Abschied von der Sehnsucht nach dem Süden

Die Sommer in Italien, Spanien und Griechenland werden immer heißer und trockener. Wälder brennen, Flüsse liegen trocken. Werden wir Mitteleuropäer die großen Ferien bald im Norden verbringen?

Foto: Fabián Simón / dpa

Weil der Fluss im toskanischen Hinterland bereits Anfang Juni ausgetrocknet war, schoben wir die Rennräder durchs breite Flussbett, statt bis zur Brücke weiterzuradeln, in der Mittagssonne eine willkommene Abkürzung zur Ferien­wohnung. »Um die Jahreszeit fließt dort sonst noch Wasser«, sagte Alessandro nachdenklich, unser Vermieter. Und dass er und seine Frau jetzt den Garten anders bepflanzen würden, mehr schattige Stellen gegen das immer frühere Verdorren des Bodens. »Wenn die Sommer heißer werden, dann wollt ihr bald im Urlaub zu uns nach Bayern«, sagte ich. Wir lächelten. Aber war der Scherz nicht eher eine realistische Prognose?

Auf Sizilien wurde letzten August mit 48,8 Grad ein neuer Temperaturrekord für Europa gemessen. Der Weltklimarat nennt die Mittelmeerregion einen »Hotspot« der globalen Erhitzung, wo die Temperaturen um 20 Prozent schneller steigen als im weltweiten Schnitt. Anfang August hat die New York Times darüber geschrieben, wie Urlauber aus den USA gerade ihre Europareisen verändern, um der Hitze zu entkommen. In der Überschrift fragt der Artikel: »Stockholm statt Rom? Oktober statt Juli?« Im Bayerischen Rundfunk wurde ein Mann interviewt, der eine Studie über die Folgen des Klimawandels für den Tourismus mitverfasst hat. Er lebt am Arlberg und bemerkt dort neue Urlauber aus Spanien und Süditalien: »Da kann es den ganzen Tag regnen – die sind happy, dass sie mal ein paar kühle Nächte haben.« Und die Deutschen? Sitzen die seit dem Frühjahr andauernden Hitzewellen in Spanien, Kroatien oder Italien bislang eisern aus. Die Reisesehnsucht nach Corona sei zu hoch, viele Urlaube lange geplant, sagen einem Tourismusforscher. Dass sich unser Reiseverhalten noch in diesem Jahrzehnt bemerkbar ändern wird, glauben aber: alle.

»Wer kann Ferien so gut wie Italien, abends auf der Vespa über alte Römerstraßen zur Gelateria am Meer?«

Am 3. September 1786 brach Goethe zu seiner großen Italien­reise auf, im 1816 erschienenen Buch Italienische Reise schreibt er: »Ich kann sagen, dass ich nur in Rom empfunden habe, was eigentlich ein Mensch sei.« Mehr als 200 Jahre währt die große Liebe der Deutschen zum Süden schon. Aber wie hitzebeständig ist sie? Ich fahre in diesen Sommerferien erstmals nicht wie sonst an die Adria oder den Atlantik, sondern an die Nordsee. Lag es an den Waldbränden oder am Artikel über extreme Wassertemperaturen von Griechenland bis ­Spanien, dass es mir nicht mehr abwegig vorkommt, im August in eine kältere Region zu fahren? Wir hatten überlegt, ganz zu Hause zu bleiben, sechs Wochen Starnberger See. Das wären günstige und unkomplizierte Ferien – aber geht nicht etwas verloren, wenn man im Sommer nicht mehr über den Brenner fährt? »Nostal­gie ist eine starke Kraft«, sagt Peter Hoffmann vom Potsdam-­Institut für Klimafolgenforschung. Sein Beruf sind ernste Prognosen, wie das Klima unser Land verändern wird. »Reiseentscheidungen basieren oft noch auf Kindheitserinnerungen«, weiß er.

Wo Eissorten Namen wie »Nocciola ­tonda gentile« tragen: Italien, ­Traumland endloser Sommerferien.

Foto: Claudia Klein

Okay, auch Schweden, Dänemark oder Norwegen böten Sehnsuchtsprojektionsflächen: grünblaue Fjorde, schöne Menschen, funktionierende Infrastruktur. Aber ist das nicht wie Deutschland in kleiner und klüger? Braucht meine deutsche Seele nicht diese mediterrane Bräune einmal im Jahr? In der Toskana, auf Kreta und in Andalusien werden wir so, wie wir eigentlich sein wollen: ruhiger, lässiger, schöner. Erleben Tage, wie sie immer sein sollten: endlos, flirrend, halb nackt. Wie es dort schmeckt – süßer, reifer – und duftet: nach Meeresluft, wildem Thymian, Zitronenbäumen. Dazu Wörter, so schön, dass man ihnen alles glaubt: fresco, grande, amore. Wer kann Ferien so gut wie Italien, abends auf der Vespa über alte Römerstraßen zur Gelateria am Meer? Das ganze Land ein großes Freilichtmuseum, das einem liebevoll dezent Nachhilfe in Stil und Lebensfreude gibt.

Immerhin, wer nicht an Schulferien gebunden ist, kann die großen Ferien im Süden verlegen in den Frühling oder den Spätsommer. Wäre das überhaupt die Lösung? Den Schul­kalender an der Erderhitzung auszurichten? Den August in klima­tisierten Klassenräumen und an deutschen Badeseen über­stehen und Venedig oder Rom nur im Mai oder Oktober? Und dann bitte Weihnachten erst Ende Januar feiern, damit an Heilig­abend endlich mal wieder Schnee fällt.