Einer von uns

Lieber SZ-Leser, laut Marktforschung sind Sie 48 Jahre alt, höhergebildet, haben rund 3000 Euro netto monatlich zur Verfügung und stehen mitten im Leben. Schön für Sie. Jetzt zeigen wir Ihnen jemanden, bei dem es früher genauso war: Dies ist die Geschichte eines hoch qualifizierten Managers, der seit fünf Jahren arbeitslos ist und als Hartz-IV-Empfänger von 347 Euro im Monat leben muss.

An einem Dezembertag 2006 zieht Markus von Stetten* die Notbremse in seinem Leben. Er überwindet seinen Stolz und geht, 54 Jahre, fast zwei Meter groß, im guten grauen Anzug ins Neuperlacher Sozialbürgerhaus. Dort steht er, Diplom-Ingenieur, Diplom-Wirtschaftsingenieur, Unternehmensberater und Rhetorik-Trainer, Existenzgründerberater und gelegentlich Dozent einer Wirtschaftsschule, etwas verloren im Flur herum, bis ihn eine schwarzhaarige, kleinere Dame fröhlich fragt, wie sie ihm helfen könne. Von Stetten druckst herum. »Ich glaube, ich habe irgendwas von Hartz IV genuschelt, ich habe mich geschämt«, sagt er. Zu diesem Zeitpunkt ist er seit vier Jahren arbeitslos. Auf dem Papier gilt er als selbstständiger Berater und Trainer, aber niemand will sich von ihm beraten oder trainieren lassen. Sein erspartes Geld versickert jahrelang in Wohnung, Auto, Essen, Versicherungen.

Die Dame drückt ihm einen Stapel Formulare in die Hand, überschrieben mit »Antrag auf Sicherung des Lebensunterhalts«, darunter steht: »Arbeitslosengeld II / Sozialgeld«. Dann verschwindet sie mit seinem Ausweis im Kopierraum. Hat sie gezuckt, weil jemand mit einem »von« im Namen Hartz IV braucht? Markus von Stetten weiß es nicht mehr. Beim Ausfüllen muss sich der Durchschlag unter seinen schweren Fingern verschoben haben, Name, Adresse, Bankverbindung stehen auf anstatt über den Linien, Kreuze markieren falsche Kästchen. »Ich wollte nicht nach einem neuen Formular fragen. War ja nur mein Durchschlag«, sagt er. Die Dame stempelt den Antrag, etwas schräg landet der 15.12.06 auf dem Papier, sie kritzelt ihr Zeichen daneben und schickt von Stetten mit seinem Ausweis und dem Durchschlag nach Hause. Markus von Stettens ins Schleudern geratenes Leben kommt zum Stehen. Dafür übernimmt nun Hartz IV die Kontrolle. Von Stetten bekommt die Miete bezahlt und jeden Monat 347 Euro zum Leben. Er hat noch: 1239,90 Euro auf drei Konten und 92,91 Euro auf seinem Sparbuch. Außerdem einen guten Anzug, viele Bücher, einen Laptop, der wegen eines Virus nicht mehr internetfähig ist, einen alten Audi und seine 60 Quadratmeter große und 673,91 Euro teure Wohnung in einem farbigen Betonklotz, der von farbigen Betonklötzen umgeben ist, die am Rande der Stadt stehen. »Aber aus meiner Wohnung muss ich raus, die ist ›unangemessen teuer‹ für einen Hartz-IV-Empfänger. So wurde mir das mitgeteilt«, sagt er.

Strumpfsockig sitzt Markus von Stetten vor dem gläsernen Couchtisch seiner Wohnung, in die er eigentlich niemanden mehr lässt, weil ihm mit dem Job irgendwie auch der Sinn für Ordnung abhanden gekommen ist, und schlägt einen Ordner auf. Sorgfältig heftet er den Antrag auf Arbeitslosengeld II aus, sein Dokument gewordenes Scheitern, und legt ihn vor sich auf die Tischplatte.

*Name von der Redaktion geändert

Wer davon weiß? »Ich hänge es nicht an die große Glocke«, sagt er, lächelt und knetet seine Finger. Also wissen es nur die engsten Freunde? Er verschränkt die Finger und legt sie auf der Glasplatte ab. Holt tief Luft.
»Nein, niemand. Ich habe es niemandem erzählt.« Auch nicht Eltern, Geschwistern? Markus von Stetten schüttelt den Kopf. »Die Eltern wissen, dass es schlecht läuft für mich. Wenn ich sie besuchen fahre, stecken sie mir die hundert Euro für die Zugfahrt zu, von ihrer Rente. Können Sie sich das vorstellen? Ich habe dreißig Jahre gearbeitet und könnte aus eigener Tasche nicht zu meinen Eltern fahren, als 54-jähriger Mann.« Die Verzweiflung presst seine Stimme zusammen, drückt sie fast ab. »Das tut weh genug. Ich will nicht auch noch als Hartz-IV-Empfänger in den Köpfen abgespeichert sein, ich kenne die Klischees ja«, sagt er.

