Schmerzdame

Qualität kommt von Qual – auf niemanden trifft dieser Ausspruch mehr zu als auf Marina Abramovic: Um ihr Publikum aufzurütteln, nimmt die Performance-Künstlerin Folter und Gefahr auf sich.

    Jeder ernsthafte Künstler macht sich verwundbar, denn mit seiner Arbeit kehrt er das Innerste nach außen. Das gilt ganz besonders für die Performance-Künstlerin Marina Abramovic, deren Kunst darin besteht, die eigene Person im wörtlichen Sinne verwundbar zu machen. Ihr Körper und ihre Seele dienen als Materialien, das Publikum kann mit ihnen machen, was es will. Anfang der Siebziger, ließ sie sich in einer Galerie in Neapel von den Besuchern foltern. Vierzig Jahre später, bei ihrem glamourösen Comeback im MoMA, durften ihr drei Monate lang fremde Menschen in die Augen starren. Dazwischen lag eine Karriere voller Provokationen, Rückschläge, Beleidigungen, dramatischer Liebesgeschichten, körperlicher Attacken, verheerender Kritiken, Ruhm, Armut – und den Repressalien einer strengen Mutter. Noch als etablierte Künstlerin musste Abramovic immer um zehn zu Hause sein.

    In diesem Jahr wird die gebürtige Serbin ihren siebzigsten Geburtstag feiern und befindet sich auf dem Höhepunkt ihres Schaffens. Zum ersten Mal kann sie sich die Miete für ein Studio in Manhattan leisten und die Gehälter für eine Hand voll Assistenten bezahlen. Im Herbst soll ihre Autobiographie erscheinen, nächstes Jahr stehen Großprojekte in Skandinavien und Asien an. Ihr Herz hängt jedoch am »Marina Abramovic Institute«, das Performance-Künstlern in aller Welt hilft, ein Publikum zu finden. Aktuell mit gigantischem Erfolg in Athen.

    Unser Reporter Lars Jensen hat Marina Abramovic in ihrem Atelier in New York besucht und dabei vor allem zwei Dinge gelernt: Die meisten Menschen in ihrer Umgebung sind unter dreißig und haben eine fantastische Laune bei der Arbeit - es wird viel gelacht. Und auch Abramovic selbst blickt auf ihre Karriere mit viel Humor zurück. Sie nimmt sich bei weitem nicht so ernst, wie ihre Arbeit vermuten lässt; die zahlreichen Argumente, die die Kritik gegen sie vorbringt (Kitsch, Melodramatik, Prominentengeilheit), hat sie millionenfach gehört. Jensen erfuhr von Abramovic, wie sie auf ihre Anfangsjahre zurückblickt, als sie sich bei ihren Performances Schmerzen und großer Gefahr aussetzte, und wie sie mit ihrem unerwarteten, späten Erfolg umgeht, als dessen Folge nun auch Popstars wie Lady Gaga und Jay-Z zu ihren Fans gehören. So entsteht ein einsichtsvolles Porträt einer ungewöhnlichen Künstlerin.

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    Spiegelblick

    Die Schmerzenskünstlerin Marina Abramović genießt ihren späten Ruhm - und will immer noch alles umkrempeln

    Foto: AFP