Der Datenverarbeiter

Horst Herold hat als Chef des Bundeskriminalamts die Computerfahndung erfunden, die RAF verfolgt und sie zerschlagen. Seit 32 Jahren versteckt er sich vor der Welt. Er denkt nach über den Terror von gestern und heute und über die Methoden, ihn klug zu bekämpfen. Jetzt wird der Kriminalphilosoph neunzig Jahre alt.

Wenn du ein Gärtchen hast und eine Bibliothek, so wird dir nichts fehlen.« Der Satz, der so klingt wie die Überschrift einer Titelgeschichte in der Zeitschrift Landlust, ist schon alt, sehr alt. Er stammt von Cicero; er stammt aus einer Zeit, als Staatsmänner wie Marcus Tullius Cicero, als Feldherren, Dichter und Denker sich für eine gewisse Zeit aufs Land zurückzogen, wenn in der Stadt Rom Unruhen ausbrachen oder man dort in Ungnade gefallen war. Cicero hatte sein Tusculum, Horaz seine Villa Sabinum; dort schrieben die Herren gelehrte Texte über das stille Glück auf dem Lande, über die Leidenschaftslosigkeit und die Pflicht, über die Gelassenheit gegenüber Schicksalsschlägen, über das Ideal der Seelenruhe. Sie priesen das Leben in Verborgenheit, bevor sie sich dann wieder in die Geschäfte und in die Schlachten stürzten, um sich dort so zu präsentieren, wie sie es zuvor weltüberlegen formuliert hatten: »Selbst wenn die Welt zerborsten einstürzt, werden die Trümmer einen Furchtlosen treffen.«

Das Tusculum des Feldherrn außer Dienst Horst Herold liegt nicht unter Pinien und Zypressen. Es liegt, seitdem er aus dem Kampf des Staates gegen die RAF abgezogen wurde, in einer oberbayerischen Kreisstadt, hinter den Mauern einer weitläufigen Kaserne des Bundesgrenzschutzes, heute Bundespolizei. Dort, auf einer kleinen Parzelle in der Ecke des großen Geländes, lebt Dr. jur. Horst Herold, der wohl beste Polizist, den Deutschland je hatte. Dort hat er sich damals, als er das große Hassobjekt, als er der Feind Nummer eins der terroristischen RAF war, ein Einfamilienhäuschen bauen müssen dürfen, auf eigene Kosten – weil der Staat es so wollte, weil Horst Herold, der in den Ruhestand gezwungene Chef des  Bundeskriminalamts, dort, hinter den Kasernenmauern, am besten und billigsten zu bewachen und vor Attentaten zu bewahren war. Der Mann, der der gefährdetste Mann der Republik war, wurde damals angehalten, sich den Schutz des Staates, den er geschützt hatte, käuflich zu erwerben; das war 1981. Jetzt schreiben wir den Herbst 2013. Stilles Glück auf dem Lande? Gelassenheit gegenüber Schicksalsschlägen? Das Ideal der Seelenruhe? Das Leben Herolds hinter den Kasernenmauern geriet nicht zu einem Zustand vorübergehender Ungestörtheit. Das Schutz- und Trutzhäuschen wurde zu einem Ort des jahrzehntelangen, beständigen Selbstzweifels, zu einem Ort der ruhelosen Ruhe.

