»Wir müssen auf die Russen zugehen«

Jahrzehntelang hat Hans-Dietrich Genscher für die Überwindung des Ost-West-Konflikts und die europäische Einigung gekämpft. Doch sein Vermächtnis ist ins Wanken geraten. Ein Gespräch über die Macht des guten Willens in politisch stürmischen Zeiten

Beim Thema Europa ist dem für seinen Humor bekannten Genscher nicht nach Scherzen zumute: Er warnt eindringlich vor einem Austritt Griechenlands aus dem Euro.


SZ-Magazin: Vor einigen Monaten antwortete Ihr Büro auf unsere Anfrage für ein Interview, Sie seien schwer erkrankt und könnten sich deshalb nicht öffentlich äußern. Das klang dramatisch.

Hans-Dietrich Genscher: Ich war praktisch seit September letzten Jahres außer Gefecht gesetzt. Anfang Januar habe ich meinen Kardiologen gefragt: Na, wie sieht’s aus? Bitte nicht drumherum reden! Da sagte er: Also wenn Sie’s denn wissen wollen mit unserer Kunst sind wir am Ende. Den Rest müssen Sie alleine schaffen.

Und was waren Ihre Gedanken?
Das kann es doch noch nicht gewesen sein! Und ich habe mich an die Worte eines Arztes erinnert, der mich mit 19 wegen einer Lungentuberkulose behandelt hatte: Junge, die Überwindung deiner Krankheit ist zu fünfzig Prozent abhängig von deinem Willen und deiner inneren Kraft. Entwickelst du diese Stärke, dann kannst du es schaffen. Er sollte Recht behalten.

Inzwischen sind Sie 88 Jahre alt.
Ich kann noch nicht wieder so gut gehen, aber ansonsten fühle ich mich richtig gut.

Was ist das Schlimmste am Alter?
Ich nehme das so, wie es ist. Ich beklage mich nicht, sondern erfreue mich jeden Tag aufs Neue, es bis hierher gebracht zu haben. Angesichts der Erkrankungen, die ich immer wieder hatte, hätte ich das nie gedacht. Als junger Mann musste ich wegen der Lungentuberkulose insgesamt drei Jahre in Heilstätten und Krankenhäusern verbringen.

Wie sieht ein normaler Tag im Leben des Pensionärs Hans-Dietrich Genscher aus?
Ich habe mehr Zeit für meine Frau, die Familie, für das Lesen und die Pflichten, die nicht aufhören.

Welche Pflichten?
Wenn Sie bekannt sind, bekommen Sie einen unglaublichen Schriftverkehr. Besonders als die Sache mit dem russischen Unternehmer Michail Chodorkowski in der Zeitung stand, für dessen Freilassung ich mich 2013 eingesetzt hatte, brach eine Welle von Zuschriften los. Viele Menschen baten, ich solle mich für ihr Anliegen einsetzen, oft Eltern von jungen Leuten, die im Zusammenhang mit Drogen in Asien verhaftet wurden. Gerade sie bedürfen einer gründlichen Antwort, weil sie meist ratlos und verzweifelt sind.

Ihre diplomatischen Dienste sind also bis heute gefragt.
Natürlich gibt es auch immer wieder Anfragen aus der Partei, ob man nicht aushelfen könne – oft in dem Glauben, in unserer Zeit sei alles besser gewesen.

Und, war es das?
Ich habe das immer für Schwärmerei gehalten. Wie oft haben Walter Scheel und ich uns anhören müssen: Ja, als der Heuss noch am Ruder war, das waren Zeiten!

Sie haben einen großen Teil Ihrer politischen Karriere in die Annäherung zwischen West und Ost investiert. Die gegenwärtige Entfremdung zwischen Russland und dem Westen muss Sie doch persönlich treffen.

Ich mache mir Sorgen, das stimmt. Ich will es so ausdrücken: Nach dem Fall der Mauer gab es große Perspektiven, die nicht genutzt worden sind. Und als die Probleme eskalierten, sind die Institutionen, die wir eigentlich hatten, nicht genutzt worden.

