menschen mit klarer eigener Haltung ist es tatsächlich viel verlangt, die Wählermotivierung für entgegenstehende Wahlentscheidungen zu übernehmen und damit gegen Ihre eigene Haltung zu agieren.

Menschen mit entgegenstehenden Werten bewusst nicht zum Wählen zu motivieren, halte ich deshalb zwar aus den genannten Gründen nicht für schön, aber von der eigenen Freiheit, sich politisch zu engagieren, gedeckt. Allerdings gibt mir eine Überlegung zu denken: Ob nicht jeder, der wählen geht, für die Gesellschaft besser ist als jemand, der nicht wählen geht? Zumindest innerhalb eines Werte-Grundkonsenses fast unabhängig davon, was sie oder er wählt. Einfach, weil diejenigen, die wählen, sich grundsätzlich für Staat und Gesellschaft interessieren und entscheiden, sich bewusst sind, dass sie ein Teil davon sind, Teil eines Miteinanders. Und in jeder Stimmabgabe liegt auch eine Bestätigung, dass man eine Gestaltungsmöglichkeit hat.