"Wenn er 2 Mark Taschengeld bekommen hat, hat er 1,80 Mark gespart"

Eigentlich wollten die Eltern des SPD-Kanzlerkandidaten Frank-Walter Steinmeier »nur ein paar Minuten« ihrer Zeit opfern – sie sind ziemlich pressescheu –, am Ende erzählten sie uns eineinhalb Stunden lang von ihrem Sohn.

    Zwei Wochen bevor Frank-Walter Steinmeier zum SPD-Kanzlerkandidaten gekürt wurde, besuchte unser Autor seine Eltern in Brakelsiek. Ein Gespräch mit Walter, 80, und Ursula Steinmeier, 78, über Frank-Walter Steinmeier, wie ihn keiner kennt.

    SZ-Magazin: Wenn Ihr Sohn sie in Brakelsiek besucht, wie verbringen Sie die wenigen Stunden mit ihm?
    Walter Steinmeier:
    Auf jeden Fall reden wir nicht über Politik. Wirkliche Geheimnisse würde er uns eh nicht erzählen. Wir fragen schon mal, wie Bush so ist oder so, aber weiter geht das nicht.
    Ursula Steinmeier: Wir reden lieber über private Dinge, zum Beispiel was er im Urlaub gemacht hat. Er geht ja sehr gerne in die Berge. Sind Sie keine politisch interessierten Menschen?
    Walter Steinmeier: Schon, aber wir sind nicht aktiv, im Ortsverein oder so. Ich bin 80, meine Frau 78, da mischen wir nicht mehr in der großen Politik mit...

    Aber Sie gehen wählen?
    Walter Steinmeier: Das schon.

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    Bleibt er dann über Nacht, wenn er nach Brakelsiek kommt?
    Ursula Steinmeier: Kommt immer drauf an, was er am nächsten Tag vorhat. Meistens bleibt er ein paar Stunden, manchmal auch über Nacht, er schläft dann in seinem alten Zimmer.

    Und kochen Sie ihm dann sein Leibgericht?
    Ursula Steinmeier: Ja, das schon, am liebsten isst er Frikadellen mit Kartoffelbrei und Sauerkraut.

    Die SPD steckt in der Krise, die Chancen für die Wahl 2009 sind nicht gut. Hätten Sie lieber, dass er nicht Kanzlerkandidat wird?
    Walter Steinmeier:
    Die Aussichten sind schlecht, irgendwie wird er verheizt. Generell raten die Leute ab.
    Ursula Steinmeier: Aber andere Leute haben sie ja nicht, das ist ja das Problem.

    Glauben Sie, dass Ihr Sohn ein guter Kanzler wäre?
    Ursula Steinmeier:
    Auf jeden Fall. Er behält immer die Übersicht und hat ein unglaubliches Gedächtnis. Wenn ich ihm am Telefon was aus dem Ort erzähle, sag ich immer: Ach, den kennst du eh nicht. Er weiß aber jedesmal, wen ich meine. Er speichert einfach alles.

    Ein gutes Gedächtnis allein macht aber noch keinen erfolgreichen Kanzler.
    Ursula Steinmeier:
    Er weiß aber auch, was er will. Und wenn ihm was nicht passt, kann man ihm das am Gesicht ansehen. Also ich sehe das sofort, auch im Fernsehen.

    Halten Sie Ihren Sohn für geeigneter als Kurt Beck?
    Walter Steinmeier:
    Er selbst vertritt den Stadtpunkt, dass Beck verkannt wird. Frank sagt immer: Beck hätte die Fähigkeit, das zu machen. Leider kommt er bei den Frauen nicht an.

    Sagt das auch Ihr Sohn?
    Walter Steinmeier:
    Nein, das sage ich.

    Gibt es Momente, in denen Sie sich wünschen, dass er nicht so eine Karriere gemacht hätte?
    Walter Steinmeier:
    Wenn er bei Jura geblieben wäre, hätte er jeden Tag um 18 oder 19 Uhr Feierabend, das stimmt schon. Als Außenminister ist sein Wochenende am Sonntag mittag vorbei. Und wenn wir mal bei ihm in Berlin sind, ist er oft am Handy. Das klingelt wirklich ständig.

    Wer ruft denn an?
    Walter Steinmeier:
    Merkel, andere Außenminister, alles mögliche...

    Wie oft rufen Sie ihn denn auf dem Handy an?
    Ursula Steinmeier:
    Kaum, wie wissen ja nicht, ob er gerade in einer Sitzung ist.
    Walter Steinmeier: Dafür besprechen wir alles mit seiner Schwiegertochter.
    Ursula Steinmeier: Unser kleines Haus haben wir damals für unsere beiden Söhne gebaut, das war früher so üblich. Und wir dachten immer, Frank würde das mal übernehmen später. Aber dann ist er erst nach Hannover und dann nach Berlin gegangen. Unser Plan rückte immer weiter in die Ferne. Heute ist klar, er geht nicht mehr auf.

    Vermissen Sie ihn?
    Ursula Steinmeier:
    Natürlich. Wir sehen uns einfach zu selten. Seinen Bruder sieht er ja auch nicht oft, dabei verstehen wir uns alle ganz hervorragend. Neulich war er da, als mein Mann seinen 80. Geburtstag gefeiert hat, aber auch da musste er am nächsten Tag gleich nach Norwegen.

    Was für ein Gefühl ist das, wenn Sie den Fernseher einschalten und sehen, was Ihr Sohn gerade mal wieder so macht?
    Walter Steinmeier:
    Daran haben wir uns im Laufe der Jahre gewöhnt. Sicher, wenn er in Asien oder Afrika ist, sind wir schon beeindruckt. Und dann immer diese schwierigen Verhandlungen, wenn Leute entführt worden sind....
    Ursula Steinmeier: Für mich ist es am schlimmsten, wenn er nach Afghanistan muss. Auf der anderen Seite sage ich immer: In Deutschland kann auch jeden Tag was passieren.

    Glaubt man Journalisten, ist Ihr Sohn eher ein zurückhaltender Mensch, ein Denker im Hintergrund, solide und fleißig. Keiner, der die ganz große Bühne sucht wie zum Beispiel Schröder...
    Walter Steinmeier:
    Der Frank will nicht unbedingt glänzen wie Schröder oder der Bodo Hombach. Da hat er noch nie Wert drauf gelegt.

    Als Kind auch nicht?
    Walter Steinmeier:
    Nein, er war immer ganz normal.
    Ursula Steinmeier: Keiner, der unbedingt Klassensprecher werden wollte.
    Walter Steinmeier: Trotzdem war er gut in der Schule. Gut, aber nicht herausragend. Er war ja erst auf der Volksschule hier im Dorf und dann auf dem Gymnasium.
    Ursula Steinmeier: Eigentlich hatten sich vier aus seiner Klasse angemeldet, aber die anderen haben alle einen Rückzieher gemacht. Da wurde mir richtig bang, dass der Frank jetzt ganz allein nach Blomberg aufs Gymnasium nach Blomberg sollte. Und dann hat der Klassenlehrer mit uns gesprochen und gesagt: Wenn der Frank mein Kind wäre, wüsste ich, auf welche Schule ich ihn schicken würde.
    Walter Steinmeier: Die Schulfeten waren immer bei uns. Wir haben im Keller einen Raum, sogar mit Toiletten, da hat sich das angeboten.

    Und war er bei den Feiern einer der Ersten oder der Letzten, die ins Bett sind?
    Ursula Steinmeier:
    So lange sind wir nicht aufgeblieben
    Walter Steinmeier: Das war ja das Gute: Die konnten da unten machen, was sie wollten.
    Ursula Steinmeier: Die haben da auch ab und zu gekocht.

    Was waren seine Hobbies, seine Leidenschaften?
    Ursula Steinmeier:
    Fußball.

    Hat er auch ab und zu ein Buch gelesen?
    Ursula Steinmeier:
    Als Junge hat er eine Menge gelesen. Wir haben im Keller noch eine ganze Kiste, die kann ich gern hochholen. In 80 Tagen um die Welt von Jules Verne, das hat er verschlungen.
    Walter Steinmeier: Und von Karl May hat er auch alles gelesen.

    Wenn Sie mal mit ihm schimpfen mussten, was hätte der Grund sein können?
    Ursula Steinmeier:
    Eigentlich mussten wir nie schimpfen. Vielleicht kam er manchmal etwas spät nach Hause. Oder mit einem kaputten Fahrrad, aber mehr gabs da nicht.

    Erinnern Sie sich an eine Situation, in der Sie ihn besonders gelobt haben?
    Ursula Steinmeier:
    Wenn Muttertag war, hat er immer noch schnell was besorgt, quasi auf den letzten Drücker, und wenn es nur eine kleine Glasschüssel war. Viel Geld hatte er ja nicht.

    Hatten Sie damals eigentlich schon einen Fernseher?
    Ursula Steinmeier:
    Spät, wir haben auch erst spät ein Auto bekommen.
    Walter Steinmeier: Wir hatten ja neu gebaut und mussten erstmal mit den Belastungen fertig werden.

    Ein Familienurlaub war also nicht selbstverständlich?
    Walter Steinmeier:
    Nein. Wir waren zwar mal weg, an der Ostsee oder auf Norderney, aber das war eher mit dem Wohnwagen von der Verwandtschaft. Damals ging es doch allen so. Keiner konnte über die Stränge schlagen. Auch Frank ist bis heute sehr bescheiden.
    Ursula Steinmeier: Wenn er 2 Mark Taschengeld bekommen hat, hat er 1,80 Mark gespart.