Welche Institutionen meinen Sie?
Zum Beispiel den NATO-Russland-Rat – eine kühne Idee. Dass davon so wenig Gebrauch gemacht wird, verstehe ich nicht. Dieser Rat wurde ja gerade für diese Zeiten gemacht – nicht wenn die Sonne scheint, sondern wenn es regnet. Ich höre immer wieder, wie schwer es ist, alle gemeinsam an den Tisch zu bekommen. Natürlich ist das eine beschwerliche Prozedur. Aber immer noch besser als diplomatische Funkstille. Gottlob ist unsere Regierung beharrlich darum bemüht, den Faden nicht abreißen zu lassen.

Es geht in dem Streit mit Russland nicht nur um Befindlichkeiten. Putin hat die Krim annektiert und damit das Völkerrecht gebrochen.

Außenpolitik verlangt, auf sein Gegenüber Einfluss zu nehmen und sich nicht abzuwenden. Nur so kann man die Dinge in eine andere, das heißt bessere Richtung lenken.

Der Westen hat mit Sanktionen reagiert. Ein Fehler?
Ich glaube nicht, dass sie die Wirkung haben, die man sich erhofft. Putin dagegen sind die Sanktionen innenpolitisch gar nicht so unrecht; so kann man eigene Probleme abwälzen. Außerdem leidet auch unsere Wirtschaft unter den Sanktionen.

Wollen Sie damit sagen: Dem Westen bleibt nichts anderes übrig, als die Einverleibung der Krim zu akzeptieren?
Natürlich nicht. Aber wenn man Einfluss auf die andere Seite nehmen will, muss man mit ihr reden. Und zwar ohne Voraussetzungen. Für mich war in den Siebzigerjahren die deutsche Entspannungspolitik und die KSZE-Konferenz der Weg zur Entkrampfung des Ost-West-Verhältnisses und schließlich zur deutschen Einheit. Wenn wir gesagt hätten, erst muss Deutschland vereinigt werden, dann können wir miteinander reden, dann würden wir heute noch auf beides warten.

Haben Sie Verständnis für die Sorge der Russen, von der NATO eingekreist zu werden?
Objektiv besteht kein Anlass dafür. Aber die Osterweiterung hätte im Dialog mit Russland so gestaltet werden können, dass die Sorge wahrscheinlich gar nicht erst aufgekommen wäre. Schließlich hatten wir zuvor auch die sehr viel kompliziertere Frage der NATO-Mitgliedschaft des vereinten Deutschlands gelöst. Ich habe meinem Kollegen Schewardnadse damals gesagt: Wir haben jetzt 500 000 Soldaten. Wir bieten euch an, dass das vereinigte Deutschland weniger Soldaten haben wird als Westdeutschland allein, also 350 000 bis 400 000. Heute sind es noch weniger.

Diese Reduzierung kam aber erst auf Drängen von Schewardnadse zustande, des sowjetischen Außenministers.
Nein, wir hatten davor natürlich ausführliche Gespräche. Was ich sagen will: Wenn jemand schwächer wird, muss man ihm die Hand geben, das wird er nicht vergessen. Wenn man die Hand entzieht, wird er auch das nicht vergessen. Wir leben heute in einer globalisierten Welt und sind viel mehr als früher auf Kooperation zwischen den Staaten angewiesen. Die alte Politik der Konfrontation – Wer ist der Stärkere? Wer hat das Sagen? – ist unzeitgemäß. Wir brauchen die gemeinsame Kraft aller, um die Krisen um uns herum zu lösen. Dass wir dort, wo wir kooperieren, auch erfolgreich sind, hat vor Kurzem das Iran-Abkommen gezeigt. Die Russen hätten das locker blockieren können, wenn sie gewollt hätten. Haben sie aber nicht. Das heißt: Wenn beide Seiten es wollen, kann man.

Glauben Sie, dass auch die Krisen im Irak und in Syrien nicht so eskaliert wären, wenn die Russen und die Amerikaner zusammenarbeiten würden?
Durchaus. Sie müssen überlegen: Wie haben wir den Kalten Krieg überwunden, allerdings unter maßgeblicher Mitwirkung der Europäer. Oder, um es noch deutlicher zu sagen, der deutschen Entspannungs- und Sicherheitspolitik. Dazu musste erst einmal das Klima entgiftet werden. Am Ende stand die Charta von Paris aus dem Jahr 1990. Die ist ein politisches Programm für einen gewaltigen Raum – von Vancouver bis Wladiwostok. Er verbindet drei Kontinente miteinander. Und aus der Sicht von damals die beiden Welten. Das war ein Konzept, das auch sehr stark im Interesse des Ostens lag. Man könnte den 25. Jahrestag dieser Charta, der im November dieses Jahres ansteht, sehr gut nutzen für einen Neuanfang, indem man eine Konferenz einberuft und untersucht, was können wir jetzt tun, um den Norden der Erdkugel wieder zu stabilisieren. Das muss mit der Sprache beginnen und auch mit der Abrüstung der Sprache. Jeder muss klar und ehrlich sagen, was wollten wir am Ende des Kalten Krieges? Die Teilungsgrenze Europas nach Osten verschieben oder die Teilung Europas beenden? Wir wollten das Letztere.

Dazu braucht es auf beiden Seiten Menschen, die guten Willens sind. Ihre Entspannungspolitik fiel ja auch nur auf fruchtbaren Boden, weil Gorbatschow bereit war, Gemeinsamkeiten zu suchen.
Dazu kam seine enorme Weitsicht. Lange bevor das Wort Globalisierung in die politische Debatte eingeführt wurde, hatte Gorbatschow eine Rede vor der UN gehalten, im Dezember 1988, wo er feststellte, es gibt Probleme, die uns alle betreffen. Die müssen wir deshalb auch gemeinsam angehen. Da hatte er natürlich völlig recht. Man kann auch heute rückblickend sich nur wundern, wie Gorbatschow auch im Westen zunächst verkannt wurde. Auch Bush senior hat dann nach dem Ende des Kalten Kriegs von der neuen Weltordnung gesprochen – was sein Sohn später etwas übertrieben hat.

Das ist sehr diplomatisch ausgedrückt.

Dazu kann ich Ihnen eine kleine Geschichte erzählen, die mir vor einigen Jahren zugetragen wurde: Da war eine hohe Persönlichkeit bei Bush senior zu Besuch beim Kaffee auf der Ranch. Und die beiden Söhne, der spätere Gouverneur und der spätere Präsident, spielten Ball. Da fragte der Gast: Können Sie sich denn vorstellen, dass einer von denen mal Präsident wird? Ehe der Vater antworten kann, sagt die Mutter: Aber der nicht! Sie deutete auf George W. Bush.<!-- /* Font Definitions */@font-face{font-family:Cambria;panose-1:2 4 5 3 5 4 6 3 2 4;mso-font-charset:0;mso-generic-font-family:auto;mso-font-pitch:variable;mso-font-signature:3 0 0 0 1 0;} /* Style Definitions */p.MsoNormal, li.MsoNormal, div.MsoNormal{mso-style-parent:"";margin:0cm;margin-bottom:.0001pt;mso-pagination:widow-orphan;font-size:12.0pt;font-family:"Times New Roman";mso-ascii-font-family:Cambria;mso-ascii-theme-font:minor-latin;mso-fareast-font-family:Cambria;mso-fareast-theme-font:minor-latin;mso-hansi-font-family:Cambria;mso-hansi-theme-font:minor-latin;mso-bidi-font-family:"Times New Roman";mso-bidi-theme-font:minor-bidi;mso-fareast-language:EN-US;}@page Section1{size:595.0pt 842.0pt;margin:70.85pt 70.85pt 2.0cm 70.85pt;mso-header-margin:35.4pt;mso-footer-margin:35.4pt;mso-paper-source:0;}div.Section1{page:Section1;}-->

Was tun, damit die Situation nicht weiter eskaliert?

