Tier gewinnt

Vegetarier zu sein ist gerade in Mode. Das kann nerven. Aber sie haben dann eben doch völlig Recht. Ein Essay über die guten Gründe für den Fleischverzicht.

Es wäre sicher ein schöner Abend unter Freunden geworden. Aber dann konnten wir uns nicht auf ein Restaurant einigen. Lilo wollte partout nicht in diesen neuen Laden, der rauf und runter für seine Steaks gerühmt wurde, Pommer’sches Rind und irgendeine unter Kennern geradezu beraunte irische Rasse. Ihr erwartet doch nicht wirklich von einer Vegetarierin, sagte sie, dass ich euch dabei zusehe, wie ihr eurer atavistischen Blutgier nachgeht und euch den ganzen Abend lang erzählt, wo ihr die besten Steaks eures Lebens vertilgt habt. Josef dagegen wollte nicht einsehen, dass Fräulein Empfindlich sich jetzt sogar schon herausnahm, anderen vorschreiben zu wollen, was sie nicht essen sollten, statt sich einfach ihren üblichen Salat zu bestellen, an dem wir schließlich ja auch nicht herummäkelten, obwohl es dafür weiß Gott genug Gründe gab. Als ob es nicht völlig ausreichen würde, dass man mittlerweile zum Rauchen in die Kälte hinausgeschickt wird. Dann eben ohne Lilo, sagte Josef, wenn wir jetzt nachgeben, haben wir über kurz oder lang die Ernährungsdiktatur, wehret den Anfängen.

Das klang einerseits überzeugend, wenn man sich selbst schon auf ein Steak gefreut hatte. Andererseits war es das Geblaffe eines typischen Fleischessers. Unüberhörbar aggressiv, nicht bereit, vom eigenen Jagdeifer abzusehen. Vielleicht versuchen wir es in ein paar Monaten wieder. Wenn Lilo ihren Fleischverzicht möglicherweise nicht mehr ganz so verbissen betreibt, wie es Konvertiten zu tun pflegen. Und Josef sich nicht mehr von lauter Frauen umzingelt fühlt, die ihm seinen Spaß vermiesen wollen. Er ist in dieser Hinsicht ein wenig empfindlich geworden, seit seine beiden Töchter beschlossen haben, ihn für einen Tierquäler zu halten. Bloß weil er sie dabei hatte zusehen lassen, wie er einen Hummer kopfüber in kochendem Wasser versenkte. Sie hatten sich nicht davon überzeugen lassen, dass das Zappeln nichts zu bedeuten hatte, weil das Vieh davon nicht mehr das Geringste mitbekam. Haben sie denn gedacht, seufzte Josef, dass ihre Hamburger auf Bäumen gewachsen sind?

Szenen wie diese kommen im Freundeskreis immer häufiger vor. Meistens sind es Frauen, die beschließen, dass es auch ohne Fleisch oder sogar ganz ohne tierische Produkte gehen könnte; und meistens Männer, die sich darüber lustig machen, mit all den Macker-Attitüden und herablassenden Sprüchen, die ihnen bei Bedarf immer so schnell einfallen. Dass es nun einmal in der Natur von Männern läge, ihre Zähne in das Fleisch von Beutetieren schlagen zu wollen und Naturschutz wohl auch dafür gelten müsse, sagen sie, und dass sie keine Weicheier werden wollen wie diese verschnarchten Müslis aus dem Reformhaus, denen man im Gehen die Birkenstocks neu besohlen könne, so langsam wären sie unterwegs; kein Wunder, so ganz ohne die Energie, die in Tierkörpern steckt, Eisenmangel wahrscheinlich, habt ihr ja schließlich auch nach euren Tagen.

Was Frauen einmal mehr demonstriert, wie unangenehm Männer werden können, wenn das Gefühl sie anlangt, dass ihnen jemand einen ihrer Altherrengenüsse verderben will; und dass sie, in die Enge getrieben, lieber mit Witzeleien um sich hauen, als sich mit einer Sache ernsthaft auseinanderzusetzen. Die Sache ist ja die: Mit ziemlich allen Argumenten, die Vegetarier für ihren Standpunkt vortragen könnten, haben sie Recht. Sich von Gemüse, Früchten, Getreide zu ernähren, von dem also, was die Erde hergibt, ohne dass man dafür töten müsste, führt nicht zu Mangelerscheinungen – umso weniger, als jene Menschen, die mit ihrem Speiseplan aus dem Mainstream ausbrechen, sich meistens sehr bewusst darüber informiert haben, was der menschliche Stoffwechsel benötigt, um gesund bleiben und gut funktionieren zu können. Auch die gebetsmühlenhafte Mäkelei, dass eine Kost ohne tierische Produkte auf Dauer unerträglich langweilig sei, bezeugt nur den Willen, die Realität nicht zur Kenntnis zu nehmen. Wer sich einmal in einem modernen Bio-Supermarkt umgesehen hat, kommt nicht umhin, mit Erstaunen festzustellen, wie abwechslungsreich und interessant man als zeitgenössischer Vegetarier satt werden kann – auch ohne die albernen Ersatz-Würstchen und Schwindel-Schnitzel, die eine Beleidigung sowohl für Fleischliebhaber als auch für Tofu-Kenner sind.

