Herzschlag

Unsere Autorin wurde von ihrem Mann verprügelt. Sie dachte, sie hätte es verdient. Und glaubte, er täte es nie wieder. Sie irrte sich. Wenn sie heute von häuslicher Gewalt hört, denkt sie an diese Zeit zurück und wird sehr wütend - vor allem auf sich selbst. Ihre Geschichte erzählt sie unter einem anderen Namen.

Von außen ist Gewalt in einer Beziehung oft nicht zu sehen - auch weil die Opfer sich zu sehr schämen.

Im Februar 2014 hieb Ray Rice, Star des Baltimorer American-Football-Teams »Ravens«, im Fahrstuhl eines Kasinos in Atlantic City mit der Faust derart gegen den Kopf seiner damaligen Verlobten Janay Palmer, dass er gegen den Handlauf des Fahrstuhls prallte und sie ohnmächtig zu Boden stürzte. Es gibt ein Sicherheitsvideo von dem Vorfall. Man sieht, wie Rice nach dem kapitalen Schlag die schlaffe Verlobte halb aus dem Fahrstuhl zerrt. Wie er sie mit dem Fuß anschiebt, über sie rübersteigt und mit dem hinzukommenden Sicherheitsbeamten diskutiert. Wie die Frau, zwischen ihnen liegend, langsam wieder zu sich kommt. Keiner der beiden Männer nimmt Anteil daran. Rice Anwalt nannte den Schlag seines Mandaten später »eine kleine körperliche Auseinandersetzung«.

Und was tat die Verlobte, Janay? Sie heiratete ihren Schläger. Sie schrieb an das Gericht, das demnächst darüber urteilen soll, ob der Vorfall vielleicht doch eine große Auseinandersetzung war, und bat um Verständnis für ihren Mann. Sie erklärt sich in Talkshows und Nachrichtensendungen. Ihre Mutter sitzt ihr zur Seite. Die Mutter sagt: »Ich habe meine Tochter gewiss nicht dazu erzogen, sich misshandeln zu lassen!« Die Tochter sagt: »Ich würde mich niemals, nie von einem Mann demütigen lassen!« Beide sagen, sie fühlen mit den Millionen Frauen, für die häusliche Gewalt trauriger Alltag sei. Aber die Öffentlichkeit müsse verstehen, dass diese auf keinen Fall eine solche Beziehung sei. Der Mann sagt: »Es war nur ein einziger übler Abend!« Seine Frau sagt: »Es kommt auf keinen Fall wieder vor!« Und ich denke: Du dummes Huhn!

Und gleich darauf: Ich hab’s nötig. Ich, die sich vier Jahre lang von einem Mann immer wieder ins Krankenhaus prügeln ließ. Die mit blaugeschlagenen Augen und zerplatzten Lippen wieder und wieder zu ihm zurückgekrochen kam. Aus dem Krankenhaus, aus dem Frauenhaus, von meinen Eltern. Von überall, wo ich für ein paar Stunden oder Tage Zuflucht gesucht hatte, oder was auch immer. »Es kommt auf keinen Fall wieder vor!« Ich habe den Satz heruntergebetet. Für mich, für andere. Habe ich ihm geglaubt? Nach der ersten Prügelattacke? Auch noch nach der zweiten? Damals hätte ich ohne Zögern gesagt: »Ja!« Auch nach dem zehnten Mal. Heute bin ich mir nicht sicher. Es ist schwierig zu verstehen, geschweige denn zu erklären, wer ich damals war. Auch für mich.

Die Erinnerung macht mich zornig. Wenn ich nicht aufpasse, macht sie mich weniger zornig auf den Mann, der mich schlug. Dann macht sie mich zornig auf mich. Diese Frau, die ich damals war, lächerlich, machtlos, erbärmlich, beschämt mich. Am liebsten wäre mir, ich würde nicht mehr mit ihr in Zusammenhang gebracht. Mich nicht mehr mit ihr in Zusammenhang bringen müssen. Am leichtesten wäre, ich könnte wütend auf eine andere, irgendeine Frau sein, die jetzt Platzhalterin dieser Erbärmlichkeit ist. Auf Janay, das dumme Huhn. Sie ist Mutter einer zweijährigen Tochter. Steht in der Öffentlichkeit. Sie ist die Frau eines wenn auch noch so fragwürdigen Idols. Und damit selbst Vorbild. Ist das nicht Grund genug, auf sie wütend zu sein? Anderseits: Auch ich bin Mutter. Vorbild für meine Töchter. Habe ich nicht mehr als genug Grund, auf mich wütend zu sein?

