Anrufe im Nahen Osten und in Nordafrika – Jemen

Sechs Länder, sechs Mal Chaos und Gewalt. Wie geht es jetzt den Menschen dort? Wir haben dort angerufen - irgendwo, irgendwelche Nummern, ganz zufällig: eine Sammlung unverfälschter Stimmen.

    Jemen Der Rücktritt des ägyptischen Präsident Mubarak hat den Menschen Mut gemacht. Bereits einen Tag danach, am 12. Februar, gingen auch in der jemenitischen Hauptstadt Sanaa die Leute auf die Straße. In den letzten Wochen haben weiter Tausende vor der Universität in Sanaa und in anderen Städten demonstriert. Die Menschen fordern den Rücktritt von Präsident Ali Abdullah Salih, der seit 32 Jahren regiert. Massive Polizei-Einsätze haben bisher zu mehr als 20 Toten geführt. Bisher hat Salih lediglich angekündigt, ab 2013 nicht mehr für das Präsidentenamt zu kandidieren. Wir haben versucht mit den Menschen im Jemen zu sprechen – doch man begegnete uns meist mit Angst und Misstrauen.

    Ein Anruf im Tourismus-Ministerium.
    Salam w aleikum Wa aleikum al salam
    Hallo, ich bin Journalist aus Deutschland.
    (Tonfall ändert sich.) Ja, Hallo!
    Ich rufe an, um mich nach der aktuellen Situation in Ihrem Land zu erkundigen.
    Einen Moment! (Der Hörer wird weitergereicht.) Ja Hallo?
    Guten Tag. Ich habe Ihre Telefonnummer aus dem Internet und möchte mich nach der aktuellen Situation Jemen zu erkundigen.
    Hierzu kann ich Ihnen keine Auskunft geben, bitten wenden Sie sich an das Ministerium für „Informationen“.
    Ich möchte lediglich wissen, ob es momentan gefährlich sein könnte in den Jemen zu reisen.
    Nein, ist es nicht. Mehr möchte Ich dazu nicht sagen bitte!
    Haben Sie Angst auf diese Frage zu antworten?
    Wie gesagt, ich kann mich hierzu nicht äußern.
    Sind Sie persönlich beunruhigt über die Ereignisse?
    (legt auf.)

    Im Büro der jemenitischen Reiseagentur ATG.
    Ja, wie kann ich Ihnen helfen?
    Ich möchte Ihnen gerne einige Fragen bezüglich der aktuellen Situation im Jemen stellen.
    Hierfür würde ich Sie bitten morgen gegen 10.30 Uhr noch einmal anzurufen, um mit dem Manager zu sprechen. Er wird Ihnen gerne hierüber Auskunft geben.
    Es sind allgemeine Fragen, die auch Sie mir beantworten können. Es geht nur um Ihre Sicht der Dinge. Wie sehen Sie die Lage im Jemen?
    Uns Interessiert nur die allgemeine Sicherheit. So lange es ruhig und sicher ist, wird der Tourismus nicht beeinträchtigt. Der Tourismus ist uns sehr wichtig.
    Ist die Situation im Jemen denn sicher? Würden Sie einem Touristen aus Deutschland von einer Reise in den Jemen momentan abraten?
    Nein, nicht abraten. Aber die Situation ist ein wenig angespannt. Es ist also nicht der beste Zeitpunkt.
    Haben Sie persönlich Angst aus dem Haus zu gehen?
    Nein, nein! Das auf keinen Fall.
    Ist die Situation auf den Straßen unruhig?
    Nein! Das auch nicht.

    Im Büro der Yemen German Friendship Association.
    Ich möchte einige Eindrücke zur aktuellen Situation im Jemen sammeln. Wären Sie bereit mir hierzu einige kurze Fragen zu beantworten?
    Um was geht es genau?
    Was halten Sie denn von der Entwicklung der Ereignisse in den letzten Wochen? Können Sie sich dazu äußern?
    Ja, ich bin gerne dazu bereit! Schicken Sie mir doch eine E-Mail mit all Ihren Fragen. Ich würde diese Fragen gerne mit Ihnen am Telefon besprechen. Wie schätzen Sie die momentane Situation im Jemen ein?
    (Plötzlich fängt der Mann an, auf Englisch zu sprechen. Im Hintergrund sind andere Stimmen zu hören.) Bitte rufen Sie mich später noch einmal an!
    Ich habe bereits versucht Herrn M. in Ihrer Association telefonisch zu erreichen, leider ohne Erfolg. Meinen Sie er wäre bereit mir einige Auskünfte hierüber zu geben?
    Das kann ich Ihnen nicht sagen, versuchen Sie es einfach noch mal!

    Privatperson.
    Woher rufen Sie an? Aus Deutschland? Und wie kann ich Ihnen helfen?
    Ich möchte Ihnen ein paar kurze Fragen zu den jüngsten Ereignissen im Jemen stellen. Wie haben Sie die letzten Tage erlebt?
    Über Politik rede ich nicht so gern…
    Nicht über Politik! Was haben Sie persönlich erlebt?
    Ich weiß nicht, dazu kann ich nicht viel sagen, es tut mir leid.
    Gehen Sie denn gar nicht aus dem Haus?
    Doch! Natürlich, täglich.
    Wie würden Sie denn die Situation auf den Straßen beschreiben?
    Wie soll die schon sein? Normal, aber ihr wisst doch alle mehr als wir. Ihr stellt alles immer so dar wie es euch passt und wie es richtig für euch ist!
    Glauben Sie, dass diese Ereignisse Einfluss auf Ihr Leben haben werden?
    Nein, warum sollte es?! Wir leben unser Leben weiter, so wie immer.
    Begrüßen Sie die Ereignisse in Ihrem Land und dem Nahen Osten?
    Begrüßen? Nein! Das ist alles aus dem Westen gesteuert. Der will nur Unruhen in unsere Region bringen.
    Und beunruhigt Sie das?
    Nein. Das wäre ja nicht das erste Mal das so etwas versucht wird. Wir müssen nur alle zusammenhalten, und so Gott will, überstehen wir gute und auch schlechte Zeiten.

    Privatperson.
    Woher rufen Sie an, aus Deutschland? Das kostet mich doch ein Vermögen!
    Nein, das Kostet Sie nichts! Darf ich Ihnen nun ein paar kurze Fragen stellen?
    Sind Sie sicher dass es mich nichts kostet? Ich glaube ich möchte das nicht. Es tut mir leid! (legt auf.)

    Außer im Jemen haben wir noch in folgenden Ländern angerufen:
    Libyen - "Niemand weiß, was morgen passieren wird"
    Tunesien - "Wir können wieder Brot kaufen gehen"
    Ägypten - "Jetzt ändert sich alles"
    Iran - "Die Grüne Bewegung lebt. Sie lebt!
    Marokko - "Ich bekomme viele Morddrohungen"

    Telefonate und Produktion: Ilhem Ajili, Christoph Cadenbach, Amr Elhadad, Max Fellmann, Ellhem Hysene, Solmaz Khorsand, Wolfgang Luef, Burhan Schawich, Anna Schmidhauser, Laura Selz, Hakan Tanriverdi, Zeidan Ali Zeidan

    Foto: dpa