Seit 32 Jahren lebt er jetzt hier, in der »Lehmgrube«, wie er in den ersten Jahren das kleine Areal nannte, das der Staat sich von ihm teuer hat abkaufen lassen. In den ersten 15 Jahren war Herold dort, rundum bewacht, der »letzte Gefangene der RAF«, wie er das einst zartbitter formulierte. Die schützenden Erdwälle rund ums Häuschen sind längst planiert, die Erinnerungen sind es nicht. Jetzt ist er Gefangener der Erinnerungen – an den Deutschen Herbst, an die bleierne Zeit, an die Morde, die vielen Morde. 32 Jahre. Seit dieser Zeit muss Horst Herold, Präsident des Bundeskriminalamts von 1971 bis 1981, wider seine Natur lernen, ein Stoiker zu sein: Vergiss die Leidenschaften. Vergiss, was war. Lebe im Verborgenen. Entrücke der Welt, gib keine Interviews. Lass die Erinnerungen nicht noch mächtiger werden. Aber sie sind mächtig, so mächtig, obwohl er sie weggeräumt hat aus seinen Wohnräumen; die Archivalien, die Akten, die Pamphlete, die Requisiten der RAF-Zeit, seine von der Innenministerkonferenz damals nicht akzeptierten akribischen Ausarbeitungen über die Bekämpfung des Terrors – alles ist im Keller. Er hat das weggeräumt, aber nicht weggeworfen, obwohl es ihn fast erdrückt.

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Damals, in seinen zehn Jahren als Chef des Bundeskriminalamts, hat er die vormalige Kriminalklitsche in Wiesbaden in die neben dem FBI beste Polizei der Welt verwandelt. Nichts erinnert daran in diesem schön bürgerlichen kleinen Salon im Einfamilienhäuschen in der Kasernenecke; nichts erinnert an Polizei, an RAF, an Rasterfahndung. Nur ein iPhone liegt da, neben dem Gebäckteller auf dem runden Wohnzimmertisch. Horst Herold hat Kaffee gekocht; er hat Kolatschen und feines Mürbteiggebäck gekauft, die Kolatschen sorgfältig zerteilt, das Gebäck auf dem Teller adrett angerichtet. Er ist, wie immer, ein wunderbar besorgter Gastgeber. In der Küche stehen Schnittchen, für später. Er wird sie vergessen. Sein iPhone piept und zirpt und klingelt. Er könne ohne das Gerät nicht mehr sein, sagt er, »wenn ich es dabeihabe, bin ich gewappnet«. Er lässt sich darauf die Eilmeldungen der Agenturen und Online-Dienste anzeigen. Soeben: »Flughafen Düsseldorf evakuiert und gesperrt; verdächtiger Koffer gefunden.« Terrorgefahr!? 140 Flüge fallen aus. Es war Fehlalarm, wie sich später herausstellt; im verdächtigen Koffer fanden sich nur allerlei Backzutaten. Alarm. Fehlalarm. Alarm. So piepst sogar das iPhone die Vergangenheit wach. Alarm der Erinnerungen.

»Erstmals kannten die Sicherheitsbehörden die mutmaßlichen Täter vor der Tat.«

Das Ende einer Ära - Horst Herold verabschiedet sich am 8. Mai 1981 von Bundeskanzler Helmut Schmidt in dessen Bonner Amtssitz. Herold stand dem Bundeskriminalamt von 1971 bis 1981 vor. (Foto: dpa)

Erinnerungen an ein anderes Kaffeetrinken, damals, in den ersten Apriltagen des Jahres 1977. Damals kam Generalbundesanwalt Siegfried Buback von seinem Amt in Karlsruhe nach Wiesbaden zu Herold ins Bundeskriminalamt. Charlotte Jung, die Chefsekretärin, kochte den Kaffee. Bei Kaffee und Kuchen begann das letzte Gespräch der beiden RAF-Fahnder, die so etwas wie die siamesischen Zwillinge der Anti-RAF waren. Christian Klar, Knut Folkerts und andere waren von Herolds »beobachtender Fahndung« per Computer als Reisebegleiter von gesuchten RAF-Tatverdächtigen festgestellt worden. Bei der Überprüfung ihrer Wohnsitze hatte sich dann herausgestellt, dass sie in den Untergrund abgetaucht waren. Für Herold lag die Annahme nahe, es handele sich um die Akteure der erwarteten terroristischen »Offensive 77«. Er legte also seinem Gast die Fotos vor und sagte: »Das sind unsere künftigen Mörder, Buback.« Ein paar Tage später, am Gründonnerstag, 7. April 1977, wurde Buback in seinem Dienstwagen erschossen. »Erstmals«, so sinniert Herold Jahrzehnte später, »kannten die Sicherheitsbehörden die mutmaßlichen Täter vor der Tat; aber die Chance, die Täter vorher zu ergreifen, ließ sich nicht realisieren.« Die von ihm betriebene Öffentlichkeitsfahndung war damals auf ein empörtes öffentliches Echo gestoßen, hatte eingestellt werden müssen.

