»Mein Freiheitsbedürfnis ist krankhaft«

Frauen wie Fanny Ardant gibt es nur im französischen Kino: so furchtlos, so wild entschlossen, das Leben zu leben, im Guten wie im Schlechten. Ein Gespräch über die Liebe und ihre Konsequenzen.

Fanny Ardant im aktuellen Film »Die schönsten Tage«.

SZ-Magazin: Frau Ardant, in Ihrem neuen Film Die schönen Tage spielen Sie Caroline: Sie hat erwachsene Kinder, einen sehr angenehmen Ehemann – und verliebt sich in einen viel Jüngeren. Können Sie das nachvollziehen?
Fanny Ardant: Der junge Mann ist ein bisschen idiotisch. Er ist nur körperlich attraktiv für sie, sie hat nichts mit ihm gemeinsam. Mit ihrem Ehemann ist das anders. Sie streiten und sind beste Freunde. Aber manchmal braucht eine solche Ehe die Gefahr. Damit man wieder spürt, wie sehr man sich mag. Ich bin ja ein großer Anhänger der Untreue.

Ach, und warum das?

Allein schon, weil Marguerite Duras diesen unvergesslichen Satz geschrieben hat: »Keine Liebe widersteht einem Unbekannten, der eine Bar betritt.« Das heißt nicht, dass die Liebe kaputt ist. Aber es gibt Konkurrenz, immer. Das darf man nicht vergessen.

Sie haben drei Töchter von drei Männern, aber keinen der Väter geheiratet. Haben Sie etwas gegen die Ehe?
Überhaupt nicht. Eine gute Ehe, ein gelungenes Familienleben ist ein Traum. Eine Familie mit Vater, Mutter, Kindern – da könnte ich heulen. Ich bewundere das unwahrscheinlich. Es muss aber eine echte Familie sein.

Was meinen Sie mit einer echten Familie?
Na, ein Mann und eine Frau, die sich lieben. Die unterschiedlicher Meinung sind und sich anfassen. Deren Liebe lebendig ist, nach vielen Jahren und Kindern.

Kennen Sie solche Familien?
So war es bei meinen Eltern und auch bei meinen Großeltern. Aber ich selbst habe eine solche Familie nicht gegründet. Ich habe das nicht vermieden. Nein, wenn ich jetzt mein Leben Revue passieren lasse, muss ich sagen: Mir ist das nicht geglückt. Aber es wäre schwach von mir, die Familie zu verunglimpfen, nur weil ich keine hingekriegt habe. Die Familie ist etwas Wundervolles. Da entsteht alles.

Warum ist Ihnen Familie, wie Sie sich eine vorstellen, nicht gelungen?
Ich habe zwischendurch ein Rock-’n’-Roll-Leben geführt. Aber nicht, weil ich bewusst ein Rock-’n’-Roll-Leben führen wollte. Wenn man jung ist, denkt man, man hat sein Leben im Griff. Doch die Männer, die man liebt, die Kinder, die man von ihnen kriegt – das läuft nur selten so wie geplant. Als ich Henry Roths Die Gnade eines wilden Stroms gelesen habe, habe ich begriffen: Du musst Demut und Bescheidenheit lernen und nicht versuchen, das Leben zu kontrollieren. Denn es entscheidet für dich, wie du es lebst. Man kann zu bestimmten Dingen Nein sagen, das schon.

Ja kann man auch sagen.
Ich glaube, ein Nein ist stärker als ein Ja. Das Nein ist ein Akt. Das Ja ist doch oft auch ein: Warum nicht? Und wenn man den Zeitpunkt versäumt hat, eine Familie zu gründen, wird es schwierig.

Weil es nicht mehr nötig ist?
Eben. Aber das weiß man erst, wenn es zu spät ist. Darum tut es auch so weh, wenn die Kinder gehen. Ich habe jedes Mal furchtbar gelitten, wenn ein Kind ging. Alle sagen, aber Fanny, so ist das Leben. Ich frage mich: Warum sagen die Leute jedes Mal, wenn etwas Schlimmes passiert, so sei das Leben? Das ist so abgeklärt. Ich finde: So ist nicht das Leben, so ist der Tod. Richtig, man kann es nicht ändern. Aber man hält es kaum aus.

