Da-dam-da-dam-da-daaaa-daaa

Mit dieser Melodie kündigt Bayern 3 seit vierzig Jahren seine Verkehrsdurchsagen an. Drei Millionen Menschen schalten jeden Tag ein – aber was kommt da eigentlich? Unser Autor hörte an einem beliebigen Werktag das komplette Programm durch, ab fünf Uhr morgens.

Es ist 7.34 Uhr, die Sendung Die Frühaufdreher läuft seit zweieinhalb Stunden, als zum fünften Mal ein Lied mit dem Slogan »Der Soundtrack deines Lebens« angekündigt wird. Seit Beginn des Jahres steht das Programm unter diesem Jubiläumsmotto; den »Soundtrack deines Lebens« bilden die besten Songs seit 1971, dem Gründungsjahr des Senders.

»Jetzt hören Sie ein ganz besonderes Schmankerl von 1986«, sagt Marcus Fahn, einer der Moderatoren. Im Hintergrund erklingt das Synthesizer-Intro von Touch Me , gesungen von dem blonden Pin-up-Girl Samantha Fox. »Ja, ich hatte damals ein Samantha-Fox-Poster in meinem Zimmer«, verkündet er. »Und ich habe heimlich auf meinem C 64-Computer Samantha-Fox-Strip-Poker gespielt.« Große Begeisterung bei den beiden anderen Moderatoren: »Hast du sie auch berührt damals?«, ruft Fleischi, der Niederbayer, und Claudia Conrath sagt: »Ach, 1986, da hab ich grad Abi gemacht.«

Es ist ein typischer Bayern-3-Moment an diesem Mittwochmorgen: Der alte Popsong, der »Kult-Achtziger«, wie eine ständig wiederkehrende Wortschöpfung des Senders verheißt, löst die Erinnerung an Jugend und Schulzeit aus. Eine Stunde zuvor haben die Moderatoren zum AC/DC-Klassiker You Shook Me All Night Long über Dia-Abende im Freundeskreis debattiert; um halb neun wird Claudia nach einem Hit von 1974 sagen: »Denken Sie doch mal nach, was Sie in dem Jahr gemacht haben, also ich hab lesen und schreiben gelernt.«

Bayern 3 ist eine kollektive Erinnerungsmaschine: Die Moderatoren, fast alle zwischen 35 und 45 und damit genauso alt wie das anvisierte Kernpublikum, haben zwischen 1980 und 1989 die ersten Schulpartys gefeiert, ihren ersten Kuss erlebt. Und die Selbstpräsentationen auf der Homepage des Senders erwecken den Eindruck, als solle dieser Abschnitt ihrer Biografie für immer konserviert bleiben: Sie heißen »Fleischi«, »Kauli«, »Matuschke«, haben die Spitznamen von damals bewahrt, und ihr Blick auf die Welt ist immer noch der des lässigen Kollegstufenschülers in der Raucherecke des Pausenhofs.

Bayern 3 - klingt dreimal gut

»Und jetzt Bayerns bester Wetterbericht, mit Thomas Anzenhofer«: Alle halben Stunden, zwischen Kurznachrichten und Verkehrsdurchsage, ist in Bayern 3 ausführlich vom Wetter die Rede; hinzu kommen unzählige verzagte Zwischenkommentare über den zurückgekehrten Winter vonseiten der Moderatoren. In den Vormittagsstunden fallen heute unter anderem die Sätze:
»Also, so langsam nervt der Schnee auf den Straßen. Der Freistaat ist wieder schön glatt.«
»Imprägnieren Sie heute Früh Ihre Schuhe noch mal, sonst könnte es sein, dass Sie nasse Füße kriegen.«
»Es gibt sie noch, die Wolkenlücken, aber nur wenige, im Moment trifft man sie eher im Museum an.«
»Hoffentlich ist Ihr Mittagessen ein Highlight, das Wetter ist nämlich keines.«

