Schicksalssymphonie

Der Stardirigent Zubin Mehta glaubt daran, dass Musik den Menschen Frieden bringen kann. Also reiste er mit dem Bayerischen Staatsorchester nach Kaschmir, an die Grenze zwischen Indien und Pakistan. Aber was hilft Beethoven einer Region, in der seit mehr als sechzig Jahren jeder gegen jeden kämpft?

Die Lufthansa-Maschine von München nach Neu-Delhi ist noch nicht in der Luft, schon kommt es zu ersten Turbulenzen: Einer der Musiker hat auf seinem Smartphone »Konzert« und »Kaschmir« bei Google eingegeben, jetzt verbreiten sich die Neuigkeiten von einer Reihe zur nächsten. Spiegel Online meldet diplomatische Spannungen, noch sei unsicher, ob das Konzert am 7. September überhaupt stattfinden könne. Englische Nachrichtenseiten zitieren muslimische Kleriker, die zum Boykott aufrufen, und nein, die Gefahr von Anschlägen könne nicht ausgeschlossen werden.

Dass sie nicht nach Wien oder Köln fliegen, wussten sie, aber Anschläge und Terror - das erwischt sie jetzt doch. »Meinst du, es kann gefährlich werden?«, fragt eine Geigerin ihren Sitznachbarn. »Aber nein«, beruhigt er sie, »wir sind doch total abgeschottet.« Fünf Stunden später - die Maschine überfliegt gerade Teheran - brennen nur noch ein paar Leselämpchen. Die meisten dösen unter Schlafbrillen, als der Solohornist Johannes Dengler verrät: »Mein Frau ist schwanger. Wenn ich gewusst hätte, wie verworren die Lage ist, wäre ich eher nicht mitgekommen.« Sie hätten jetzt gern ihren Dirigenten hier, vielleicht könnte er sie beruhigen, ihnen die Angst nehmen, aber als die 94 Mitglieder des Bayerischen Staatsorchesters zu ahnen beginnen, auf was sie sich bei diesem Ausflug eingelassen haben, ist Zubin Mehta längst in Neu-Delhi und isst mit dem indischen Außenminister zu Abend; eigentlich wollte er auch seine alte Freundin Sonia Gandhi treffen, aber die ist in den USA, ein Termin beim Arzt.

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Die Musiker des Bayerischen Staatsorchesters gehören zu den Besten der Welt, aber sie sind ein Orchester, ein Kollektiv; Mehta ist allein, er ist der Dirigent, der Star. Als Generalmusikdirektor hat er in Montreal, Los Angeles, New York und München gearbeitet, heute lebt er in Kalifornien im ehemaligen Haus von Steve McQueen - aber nur sechs Wochen im Jahr, die anderen 46 ist er unterwegs: in Tel Aviv, als Chefdirigent des Israel Philharmonic Orchestra; in Florenz, als Chef des Maggio Musicale; in Valencia, als Künstlerischer Leiter der Oper - oder auf Tournee. Gerade erst war er drei Wochen in Chile und Argentinien, die Woche drauf geht es nach Italien, Spanien, Australien. Wenn er überhaupt mal Urlaub macht, dann weil seine Frau drängt, die frühere Hollywood-Schauspielerin Nancy Kovack, mit der er seit 44 Jahren verheiratet ist. Er weiß noch, wie sie 1989 in Ruanda Berggorillas im Dschungel beobachtet haben. »Magisch«, sagt er, »aber anstrengend.« Aufgeatmet habe er erst, als er ein paar Tage später in New York Bruckners Achte dirigieren durfte. Endlich Urlaub, habe er beim Adagio gedacht. Es kommt vor, dass er sich nach einem Zwölf-Stunden-Flug direkt in den Konzertsaal chauffieren lässt. Mehta ist 77 Jahre alt.

