Muss man auf lieblose Weihnachtspost antworten?

Eine Leser gibt sich Mühe bei seinen Karten, bekommt aber selbst oft unpersönliche Sammelmails. Unser Moralkolumnist verweist auf  zwei Tugenden, die in unserem Zusammenleben oft zu kurz kommen.

Illustration: Serge Bloch

»Weihnachten und Neujahr bieten die Gelegenheit, das Gewissen zu beruhigen und sich bei Menschen zu melden, bei denen man sich das ganze Jahr über nicht gemeldet hat. Während ich mich bemühe, meine Weihnachts- und Neujahrsgrüße individuell abzufassen, bekomme ich oft unpersönliche Sammelmails. Ich finde das lieblos. Muss ich auf solche Mails antworten?« Michael D., München

Es ist, glaube ich, an der Zeit, eine Lanze für zwei vernachlässigte Tugenden zu brechen: Gelassenheit und Gespür. Nehmen Sie es gelassen. Ja, unpersönliche Sammelmails mögen lieblos sein, aber sie sind immerhin eine Form der Kontaktpflege. Nicht ideal, aber besser als nichts. Und man sollte der Realität ins Auge sehen: Eine Sammelmail entspricht vielen Kontakten, die man im Laufe der Jahre angesammelt hat, fast mehr als individuelle Schreiben. Zudem haben die Absender diese Form gewählt, und das ist deren Entscheidung. Vielleicht haben sie gerade besonders viel zu tun. Vielleicht sind sie zu faul für mehr. Oder sie denken einfach nur anders als Sie darüber, wie man Kontakte pflegt. Menschen sind unterschiedlich.

Zweitens das Gespür. Ich schreibe Gespür, weil Gefühl zu sehr mit Emotionen oder dem »moralischen Gefühl« als Quelle für richtig oder falsch im Sinne des Gewissens verbunden ist. Es geht oft einfach darum, zu erspüren, was in einer Situation angebracht ist. Dieses Gespür setzt sich zusammen aus Empathie, hier also zu spüren, was hinter der Sammelmail steckt, und Selbstbeobachtung, welches Bedürfnis man selbst dabei hat. Wenn man dieses Gespür zulässt oder besser noch kultiviert und nicht auf den Ärger über eine für falsch erachtete Form abstellt, weiß man doch beim Lesen der Sammelmail sofort, ob man antworten will oder sollte, oder ob es nicht notwendig ist.

Meines Erachtens sind beide, Gelassenheit und Gespür, in vielen Situationen des Alltags wesentlich förderlicher für das Miteinander als zu ergründen, ob man im Recht ist.