Beim Thema Europa ist dem für seinen Humor bekannten Genscher nicht nach Scherzen zumute: Er warnt eindringlich vor einem Austritt Griechenlands aus dem Euro.

Sehen Sie bei Putin überhaupt eine Bereitschaft zum Dialog, wie damals bei Gorbatschow und Bush senior?
Er kommt mir durchaus pragmatisch vor. Er hat eine nüchterne Sprache. Das mag es unserer Bundeskanzlerin erleichtern, mit ihm auch schwierige Gespräche zu führen. Mir scheint, sie kann ihm im direkten Gespräch näherkommen als andere Staats- oder Regierungschefs. Nicht nur, weil sie Russisch spricht.

Michail Gorbatschow hat Anfang dieses Jahres ein sehr eindringliches Interview im Spiegel gegeben, in dem er vor dem Dritten Weltkrieg warnte. Übertreibt er?
Ich teile seine Sorge. Vielleicht ist unserer Generation noch mehr das Menetekel des Ersten Weltkriegs gegenwärtig, in den man reingerutscht ist, ohne die Gefahr voll zu erkennen.

Was tun, damit die Situation nicht weiter eskaliert?

Da anknüpfen, wo wir mit großen Hoffnungen nach dem Fall der Mauer gestartet sind: Wir könnten doch erst mal über unsere Ziele sprechen. Und dann wird man feststellen, dass wir vor einer ganzen Reihe von Herausforderungen stehen, über die wir uns noch nicht entzweit haben, weil die Fragen bisher gar nicht gestellt wurden. Etwa die Flüchtlingsfrage: Das wird zunehmend eine Weltflüchtlingsfrage. Leider gibt es hier in Europa auch Menschen, die sagen: Wir wohnen in Nordeuropa, nicht in Südeuropa, insofern gehen uns die Afrika-Flüchtlinge nichts an. Aber genauso wenig können die Amerikaner sagen, das interessiert uns nicht. Es gibt heute kaum eine Krise, die nicht global gelöst werden muss. Da wäre Europa ein gutes Versuchslabor, weil sich hier gezeigt hat, dass sich nach all den Kriegen die Parteien eben doch finden können, um Probleme gemeinsam anzugehen. Als in den Fünfzigerjahren das Europa der Sechs gegründet wurde, war ein Zwergstaat wie Luxemburg gleichberechtigt mit Deutschland. Und es funktionierte.

Ist das nicht sehr rosig dargestellt? Bei der Griechenland-Krise ist uns das Versuchslabor fast um die Ohren geflogen.
Das ist die Folge davon, dass viele gar nicht begriffen haben, dass sich auch Europa jeden Tag neu bewähren muss.

Vor Kurzem äußerte der Politologe Herfried Münkler, Europa sei der Gründungsmythos abhandengekommen. Siebzig Jahre ohne Krieg reichten heute nicht mehr, um die Menschen für Europa zu begeistern.
Immerhin ist es in Europa gelungen, höchst verschiedene Staaten, große und kleinere, unter einen Hut zu bringen. Das wird auch das Problem einer neuen Weltordnung werden: Ist es möglich, sich über die eigenen Grenzen hinaus zu verständigen in der Welt? Ist es nicht so, dass es dem eigenen Land auf Dauer nur gut gehen kann, wenn es auch dem Nachbarn gut geht? Das hat europäische Solidarität möglich gemacht. Da hat Europa wirklich eine globale Mission. Europa ist in den Augen der Welt längst zu einem Gestaltungsmodell geworden. Auch wenn das in mancher Hauptstadt noch nicht erkannt wird. Und die Welt zu einer Weltnachbarschaftsordnung, wo im Prozess der Globalisierung jeder mein Nachbar ist, auch ohne gemeinsame Grenze.