    War er ein guter Fußballer?
    Die Leute haben es zumindest erzählt. Wenn man Fußball spielt, macht man ja nichts anderes, dann schwimmt man nicht. Er war immer am Sportplatz, das steht auch in der Chronik des Vereins.

    Wie ging es ihm eigentlich später bei der Bundeswehr?
    Gut, er war ja bei der Luftwaffe in Diepholz. Nach der Grundausbildung haben sie ihm vorgeschlagen, die Offizierslaufbahn einzuschlagen, aber das hat er abgelehnt. Er hat nie gejammert oder so, wollte aber kein Berufssoldat werden. Vielleicht hat er Talent als Lehrer, als Führungsmann und deswegen hat man ihn wohl vorgeschlagen..

    Studiert hat er in Gießen. Haben Sie bemerkt, dass er sich in dieser Zeit verändert hat, vielleicht sogar in eine Richtung, die Sie nicht gut fanden?
    Walter Steinmeier:
    Nein, so was gabs nicht, wir sind ja regelmäßig hingefahren und haben ihn besucht. Er wohnte damals gemeinsam mit anderen Studenten in einem Häuschen, eine klassische WG mit gemeinsamer Kücher, am Rand von Gießen auf einem Dorf.
    Ursula Steinmeier: Gießen ist nicht so weit, da kam er schon ab und an mal am Wochenende. Er fuhr damals eine Ente.

    Welche Musik hat er denn gehört?
    Ursula Steinmeier: Ach, eigentlich alles, was man so gehört hat: Beatles, Bee Gees, Rolling Stones. Aber auch klassische Sachen.
    Walter Steinmeier: Der hat eine ziemlich große Plattensammlung.

    Hatte er auch mal eine Phase, in der er rebelliert hat?
    Walter Steinmeier:
    Eigentlich nicht, er war immer sehr ruhig. Das sehen Sie ja heute noch. Wenn er verhandeln muss, weil irgendwelche Leute entführt wurden, bleibt er immer ruhig und versucht, das Beste aus der Situation zu machen. So war er immer.
    Ursula Steinmeier: Er war fast immer mit vier Jungs zusammen. Die waren so eine Clique und haben jeden Sonntagnachmittag miteinander verbracht. Wir Eltern haben uns abgewechselt und Kuchen gemacht und dann saßen wir alle zusammen. Manchmal spielten sie auch oder gingen in die Gastwirtschaft, aber Punkt halb vier zum Kaffee waren sie immer da. Rebelliert hat er nie und als Student ist er dann eben in die SPD eingetereten.

    Ganz selbständig oder beeinflusst von Ihnen?
    Walter Steinmeier:
    Ganz von allein. Wir waren nicht sehr politisch. Wer die Nazizeit erlebt hat, will mit Partein nicht so viel zu tun haben.

    Wie haben Sie seinen Eintritt in die SPD dann aufgenommen?
    Ursula Steinmeier:
    Ehrlich gesagt haben wir das gar nicht so registriert und schon gar nicht gedacht, dass das mal so ausarten würde. Damals hat er sich nicht so stark politisch hervorgetan, der hat keine großen Reden geschwungen. Wir wussten damals auch lange nicht, dass neben Jura noch Politik studiert.

    Das wirkt ja fast, als hätte er nie wirklich Karriere machen wollen.
    Ursula Steinmeier:
    Das ist ja auch so. Ihm ist alles eher passiert. Nach dem Studium hatte er drei Angebote, eines davon war in Hannover und das hat er angenommen, weil es nicht weit weg von Zuhause ist. Und dann kam er ja erst mit Schröder in Kontakt.

    Die beiden haben jahrelang gut zusammen gearbeitet. In letzter Zeit scheint sich das Verhältnis etwas abgekühlt zu haben.
    Ursula Steinmeier:
    Ja, ich glaube, die begegnen sich heute eher zufällig.
    Walter Steinmeier: Aber er war doch bei Schröders Geburtstag.
    Ursula Steinmeier: Das ist schon länger her, die sind nicht mehr so dicke.

    Haben Sie Ihren Sohn eigentlich schon in Berlin besucht?
    Walter Steinmeier:
    Sicher, er hat uns alles gezeigt.
    Ursula Steinmeier: Früher sind wir oft nach Berlin gefahren, aber mein Mann ist im vorigen Jahr krank geworden, jetzt geht das nicht mehr so einfach. Das Gute ist aber: Frank wohnt in Zehlendorf, da ist es beschaulich, nicht so städtisch, das gefällt uns.

    Foto: Reuters

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