Er hat ein Gärtchen, er hat eine Bibliothek, er hat Erinnerungen. Sie piepsen aus dem iPhone. Sie entsteigen den Schriften im Keller, vor allem der Schrift des damaligen Anwalts und RAF-Denkers Horst Mahler Über den bewaffneten Kampf in Westeuropa aus dem Oktober 1971; Herold nennt diesen im Gefängnis geschriebenen Text, der sich damals hinter dem Tarnnamen Neue Straßenverkehrsordnung verbarg und sich in gnadenloser Rigorosität offen zum Terror bekannte, »diabolisch-genialisch«. Der Text war die Kampfansage, die Herold annahm, mit einer bulligen Entschlossenheit, die man aus den Fotografien von damals lesen muss, weil man sie in seinem Gesicht von heute nicht mehr findet. Mahler sitzt heute, 77-jährig, wieder im Gefängnis, in der Justizvollzugsanstalt Brandenburg, jetzt nicht mehr als Links- sondern als Rechtsextremist, als Holocaust-Leugner und verurteilter Volksverhetzer. Herold sitzt in der Kaserne. Der Seitenwechsel Mahlers verdutzt ihn nicht. Warum nicht? »Die Extremismen berühren sich.«

Die Erinnerungen. Sie türmen sich, sie türmen sich viel höher als die Mauern der Kaserne; sie sind höher als die Bäume, die sich gerade herbstlich färben. Sie nehmen Gestalt an, die Gestalt von Opfern vor allem. Sie heißen Siegfried Buback oder Hanns-Martin Schleyer. Schleyer war der von der RAF entführte und dann erschossene Präsident des Bundesverbands der deutschen Industrie. In schlaflosen Nächten sitzt der tote Schleyer dem Horst Herold auf der Brust, und dann hört Herold die Anklage aus dem Jenseits: Warum man den Verbrechern nicht nachgegeben, warum man also ihn, Schleyer, geopfert habe, warum die Staatsräson, also ein Abstraktum, dem Kanzler Helmut Schmidt und dem BKA-Chef Herold und dem ganzen Krisenstab wichtiger gewesen sei als er, der Mensch Schleyer?

Warum, warum, warum? Es sind tausend Warums, die diesen Horst Herold umtreiben seit 32 Jahren. Damals wurde er Knall auf Fall entlassen, in den unruhigsten Ruhestand geschickt, den man sich vorstellen kann. Er war ein so unglaublich erfolgreicher Kriminalist gewesen bis zu den furchtbaren Wochen der Schleyer-Entführung. Die Fahndung nach den Entführern, die Auffindung des Verstecks und die Befreiung Schleyers hätte der große Durchbruch werden können für seine Computer-Fahndung und die kriminalistische Datenverarbeitung: Herold ließ 15 Computer, damals noch große Ungetüme, mit 70 000 Hinweisen aus dem von ihm entwickelten Fahndungssystem PIOS (»Personen, Institutionen, Objekte, Sachen«) füttern. Doch das eine, das entscheidende Spurenblatt aus Erftstadt-Liblar, dort wo Schleyer versteckt gehalten wurde, ging irgendwo verloren, Herolds Computer wurden daher nicht mit diesen Daten gefüttert.