Und trotzdem. Eine Woche Indien, ein Konzert in Kaschmir, zwei in Mumbai, das ist auch für ihn mehr als ein exotisches Gastspiel. In Mumbai ist er groß geworden, hier hat er mit 16 das von seinem Vater gegründete Bombay Symphony Orchestra dirigiert. In Kaschmir war er ein paar Mal, aber Musik gemacht? Nein. Wie auch? In einem Dauerkrisengebiet, um das Indien und Pakistan seit 1947 drei Kriege geführt haben; in dem Separatisten für Unabhängigkeit und Al-Qaida-Krieger für einen islamistischen Gottesstaat kämpfen. Seit 1949 ist Kaschmir zerrissen. Ein Teil wird von Indien, einer von Pakistan, einer von China verwaltet. Seit mehr als fünfzig Jahren fordert die UNO einen Volksentscheid, die überwiegend muslimische Bevölkerung solle entscheiden, zu wem sie gehören möchte - passiert ist nichts, nur immer neue Anschläge, neue Tote. Die Kaschmiris wehren sich gegen die indische Besatzung, denn das ist die Realität, in der sie leben. Allein in Kaschmir sind 600 000 indische Soldaten stationiert,  mehr als dreimal die komplette Truppenstärke der Bundeswehr. Menschenrechtsaktivisten berichten von Massengräbern, Folterungen, Vergewaltigungen, von Menschen, die über Nacht verschwinden.

Mehta ist Parse, das muss man wissen, um zu verstehen, was in den nächsten paar Tagen passieren wird, und warum ihn dieses Konzert am Ende schon glücklich, aber auch ein bisschen traurig gemacht hat. Er gehört einer religiösen Minderheit an, die vor tausend Jahren aus Persien nach Indien geflohen ist, im Gepäck die Lehre des Propheten Zarathustra: »Gute Gedanken. Gute Worte. Gute Taten.« Und ein Konzert, das mehr transportiert als Musik, ein Konzert als menschliche Geste, so was liebt er. 1994 hat er während des Bosnienkrieges in Sarajewo gespielt, 1968 im besetzten Bethlehem, 1956 während der Ungarn-Krise in einem Flüchtlingslager bei Wien. Und als er das Bayerische Staatsorchester gefragt hat, ob es gemeinsam mit ihm seinen Traum verwirklichen möchte, ein Konzert für Hindus und Muslime in Kaschmir, haben fast alle Ja gesagt. »Wenn Mehta findet, es ist eine gute Sache, ist es eine gute Sache«, sagen sie. Und überhaupt: Wann hat man als Orchestermusiker schon mal die Chance, ein Stück Geschichte zu schreiben?

Also sind sie mitgeflogen, für ihren früheren Chef, der auch jedes andere Orchester auf der Welt hätte fragen können, und für diese betörende Idee, in den Mogulgärten von Srinagar, gar nicht weit von Pakistan, am Fuß des Himalaja, Beethovens Fünfte erklingen zu lassen und einem getretenen Volk eine Ahnung von Erhabenheit zu vermitteln; Menschen, die noch nie Geigen und Hörner, ja noch nicht mal Musik gehört haben, die auf Harmonie beruht - indische klassische Musik ist traditionell einstimmig. Und jetzt sind sie noch nicht mal dort, und schon mischt sich die Wirklichkeit ein. »Auf dem Basar kann sich jeder einen Schal kaufen«, hatte Mehta in München versprochen. Aber kann man das wirklich? Ist es nicht fahrlässig? Gefährlich? Oder muss man es geradezu, aus Respekt vor den Menschen, bei denen man zu Gast ist? Vor allem aber: Ist dieses Konzert für Kaschmir - dirigiert von einem Weltbürger mit Diplomatenpass, organisiert von der deutschen Botschaft, genehmigt von der indischen Regierung, gesponsert von der internationalen Großindustrie - überhaupt eine gute Idee? Oder am Ende nur eine kulturimperialistische Geste, ein luxuriöser Kurztrip ohne versöhnende Kraft?

»A beautiful prison« wird Kaschmir in einer EU-Resolution genannt.