Aber die Griechenland-Krise zeigt doch, dass die Zusammenarbeit der großen und kleinen Staaten nicht so reibungslos funktioniert. Merkel und Hollande bestimmen, wo es langgeht in Europa.
Es gibt einen Geburtsfehler der Währungsunion, der in Wahrheit der »Erfolg« der damaligen Gegner der Währungsunion ist: Die Gegner konnten den Euro nicht aufhalten, aber eine Harmonisierung der Wirtschafts- und Finanzpolitik haben sie erfolgreich torpediert mit dem Totschlagargument: keine Wirtschaftsregierung in Brüssel. Die fehlt heute. Dafür beklagen die Gegner, was sie damals selbst angerichtet haben. Hätten wir diese Harmonisierung, wäre auch die Mitwirkung der kleineren Länder stärker. Man hätte die Harmonisierung der Wirtschafts- und Finanzpolitik in den Vertrag hineinschreiben müssen. Das hätte ein Frühwarnsystem verlangt, sodass man den Griechen früher hätte sagen können: So nicht!

Daran ist im Moment nichts zu ändern. Stattdessen wächst im Ausland die Sorge, Deutschland könnte seine Wirtschaftskraft nutzen, um Europa zu beherrschen.
Ich finde diesen Vorwurf ungerecht. Man kann nicht sagen, dass Deutschland sich diese Rolle anmaßt. Was Griechenland betrifft, war es unsere Verantwortung, auf die Stabilitätsgrundsätze hinzuweisen. Merkel hat es ja nicht überzogen, und sie war auch nicht allein. Wir haben keinen Alleingang gemacht.

Hätte man nicht etwas feinfühliger auftreten können?
Am Ende waren alle froh, dass Schäuble ausgesprochen hat, was die meisten gedacht haben.

Wäre es wirklich ein Problem für die EU, wenn Griechenland aus der Währungsunion austräte?
Ich halte das für sehr gefährlich, weil es zu einer Zerfledderung Europas führen würde. Manche Staaten könnten bei ähnlichen Problemen auch sagen: Machen wir nicht mit, dann gehen wir eben. Die EU ist inzwischen viel mehr als nur eine wirtschaftliche Union. Da braucht es neue Initiativen. Mehr Europa muss auf den Tisch. Man darf sich nicht nur auf das Ökonomische verengen.

Aber gerade herrscht doch überall große Europa-Skepsis.
Gegenfrage: Finden Sie, dass Europa heute gesegnet ist mit großen Europäern? Eben. Wir brauchen wieder mehr bekennende Europäer und weniger Ja-aber-Europäer. Die muss man entlarven. Sie sind in Wirklichkeit Anti-Europäer. Ich bin überzeugt: Griechenland wird bald wieder ein ganz normales Mitgliedsland sein.

Schwer vorstellbar.
Dieses »schwer vorstellbar« hat man Ludwig Erhard nach dem Zweiten Weltkrieg auch entgegengerufen: Dass Deutschland so kurz nach dem Krieg die Zwangsbewirtschaftung aufheben und die Marktwirtschaft einführen würde. Und siehe, es ging doch. Allerdings ist das, was jetzt geschehen muss, nicht nur eine griechische Sache. Europa muss institutionell weiter entwickelt werden. Deshalb sage ich: Mehr Europa ist das Rezept, und nicht das Gegenteil.

Viele meinen, dass Brüssel schon jetzt zu viel Macht hat und sie für seltsame Entscheidungen missbraucht.
Genau das erzürnt mich! Die Vorstellung: Das müssen wir so machen, weil Brüssel das verlangt. So als ob wir nicht in der Kommission wären oder im Europäischen Rat und im Parlament! Europa, das sind wir, wir alle, wo immer wir in der EU leben.

