Der Herr der Pfeifen

Anton Guggemos war 40 Jahre lang Organist in einer der berühmtesten Kirchen Deutschlands. Hier erklärt er, wie man noch spielen kann, wenn vor Kälte das Weihwasser gefriert, und warum wir alle an Weihnachten nicht mehr die Original-Version von »Stille Nacht« singen.

Herr Guggemos, Sie waren 40 Jahre Organist in einer der berühmtesten Kirchen Deutschlands, der Wieskirche. Dieses Jahr sitzen Sie zum ersten Mal an Weihnachten nicht an dieser Orgel. Sind Sie traurig?
Anton Guggemos: Ach, die Orgel in der Wies geht mir schon ab, aber es ist jetzt halt mal so, wie es ist. Mir hat es in den letzten Jahren nicht mehr so viel Freude gemacht. Die 40 Jahre waren sehr anstrengend. Ich werde 69, habe Gicht und Gelenkentzündung an den Händen, das kommt vom Orgelspielen bei Kälte.

Welche Lieder haben Sie immer zur Christmette gespielt?
Sehr oft die Bauernmesse für gemischten Chor von Annette Thoma, gern bayerische Klostermusik, und am Ende »Stille Nacht«, aber im Original.

Das, was wir unterm Christbaum singen, ist nicht original?
Nein, die Musik ist ein bisschen anders. Und schöner. Bei der Uraufführung 1818 wurde das Lied nicht von einer Orgel, sondern von zwei Gitarren gespielt. Später instrumentierte es Franz Xaver Gruber, der Komponist, zusätzlich mit Streichern, zwei Solostimmen, von Männern gesungen, und zwei Hörnern. Die Hörner machen es sehr weihnachtlich.

Wie haben Sie sich als Organist gegen die Kälte an Weihnachten geschützt? Mit Handschuhen hätten Sie ja die Tasten nicht mehr richtig getroffen.
Wenn das Weihwasser gefroren ist, weiß man, womit man es zu tun hat. Ich ziehe Mantel und lange Unterhose an, aber das hilft auch nur eine halbe Stunde. Die Knie kühlen aus, die Finger sowieso. Früher hatte ich einen Heizstrahler neben mir, aber der musste weg, als 2011 die neue Orgel kam, die Intarsien wären sonst beschädigt worden. Als Ersatz bekam ich eine Art milchige Glaswand, die etwas Wärme abgegeben hat, aber nicht genug.


Wie haben Sie sich bei der Christmette beholfen?

Das Rezept des Pfarrers bei Kälte – »lange Unterhosen, kurze Predigt« – konnte ich ja nur zur Hälfte anwenden. Während des Gottesdienstes weiß man sich zu helfen, man hat Pausen, in denen Zeit ist, die Hände zu reiben. Bei einem Orgelkonzert wie dem a-Moll-Konzert von Bach aber, das sehr schnell gespielt wird, kann es schon sein, dass man zwischendurch langsamer spielen oder ganz aufhören muss. Außerdem kommt es sehr auf die Orgel an: Die alte, auf der ich über 30 Jahre gespielt habe, hatte Tasten aus Rosenholz, die kühlten nicht so aus. Bei der neuen sind die Tasten aus polierten Rinderknochen, die werden im Winter kalt wie Stein.

Hatte die Temperatur auch Einfluss auf Ihr Programm?

Die Orgel wird sehr tief bei Kälte, doch gerade an Weihnachten möchte man ja Konzerte spielen. Geigen müssen deshalb runtergestimmt und Querflöten tiefer gespielt werden. In Kirchen wie der Wies ist es ja nicht nur sechs Monate kalt, sondern neun. An Ostern hat es meistens nur zehn bis zwölf Grad. In den paar Wochen im Sommer, in denen Sie in Hemdsärmeln an der Orgel sitzen können, spielen Sie viel filigranere Stücke und Scherzi, also schnelle, heitere Sachen. Schon deshalb, weil Sie die Muskulatur nicht aufwärmen müssen.