Flughafen Neu-Delhi, 6.45 Uhr. Müde und blass sitzen die Musiker in irgendeiner Lounge, als der deutsche Botschafter Michael Steiner und Zubin Mehta hereinstürmen, der Erste im dunklen Anzug, der Zweite barfuß in Loafers, mit Elefanten auf dem Leinenhemd. Ein indischer Kellner erkennt ihn und hält ihm ein Silbertablett mit Säften hin, aber Mehta schiebt ihn sachte in die zweite Reihe, es gibt jetzt Wichtigeres zu tun - die Unsicherheit der Musiker muss zerstreut, Unversehrtheit garantiert und die Mission ein letztes Mal klar definiert werden: Kein Friedenskonzert werde man geben, sagt der Botschafter, schon gar kein politisches, sondern eines für die Menschen in Kaschmir, deshalb ja der Name Ehsaas-e-Kashmir, Gefühl für Kaschmir. Und ja, es gebe Gegenstimmen, auch Steine werden fliegen, aber keine Sorge, das Konzertgelände werde im Umkreis von drei Kilometern abgeriegelt, da komme keiner durch. »Ganz Indien schaut auf Sie«, schließt er und wirkt ein bisschen wie der amerikanische Präsident in Independence Day, kurz bevor er den Befehl gibt, das Raumschiff der Außerirdischen anzugreifen, um die Menschheit zu retten. Also bis heute Abend in Srinagar, Mehta muss zurück in die Stadt, gleich bekommt er vom indischen Präsidenten eine Auszeichnung für »Cultural Harmony« verliehen, Preisgeld 120 000 Euro. Für das Konzert nimmt er nichts. »Er ist wirklich großzügig«, erzählt der erste Geiger Markus Wolf. »Einmal habe ich ihm bei einer Probe ein Kompliment für seine Krawatte gemacht. Und was macht er? Nimmt sie ab, wirft sie mir hin und sagt: Ist ein Geschenk.«

Von Neu-Delhi nach Srinagar wird mit GoAir geflogen, das spart Geld, die Fluggesellschaft gehört einem alten Freund von Mehta, dem indischen Milliardär Nusli Wadia, ebenfalls ein Parse. Und weil der Frachtraum der Maschine zu eng für die Kontrabass-Kisten ist, fliegt ein Transportflugzeug der indischen Luftwaffe sämtliche Instrumente hinterher. Der Name Mehta macht in Indien fast alles möglich, trotzdem ist der Aufwand enorm: Ein Jahr lang hat die deutsche Botschaft mit Regierungen und Sponsoren verhandelt, monatelang wurden die Mogulgärten zur Märchenkulisse herausgeputzt. Die Scheinwerfer wurden vor ein paar Tagen aus Neu-Delhi antransportiert, die Tonanlage aus Mumbai, drei Tage hin, drei zurück, alles per Lkw. Sogar verschiedene Regenjackenmodelle wurden getestet. Am Ende hat man sich für weiße Plastikumhänge mit Kapuze entschieden und 1500 Stück geordert, einen für jeden Besucher, nicht dass am Ende noch der Regen die Botschaft verwässert.

Srinagar, 1700 Meter über dem Meer, 1,2 Millionen Einwohner. Eine Stadt, arm und schön, in der Mitte der Dal-See, auf dem hölzerne Hausboote ankern; drum herum wie hingetupft Häuschen mit roten und blauen Dächern, außerdem Blumen, überall Blüten, Malven, Safranfelder, moosgrüne Hügel, von denen sich zierliche Rauchsäulen in den Himmel recken. Von Weitem: eine Landschaft wie aus Herr der Ringe. Man muss schon rein in die Stadt, um den Rost, das Wellblech und die Tierkadaver zu sehen, aus denen die Bussarde die Eingeweide herauszerren. »A beautiful prison« wird Kaschmir in einer EU-Resolution genannt. Ab acht Toten pro Tag, hat Die Zeit mal recherchiert, schicken die internationalen Nachrichtenagenturen eine Meldung in die Welt, alles drunter ist Alltag.

Vom Flughafen werden die Musiker in Kleinbussen zu den beiden Hotels gefahren. Pro Bus zehn Personen. Nicht neun. Nicht elf. Ab jetzt wird es pingelig, weil gefährlich. Heißt es. Am besten folge man den Anweisungen, vor allem an den Straßensperren. Vorneweg, hinterher, Soldaten mit AK-47-Gewehren. Eine Drohkulisse, von der keiner weiß, wie notwendig, wie übertrieben sie ist. Manche lächeln, aber was heißt das? »No Mehta. No Israel«, steht auf einer Mauer. »Das hat mir weh getan«, sagt Mehta. »Manche denken hier, dass ich Indien verraten habe und Israeli geworden bin«, dabei stimme das gar nicht, er könne gern seinen Pass zeigen. »Von da an«, erzählt einer der Musiker später, »wussten wir, dass es unfassbar wird: unfassbar toll oder unfassbar schlimm.«