Sie gelten als Mann des Ausgleichs. Konnten Sie in Ihrer Amtszeit auch mal laut werden?
Ja, sicher. Ich erinnere mich an die Zwei-plus-Vier-Verhandlungen. Anfang Februar 1990 war in Ottawa die Open-Sky-Konferenz – von Bündnis zu Bündnis. Ich habe mit Baker in Washington besprochen, das wäre eine gute Gelegenheit, sich zu verständigen über die Einsetzung der Zwei-plus-Vier-Verhandlungen, es waren ja alle da. Das Wichtigste hatten wir schon in Vorgesprächen festgezurrt. Als wir fertig waren, gab ich sofort eine Pressekonferenz, um das gleich loszuwerden. Dann ging ich in die eigentliche Konferenz, wo ich sofort vom aufgebrachten Holländer und vom Italiener bestürmt wurde, wieso denn die Polen auch noch zu den Zwei-plus-Vier-Verhandlungen hinzukommen sollten? Ich sagte, mit denen hätten wir noch eine Grenzfrage zu regeln, habt ihr auch Grenzfragen mit uns? Als die Empörung nicht aufhörte, bin ich aufgestanden und hab laut geblafft: You are out of that game! Dann war Ruhe. Die Begrenzung auf Zwei plus Vier musste sein, sonst würden wir heute noch verhandeln.

Es war aber nur eine kleine Waffe.

Genschers Arbeitszimmer in seinem Bungalow in einem Vorort von Bonn ist immer noch das gleiche wie zu seiner Zeit als Außenminister.

Haben Sie jemals das Gefühl gehabt, von einem politischen Gegenüber über den Tisch gezogen worden zu sein?
Nein.

Wirklich nie?
Sie haben mich nach meinem Gefühl gefragt.

Es heißt, Sie hätten Verhandlungen gern mit Witzen aufgelockert. Ihr Freund Schewardnadse sagte, nur einer habe bessere Witze erzählt: Ronald Reagan. Stimmt das?
Das beleidigt mich im Nachhinein. Ich bestehe darauf, dass meine die besseren waren.

Sie hatten während Ihrer 18 Jahre als Außenminis-ter mit vielen großen Politikern zu tun und mit noch größeren Egos. Sie mussten dann vermitteln, zum Beispiel zwischen Helmut Schmidt und Jimmy Carter, die sich nicht ausstehen konnten.
Das war in der Tat so. Es klappte nicht so recht; manche meinten, wohl auch, weil Schmidt der Meinung gewesen sei, die Welt wäre gerechter, wenn er der Präsident der Vereinigten Staaten wäre und Carter deutscher Bundeskanzler. Es gab mal einen Weltwirtschaftsgipfel in Venedig, da fand ein deutsch-amerikanisches Delegationsgespräch statt. Und zwar in einem winzigen Hotelzimmer der amerikanischen Delegation, in dem ein Bett, zwei Stühle, ein Sessel und ein Nachtschrank standen. Carter saß auf dem Stuhl, Schmidt auf dem Sessel, Bölling auf dem Nachtschrank, ein Amerikaner auf dem Bett und ich auf dem anderen Stuhl. Schmidt begann das Gespräch so: Jimmy, wenn du Briefe an mich schreibst und mich angreifen willst, dann suche dir bitte keinen Dummkopf dafür aus. Jeder im Raum wusste sofort, dass Sicherheitsberater Zbigniew Brzezi´nski den Brief für Carter verfasst hatte. Carter schoss verbal zurück. Darauf war die Besprechung zu Ende. Und Schmidt marschierte mit Riesenschritten davon.