Hartz IV ist in Deutschland zum Synonym geworden für: ganz unten, dort, wo Verlierer und Asoziale sich treffen, Jogginghose tragen, RTL 2 schauen und Bier trinken. Dabei ist Hartz IV für manche nur ein paar Monate entfernt. Wer morgen seinen Job verliert, bekommt erst Arbeitslosengeld I, sechs bis 18 Monate. Dann Arbeitslosengeld II. Das ist Hartz IV. Die Sicherung der Existenz, das Minimum. Der frühere Grünen-Politiker Oswald Metzger behauptete kürzlich, Hartz IV wirke auf einen Teil der Empfänger wie eine Stilllegungsprämie, sie würden träge und antriebsarm, weil keine Gegenleistung gefordert werde. Natürlich: Wer bei Arbeitslosengeld II landet, kann aufgeben und sich notdürftig einrichten. Andererseits ist dem Stillstand nur sehr schwer zu entkommen.

Markus von Stetten kämpft, aber er hat sein Leben bis heute nicht wieder in Gang setzen können. Dabei geht es doch längst wieder aufwärts in Deutschland. Politiker und Wirtschaftsbosse loben sich für die vollzogene Wende, und tatsächlich haben viele Menschen wieder Arbeit: Im September 2007 gab es fast 600 000 sozialversicherungspflichtige Jobs mehr als noch im September 2006. Um Markus von Stetten hat der Aufschwung einen Bogen gemacht. Er sagt: »Fragen Sie mich nicht, warum, ich weiß es nicht.« Stefan Fricke*, sein Betreuer in der Bundesagentur für Arbeit, sagt: »Herrn von Stettens Problem ist, dass er überqualifiziert ist.« Von Stetten war lange als Produktberater bei einem internationalen Computerhersteller, erst in Deutschland, dann drei Jahre im kalifornischen Silicon Valley. Anfang der Neunziger wechselte er nach München, zu Siemens, und ging schließlich 2000 zu einer großen Münchner Unternehmungsberatung. Im August 2002 stellte die Hartz-Kommission ihre Idee eines strengeren Sozialstaats vor. »Aha, werden die Daumenschrauben angezogen«, dachte von Stetten sich damals, und ein bisschen war es ihm egal. Ende 2002 wurde seine Abteilung in der Unternehmensberatung aufgelöst und er stand selbst im Arbeitsamt.

*Name von der Redaktion geändert

Zwischen damals und heute liegen hunderte Bewerbungen, wertlos gewordene Aktien eines in Konkurs gegangenen Unternehmens, eine Weiterbildung zum Business Trainer und von 2005 an der gescheiterte Versuch, selbst etwas auf die Beine zu stellen. »Ich wollte dem Staat nicht zur Last fallen, ich wollte arbeiten und ich dachte mir: Wenn dich keiner mehr einstellen will, dann wirst du eben selbst zur Firma. Aber ich habe gemerkt, dass ich das nicht kann: allein loslegen, ohne ein Unternehmen im Rücken.« Diese Zeit kostete ihn fast alle seine Reserven, ebenso viel an Selbstvertrauen, und sie endete nicht in der Unabhängigkeit, sondern bei Hartz IV.

Weil Markus von Stetten niemandem davon erzählt hat, kann er auch mit niemandem darüber sprechen. Hartz IV macht einsam. Auf verschiedene Arten. An eine Beziehung ist nicht zu denken, sagt er: »Mir sitzt die Existenz im Nacken, ich habe andere Sorgen.« Und wer auf Arbeitslosengeld II angewiesen ist, merkt schnell: Gesellschaft kostet fast immer Geld. »Ich kann mir keinen Tanzabend mehr leisten, kein Kino, kein Glas Rotwein in einer Bar. Ich komme kaum mehr aus der Wohnung«, sagt er. Wenn Freunde anrufen, Freunde von früher, mit Jobs, mit Geld, und fragen, ob er mit ins Theater geht oder in ein Restaurant: »Dann bin ich eben müde, habe Kopfweh oder schon etwas anderes vor.« Mittlerweile werden solche Anrufe seltener, zu oft hat er abgesagt. Von Stetten kehrt die Handflächen nach oben, lächelt, ohne es so zu meinen, und sagt: »Im Freundeskreis setzt eine Art ›fade away‹ ein, seit ich aus dem Business bin, das muss man konstatieren.«