Vor dem Hotel überprüfen Polizisten Kühlerhauben, Kofferräume, Handys, mit einem fahrbaren Spiegel werden die Karosserien der Busse nach Sprengstoff abgesucht - alles sauber. In den Suiten liegt die aktuelle Mail Today: Einige der Gäste hätten ihre Einladung bereits abgesagt. Ein paar Intellektuelle, weil das Konzert die Unterdrückung Kaschmirs verschleiere, ein paar Botschafter, weil sich keine angemessene Unterkunft finden lasse. In den einzigen beiden Fünf-Sterne-Hotels wohnen die Musiker und die Botschaftsvertreter. Außerdem werde von Menschenrechtsaktivisten ein Gegenkonzert geplant, Haqeeat-e-Kashmir, die Wahrheit über Kaschmir. Jetzt hat es auch der Letzte kapiert: Wir wohnen in einem Luxushotel, in dem vor jedem Pissoir ein kleiner Teppich liegt, aber wir sind in Kaschmir und damit in einer Logik, die Normalität - also auch ein klassisches Konzert - als Tolerierung der indischen Besatzung ablehnt.

»In den finsteren Zeiten/Wird da auch gesungen werden?/Da wird auch gesungen werden./Von den finsteren Zeiten.«

Wenn Mehta Deutsch spricht, klingt er genau wie sein alter Kumpel Daniel Barenboim: der gleiche Akzent, die gleiche Tonlage. »Manchmal«, erzählt seine Referentin, »ruft mich Barenboim an, tut so, als wäre er Zubin, und bittet mich um irgendwas.« Es dauere jedes Mal ein paar Sekunden, bis sie merke, dass die beiden ihr wieder mal einen Streich gespielt haben. Mehta lacht gern. Er ist ein Lebemann, früher hat er Cricket gespielt. In einem Interview hat er mal gestanden, dass er ein ziemlicher Bonvivant gewesen sei, bevor ihn seine Frau gezähmt habe. Er hat vier Kinder, zwei mit seiner ersten Frau, zwei uneheliche. Und noch heute, mit 77, kein Anflug von Gebrechlichkeit, keine Ahnung von Tattrigkeit. Jeder Blick sitzt, jede Geste ist gewollt, jeder Schritt voller Elan. Ein Künstler, der Gelingen erotischer findet als Scheitern. Ein Mensch, heiter, ausgleichend, und genauso dirigiert er auch: ohne Schärfen oder Extreme, immer auf Schönklang bedacht. Es muss schon einiges passieren, damit er mal gestresst wirkt.

Heute wirkt er gestresst. Sagen die, die ihn schon gesehen haben, und es liegt nicht daran, dass er gestern bis tief in die Nacht das Halbfinale der US Open geguckt hat. Nein, er ist angespannt. Es geht das Gerücht, dass er enttäuscht ist. Manche sagen, nicht enttäuscht, sondern: sauer. Zu viele Soldaten. Zu viele Promis auf der Gästeliste. Dazu die Meldungen aus der Zeitung. Ihm muss keiner erzählen, wie es den Menschen hier geht. Deswegen ist er ja gekommen. Weil er mitfühlt. Und jetzt? Wird ihm genau das vorgeworfen. Ist das möglich: das Gute im Sinn haben und Falsches bewirken? Oder gewinnt am Ende die positive Absicht? Das reine Herz? Es heißt, er habe sich das anders vorgestellt. Mehr Austausch, mehr Begegnung, eine Art Woodstock mit Picknickdecken, keine Hochsicherheitsparty für ein paar Hundert Wichtige, in der Zeitung stand sogar, dass Boris Becker eingeladen wurde. Es ist der Tag, an dem sich Unbehagen ausbreitet, unter den Musikern, unter den mitgereisten Journalisten. Auf einmal hat jeder eine Meinung zu diesem Konzert, und jeder eine andere. Unfassbar toll, unfassbar schlimm? Noch zwei Stunden bis zum Konzert.

Auf dem Dal-See patrouillieren Militärboote, Polizisten suchen das Gelände mit Detektoren nach Sprengstoff ab, sie sehen aus wie Wünschelrutengänger. Zur selben Zeit gleicht Srinagar einer Geisterstadt. Die rostigen Rollläden der Geschäfte sind heruntergelassen, die Menschen verschanzen sich, in den Straßen Soldaten, 10 000, 20 000, man kann nur schätzen. Ein Ort ohne Freude, ein toter Samstag. Nur ein paar Menschenrechtsaktivisten stellen Transparente auf. Sie zeigen die Gesichter vermisster Menschen, vergewaltigter Frauen, gefolterter Männer. Auf einem Schild steht ein Gedicht von Bertolt Brecht: »In den finsteren Zeiten/Wird da auch gesungen werden?/Da wird auch gesungen werden./Von den finsteren Zeiten.« Einer von ihnen erklärt: »Wir haben nichts gegen Musik, auch nichts gegen Mehta«, aber wenn die Welt schon mal auf Kaschmir schaue, müsse alles zu sehen sein, auch die Gewalt, auch die Toten.