Der kleine Unterschied

Öde ist vegetarische Kost eigentlich nur noch im Krankenhaus, wo allerdings nicht nur jede Karotte, sondern auch jedes Hühnchen so lange totgekocht wird, bis es verlässlich die Geschmacksknospen schont. Selbst die entschlossensten Fundamentalisten unter den Tier-Verzichtern, jene »Raw Food«-Anhänger, denen selbst das Kochen als etwas Verwerfliches gilt, können mittlerweile Kochbücher zu Rate ziehen, die so raffinierte und subtile Geschmackssensationen produzieren wie sonst nur die Molekular-Freaks.

Tatsächlich lässt sich gegen Vegetarier und Veganer nur zweierlei einwenden: erstens der eigene Heißhunger auf Fleisch, der eine schlechte Angewohnheit sein mag, sich aber nicht wegargumentieren lässt. Und zweitens jener ethische Eifer, den die Heiligeren unter ihnen immer wieder einmal an den Tag legen.

Über die Rettung der Natur, die Seele von Tieren und die Zuchtversuche der Fleischmafia lässt man sich eben ungern von Menschen erzählen, die sich meistens ja doch nur über ihren eigenen Speiseplan den Kopf zerbrechen. Und dass die Welt davon besser würde, beschlössen die Menschen, Tiere nicht mehr zu töten, kann man sich vermutlich nur dort einreden, wo sie keinen Hunger mehr leiden müssen und jederzeit die Lifestyle-Wahl zwischen Gemüse und Fleisch haben.

Doch auch wenn der moralische Überlegenheitsdünkel von Vegetariern immer wieder nervt, kann man als Fleischvertilger viel von ihnen lernen: von der Sorgsamkeit, mit der sie ihr Essen behandeln, von ihrer Mäkeligkeit gegen eine Nahrungsmittelindustrie, die sich so zäh gegen Kennzeichnungspflichten wehrt, dass man schnell ahnt, wie sehr die Kenntnis ihrer Produktionsweisen den Menschen den Appetit verderben müsste; und natürlich auch von ihren Schauergeschichten darüber, wie Tiere gehalten und getötet werden. Die sind nämlich viel zu oft richtig: Was Hühnern, Rindern, Schweinen bis zu ihrem Tod zugemutet wird, hat nichts mit artgerechter Tierhaltung zu tun und ist tatsächlich nüchtern betriebene und massenhafte Quälerei. Die umso schlimmer ist, als ihre Resultate nichts taugen. Fischstäbchen, labbrige Hamburger, das Formfleisch aus den Supermarktregalen: Das alles ist nicht nur eine Untat an den armen Tieren, die für so erbärmliche Lebensmittel sterben, sondern auch an den Menschen, die sie essen müssen. Und wahrscheinlich macht man sich wirklich schuldig an der Schöpfung, wenn man sich so einen Mist einverleibt.

Für matschiges Dosengemüse und totgezuckerte Pfirsichhälften muss kein Lebewesen leiden, und keine Weizenähre muss Schmerzen ertragen, um Bäckern das Mehl zu liefern, das sie zu staubtrockenen Semmeln verarbeiten. Für den langweiligen Schinken auf der Tiefkühlpizza und die zurechtgewürzten Grillwürstchen müssen Tiere in den Schlachthof; das ist etwas fundamental anderes.

Kann man den Unterschied zwischen Ernten und Schlachten leichter ertragen, wenn man sich, so gut es eben geht, darum kümmert, dass das Fleisch, das man verzehrt, von Tieren stammt, die es zu ihren Lebzeiten gut hatten, und auf eine Weise zubereitet wird, die ihnen halbwegs Respekt erweist? Halbwegs bewusste Fleischesser versuchen es wenigstens. Auch dadurch wird die Welt nicht besser, und eine Tötung bleibt eine Tötung, auch wenn das Lebewesen, das ihr zum Opfer fällt, bis dahin gehegt und gepäppelt worden ist. Wahrscheinlich kann man, sobald man darüber nachzudenken beginnt, wirklich nicht mehr guten Gewissens Fleisch essen. Aber man sollte darüber nachzudenken beginnen. Weil die Menschen, die ihren Genüssen mit schlechtem Gewissen nachgehen, gewiss nicht die allerschlechtesten sind.

Illustration: Emily Robertson

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