Wenn ich nicht aufpasse, bin ich so wütend, dass ich in Gefahr bin zu übersehen: Es war diese Wut auf mich selbst, die den prügelnden Mann überhaupt erst möglich machte. Es waren die Scham und die Tücke des Sich-mit-dieser-Frau-nicht-in-Zusammenhang-bringen-Wollens, die mich bei ihm hielten.

Ich lernte den Mann kennen, da war ich 16. Er war 26. Mir erschien das nicht fragwürdig. Nicht unpassend. Er war nicht mein erster Freund. Den ersten, gleichaltrig, sanft, zuvorkommend, hatte ich seinetwegen verlassen. Ich suchte nach etwas. Ich hätte nicht sagen können, nach was. Nur, dass ich spürte: Dieser wollte es bieten. Er schien der Richtige. Ich schien richtig für ihn. Beides auf schrecklich falsche Weise. Er war schön, dunkel, gut angezogen. Ich war ein Punk. Er erschien mir gebildet, belesen. Ich war ein Schulmädchen. Er kam aus London. Ich aus einem deutschen Kaff. Damals muss ich mich in seiner Gesellschaft irgendwie aufgewertet gefühlt haben. Und er sich in meiner.

Als er mich zum ersten Mal schlug, nach einer Party, nachts, auf offener Straße, waren wir drei Monate zusammen. Vielleicht auch nur zwei. Kurz genug, nüchtern besehen. Ich kann mein Bleiben keiner Erinnerung an »so viele gute Jahre«, keiner geldbedingten Abhängigkeit, und auch noch keinen gemeinsamen Kindern anlasten. Ich war frei zu gehen. Stattdessen ging er. Drehte sich um und ließ mich stehen. Und das war es, was mich dort auf der Straße zerriss. Meine plötzliche Einsamkeit. Die mich umfangende Leere. Da war niemand mehr. Nichts mehr. Nicht einmal Schläge. Ich rannte ihm nach. Ich schrie. Ich stellte mich ihm in den Weg. Griff seinen Arm. Er stieß mich fort, blicklos, wortlos, und ging weiter. Ich stolperte hinterher. Ich folgte ihm nach Hause, um seine Zuwendung bettelnd wie ein getretener Hund. Wie kann ich meine Erleichterung, als er mich mit in seine Wohnung ließ, auch nur annähernd angemessen beschreiben?

Meine Mutter war zornig. Auf mich. Meine Mutter sagte, sie schäme sich. Für mich. Sie klagte: »Von mir hast du das nicht gelernt!« Wahr ist: Mein Vater hat meines Wissens nach meine Mutter niemals geschlagen. Ich wurde nie Zeugin körperlicher Gewalt zwischen meinen Eltern. Ich könnte auch das nicht für meine Erbärmlichkeit verantwortlich machen. Ich hielt die Ehe meiner Eltern für vorbildlich, über Jahre. Ihre Lebensführung erschien mir makellos. Ich beneidete sie um ihre Auf-die-Sekunde-Pünktlichkeit. Um ihr Durchorganisiertsein. Um ihre zu jederzeit vorführbar reine Eigentumswohnung. Der einzige Unordnungsherd in dieser Wohnung, in ihrem Leben, war ich. Sie haben es mir oft genug gesagt. »Wenn wir uns eines Tages scheiden lassen sollten, dann wegen dir. Du bist das Einzige, was uns auseinanderbringt.« So gut ist ihre Ehe.

»Aber warum hat dein Mann dich geschlagen?« Bekannte, Freunde, Familie attackierten mich mit der Frage, als gäbe es das: einen guten Grund.

Wie soll man aushalten, was nicht auszuhalten ist?