Schlug Ihnen im Winter bei vollbesetzter Kirche auch die Atemluft der Besucher entgegen?
Das ist ein großes Problem für die Orgel. Zwar ist Feuchtigkeit wichtig für das Instrument, aber wenn sie zu hoch ist, kann sich Schimmel bilden. Im Herbst beträgt die Luftfeuchtigkeit manchmal bis zu 95 Prozent, dann quillt das Holz an der Orgel, und die Tasten gehen nicht mehr zurück. Zu feuchte Luft lässt sich nicht wegzaubern, bei zu trockener Luft kann man die Instrumente wenigstens befeuchten.

Die Besucher kann man ja kaum wegschicken. Wie löst man dieses Dilemma?
Wenn die Kirche voll ist, haben Sie, völlig unabhängig von der Temperatur, mit der Atemfeuchtigkeit von 700 Menschen zu kämpfen, selbst da braucht die Raumschale anschließend Zeit, zu trocknen und sich zu erholen. Wenn es dann noch regnet, und die Leute kommen mit nasser Kleidung und Schirmen in die Kirche, dauert es fünf bis zehn Stunden, bis sich der Raum wieder erholt. In die Wies kommen eine Million Besucher im Jahr, deshalb hat man über eine Kontingentierung nachgedacht. Aber das ist immer auch eine Entscheidung des Pfarrers und des Landesdenkmalamtes.

Die Wieskirche ist vor allem ein touristisches Ziel. Ist es ein Vorteil oder ein Nachteil für einen Organisten, wenn immer wieder andere Gläubige kommen?

Für einen Organisten sind Wallfahrten ein großer Stress, denn immer gehen Kirchenführungen voraus, dazwischen finden Messen statt. Im Sommer, wenn sich die Wallfahrtgruppen die Klinke in die Hand geben, konnte ich tagsüber kaum üben, außerdem kamen viele Besucher auf die Empore und wünschten sich zum Beispiel, dass ich das Ave Maria spiele.

Und? Haben Sie?
Wann immer es möglich war, ja. Andererseits war es natürlich verführerisch, dass täglich andere Leute kamen. Man konnte stets seine Favoriten und Bravourstücke spielen wie die Toccata, Bachs bekanntestes Orgelwerk oder Trumpet Volountary von Henry Purcell.

Für wen spielen Sie? Für sich, für Gott, für die Menschen?
Man spielt für die Menschen. Aber Gott muss es auch gefallen. Wer nicht gläubig ist, kann im Gottesdienst, denke ich, die geistliche Musik von Bach nicht spielen. Auch bei Sängern merkt man den Unterschied: Exsultate Jubilate, eine geistliche Motette von Mozart, kriegen selbst berühmte Koloratursängerinnen nicht hin, wenn sie keinen religiösen Bezug haben. Die singen zu kokett.

Je größer die Kirche, desto größer die Orgel

Muss jede Orgel auf die Kirche zugeschnitten sein?
Oh ja. Der Resonanzraum der Orgel ist ja immer die Kirche, nicht wie bei der Violine, bei der ist der Hohlraum der Resonanzraum. Eine Orgel in einer romanischen Kirche klingt vollkommen anders als in einer Rokokokirche wie der Wies. Je größer die Kirche, desto größer muss die Orgel sein. Weil es dort Verzögerungen gibt, bis der Klang ankommt, muss man andere Stücke spielen - im Kölner Dom beispielsweise eher symphonische Musik, auch Bach muss dort sehr langsam gespielt werden. Schnelle und heitere Sachen funktionieren nur in kleinen Kirchen. Organologen, die sich wissenschaftlich mit dem Orgelbau auseinandersetzen, wissen auch, dass Stuck, wie im Passauer Dom, den Klang schluckt. Ebenso wie Wintermäntel.

Das heißt, die Wieskirche ist günstig für den Klang einer Orgel?
Ja, sehr. Man kann das vorgegebene Tempo spielen, auch legato, also gebunden. In der Basilika der Benediktinerabtei in Ettal dagegen hört sich dasselbe Stück wie ein Klangbrei an, so als ob der Organist seine Finger gar nicht aufhebt. Die Kirche dort hat eine Kuppel, in der sich die Schallwellen fangen, deshalb muss man immer halbes Tempo spielen. Eine Kuppel ist eine Katastrophe für jede Orgel.