Heute ist der Glaube verbreitet, dass jeder seines Glückes Schmied ist. Woran glauben Sie?
Alles hat seinen Preis, so viel kann ich sagen. Kennen Sie La Fontaines Fabel Der Wolf und der Hund, die wir in Frankreich in der Schule lernen? Ein Hund und ein Wolf treffen sich, der Wolf, abgemagert, sieht den Hund, sagt: »Oh, Sie sind aber schön, das glänzende Fell, so wohlgenährt. Wie kommt das?« Der Hund sagt: »Ich esse jeden Tag.« Der Wolf, ungläubig: »Sie essen jeden Tag?« Der Hund sagt: »Man serviert mir das Essen sogar.« Der Wolf ist sehr beeindruckt. Dann sieht er das Halsband und fragt: »Was ist denn das?« Der Hund sagt: »Das ist mein Halsband, damit mein Besitzer …« Da rennt der Wolf schon davon. Ist das nicht eine wunderbare Moral? Er ist mager, sein Fell räudig, aber er ist: frei!

Empfinden Sie sich so? Räudiges Fell, mager, aber frei?

Ach. Mein Freiheitsbedürfnis ist krankhaft. Ich hasse alle Arten von Arrangements. Ich möchte unabhängig sein von Geld, von Regeln und habe große Schwierigkeiten, mich unterzuordnen.

Geben Sie uns ein Beispiel?
Wenn irgendwo ein Polizist steht und den Leuten sagt, wo sie entlanglaufen sollen, mache ich nicht einfach mit. Ich muss zu dem Polizisten hingehen und nachfragen. Ich kann nicht anders. Wenn er sagt, wir drehen eine Szene für einen Krimi, ist es kein Thema, mich dementsprechend zu verhalten. Die meisten Leute finden mich allerdings unerträglich anstrengend. Sie haben keine Lust auf eine Auseinandersetzung, also tun sie, was verlangt wird. Ich bin dazu in der Lage, ein Flugzeug zu verpassen, um Streitfragen zu klären. Aber ich verstehe, dass nicht jeder sein Flugzeug verpassen möchte, weil er wissen muss, warum Dinge sind, wie sie sind.

Wie erklären Sie sich dieses sehr ausgeprägte Freiheitsbedürfnis?
Mein Vater hat uns gelehrt, dass der Geist unabhängig ist. Er hat von uns verlangt, dass wir genau hinsehen und alles erst mal in Frage stellen. Er hat keine Autoritäten respektiert, einfach nur, weil sie welche waren. Sie mussten wirklich Autorität haben. Wenn ein Lehrer sich über mich beklagt hat, hat er nicht automatisch ihm recht gegeben, wie die meisten Eltern damals. Aber er hat sich auch nicht automatisch hinter mich gestellt, wie die meisten Eltern heute.

»Man kann sich nicht der Angst entsprechend verhalten.«

1983 mit Jean-Louis Trintignant in Truffauts »Auf Liebe und Tod«.

War er ein Traumvater? Vielleicht sogar der wichtigste Mann in Ihrem Leben?
Niemand hat mich so geprägt wie er. Aber das ist ja normal so. Später im Leben kann ein einzelner Mensch einen nicht mehr so stark beeinflussen, dass er einen verändert. Später hat mich die Literatur sicher stärker beeinflusst als jeder Mann, mit dem ich zusammen war.

Dabei haben Sie große Männer geliebt, wie den Regisseur François Truffaut. So eine Liebe hat Sie nicht verändert?
Die Liebe selbst schon. In der Liebe ist man bereit, alle möglichen Zugeständnisse zu machen. Wenn man liebt, bedeutet sogar Freiheit einem nichts. Aber man weiß es, und man kann hinterher zu seinem alten Selbst zurückkehren.