So redet er oft, er zieht eine Mauer aus nüchternen Marketingvokabeln hoch, die er zwischen sich und seine Situation schiebt. Wenn er sagen will, dass seit Hartz IV alles anders geworden ist, sagt er: »Seitdem agiere ich auf einer ganz neuen Erfahrungsebene.«

Diese Sprache schafft nicht nur Distanz, sie ist auch das Letzte, was ihm geblieben ist aus den guten Zeiten, das Letzte, was ihn, den Langzeitarbeitslosen, als Fachmann ausweist. Es ist schwer für einen Hartz-IV-Empfänger, im Kopf eine selbstbewusste Führungskraft zu bleiben. »Das nagt schon an einem, wenn es Absagen hagelt. Jede einzelne Absage trifft einen, daran gewöhnt man sich nicht. Man dachte doch jahrelang, man wüsste, wie es geht.«

Damit seine fachlichen Kontakte nicht ganz abreißen, inszeniert Markus von Stetten aus Geldnot ein absurdes Versteckspiel. »Wenn ich mit den Kollegen aus dem Rhetorikclub eine Bar besuche, verschwinde ich auf die Toilette, solange der Kellner Bestellungen aufnimmt.« Wenn er sich mit ehemaligen Geschäftsfreunden zum Abendessen trifft, »dann sage ich, ich hätte mir den Magen verdorben, und bestelle nur ein Glas Wasser«. Wenn er als Dozent einer Wirtschaftsschule – er gibt ein oder zwei Seminare im Halbjahr, das Geld wird mit der Leistung vom Staat verrechnet – auf einer Abendveranstaltung selbst bezahlen muss, bleibt es bei einer kleinen Cola: »Verstehen Sie, wenn ich denen sage, ich bin auf Hartz IV, will aber anderen Menschen beibringen, wie sie ein Unternehmen erfolgreich führen können, dann lachen die mich aus. Dann kann ich das vergessen.«

Auch Stefan Fricke, der Betreuer von der Bundesagentur für Arbeit, erwähnt gegenüber möglichen Arbeitgebern nie den Begriff Hartz IV: »Wir hatten schon Arbeitgeber, die wütend hier anriefen, nachdem sie erfahren haben, dass wir ihnen einen Hartz- IV-Empfänger zum Vorstellungsgespräch geschickt haben. Das sei eine Unverschämtheit, sie wollten qualifizierte Leute und keine Asozialen.« Fricke spricht von Kunden. Von Stetten sei einer, der etwas könne und der auch wolle. »Wir haben selten Kunden, die dermaßen engagiert bei der Sache sind«, sagt er. »Versuchen Sie mal, zwei oder drei Jahre die Motivation zur Jobsuche aufrechtzuerhalten. Das können die wenigsten.«

Wer es doch schafft, dem fehlt die Kraft vielleicht für andere Sachen, in von Stettens Fall: fürs Aufräumen. Im Arbeitszimmer türmen sich Kartons, Zeitschriften, Kataloge, in Klarsichtfolie gepackte Bewerbungen und Zeitungsausschnitte mannshoch, irgendwo steht ein Bügelbrett, davor ein Haufen Wäsche; aus den Regalen quellen Papiere und Ordner, auf einem Klappbett wachsen gerade neue Stapel in die Höhe. »Typisch, oder?«, sagt er. »Alle Zeit der Welt haben, aber nichts tun.« Er verzieht die Mundwinkel.

Tatsächlich hat er zu wenig Zeit, sagt er, »und weil einem das keiner glaubt, führe ich seit Januar 2007 Buch«. In manchen Wochen kommt er auf mehr als zehn Stunden Arbeit am Tag – solange er keinen Job hat, macht er die Suche danach zum Beruf: Bewerbungen schreiben, Internetseiten nach Stellenanzeigen durchsuchen, Bewerbungen verbessern, Vorstellungsgespräche vorbereiten, Bewerbungen verschicken. Zwischendurch muss er in die Stadt: zu seinem Betreuer im Jobcenter, ins Internetcafé, er ist bei zehn Internet-Jobbörsen angemeldet und verschickt die meisten Bewerbungen online, weil es billiger ist, und in die Bibliothek, für Fachliteratur und wegen der Stellenanzeigen der Tageszeitungen. Früher hatte er ein SZ-Abo, heute sind schon die 1,90 Euro für die SZ-Wochenendausgabe zu viel.