Die Sprecher geben sich alle Mühe, ihren Missmut über die Vorhersagen im »Bayern-3-Wettertrend« erkennen zu lassen. Die Moderatoren wiederum stellen ihre Musikauswahl regelmäßig in Beziehung zur Witterung draußen: »Was Handfest-Rockiges, das passt ja gut zum Schnee«, sagt Roman Roell um viertel vor zwölf, bevor er Lenny Kravitz spielt; Axel Robert Müller kündigt später einen Song des Hawaiianers Bruno Mars mit der Bemerkung an: »bisschen Sonne im bayerischen Winter«.

Im Bayern-3-Kosmos erscheint es als zentraler Faktor für das Wohlbefinden, ob die Sonne scheint oder nicht, ob es draußen warm ist oder kalt. Heute, an einem Januarmorgen, trüben Schnee und Kälte die Laune der Hörer. An einem überraschend warmen Frühlings- oder Herbsttag ist es bei Bayern 3 bekanntlich genau umgekehrt, dann wird jedes dritte Lied in Verbindung mit dem Glücksgefühl des unverhofften Sommers gebracht. Bereits am Beispiel des Wetters offenbart sich also jenes Weltbild, das der Sender seinen Hörern vermittelt: Das Leben ist von übergeordneten Instanzen und Mächten bestimmt, die man nicht ändern kann, gegen die nichts auszurichten ist.

Die besten Kult-Achtziger

Um 8:10 Uhr kommt zum dritten Mal heute Morgen der Frühaufdreher Showshredder zum Einsatz, ein Apparat, »der alle Sorgen entsorgt«, wie Fleischi sagt. Telefonisch oder per Mail können die Hörer Vorschläge machen, was in der Maschine eliminiert werden soll. Meistens haben diese Vorschläge mit der Welt der Arbeit zu tun. Ein Hörer aus Kötzting im Bayerischen Wald möchte jetzt »seinen Stress« schreddern: »Wenn man gute Mitarbeiter haben will«, sagt er, »muss man sie motivieren und nicht anschreien.« Paul aus Füssen will anschließend die »Zeigefreudigkeit seiner Kollegin« zerkleinern, »die tappt immer mit dem Finger auf den Bildschirm, und ich hab dann diese blöden Fettflecken drauf«.

Am Frühaufdreher Showshredder ist gut abzulesen, welchen Stellenwert die Arbeit und das Büroleben im Programm von Bayern 3 einnehmen. Der Fantasieapparat wird als kleine, spielerische Ausflucht des fremdbestimmten Angestellten in Szene gesetzt. Am Radio zwischen fünf und neun, in der Sendezeit der Frühaufdreher, darf er die Rachegelüste und Ressentiments ausleben, die er in der Realität des Nine-to-five-Jobs wieder unterdrücken wird. Überhaupt bildet die straffe Arbeitswoche - von Montag bis Freitag, frühmorgens bis nachmittags - den seltsam eng gesteckten Rahmen des Programms.

Jedes andere Lebensmodell, ob Selbstständigkeit, Elternzeit oder auch Arbeitslosigkeit, kommt in der Welt von Bayern 3 nicht vor. Und die Moderatoren lassen keinen Zweifel daran, dass es eine entfremdete, von den Hörern zutiefst verachtete Arbeit ist, die verrichtet werden muss, während das Radio läuft. Sie selbst feiern ihre eigene Medienkarriere auf der Bayern-3-Homepage als pure Selbstverwirklichung, als die Erfüllung eines seit Schulzeiten gehegten Lebenstraums. Doch für die Hörer gilt genau das Gegenteil. Ins Büro gehen heißt für sie: sich jeden Morgen überwinden müssen und ab dem Mittagessen den Feierabend herbeisehnen.

