Bitteschön, dankeschön

Widerspricht es dem Sinn des Schenkens, Dank dafür zu erwarten? Für unseren Moralkolumnisten ist das Geschenk ein Zwitterwesen - weshalb er zwei Antworten hat.

Illustration: Serge Bloch

»Ich schenke gern etwas, bin aber enttäuscht, wenn sich der Beschenkte nicht bedankt. Ist es in Ordnung, dass ich das Schenken auch dazu benutze, mich selbst an dem Danke­schön des Beschenkten zu erfreuen, oder widerspricht dies dem Sinn des Schenkens, da ja an das Geschenk eine Bedingung geknüpft wird?« Rahel C., München

Ihre Frage ist wirklich gut, weil sie – passend zur anstehenden Geschenkesaison – das Grundprinzip des Schenkens hinterfragt. Und dabei den Finger in eine Wunde legt: Das Geschenk ist nämlich ein Zwitterwesen.

Auf der einen Seite ist das Schenken eine Zuwendung ohne Gegenleistung. Etwas, was rein auf den Beschenkten gerichtet ist und nichts anderes soll, als ihn zu erfreuen. Das würde nichts vom Beschenkten erwarten, streng genommen nicht einmal ein Dankeschön.

Ganz anders sieht hingegen die Soziologie das Geschenk. Ihr zufolge entsteht durch ein Geschenk nicht nur ein Band zwischen Schenker und Beschenktem, sondern auch eine starke soziale Pflicht zur Gegengabe. Diese Beobachtung hatte auch schon der spanische Autor und Jesuit Baltasar Gracián 1647 in seinem Werk Handorakel und Kunst der Weltklugheit gemacht: »Für einen ehrenvollen Beschenkten ist keine Sache teuerer als die, welche man ihm schenkt.« Das Mindeste ist demnach ein Dankeschön. So gesehen, hat Schenken sehr wohl etwas mit dem Schenkenden zu tun.

Das Schenken beinhaltet nun eben beide Anteile. Nicht umsonst findet man in der griechischen Mythologie, die derartige Dinge oft sehr treffsicher aufgreift, den Inbegriff dieser Zwitterstellung: das Trojanische Pferd, ein Geschenk, das nur dem Äußeren nach eine reine Gabe ist, in seinem Inneren aber die Truppen des Schenkenden transportiert.

Ich glaube, um gut zu schenken, ist es wichtig, sich diese zwei Stoßrichtungen des Geschenks bewusst zu machen. Die Kunst beim Schenken ist, sich zurückzunehmen. Was aber nicht bedeutet, dass man sich verleugnen muss. Man darf sich ruhig am Dank für das Geschenk erfreuen und den durchaus erhoffen, weil er ja auch ein Zeichen für die Freude des Beschenkten ist. Aber diese Freude sollte das Hauptziel des Schenkens bleiben.

Literatur:

Baltasar Gracián, Handorakel und Kunst der Weltklugheit, vermutlich Huesca, Aragon 1647


Deutsche Übersetzung unter anderem von Arthur Schopenhauer, F.A. Brockhaus, Leipzig 1871

In verschiedenen Ausgaben erhältlich, z.B. Kröner Verlag, Stuttgart, 14. Auflage 2014 (herausgegeben von Sebastian Neumeister); oder Reclam Verlag, Stuttgart 1986

Grundlegend zum Thema Schenken:

Marcel Mauss: Die Gabe. Form und Funktion des Austauschs in archaischen Gesellschaften. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main, 9. Auflage 1990.

Christian Stegbauer: Reziprozität. Einführung in soziale Formen der Gegenseitigkeit. 2. Auflage, Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden 2011

Einen sehr guten Überblick über das Themengebiet bietet die von Frank Adloff und Steffen Mau herausgegebene Textsammlung Vom Geben und Nehmen. Zur Soziologie der Reziprozität, Campus Verlag, Frankfurt am Main 2005.

Darin finden sich unter anderem auch Auszüge von wichtigen Stellen aus Marcel Mauss’ Die Gabe (S. 61-72).

Hervorragend aber auch die von den beiden Herausgebern verfasste Einführung „Zur Theorie der Gabe und Reziprozität mit vielen weiteren Literaturhinweisen (S. 9-57).

Daneben auch folgende Beiträge:

Georg Simmel: Exkurs über Treue und Dankbarkeit, S. 95-108, aus: Georg Simmel, Soziologie. Untersuchung über die Formen der Vergesellschaftung, Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main, 1992, S. 652-670.

Alvin W. Gouldner: Etwas gegen nichts. Reziprozität und Asymmetrie, S. 109-123 Peter M. Blau: Sozialer Austausch, S. 125-137.

Lesenswert ist das Kapitel „Geschenke“ in Asfa-Wossen Asserates Manieren, Eichborn Verlag, Frankfurt am Main 2003

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