Sie sagten vorhin, dass Sie neben der alten Orgel, auf der Sie früher spielten, im Winter einen Heizstrahler aufstellen konnten, neben der neuen nicht. War die alte Orgel Ihnen lieber?
Nein, sie war technisch ausgespielt, hat geklappert, die Hölzer waren mit Filz unterlegt, der sackte allmählich zusammen. Wie bei allen alten Orgeln waren die Tasten und die Abstände der Pedale nicht genormt, das hieß, fremde Organisten mussten ein paar Tage früher anreisen, um zu üben. 2008 wurde sie dann abgebaut.

Und ab wann hatte sie in der Wieskirche gestanden?
Ab 1959. Damals gab es einen regelrechten Orgelfrühling, man hat sich wieder auf Bach besonnen auf die mechanische Orgeln, auf die Bücher, die Albert Schweitzer, ein begnadeter Organist, über ihn geschrieben hatte, bevor er in den Urwald ging. Das beflügelte die Orgelbauer natürlich.

Gab es einen besonderen Moment, in dem Sie die Magie von Orgelmusik gespürt haben?
Als Theologiestudent besuchte ich das Kirchenmusikfestival in Paris, bei dem das Eröffnungskonzert von Pierre Cochereau in der Kathedrale von Notre Dame gespielt wurde. Gleich bei den ersten Tönen waren die Bässe derart fundamental, dass sich meine Schulterblätter zusammenzogen. Ein gewaltiges Ereignis, hundertmal körperlicher und intensiver als der Klang einer CD auf der besten Anlage der Welt. Das liegt eben daran, dass der Resonanzraum der Orgel der gesamte Kirchenraum ist. So was lässt sich nicht konservieren.

Dabei haben Sie als Theologiestudent selbst Orgel gespielt.
Ich war im Internat in Freising. Erst spielte ich Klavier, aber als ich 14 war, hörte mich der Domkapellmeister spielen und überzeugte mich, auf die Orgel umzusteigen. Für ihn war die Orgel eine Dienerin Gottes. Ich wollte virtuose Stücke spielen, mit allen Registern, aber er fand das lasziv. Immer, wenn ich leidenschaftlich in die Tasten griff, nahm er sämtliche Register raus und sagte: »Anton, alle Register nur an Ostern, nur an Ostern!«

Wollten Sie lieber Theologe oder Organist werden?
Ich bin gläubig, aber zu wenig fromm, um Pfarrer zu werden. Während des Theologiestudiums hatte ich Orgelunterricht, anschließend habe ich am Mozarteum in Salzburg Orgel studiert. Aber Organist in der Wies ist man ja nur im Nebenberuf. Ich habe also auch Pädagogik in Augsburg studiert und bis zu meiner Pensionierung als Lehrer für die fünfte und sechste Klasse gearbeitet.

Und am Wochenende und hohen kirchlichen Feiertagen haben Sie in der Wies gespielt?
Ja, man hat im Schnitt zehn sogenannte Dienste im Monat. Im Winter weniger, im Sommer mehr, wegen der vielen Wallfahrer. Hinzu kamen natürlich die Stunden, in denen ich geübt habe.

Haben Sie auch oft zu Hochzeiten gespielt?
Früher fanden sogar über 500 Hochzeiten im Jahr statt. Die Paare sind von neun Uhr morgens an in Fünfergruppen getraut worden. Jetzt sind es deutlich weniger, denn die Regeln sind strenger geworden: Früher brauchten sich die Paare nur die Erlaubnis von einem Pfarrer zu holen, dass sie sich kirchlich trauen lassen dürfen, und der Kurat hat sie dann in der Wieskirche getraut. Die Wies ist ja eine Kuratie, statt Pfarrern gibt es Kuraten: Eine Pfarrei braucht ein Hinterland, aber die Wies ist eine Einöde, nur 30 Menschen leben hier, es, gibt keinen Chor und keinen Friedhof. Aber seit einiger Zeit reicht die Erlaubnis nicht mehr, sondern die Brautpaare müssen selbst einen Pfarrer mitbringen, der sie traut – das ist für viele unmöglich.