So funktioniert Weltpolitik?
Die meisten Menschen vergessen, dass Politiker auch nur Menschen sind. Die Gesetze menschlichen Umgangs miteinander, wie wir sie aus der Familie, aus dem Beruf, aus der Nachbarschaft, aus dem Sportverein kennen, gelten auch für die Politik. Manchmal sogar verschärft wegen der größeren Bedeutung …

… und der Sprachbarrieren. Wie wichtig sind Dolmetscher in Ihrem Beruf?
Sehr wichtig. Mein Englisch ist ja ganz passabel, aber mit Gorbatschow oder Schewardnadse hatte ich keine gemeinsame Sprache. Unsere Dolmetscher waren so gut, dass ich oft vergaß, dass sie da waren. Wie sehr wir von Dolmetschern abhängig sind, habe ich aber vor allem während einer Pressekonferenz in Helsinki in den Siebzigerjahren gelernt. Da kam nach zehn Minuten ein deutscher Korrespondent zu mir, der Finnisch sprach, und sagte: Sie müssen die Pressekonferenz sofort abbrechen – so wie Ihr Dolmetscher übersetzt, kann ich nicht ausschließen, dass morgen der Dritte Weltkrieg ausbricht. Tatsächlich war unser eigener Dolmetscher im Urlaub. Da hatte unser Botschafter einen angeheuert, der sonst für die finnischen Holzhändler übersetzte. Der kam mit Fachbegriffen wie Abrüstung oder Mittelstreckenraketen nicht zurecht.

Mit sprachlichen Missverständnissen hatten Sie öfter zu kämpfen. Helmut Kohl hatte 1986 in einem Interview mit dem US-Magazin Newsweek Michail Gorbatschow mit Joseph Goebbels verglichen. Wie konnten Sie das wieder ausbügeln?

Ich sagte zu Kohl, er solle mir eine beschwichtigende Erklärung mitgeben, die ich Schewardnadse vorlesen kann. Denn ich hatte festgestellt, Gorbatschow und Schewardnadse waren tief getroffen, aber sie wollten ihre Politik nicht gefährden.

Was hat Gorbatschow zu der Angelegenheit gesagt?
Darüber möchte ich lieber schweigen.

Sie selbst können aber nicht erfreut gewesen sein über die Sache.
War ich auch nicht. Man muss ja auch mal sehen: Wie Gorbatschow aufgewachsen ist – dass er die innere Kraft hat, sich so von dem System zu lösen, das war schon was. So eine Öffnung und Wandlung konnten sich viele nicht vorstellen und waren skeptisch, ob er’s ehrlich meint. Schon bei der ersten Begegnung mit mir fragte er: Wie ist es möglich, dass wir den Amerikanern ebenbürtig sind in der Luft- und Raumfahrt, in der Rüstung, aber wir können unsere Leute nicht mit Autos, Wohnungen, Radio und Fernsehen versorgen? Das war schon erstaunlich.

Musste man als Außenminister mit Ihren Ost-Kontakten besonders trinkfest sein?
Ach was. Das Gerede über die trinkfesten Russen ist übertrieben. Breschnew ja. Jelzin auch, das ist ja bekannt. Aber das galt längst nicht für alle. Einmal prostete ich dem damaligen Außenminister Gromyko zu, da beugte sich seine Frau zu mir und sagte: Machen Sie das nicht, sein Arzt hat ihm Alkoholverbot verordnet, aber er will das nicht zeigen.

Da dürften Ihre Begegnungen mit Franz Josef Strauß zünftiger verlaufen sein.
Bei allen politischen Differenzen, die wir hatten, kann ich Ihnen sagen, einen liebenswürdigeren Gastgeber habe ich selten erlebt. Wenn ich zu ihm nach München kam, wurde ich wie ein Staatsgast empfangen.

Dabei galten Sie als Intimfeinde.
Natürlich. Ich erinnere mich noch gut an einen Abend nach der Wahlsendung zur Europawahl 1984. Im Anschluss war ein Koalitionsgespräch vorgesehen in der bayerischen Vertretung: Kohl, Strauß, Genscher, es sollte um Außenpolitik gehen. Alle zogen ihr Jackett aus. Eine Brotzeit kam. Es wurde getrunken. Strauß beschwerte sich bei Kohl über dessen angeblich »unfähige« Mitarbeiter im Kanzleramt. Die beiden Herren waren die nächste Stunde mit sich selbst beschäftigt. Irgendwann juckte es mich, und ich sagte zu Strauß: Bevor Sie sich über Außenpolitik äußern, sollten Sie vielleicht außer dem Bayernkurier noch ein, zwei andere Zeitungen beziehen. Da springt der Mann auf, baut sich vor mir auf, Stirn an Stirn stehen wir da. Sagt Kohl: Wenn das diese Formen annimmt, ziehe ich mich zurück. Packt seine Pfeifensammlung in die Ledertasche und geht. Strauß guckt mich an. Ich sage: Wollen wir uns jetzt schlagen, obwohl der Zuschauer weg ist? Sagt der Strauß: Sehen Sie, Herr Genscher, so isser. Wenn’s ernst wird, haut er ab!

Strauß hat wiederholt eigene Vorstöße in die Außenpolitik unternommen, die nicht immer mit Ihnen abgesprochen waren. Wie fanden Sie das?
Teils befremdlich, teils amüsant.

Sind waren von 1969 bis 1992 Minister, erst für Innen-, dann für Außenpolitik, in einer politisch turbulenten, aber auch spannenden Zeit. Ist Ihnen der Abschied aus dem Amt sehr schwergefallen?
Den letzten Anstoß hat der Ötzi gegeben. Den haben sie auf einem Gletscher gefunden und vor den Kamin gelegt. Langsam kam er zu sich und fragte: Ist der Genscher noch Außenminister? Da habe ich zu meiner Frau gesagt: »Es ist so weit.«

Nach dem Anschlag auf die israelische Olympiamannschaft 1972 in München boten Sie sich als Austauschgeisel an. War das mit Ihrer Familie abgesprochen?
Nein. Man muss gerade eine solche Entscheidung allein treffen. Man darf sie nicht abwälzen auf die Familie. Was soll eine Ehefrau, eine Tochter, eine Mutter auch sagen, wenn ich sie frage: Soll ich das machen? Aber ich habe sie vorher angerufen, um ihre Stimmen noch einmal zu hören. Die Familien tragen ohnehin die schwerste Last.

Es heißt, Sie hätten zu Ihrer aktiven Zeit stets eine Pistole dabeigehabt, um notfalls Ihre Familie und sich selbst zu schützen – denn in Ihrer Zeit als Innenminister waren Sie im Visier der RAF.

Ja, das hat mich beruhigt. Es war aber nur eine kleine Waffe, sie musste ja in meine Hosentasche passen. Hundertprozentige Sicherheit gibt es nie, ich hatte durchaus Grund zur Sorge: In einer konspirativen Wohnung der RAF hatte man eine Zufahrtsskizze für unser Haus gefunden. Es gab noch eine weitere Skizze für den Beschuss meines Dienstwagens auf der Fahrt zum Ministerium.

Aber Sie hatten die Waffe auch noch als Außenminister dabei. Als Sie 1990 zur Nato-Frühjahrstagung nach Schottland reisten, fanden Sicherheitsbeamte die Waffe in Ihrem Gepäck und wollten Sie erst ins Land lassen, wenn Sie die Waffe abgegeben haben.
Ich habe dem Sicherheitsbeamten gesagt: Dann reise ich halt wieder ab. Daraufhin hat er mein Gepäck freigegeben.

Hans-Dietrich Genscher,Aussenminister a.D., wurde am 21. März 1927 in Reideburg/Saalkreis geboren. Nach dem Abitur wurde er im Krieg als Flakhelfer eingesetzt. 1946 erkrankte er an Tuberkulose, was Klinikaufenthalte von insgesamt mehr als drei Jahren zur Folge hatte. Nach der deutsch-deutschen Teilung siedelte seine Familie von Halle nach Bremen über, noch im selben Jahr trat er in die FDP ein, deren Vorsitz er von 1974 bis 1985 übernahm. In der Regierung Brandt bekleidete er von 1969 bis 1974 das Amt des Innenministers, anschließend war er bis 1992 Außenminister. Er lebt heute mit seiner Frau in der Nähe von Bonn.

Fotos: Robert Brembeck

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