Zu den beliebtesten Elementen der Moderation gehört daher die Psychologie der Wochentage. Wer an einem Freitag Bayern 3 hört, wird jede Viertelstunde mit dem Hinweis bedacht, dass dieser oder jene Song »den Start ins Wochenende versüßen« solle und dass die Fron der Werktage »nun endlich vorüber« sei. An jedem Montag zieht sich wiederum das Lamento durchs Programm, wie hassenswert dieser Wochentag doch sei, und der einschlägige Hit der Boomtown Rats darf auf keinen Fall fehlen.

Heute, an einem neutralen Mittwoch, könnte es den Moderatoren vielleicht schwerer fallen, einen Bezug zwischen Wochentag und Arbeitsmotivation herzustellen. Claudia von den Frühaufdrehern schafft es dennoch, ständig Sätze zu sagen wie: »Wir feiern Bergfest heute, es ist schon wieder Mittwoch.« Die Botschaft ist unmissverständlich: »Nur noch zwei Tage«, sollen diese Sätze verheißen, »dann haben wir es geschafft.«

Erinnerung ist des Senders wichtigstes Kapital


Mehr Spaß, mehr Tipps, mehr Abwechslung

Für die Sphäre der Arbeit, neben dem Wetter das zweite durchgängige Bayern-3-Thema, gilt das Gleiche wie für den ewigen Ärger über Kälte oder Regen: Sie ist eine äußere Instanz, die das Leben der Hörer bestimmt, der man sich unterzuordnen hat. Und das ist auch das eminent Politische des scheinbar so unpolitischen Senders Bayern 3. Unablässig werden die Hörer darüber belehrt, dass schicksalhafte Autoritäten über ihr Dasein entscheiden: das Wetter, der Stau, der Vorgesetzte, die große weite Welt.

Das Radioprogramm hilft ihnen dabei, die Launen der Chefs wie die der Jahreszeiten oder des Verkehrs möglichst gut zu durchstehen. Von 16 bis 19 läuft jeden Werktag Bayern-3-Extra - Ab in den Feierabend mit Axel Robert Müller. Diese Sendung überschneidet sich, wie ihr Titel schon sagt, zeitlich mit dem Arbeitsende der Hörer. Der Moderator tut sein Bestes, um diesen Zusammenhang sooft es geht in Erinnerung zu rufen.

16:15 Uhr: »Ihnen allen guten Start in den Feierabend, wenn Sie schon Schluss haben.«
16:32 Uhr, nach dem Song What Is Love: »Haddaway macht Sie fit für den Feierabend.«
17:16 Uhr, vor einem Lied der Neon Trees: »Die extra Portion Rock für Ihren Feierabend!«
17:23 Uhr: »Extra entspannt in Ihren wohlverdienten Feierabend.«
18:46 Uhr, vor Grenade von Bruno Mars: »Grade nach einem harten Arbeitstag ist das die extra Dosis Entspannung für Sie.«

Der Soundtrack deines Lebens

Die Penetranz, mit der Axel Robert Müller das Wort »Feierabend« gebraucht, ist in der Logik des Bayern-3-Weltbildes konsequent. Denn das Ende der Arbeit ist spätestens seit den Mittagsstunden der Fluchtpunkt des gesamten Programms. Doch was nun? Welches Gegengewicht, welche Ausflüchte gibt es nach einem Tag des bloßen Funktionierens und Erduldens? Das Ehe- und Familienleben übernimmt diese Rolle nicht; dafür wird es in Bayern 3 viel zu oft als Ort der Routine und der erloschenen Leidenschaften geschildert.

Gerade vor ein paar Stunden hat Renate aus Kronach im Showshredder noch darum gebeten, »das über zehn Jahre alte Lieblings-T-Shirt meines Mannes« zu vernichten. »Es ist grau und passte mal gut zu seinen schwarzen Haaren«, schreibt Renate, »aber die sind jetzt längst so grau wie das T-Shirt.« Sie hat es schon in der Wohnung versteckt und sogar bei 60 Grad gewaschen, doch das hat alles nichts genützt. Jetzt bleibt nur noch der Schredder.

