Die Verwandlung

Früher war Emily Blunt ein schüchternes Mädchen, unsicher, zu dürr. Heute ist sie Schauspielerin, Hollywood liegt ihr zu Füßen. Und das muss man ganz wörtlich nehmen.

Emily Blunt hat überall Verehrer, besonders viel Liebe aber bringen ihr Fußfetischisten entgegen. Sind ihre Füße, Knöchel und Waden die schönsten des Vereinigten Königreichs? Die Leser von Webseiten wie wikiFeet oder hollywoodfeet sagen: Ja! Und schwärmen in den Foren über Blunts kleine Zehen, die Proportionen von Ferse und Mittelfuß und über eine Szene im Horror-B-Movie Wind Chill von 2007: Da lackiert sie sich im Auto minutenlang die Nägel, dass einem der Atem wegbleibt.

Und obwohl ihre Füße wirklich sensationell aussehen, lohnt es sich, die ganze Emily Blunt anzuschauen: Beine, Po, Bauch, Haare, Nase und vor allem die Augen mit dem Schlafzimmerblick, den man bislang nur von Männern über sechzig kannte. »Meine Augen machen die Leute unsicher«, erzählt Blunt, »das hat mir in vielen Lebenslagen geholfen.« In der Schule war Blunt das Mädchen, mit dem die anderen Mitleid hatten. Zu dünn, oft schleppte sie ein Cello mit sich herum. Sie stotterte und hielt sich im Hintergrund. »Wenn ich versuchte, etwas zu sagen, fühlte es sich an, als würde eine fremde Person in mir die Kontrolle übernehmen, um mich zum Gespött zu machen.«

Zehn Jahre später verzückt sie in Talkshows das Publikum mit Anekdoten, die sie in lustigen Dialekten vorträgt. Meryl Streep, Amerikas Chefschauspielerin, an deren Seite Blunt in Der Teufel trägt Prada auftrat, nannte die Kollegin »die wohl talentierteste junge Schauspielerin, mit der ich gearbeitet habe«. Blunt kann sich aussuchen, in welchen Filmen sie mitspielt und in welchen Designerschuhen und mit welchem Mann sie Händchen haltend vor den Paparazzi flieht. »Was mich am meisten erstaunt«, sagt Blunt, »ich musste nie richtig kämpfen. Mir ist das fast peinlich, aber eigentlich flog mir das Glück immer zu.« Wenn wir aus ihrer Geschichte etwas lernen können, dann vielleicht, dass es nicht falsch sein muss, die Regie des eigenen Lebens dem Zufall zu überlassen.

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Blunt gewann Preise als Königin Victoria und stahl in dem Horror-Spektakel The Wolfman Anthony Hopkins jede Szene. Wir sehen sie in der Komödie Gullivers Reisen und demnächst im Science-Fiction-Thriller The Adjustment Bureau, in einem Muppets-Film und einer Arthaus-Produktion von Lasse Hallström. Emily Blunt – 171 cm, 58 Kilo – verdient Millionen Dollar, indem sie einer animierten Figur ihre Stimme leiht (Gnomeo und Julia), oder tritt für den Mindestlohn in einem No-Budget-Projekt auf (Curiosity). Sie ist nicht nur eine selten vielseitige Schauspielerin, sondern ein Kinostar, der selbst den ödesten Film zu einem Vergnügen erhebt.

Von wem sie dieses Charisma geerbt hat? Das können nicht mal die Eltern erklären. Blunts Mutter arbeitet als Lehrerin im Londoner Stadtteil Roehampton. Ihr Vater sitzt als Pflichtverteidiger mit einer dieser grauen Perücken in Gerichtssälen herum, und auch die drei Geschwister führen eher unauffällige Existenzen. Ein Onkel war mal Mitglied des Parlaments und gilt als glamouröse Ausnahmeerscheinung in der Familie.
Auch Emilys Pläne deuteten auf ein unaufgeregtes Leben hin: In der Schule und später im Internat war sie die beste Sportlerin ihres Jahrgangs und verbrachte den Rest ihrer Freizeit mit dem Cello: »Es ist das uncoolste Instrument. Niemand sagt: Bring doch dein Cello mit und spiel ein paar Songs vor.« Trotzdem spielte sie meisterhaft und hätte eine Chance gehabt, als Cellistin ihr Geld zu verdienen.

Und Emily Blunt hat gestottert. Um das Stottern zu heilen, besucht Blunt Logopäden, Entspannungskurse, Psychologen – keine Therapie schlägt an. Schließlich meldet ihre Mutter sie auf Empfehlung eines Arztes bei einem Schauspielkurs an. Während einer Aufführung, als sie wieder mal zu stottern beginnt, fordert ein Lehrer sie auf, mit einem anderen Dialekt zu sprechen. »Er hat mir ins Ohr geflüstert, dass er an mich glaubt«, sagt Blunt. »Dann habe ich meinen Dialog in einem Liverpooler Dialekt gesprochen, und plötzlich gingen mir alle Worte flüssig über die Zunge. Ich war geheilt.«

Im Jahr 2000, sie war gerade 17, bekam sie, wenige Tage nachdem sie beim Edinburgh Festival aufgetreten war, die ersten Filmangebote. Im Juli 2010 heiratete sie den Amerikaner John Krasinski, einen schlaksigen, lustigen Jungschauspieler mit vielen coolen Freunden in Los Angeles. George Clooney, ein Kumpel, lud zur Hochzeitszeremonie in seine Villa am Comer See. Über dem Garten flogen die Hubschrauber der Paparazzi, John und Emily winkten. Sie trug offene Pumps – alle Zehen waren zu sehen.

Foto: AFP, Reuters

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