Wenn am Ende dieser immer gleichen Tage und Bemühungen eine Absage steht, war wieder alles umsonst, verschwendete Zeit. Als wäre es das Leben eines anderen, schaut er sich, fassungslos und gleichzeitig professionell, dabei zu, wie er trotz allem nicht von der Stelle kommt. Und macht weiter: »Vom Bewerben allein hält sich die Qualifikation ja nicht, man muss etwas tun, um auf dem Laufenden zu bleiben.« Er belegt als Gasthörer Kurse an der Uni und bereitet Reden vor, die er einmal im Monat im Rhetorikclub hält. Die 45 Euro, die der Club im halben Jahr kostet, wollte ihm die Betreuerin vom Jobcenter streichen, die seine beruflich bedingten Kosten absegnen muss. Sie fand die umgerechnet 7,50 Euro im Monat zu viel, sah keinen Sinn darin. »Das war neu für mich, dass ich wegen ein paar Euro abgekanzelt werde wie ein dummer Junge.«

Von Stetten musste sich an vieles gewöhnen. Hartz-IV-Empfänger müssen sich an vieles gewöhnen. An den Befehlston der offi-ziellen Schreiben: »Sie haben zu erscheinen« – »es ist vorzulegen«. Oder daran, dass ihr Leben nach Vermögen durchleuchtet wird. »Da werden die Hosen runtergelassen«, sagt von Stetten. »Ich verstehe das. Demütigend und entwürdigend ist es trotzdem. Aber damit muss ich mich abfinden. Es ist eben ein anderes Leben.«

In seinem neuen Leben, das doch nur als Übergang gedacht war und nun schon so lange dauert, kann er seinen Eltern nichts zu Weihnachten schenken und sich nicht daran erinnern, was sein Lieblingsgericht ist. Es gibt immer Reis oder Nudeln, mit Gemüse. »Das darf ungefähr einen Euro kosten, Kohl ist billig, den esse ich dann eine Woche lang.« In seinem neuen Leben herrscht eine ständige Anspannung, die er nicht los wird, auch nicht bei Spaziergängen oder beim Yoga. Es gibt nichts, das ihn ablenken könnte. Weil Hartz IV sich in jeden Winkel seines Lebens geschlichen hat.

Früher war er oft tanzen, Standard und Latein, spielte in einem Orchester Quer-
flöte, ging wandern und schwimmen, leitete Segelfreizeiten. Im Urlaub flog er nach Indien oder in die USA, Geld war nicht das Thema. In Kalifornien kaufte er sich einen alten Wagen, ein Oldsmobile mit acht Zylindern, fünf Meter lang, zwei Meter breit, dunkelrot mit weißen Streifen an der Seite und perlweißem auffaltbarem Dach. Damit fuhr er den Highway 1 entlang, mit offenem Verdeck. »Das Schönste in diesem Jahr war ein Sonnenuntergang in Herrsching am Ammersee, da fährt die S-Bahn hin. Die Welt wird eben kleiner.«

Von Stetten kennt auch Tage, an denen er alles hinwerfen will. Sich einrichten im anscheinend Unvermeidlichen. Den Bewerbungsmarathon sein lassen. Dann hockt er die gan-ze Nacht vor dem Fernseher und schaut den anderen beim Leben zu, beim Ausgelassen-Sein. »Rühmann-Filme oder alberne Verwechs-lungskomödien, wo man einfach mal lachen kann«, sagt er. Am nächsten Morgen ärgert er sich, wenn er nicht aus dem Bett kommt.

Aber was, wenn der Albtraum nicht aufhört? »Ja, was? Weiß ich nicht. Darf ich nicht dran denken, ich muss hoffen«, sagt er. »Wir werden den Herrn von Stetten in Arbeit bekommen, auch wenn es noch dauern kann«, sagt Stefan Fricke, 3500 Euro brutto monatlich wären realistisch, meint er.

Manchmal denkt Markus von Stetten: Vielleicht ist Hartz IV eine Art Jakobsweg für ihn. »Ich bin mir über vieles klarer geworden, was wichtig ist und was nicht. Wofür es sich lohnt zu kämpfen. Worüber man sich freuen kann.« Dann hält er kurz inne, räuspert sich, und meint, der Vergleich sei natürlich völlig schief. Weil die Pilger vorankämen, Tag für Tag, und jederzeit wüssten, wo und wann ihr Weg endet.

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