Wünschten sich die Brautpaare andere Lieder von Ihnen als vor 40 Jahren?
Oft sagten Paare, wenn ich Mozarts Ave verum von einer Sopranistin gesungen vorschlug: »Das klingt verstaubt. Können Sie nicht ›The Rose‹ von Bette Midler spielen?« Viele wünschen sich heute Lieder aus Musicals, was von Elton John oder ›Halleluja‹ von Leonard Cohen. Aber der schlimmste Wunsch war ›Sag zum Abschied leise Servus‹ bei einer Beerdigung. Was soll man da sagen? Aber ich hab's gespielt. Bei solchen Anlässen geht es nicht um mich.

»Die Bänke sind nur spärlich besetzt«

Leiden Sie, wenn Sie solche Wünsche hören?
Es tut mir weh, wenn Leute, die nichts von Musik verstehen, sagen, großartige Musik sei langweilig oder verstaubt. Mozart hat sein Ave verum kurz vor seinem Tod geschrieben, in der Musik ahnt man sein nahes Ende. Die meisten Leute kennen, wenn überhaupt, an guter Kirchenmusik nur noch das Ave Maria, vielleicht noch ein, zwei Hochzeitsmärsche oder das Largo von Händel. Das war's. Früher haben die Leute mehr von Musik verstanden und dem Organisten mehr Freiheit gelassen, das Programm zu wählen. Heute wird jede Hochzeit extrem individualisiert, und jeder hält sich für einen Fachmann. Aber das ist es ja nicht allein: Natürlich ist mir in anderen Kirchen aufgefallen, dass die Bänke nur noch spärlich besetzt sind und fast nur von grauhaarigen Menschen, so gut wie nie von Kindern oder Jugendlichen. Neulich war ich in einer Messe, und nur der Pfarrer und der Organist haben gesungen. Ich wollte eigentlich mitsingen, aber glauben Sie mir, die Leute hätten mich komisch angeschaut. Also blieb ich still. Es war kläglich.

Ist Orgelmusik für Sie ein künstlerisches Ereignis oder ein Teil der Liturgie? Angesichts des Erweckungserlebnisses komische Frage ...
Beides. Ich liebe virtuose Musik, da kann ich mich richtig austoben. Die Orgel kommt ja ursprünglich vom Zirkus. Trotzdem ist es selbstverständlich, dass ich mich bei der Kommunion oder zwischen den Lesungen zurücknehme. Viele Organisten sitzen mit dem Rücken zum Altar, deshalb sind Spiegel montiert: damit der Organist sieht, was am Altar vor sich geht und wann er einsetzen oder zum Ende kommen muss.

Wo steht Ihre Traumorgel?
In Waldsassen an der tschechischen Grenze, in einer riesigen Basilika. Da hat schon Leonard Bernstein das Mozart-Requiem aufgenommen. Die Orgel ist gewaltig, hat 7720 Pfeifen und ist in Biegung angebracht, in einer Art Kurve, sonst könnte man das oberste Manual nicht mehr spielen. Der Klang ist so gigantisch, dass man denkt, es spielen drei Orgeln gleichzeitig.

Wo werden Sie dieses Jahr an Weihnachten sein?
Am 24. in der Kirche in Schönberg, nicht weit von der Wies, am 25. in Wildsteig, meiner Heimatgemeinde. Dort steht eine pneumatische Orgel von 1924. Drücke ich eine Taste, füllt sich erstmal ein Ledertütchen zu einer Art Kissen, das einen Stift antippt, der wiederum das Ventil anstößt. Die Musik erklingt stark verzögert. Vor allem bei schneller Barockmusik bin ich mit dem Spielen längst fertig, wenn die Musik noch zu hören ist. Gar nicht leicht, wenn man jemanden begleiten soll.

Wie erging es Ihnen nach Ihrem letzten Dienst an der Wies, an Silvester 2014?
Ich hatte keine Tränen in den Augen, falls Sie das meinen. Es ist völlig okay, wenn nach 40 Jahren ein Jüngerer drankommt.

Fotos: Robert Brembeck

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