Der einzige Schlupfwinkel, den Bayern 3 seinen Hörern fortwährend anbietet, ist die Nostalgie, die Erinnerung an eine Zeit, in der im Leben alles möglich schien, eine Zeit ohne Büroarbeit, ohne beengte Familienparzelle, ohne Abzahlungsraten auf Auto und Reihenhaus. Diese Sehnsucht wird natürlich von Popsongs aus der Jugendzeit ausgelöst, vor allem von den »Kult-Achtzigern«. Im Geburtstagsjahr 2011 hat Bayern 3 den rückwärtsgewandten Musikanteil, der im »Adult Contemporary« genannten Format grundsätzlich seinen festen Platz hat, mit großem Marketingaufwand ausgebaut. Der Sender weiß, dass Erinnerung sein wichtigstes Kapital ist. Der »Soundtrack deines Lebens«, von Bohemian Rhapsody bis Sunshine Reggae, von den Eagles bis Cyndi Lauper, ist der wehmütige Gegenentwurf zur Büroexistenz von heute. Jedes Lied eine Assoziation, jede Synthesizer-Fläche ein verliebter Blick beim Autoscooter-Fahren, mit einem Dolomiti in der Hand, jedes Gitarrenpicking eine Engtanzparty im Raum der
Schülermitverwaltung.

Auf der Homepage von Bayern 3 gibt es eine neue Rubrik, in der die euphorischen Zuschriften der Hörer zum Jubiläumsprogramm gesammelt sind. Diese Mails geben ein so anrührendes wie trostloses Dokument ab. Vokabular und Perspektive erinnern an eine Bravo-Ausgabe von 1985, nur dass die Autoren inzwischen in den Vierzigern sind. Eva aus Gablingen über Live is Life von Opus: »Ich war 16 (Baujahr 1969), lag mit meinem damaligen Freund, jetzt Mann, auf dem Bett. Wir kuschelten und schmusten.« Gaby aus Allensbach über Weu’sd a Herz hast wia a Bergwerk von Rainhard Fendrich: »Diesen Song gibt es nur bei Euch, so wunderschön. Wenn ich dieses Lied höre, wird mir bewusst, wie schnell und oberflächlich unsere Zeit geworden ist.«

Dass Bayern 3 bei seinen Hörern auch nach vierzig Jahren diese Macht entfaltet, liegt daran, dass der Sender trotz sinkender Einschaltquoten immer noch als das »amtliche« Radioprogramm im Bundesland wahrgenommen wird. Die Frequenz wirkt beim Schalten durch die Sender weiterhin als die klarste und stärkste; die Stimmen der Moderatoren verströmen ein Maß an Professionalität, zu dem sich die der anderen Sender als Abweichung verhalten.

Als Kind konnte man sich vor dem Radio nie vorstellen, in welchem Alter die Bayern-3-Moderatoren wohl seien; die versierte Unbeschwertheit ihrer Stimmen machte jede Einschätzung unmöglich. Auch heute noch, da viele Sprecher jünger sind als man selbst, bleiben sie alterslos, ewig gut gelaunte Begleiter durch den Tag. Doch je mehr der Sender diesen amtlichen Status in der Hörergunst einbüßt, desto deutlicher muss er ihn inzwischen herausstellen.

Um 18.03 Uhr verkündet die Sprecherin zum fast dreißigsten Mal »Bayerns besten Wetterbericht«, darauf folgt wie gewohnt »der aktuellste Verkehrsservice« und anschließend der Hinweis des Moderators auf den »besten Rock«. Jetzt, am frühen Abend, werden die marktschreierischen Slogans immer müder und routinierter vorgetragen, wie eine lästige Pflicht. Auch den Superlativen geht am Ende eines Bayern-3-Tages langsam die Luft aus.

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