Dann kommen die ersten Gäste in den Garten. Und wer als VIP eingeladen ist, hat es heute nicht ganz geschafft, es gibt auch einen VVIP-Bereich, für very very important persons. Die Frauen tragen glitzernde Saris, High-Heels und große Sonnenbrillen, die Männer Turbane und Lederslipper; Bollywood-Schauspieler, Minister, Botschafter, Sponsoren, auch Nikolaus Bachler ist da, Intendant der Bayerischen Staatsoper, aber privat, nur zum Zuhören, immerhin ist es sein Orchester, das gleich die Bühne betritt. Der indische Sender Doordashan überträgt live zur besten Sendezeit. Einige Minuten bevor Maestro Mehta die Bühne betritt, hat Botschafter Steiner noch ein paar Hundert Anwohner aufs Gelände gelassen - er muss gespürt haben, dass der Star des Abends nicht glücklich ist. Jetzt sitzt Steiner ziemlich euphorisiert in der ersten Reihe, neben ihm der Chief Minister Omar Abdullah. Er hat es durchgezogen, er hat es geschafft; bisher wurde kein Zwischenfall gemeldet, das Auswärtige Amt kann zufrieden sein. Kurz nach 17 Uhr - der Muezzin hat sein Gebet beendet - wird die Menge still, nur ein paar Grillen zirpen noch, die Sonne steht tief. Es sind die Sekunden, in denen Mehtas großer Traum in Erfüllung geht, nur ein bisschen anders, als er ihn geträumt hat, wie ein Déjà-vu mit Schönheitsfehlern, und deswegen möchte er jetzt ein paar Worte sagen: »Next time«, sagt er, »we will play in a stadium, not just for a selected few.« Für seine Verhältnisse ist das ziemlich deutlich. Es folgen: ein kaschmirisches Lied, gespielt vom Orchester und 15 einheimischen Musikern auf traditionellen Instrumenten, die Leonore-Ouvertüre von Beethoven, das Violinkonzert von Tschaikowsky und als Abschluss, als Vermächtnis: Beethovens Fünfte. Das Orchester spielt wunderbar, aufopferungsvoll, wild entschlossen, die Menschen von Kaschmir für ein paar Momente in eine andere Logik, eine grundsätzlichere Wahrheit zu entführen und ihnen vielleicht, na ja, eine Freude zu machen, wenn es sein muss zu Hause am Radio oder vor dem Fernseher. Viel von Kaschmir gesehen haben sie nicht; zu gefährlich, hat man ihnen gesagt. Sie haben geprobt, gegessen, geschlafen. Manche sind im Infinity-Pool geschwommen, gesprochen haben sie nur untereinander; aber jetzt sitzen sie da oben und spielen, der Rest ist Politik und Schicksal, dagegen sind sie machtlos, mit ihren Celli, mit ihren Flöten. Als der letzte Ton verklingt, ist der Applaus höflich und kurz, vielleicht zwanzig, dreißig Sekunden, die ersten Zuschauer telefonieren schon wieder. Eigentlich sollte der Botschafter jetzt Blumensträuße überreichen, aber noch bevor er die paar Stufen nach oben gehen kann, holt Mehta seine Musiker von der Bühne. »Ich musste runter«, sagt er nachher, »ich kann doch nicht da oben stehen bleiben, wenn keiner mehr klatscht.«

Braucht es so ein Konzert, wenn man die meisten Menschen, denen es gilt, nicht einladen kann?

Am nächsten Morgen quillt das E-Mail-Postfach des Botschafters über. Deutschland ist begeistert, er natürlich auch, sogar die Tagesschau hat einen Beitrag gebracht. Seine Lieblingsmail zeigt er her: »Fitzcarraldo 2.0«, von einem Kollegen aus Deutschland. Blöd nur, dass Intendant Bachler ziemlich zeitgleich mit einem Journalisten der Abendzeitung telefoniert. Einen Tag später lesen es dann alle im Internet: Der profilierungssüchtige Botschafter habe aus einer schönen Idee ein VIP-Event gemacht. Und überhaupt, der Mann sei »kein Diplomat, sondern ein Elefant im Porzellanladen«, der eine der sensibelsten Regionen der Welt mit einer Glitzerveranstaltung überzogen habe. Und auf einmal ist in der Welt,  schwarz auf weiß in Buchstabenform, was vorher nur als Unbehagen zu spüren war. Niemand weiß so recht, ob diese neunzig Minuten Musik ihren Namen zu Recht getragen haben: Gefühl für Kaschmir.