Im folgenden Monat nahm ich mir mit ihm eine Wohnung. Zwei Zimmer in einem Hinterhof. Meine Eltern, die bislang darauf gepocht hatten, dass ich an Wochentagen um sechs Uhr abends zu Hause sei, auf die Sekunde, ließen mich ohne Gegenwehr ziehen. Morgens, vor der Schule, schmierte ich jetzt einem Mann die Stullen für seine Mittagspause. Ich empfand das als meinen ersten Schritt zu einer vorbildlichen Ehe. Er schlug immer wieder mal dagegen an. Einmal bettelte ich am Telefon meinen Vater zu Hilfe. Er stieg unwillig in sein Auto und die Treppen zu unseren nicht makellosen Zimmern hoch. Der andere bot ihm einen Platz im Wohnzimmer und etwas zu trinken an. »Junge«, sagte mein Vater. »Was machst du? Ich habe meine Frau nie geschlagen.« Aber, sagte er auch, er wisse natürlich, dass das Mädchen einen zur Weißglut bringen kann. Ich würde gern sagen können: Ich rief ihn nie wieder um Hilfe an. Natürlich ist das nicht wahr.

Möglicherweise ist ja auch Ray Rice schon der Sohn eines gewalttätigen Vaters. So wie der Rapper Chris Brown, der 2009 die Pop-Ikone Rihanna blau und blutig schlug. Brown, so las man in Interviews, wurde als Kind wiederholt Zeuge, wie der Vater die Mutter schlug: »Ich weinte oft und dachte: Eines Tages flippe ich dem gegenüber aus.« Das tun diese Jungs so gut wie nie. Stattdessen misshandeln sie (auch) ihre Frauen. Man muss sie darum nicht bemitleiden. Man muss sie nicht einmal verstehen. Das besorgen schon ihre Opfer. Auch mein Ex-Mann kommt aus einem entsprechenden Elternhaus. Seine Mutter hat ihren Mann und die Kinder mehrfach verlassen. Ging »kurz Zigaretten holen« und kam über Monate nicht nach Hause. Alle paar Jahre wieder. Das war es, worauf ich mich Zeit unseres Zusammenseins konzentrierte. Darauf, wie und warum er so hatte werden können, ich dachte: so hatte werden müssen, wie er war. Darauf, wie ich sein Unglück lindern könnte. Damit er so werden konnte, wie ich ihn mir erträumte. Als wäre ich dafür verantwortlich. Als läge das in meiner Hand. Ich konzentrierte mich so auf sein Unglück, dass ich meines kaum mehr zur Kenntnis nahm. Ich dachte: aus Liebe. Tatsächlich diente mir mein verirrtes Verständnis nur dazu, auszuhalten, was nicht aushaltbar war. Er schlug immer öfter zu. Immer härter.

»Aber warum hat dein Mann dich geschlagen?« Bekannte, Freunde, Familie attackierten mich mit der Frage, als gäbe es das: einen guten Grund. Als rechtfertigte eine, irgendeine Aktion oder ein Satz der Frau, dass der Mann sie zur Antwort blau und blutig schlägt. Mein Mann schlug mich, wenn er betrunken war. Nach dieser ersten und nach späteren Partys. Weil ich einen anderen Mann zu sehr angelächelt oder mich zu lange mit ihm unterhalten hatte. Ist das ein Grund? Er schlug mich, wenn er von der Arbeit kam und das Haus nicht sauber genug fand. Ist das ein Grund? Es heißt, Janay Rice sei an jenem Abend in Atlantic City betrunken gewesen. Sie habe ihren, ebenfalls betrunkenen, Freund provoziert. Mit Worten. Mit Schlägen. Da schlug der Hundert-Kilo-Muskelmann zurück. Und wie. Man könnte argumentieren, dass seine Frau sich glücklich schätzen kann, überhaupt noch mal aufgestanden zu sein. Die Polizei verhaftete zunächst beide, Ray und Janay, wegen gegenseitiger »einfacher Körperverletzung«. Und die Internet-Eiferer, die ja selten vereinzelte Trolle und viel öfter das Abziehbild gängiger Meinung sind, kommentierten: »Selbst schuld!« Tatsächlich?

Mein Mann pflegte nach seinen Attacken zu sagen: »Du holst das Schlechteste aus mir heraus!« Ich fürchtete, das sei wahr. Als läge die Verantwortung, ob er zuschlug oder nicht, tatsächlich bei mir. Noch heute, wenn ich davon erzähle, wenn ich darüber schreibe, kann es passieren, dass ich zögere, die »Gründe« für seine Schläge zu nennen. Hatte ich sie nicht doch verdient?

Schuld. Die Frage nach ihr kommt in Variationen. Auf dem Sicherheitsvideo des Kasinos geht Janay ihrem damaligen Verlobten voran in den Fahrstuhl. Offenbar zornig, schimpfend, im Vorbeigehen nach ihm schlagend. In der Kabine rempelt ihr Freund sie an, und sie tobt auf ihn zu. Schwer zu glauben, dass sie nicht wusste, was kommt. Schwer zu glauben, dass dieser »üble Abend« ihr erster und einziger übler Abend war. Das Video zeigt etwas anderes: ein auf schreckliche Art eingespieltes Team. Die grässlich gewöhnliche Choreografie häuslicher Gewalt.

Verschulden Frauen die Prügel, indem sie bleiben? Indem sie ihren Schlägern hinterherlaufen? Habe ich, wie meine Eltern es nannten, »um Schläge gebettelt«? Ich bettelte um etwas. Das ist gewiss. Ich blieb, weil ich keine Vorstellung davon hatte, was dieses Etwas war. Ich glaubte dem Mann, wenn er sagte: »Ich schlage dich, weil ich dich liebe! Weil ich daran glaube, dass du dich ändern kannst. Zu unserem Besten. Wenn ich dich nicht lieben würde, wäre mir doch alles egal!« Ich glaubte es ihm, wie ich es meinen Eltern als Kind und noch lange danach glaubte, wenn sie nach jedem Lächerlichmachen, nach jeder Beschimpfung, Drohung, nach jedem vereinzelten Schlag klagten: »Du lässt uns keine andere Wahl!« Wenn sie beteuerten: »Wir wollen doch nur dein Bestes!« Das war ihre, und so wurde es schließlich meine Chiffre von Liebe.

Statt den Mann zu verlassen, nahm ich ihn auch auf dem Papier zum Mann. Ich bekam von ihm zwei Kinder. Meine Mutter feixte: »Und ich dachte, du bist so schlau!« Als hätte das eine auch nur das Geringste mit dem anderen zu tun. Als wäre Intelligenz ein ausreichender Schutz vor Gefühlen. Den falschen. Ich würde ihr gern glauben, dass sie mich mit ihren Sprüchen antreiben wollte zu gehen. Sie bewirkten das Gegenteil. Man hebt nicht das Selbstwertgefühl eines Menschen, indem man ihn für blöde erklärt. Man hilft keinem vom Boden auf, indem man in seine Weichteile tritt. Ich kann nicht glauben, dass sie das nicht weiß. »Wir haben dir jede denkbare Unterstützung geboten, um dir da rauszuhelfen.« Wir, damit meint meine Mutter meinen Vater und sich. Ich glaubte ihr auch das. Und fühlte mich entsprechend schuldig.

Ich brauchte vier Jahre, um mich zu lösen. Zwei Fluchten ins Frauenhaus und ungezählte zu Eltern und Freunden. Der Abend, an dem ich endgültig floh, unterschied sich in nichts von vorangegangenen Abenden dieser Art. Die Schläge waren nicht härter, nicht andauernder. Sie waren normal. Ich fuhr mit der Bahn zu einer Freundin, 200 Kilometer weit. Ich nahm für die Kinder und mich eine Wohnung. Er suchte uns einmal auf, dann ein zweites Mal. Er schlug nicht. Er sagte: »Ich brauche dich.« Das war sicher wahr. Nur eben auf die falsche Weise. Er weinte. Er gab sich so schwach und hilflos, wie er in dem Augenblick war. Sein dosiertes, tückisches Versprechen auf Kontrolle. Warum ich dieses Mal schaffte, dem zu widerstehen, wage ich nicht zu bestimmen. War es Willenskraft? Oder nur die Gunst der Stunde?

Ich schloss die Tür, und er ging. Zurück nach London oder sonstwohin. Ich wollte es nicht wissen. Wenn er mich des Nachts anrief, erst alle paar Monate, dann alle paar Jahre, fühlte ich Genugtuung. Leere. Und jene unbestimmte Sehnsucht. Ich wusste, ließe ich ihn das spüren, brächte ich mich in Gefahr. Ich konnte keinem von uns beiden trauen. Dann, nach langer Pause, schrieb er mir, und ich fühlte nichts. Antwortete nicht. Lauerte nicht, ob er mir meinem Schweigen zum Trotz noch einmal schriebe. Nach zwanzig Jahren war er mir endlich egal. Es gibt keinen Grund, auf Janay Rice wütend zu sein. Oder auf eine andere Frau an ihrer Stelle. Mich eingeschlossen. Keiner weiß das besser als ich. Keinem fällt es schwerer, dieses Wissen zu leben.

Fotos: Maciek Jasik

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