Würden Sie sich auch als starke Frau bezeichnen?

Wie meinen Sie das? Ich bin nie krank. Interessant ist ja, dass bei einem Mann niemand sagen würde, ein starker Mann, wenn es nicht körperlich gemeint wäre. Sondern: ein mutiger Mann. Bei mir war es immer so: Ich bin groß, ich bin dunkelhaarig, ich bin nicht süß, ich habe keine Angst, also bin ich stark. Aber stimmt das? Bin ich das Gegenteil von schwach, weil ich keine Angst habe?

Können Sie das so von sich sagen: Ich habe keine Angst?
Ja. Und das macht mich vielleicht tatsächlich stark. Denn wer keine Angst hat, den kann man nicht dominieren. Wenn du keine Angst hast, deine Arbeit zu verlieren, kann man dir keinen Druck machen. Die Angst ist dein größter Feind. Ich bin nicht unverwundbar, ganz und gar nicht. Vieles tut weh, aber es macht mir keine Angst. Ich meine, seit ich 30 Jahre alt bin, fragt man mich, ob ich Angst vor dem Alter habe. Auch jetzt wieder, wegen dieses Films mit dem jungen Liebhaber.

Was antworten Sie auf diese Frage?
Jahrelang habe ich geantwortet: Genauso viel Angst wie Sie, Monsieur. Oder wie Sie, Madame. Dann habe ich angefangen, darüber nachzudenken. Es ist keine Angst. Es ist brutal, alt zu werden. Aber man muss sich fügen, wenn Dinge unvermeidlich sind. Man kann ja auch nicht ständig Angst vor dem Tod haben.

Wenn man weiß, wie schmerzhaft Verlust ist, kann man schon Angst haben.
Es ist nur unsinnig. Man kann sich nicht der Angst entsprechend verhalten. Denken Sie an Anna Karenina: Als Wronski, für den sie alles aufgegeben hat und der sie nicht mehr liebt, als dieser Wronski erfährt, dass sie sich umgebracht hat, sitzt er im Zug und hat Zahnschmerzen. Und weil er so starke Zahnschmerzen hat, kann er an nichts anderes denken. Es ist ihm egal, dass sie tot ist. So ist das Leben: unkalkulierbar, alltäglich, pragmatisch, grausam. Da lohnt es sich nicht, Angst zu haben.

Sind Ihre Töchter ähnliche Freigeister wie Sie?

Ja. Aber meine älteste Tochter ist schon mal nicht in meine Fußstapfen getreten. Und darüber bin ich froh. Sie hat Familie: Ehe, Kinder. Ich habe sie nicht zu sehr geprägt.

Sie sind mit vier Brüdern aufgewachsen. Was haben die Ihnen über Männer beigebracht?

Ich hatte auch Schwestern. Sie sind tot. Wir sind eine tragische Familie. Alle sind tot. Vielleicht war das auch zu traurig für mich, um eine eigene Familie zu gründen. Denn diese wunderbare Familie gab es – und sie ist verschwunden.

Es ist niemand mehr da?

Nein. Es gab Unfälle. Krankheiten. Die Erinnerungen sind so schmerzhaft, dass ich auch kein Haus auf dem Land haben möchte. Wenn ich die Augen schließe, sehe ich noch den Lichtschalter an der Treppe im Haus meiner Großeltern im Limousin. Den Sessel meiner Großmutter. Ich könnte Ihnen alles jetzt noch aufmalen.

Haben Sie als Kind die Ferien immer im Haus der Großeltern verbracht?

Drei Monate, den ganzen Sommer, mit der ganzen großen Familie. Es war eines dieser typischen alten Landhäuser in einer dünn besiedelten Gegend in der Mitte Frankreichs, umgeben von Feldern und Wäldern. Wir sind mit den Fahrrädern gefahren, der Höhepunkt der Woche war der Kirchgang am Sonntag. Wir haben uns gelangweilt: Diese zähen Stunden, die man als Kind erlebt, sind unersetzlich. Heute sind Mütter stolz, wenn ihre Kinder mit sieben Jahren drei Sprachen sprechen.