Natürlich kontert der Botschafter. Ab jetzt wird er tagelang damit beschäftigt sein, die öffentliche Meinung ins Positive zu wenden. Er wird von unglaublichen 63 Prozent Einschaltquote in Srinagar erzählen, von 2700 Konzertgästen, von rührenden Dankesbriefen der Kaschmiris und überhaupt, einem historischen Abend. Sicherheit, wird er immer wieder sagen, sei die absolute Priorität gewesen. Was wissen die anderen schon über die Realität in diesem Land? »Wir haben das Konzert so offen wie möglich und so abgesichert wie nötig gemacht.« Alles Tatsachen, auch an diesem Abend nämlich wurde in Kaschmir gestorben, vier junge Männer wurden erschossen, fünfzig Kilometer von Srinagar entfernt, und trotzdem: Braucht es so ein Konzert, wenn man die meisten Menschen, denen es gilt, nicht einladen kann?

Zwei Tage später sitzt Zubin Mehta in seiner Garderobe im Jam-shed Bhabha Theatre in Mumbai, das letzte Konzert der Reise ist vorbei. Ein Riesenerfolg. Gleich kommen die Fans, ein paar Verwandte. Seine Frau ist bei ihm, außerdem sein Jugendfreund Yusuf Hamied, Pharma-Riese, Milliardär, bekannt für seine Bescheidenheit, beim Konzert saß er irgendwo hinten am Rand. Mehta blättert sich durch ein Fotoalbum: er mit Frank Sinatra, er mit Paul Newman, auf einem Bild steht er im Frack zwischen Tausenden von Pinguinen. Seine Frau hat es 1987 während einer Kreuzfahrt im Südpolarmeer gemacht. Hier in Mumbai ist er seit Tagen gelöst, die Anspannung der letzten Tage ist nur noch Erinnerung. Gewohnt wird im »Taj Mahal«, dem Luxushotel, das 2008 von Terroristen überfallen wurde. 174 Tote und 239 Verletzte gab es damals, auf dieser Reise ist es der erste Ort, an dem sich die Musiker sicher fühlen. Zwei Stunden noch, dann fliegen sie zurück nach Deutschland, Mehta bleibt noch einen Tag. Es gibt ein altes Foto, auf dem stehen er und Hamied, beide in Schuluniformen, vor dem Haus der Mehtas. Heute Abend wollen sie hinfahren und es nachstellen, genau wie damals, einer links, einer rechts, im Hintergrund die dampfende Stadt. Natürlich hat sie dieses Konzert in Kaschmir alle noch lange beschäftigt. Immer wieder haben die Musiker sich selbst gegoogelt, um ein Gespür dafür zu bekommen, was von diesem Abend bleiben wird: Dankbarkeit oder Verwirrung. Richtig durcheinander waren sie nach den vielen Meldungen und Gerüchten, sie hatten es doch so gut gemeint. Auf dem Rückweg vom Garten ins Hotel haben ihnen die Menschen zugewinkt. Wenigstens das.

Auch Mehta hat sein Fazit gezogen: Das Konzert war ein Erfolg. Er sei dankbar. Er werde wiederkommen. Der Mann ist Diplomat. Einer, der Brücken baut, nicht abreißt. Sollen die anderen sich um die Deutungshoheit streiten, er hat seine Enttäuschung, sollte es sie je gegeben haben, einfach runtergeschluckt. »Ich bin sicher, die Menschen hier waren stolz und glücklich«, sagt er. »Die Welt hat ihren wunderschönen Garten gesehen hat, die Welt hat über Kaschmir gesprochen.« Der Mann lässt sich nicht davon abbringen, Gutes tun zu wollen. Gerade lässt er wieder ein paar Experten prüfen, ob so was funktionieren könnte: ein Konzert in Afghanistan, nächstes Jahr, vielleicht.

Fotos: Matthias Ziegler

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