Es war eine Panne mit furchtbaren Folgen: Schleyer wurde nicht von der Polizei befreit, sondern von den Terroristen erschossen. Und Herolds Methoden, nun nicht mehr vom Erfolg geschützt, gerieten in Verruf, er galt nun als ein Dr. Mabuse der Polizei, als Datenschnüffler. Deswegen schickte ihn der Bundesinnenminister Gerhart Baum (FDP) mit 57 Jahren in Ruhestand und Exil. Die Entlassung sollte ein demonstrativer Akt der Liberalität des Ministers sein, eine Strafaktion gegen den vermeintlich Computerwahnsinnigen, der angeblich Informationen soff wie ein Alkoholiker den Alkohol. Dabei hatte Herold die Möglichkeiten des Computers einfach nur ein paar Jahrzehnte früher erkannt als andere. Vor ein paar Jahren, zum 85. Geburtstag Herolds, haben sich die beiden, Baum und Herold, wieder versöhnt.

»Wo sind die nur? Und wo soll ich die finden?«

Nach Herolds Zeit, nach seinem Gang ins Kasernen-Exil, ging das Morden der RAF weiter; all diese Taten sind bis heute nicht aufgeklärt. Aber dann, in den neunziger Jahren, interessierte sich auf einmal niemand mehr für diesen Terrorismus, bis dann der neue, der islamistische Terrorismus kam. Warum war das so? Weil keine Terroristen mehr nachwuchsen? Oder starb der RAF-Terrorismus der dritten Generation einfach auch daran, dass keiner mehr auf ihn achtete? Die RAF ging ein, sie ging einfach ein, sie verschwand unter Deklamation von hohltönenden Schlussformeln und löste sich 1998 auch formell auf. Warum? Herolds Frage ist wie ein seufzender Aufschrei. Er hat dieses seltsame Ende als Pensionist staunend und selbstzweiflerisch erlebt. Stellte diese Beobachtung nicht sein ganzes Kriminalistenleben in Frage?

Was ist, wenn der Terrorismus kommt und wieder vergeht, so wie ein Vulkan ausbricht und sich wieder beruhigt? Wenn es sich also um eine eruptive Zwischenphase der Geschichte handelt, gegen die man ein paar Schutzmaßnahmen treffen, aber nichts Entscheidendes ausrichten kann? Ist es womöglich so, fragt er sich in seinen privaten Aufzeichnungen, die er Lehren aus dem Terror überschrieb, »dass massivste Verfolgung und Repression terroristische Gewalt eher am Kochen hält, als sie diese beendet?« Und stellt das dann nicht alles in Frage, was er, angeblich so erfolgreich, gemacht hat? Und worin, fragt er sich, bestand eigentlich sein Erfolg? Gewiss: Er hat Verbrechen aufgeklärt, er hat Terroristen gefasst, er hat sie den Strafgerichten zugeführt. Aber »ist dieses Strafsystem nicht furchtbar primitiv?«, fragt er sein Gegenüber, im Stuhl hochfahrend, mehr als Feststellung, denn als Frage. Muss man es nicht durch ein rationaleres, durch ein rationales System ersetzen? Und überhaupt: Hat sich all sein Einsatz gelohnt? In besonders melancholischen Momenten antwortet Herold auf diese Frage an sich selbst: nein.

Wenn du ein Gärtchen hast und eine Bibliothek, so wird dir nichts fehlen: Dem Doktor Horst Herold fehlen die Antworten auf so viele der Fragen, die er sich seit 32 Jahren stellt. Und wenn er sie stellt, verfliegt die Melancholie, dann wird der alte Herr zum aufbrausenden Visionär am Kaffeetisch. Vor Jahrzehnten, als er mit dem Hubschrauber über Deutschland flog und herunterschaute auf die Städte, da fragte er sich vor allem »Wo sind die nur? Und wo soll ich die finden?« Das waren schwierige Fragen, aber Fragen, die er beantworten konnte, weil er die Computer hatte. Mit seinen Vorstellungen von rechnergestützter Spracherkennung und der rechnergestützten Auswertung von Handschriften erntete er damals Kopfschütteln. Den einen war er suspekt wegen seines angeblichen Computerwahns. Den anderen, weil er nicht nur nach den Tätern, sondern auch nach den Ursachen suchte. Er nahm Ulrike Meinhofs und Horst Mahlers schriftliche Anleitungen zum bewaffneten Kampf als Vorlage und entwickelte daraus seine Kriterien für die Rasterfahndung: Wo sind sie? Er beantwortete das wie eine Rechenaufgabe; und zum Rechnen nutzte er die Computer und fütterte sie mit Informationen.

Schon damals tauchten in ihm auch ganz andere Fragen auf, andere Fragen als »Wo sind die?«, aber Herold unterdrückte sie: »Gibt es nicht andere Wege, das alles zu vermeiden?« Damals war er der oberste Fahnder, der oberste Polizist und der oberste Kriminalist des Landes, nicht der oberste Politiker, nicht der oberste Frager, nicht der Mediator zwischen Staat und RAF, damals galt er als suspekt, wenn er solche Fragen stellte. »Meine Pflicht erlaubte mir keinen anderen Weg« – fahnden, verhaften, einsperren. Hätte es den anderen Weg gegeben? Was wäre gewesen, wenn der Staat ganz frühzeitig die Weichen anders gestellt hätte? Wenn er Deeskalation nicht erst qualvoll hätte lernen müssen? Wenn es so etwas wie die Versöhnungsinitiative des damaligen Justizministers Klaus Kinkel nicht erst 1992 gegeben hätte? Vielleicht wäre die RAF dann gar nicht entstanden, vielleicht wäre die linke Journalistin Ulrike Meinhof dann irgendwann später Familienministerin geworden, so wie ein Joschka Fischer Außenminister geworden ist? Das Wälzen der tausend Fragen hat aus dem Kriminalisten Horst Herold einen Kriminalphilosophen gemacht, einen grundgütig grübelnden weisen alten Herrn – einen Privatgelehrten.

Herold ist überzeugt davon, dass die Welt vor einer globalen sozialen Erhebung steht

Seine Lehre vom Terrorismus erklärt »alle bisherigen Terrorismusformen als Präludium, Signal, Ankündigung von tiefgreifenden Veränderungen vom Ausmaß eines Bebens«. Die Meinhof-Schriften, heute noch einmal gelesen, ließen sich, »wenn auch in verwaschener Form, als die Beschreibung von Gefahren deuten, die in der Zukunft lagen und die erst heute real geworden sind. Wenn auch mit gänzlich anderer Wortwahl, aber inhaltlich doch weitgehend identisch, finden sich Deutungen, die von den pessimistischen Bildern, die von der Globalisierung entworfen werden, nicht zu unterscheiden sind: die Ablösung der bedeutungs- und machtlos gewordenen Nationalstaaten durch den ›Imperialismus‹, das heißt weltumspannende, die Kapitalströme dirigierende Konzerne und Zusammenschlüsse, die sich den bisherigen rechtlichen und sozialen Kontrollen entziehen und ihre eigenen Normen schaffen, in denen Menschlichkeit und Solidarität nicht mehr vorkommen«. Es sind dies Auszüge aus Herolds ungehaltenen Vorlesungen zur Gesellschaftspolitik und zur Fundamentalgeschichte des Terrorismus. Herold, der alte Sozialdemokrat, ist überzeugt davon, dass die Welt vor einer globalen sozialen Erhebung steht – und die Flüchtlinge die Vorboten der Revolution seien.

Der Privatgelehrte Dr. Herold teilt die Weltgeschichte ein in drei große Kulturepochen: erstens die Epoche der Sprache und Schrift, also die der Überlieferung von Information; zweitens die Epoche des Buches, also die der Verbreitung von Information; und drittens die Epoche der Datenverarbeitung, also der globalen Verwertung von Information. Man spürt die Lust des Alten daran, diese Epoche noch zu erleben und ihre Mittel und Methoden in ihren Anfängen als BKA-Chef noch selbst genutzt und mitgestaltet zu haben. Das Internet, meint er, sei das Ende jedes Nationalismus. Mit neunzig Jahren kann man kein »Digital Native« sein. Aber wenn man Herold über die Welt des Digitalen, wenn man ihn über das Internet reden hört, wenn man erlebt, wie er behände und umfassend damit arbeitet, dann möchte man glauben, dass das doch geht – als Alter eingeboren zu sein in einer neuen Welt. Es ist die seine. Die Welt des Digitalen ist Herolds Heimat viel mehr als das Einfamilienhäuschen auf dem Kasernengelände. Vom Internet spricht er wie von einem Paradies – von einem Paradies, in dem freilich, wie im biblischen, auch die verbotenen Bäume der Erkenntnis stehen.

Die Geheimdienste, die amerikanische NSA zuvorderst, greifen da wie wild hinein und plündern die Früchte. Weil Herold das weiß, ahnt er auch die Frage, die sich da aufdrängt: Haben diese Geheimdienste, mit ihrem Zugriff auf alle Daten, die sie nur kriegen können, nicht einfach das weiterentwickelt, was Herold vor Jahrzehnten auch selbst gemacht hat? Seinerzeit, bei der Schleyer-Fahndung, waren es halt nur 70 000 Hinweise, die von Herold verarbeitet wurden; NSA & Co verarbeiten heute Milliarden von Daten, die sie von überallher abgreifen. Sind also die NSA-Methoden letztendlich nur hochpotenzierte Horst-Herold-Methoden? Dagegen protestiert Herold heftig. Es müsse, sagt er, genau und gesetzlich geregelt sein, auf welche Daten zugegriffen und welche Daten verarbeitet werden dürfen. Aber ein wenig nimmt Herold die Geheimdienstler schon in Schutz: Ihnen, denen der Kampf gegen den Terror aufgetragen sei, fehle wohl das Unrechtsbewusstsein.

Wenn du ein Gärtchen hast und eine Bibliothek, so wird dir nichts fehlen. Es stimmt nicht. Dem alten Horst Herold fehlt das Leben und die Freiheit, Fragen nicht nur zu stellen, sondern sie zu beantworten. Und so plant er seine letzte große Aktion, die geordnete Flucht: Nach 32 Jahren will er heraus aus der Kaserne, will er zurück nach Nürnberg, dorthin, wo er einst sein Berufsleben als Richter, als Staatsanwalt, als Polizeidirektor und Polizeipräsident begonnen hat. Heimkehr. Ein Gärtchen braucht er nicht mehr unbedingt. Er braucht eine Wohnung, weitab von den Erinnerungen. Er braucht das Internet. Und er braucht seinen inneren Frieden. Am 21. Oktober wird Horst Herold neunzig Jahre alt. Er hat sich um sein Vaterland verdient gemacht.

Horst Herold
Der Polizist
Horst Herold war Chef des Bundeskriminalamts von 1971 bis 1981. In dieser Zeit wurden unter anderen Generalbundesanwalt Siegfried Buback und der Arbeitgeberpräsident Hanns-Martin Schleyer von der RAF ermordet. Herold hat mit den von ihm eingeführten Computer-Fahndungsmethoden die erste und zweite Generation der RAF ins Gefängnis gebracht. Geboren wurde Herold am 21. Oktober 1923 in Sonneberg/Thüringen, er besuchte die Oberrealschule in Nürnberg bis zum Abitur, war im Zweiten Weltkrieg Leutnant in einer Panzertruppe. Nach dem Krieg studierte er Jura, wurde Richter und Staatsanwalt in Nürnberg, ging von da zur Polizei - wurde Kriminaldirektor und Polizeipräsident in Nürnberg, dann BKA-Chef in Wiesbaden
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Illustration: Riccardo Vecchio

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