Wie machen Sie heute Urlaub?

Ich bin allergisch gegen Urlaub. Jedenfalls gegen die Art, auf die die meisten Menschen Urlaub machen: Jeder nimmt sein kleines Flugzeug, hat von Freitag auf Freitag was Hübsches gebucht. Die Idee, in ein Reisebüro zu gehen und mir ein Paket für Bali schnüren zu lassen, verursacht mir Übelkeit. Das ist die Vorstufe zur Hölle.

Waren Sie mit Ihren Töchtern, als die klein waren, niemals im Urlaub?
Ich habe ein Haus gemietet, wenn ich gedreht habe, und sie dorthin mitgenommen. In meiner Freizeit bin ich nie gereist, sondern immer nur für die Arbeit. Aber ich habe nichts gegen Reisende, nur etwas gegen Urlauber. Den, der auszieht, um die Welt zu entdecken, verstehe ich sehr gut. Der Tourismus von heute ist das Gegenteil. Früher hat man über la condition ouvrière gesprochen, die Lebensbedingungen des Fabrikarbeiters. Jetzt müsste man von la condition du touriste sprechen. In Paris kann man das sehr schön beobachten: Frühstück um sieben, alle rein in den Bus, raus aus dem Bus, Notre-Dame, eine Stunde frei, Mittagessen. Wissen Sie, was die Leute heute sagen? Sie sagen nicht mehr, ich war in Burma. Sie sagen, »j’ai fait la Birmanie« – ich habe Burma erledigt. Das ist dekadent.

Aber was tun Sie, wenn Sie entspannen wollen?
Ich laufe durch Paris, immer wieder, ich könnte nirgends sonst leben. Ich gehe ins Kino: am liebsten in die Vorstellung am Mittwochnachmittag, 14 Uhr. Oder ich bleibe im Bett und lese. Einen ganzen Tag zu lesen, mitten in der Woche, das hat mir immer die größte Freude bereitet. So lange im Nachthemd zu bleiben, bis ich fertig bin mit dem Buch. So war ich schon mit 15. Man behält dieselben Vorlieben oder Abneigungen, ein Leben lang.

Sind Sie auch immer noch so eine Romantikerin wie als Teenager?
Da ist man sehr sentimental, nicht wahr? Gerade erst habe ich wieder Francis Scott Fitzgerald gelesen. Die Menschen, über die er schreibt, leben nur für die Liebe. Die Bücher habe ich damals verschlungen. Nun sind so viele Jahre vergangen und ich bin immer noch begeistert, denn die Liebe ist bis heute das Einzige, was mich wirklich interessiert. Jedes Buch spricht zu seinem Leser, glaube ich. Schriftsteller haben mich immer fasziniert. Ich glaube, jemand, der schreiben kann, ist gerettet.

Gerettet? Wovor?

Vor dem Leben. Vor Kummer. Vor dem Scheitern. Ein Schriftsteller kann Menschen erfinden, Leben erfinden. Verlierer, aber auch Sieger.

Er könnte über das Schreiben vergessen zu leben.

Nein. Dann wäre er nicht fähig zu schreiben. Aber wenn er an seinem Schreibtisch sitzt und sich Geschichten ausdenkt, hat er es nicht nötig, am Strand von Juan-les-Pins herumzuturnen.

FANNY ARDANT
Der Vater bestand darauf, dass sie was Anständiges lernte, darum studierte Ardant, geboren 1949 in Saumur, in Aix-en-Provence Politologie. Und wurde doch Schauspielerin: 1979 in Frankreich gefeiert mit der TV-Serie »Les Dames de la côte«, international mit den Truffaut-Filmen »Die Frau nebenan« und »Auf Liebe und Tod«. Jetzt ist sie in der Liebesgeschichte »Die schönen Tage« von Marion Vernoux zu sehen. Ardant hat drei Töchter von drei Männern, einer von ihnen: François Truffaut.

(Fotos: Cinetext, Wild Bunch)

Artikel teilen: