»Bisher verlief Olympia traumatisch für mich«

Wie gewinnt man eine Goldmedaille? Und wie verändert sie einen? Ein Gespräch mit Deutschlands bekanntester Olympiateilnehmerin Britta Steffen über die Einsamkeit des Gewinnens und die Grenzen des Ehrgeizes.

SZ-Magazin: Frau Steffen, sprechen wir über den 2. August 2012. London, Olympische Spiele, das Finale über 100 Meter Freistil. Sie treten als Olympiasiegerin an.
Britta Steffen:
Da kann man jetzt einen Bogen schlagen. Ich bin zum ersten Mal Weltrekord über 100 Meter Freistil geschwommen am 2. August 2006, in Budapest. Am 2. August 2009 bin ich zum ersten Mal Weltrekord über 50 Meter geschwommen, in Rom. Und nun also wieder der 2. August: 2006, 2009, 2012.

Erstaunlich, dass die Sportfreunde Stiller dazu noch kein Lied rausgebracht haben, oder?
Das sollte man denen mal vorschlagen. Zwei Tage später, am 4. August, ist dann übrigens das Finale über 50 Meter.

… da haben Sie doch auch einen Titel zu verteidigen?
Ja, und das Rennen ist am 4.8.2012. Auch eine schöne Reihung: 4–8–12.

Sind Sie abergläubisch?
Könnte man meinen, oder?

Wird der 2. August ein guter Tag?
Ich hoffe. Man kann das ja selbst nicht bestimmen, und auch schlechte Tage können am Ende doch gute Tage sein.

Wie werden Sie in der Nacht vorher schlafen?
Gut, tief und kurz. Meistens bin ich am Tag der wichtigen Rennen sehr früh am Morgen – bumms – schlagartig wach. Gegen zwanzig nach fünf. Dann schlage ich die Zeit tot bis sechs, dann geht es mit irgendwem zum Frühstück, ein bisschen ablenken. Dann noch ein Treffen mit Frau Janofske, meiner Psychologin, mit Norbert Warnatzsch, meinem Trainer. Noch mal zum Physiotherapeuten. Das sind so die Rituale, die den Tag strukturieren. Du darfst dich nicht verrückt machen.

Werden Sie auf Zeichen achten?
Überhaupt nicht. Weil ich genau weiß, wie viel passieren kann. Wenn kurz vor dem Start meine Schwimmbrille kaputtgeht, dann ist das kein Zeichen, sondern dann habe ich eine zweite im Gepäck.

Werden Sie danach ein glücklicherer Mensch sein?
Davon gehe ich nicht aus. Weil ich der Meinung bin, dass man nicht alles von einem Moment abhängig machen darf. Es wird bestimmt ein besonderer Tag für mich, aber auch nur ein Tag auf der Lebensreise, die ich zum Teil schon hinter mir habe, die größtenteils aber noch vor mir liegt. Ich freue mich einfach, dass ich diese Olympischen Spiele noch mal bewusst mitnehmen darf. Bisher verlief Olympia ja relativ traumatisch für mich.

Aus der Distanz betrachtet vermutet man immer: Der Tag, an dem ein Sportler Olympiasieger wird, ist per se der glücklichste in seinem Leben. Sie haben den Tag Ihres größten sportlichen Erfolgs, 2008 bei den Spielen in Peking, im Nachhinein als »Horrorwettkampf« bezeichnet.
Stimmt. Es ist in Peking auch jeder enttäuscht gewesen, der mich gefragt hat, wie das ist – Olympiasieger werden. Meistens haben das Jungs gefragt, denen habe ich dann gesagt: »Stell dir vor, du findest eine Frau total toll und denkst, wenn du diese Frau hast, dann ist es die Frau deines Lebens, und es wird das glücklichste Leben überhaupt sein. Dann hast du sie und merkst: Die ist ja gar nicht, wie ich sie mir vorgestellt habe, so fehlerlos und so traumhaft. Und so ist es auch, Olympiasieger zu werden.« Es hat auf der einen Seite etwas absolut Magisches.

Eine Magie, die einen angetrieben hat über all die Jahre?
Klar. Und dann ist man es tatsächlich, Olympiasieger. Der Hype ist riesig, man steht völlig neben sich.

Man fällt am Beckenrand Franziska van Almsick um den Hals und schluchzt: »Ich bin dir so dankbar!«
Es passieren erstaunliche Dinge. Ich sehe mich einerseits auf die Anzeigetafel blicken. Ich sehe mich aber auch von außen, weil ich mir das Rennen ja ein paar Mal im Fernsehen angeschaut habe. Diese Gesichtsentgleisung! Krass, was da so passiert! Dieser Moment für sich ist unwiederbringlich.

Aber?
Aber dann ging eben dieser Marathon los: Ich hatte keine Zeit, meine Familie anzurufen, meinen Trainer zu drücken, überhaupt irgendwen zu drücken, der mir lieb und teuer ist. Ich wurde in die Medienzone gestoßen und musste zwanzig Mal das Gleiche sagen – bis ich es irgendwann nicht mehr fühlen konnte, sondern nur noch gesprochen habe wie eine Schallplatte. Irgendwann war ich dann fertig und musste, weil der Olympiasieg vormittags stattfand, abends wieder schwimmen. Ich bin also
allein ins Olympische Dorf gefahren, habe allein zu Mittag gegessen. Tja, Britta, dachte ich, geteilte Freude ist doppelte Freude, und wenn man sich alleine freut, ist es nur halb so schön. Als ich drei Stunden später wieder zur Mannschaft gestoßen bin, war es natürlich klasse, weil alle mich gefeiert haben und stolz waren. Und weil auch der Druck abgefallen ist, den die Schwimmer anderer Nationen aufgebaut hatten, die vorher zu mir kamen und sagten: Britta, du bist die Einzige, die die Ehre der deutschen Schwimmer hier in Peking noch retten kann.

Klingt nach psychologischer Kriegsführung.
Ja, schön fies. Aber Olympische Spiele, das ist eben ein ziemliches Kauderwelsch für die Psyche. Da sind so viele Sportler am Start, die top vorbereitet sind. Aber nur eine Minderheit schafft es, genau in diesem Moment zu zeigen, was sie wirklich kann.

Eine Weile nach diesem Olympiasieg sagten Sie, dass Sie sich »unangreifbar« gefühlt hätten, »wie auf Wolken«. Das klang wiederum nicht nach Horror und Trauma. Wann haben Sie begriffen, dass Ihnen der Sieg gelungen ist?
Es war zum Beispiel schön, als mein Trainer zu mir gesagt hat: »Britta, du könntest jetzt sofort aufhören. Du hast nun alles erreicht.« Das hat in mir so eine Freiheit ausgelöst, weil ich erkannt habe: Ich muss in meinem Sport gar nichts mehr! Und komischerweise: Wenn man Sachen nicht muss, dann macht man sie plötzlich gerne. Ich habe gerade ein wunderbares Leben: Ich habe in diesem Jahr mein Wirtschaftsstudium zu Ende bekommen. Und ich habe Olympische Spiele vor mir, die mir noch mal einen intensiven Rückblick geben werden auf 2008.

Was ist mit den vier Jahren, die dazwischenliegen?
Die sind mit einem Schnipp vorbeigegangen. Damals war ich 24, jetzt bin ich 28. Ich habe so viele spannende Sachen erlebt, so coole Menschen getroffen. Ich bin in der Zeit unglaublich gereift. Wenn man Bilder nebeneinander legt, Britta 2004, Britta 2008 und Britta 2012 – ich glaube, dass man dann die Entwicklung sieht: Mädchen, junge Frau, Frau.

Albträume vom Wettrennen

Worin liegt der Reiz, jetzt noch mal eine Olympiamedaille gewinnen zu wollen – wo Sie schon zwei goldene zu Hause haben?
Viele haben mich das schon vor vier Jahren gefragt: Warum hörst du nicht auf, wenn’s am schönsten ist? Meine Gegenfrage war dann immer: Wann ist es denn am schönsten? Das kann man ja vorher nie wissen. Und 2008 war es definitiv nicht am schönsten. Alleine die Albträume, die ich mit diesem Rennen verbunden habe: Dass ich gerade irgendwo bin, plötzlich geht der Lauf los, ich höre noch, wie mein Name aufgerufen wird – und verpasse meinen Start. Das ist so grässlich! Heute habe ich mehr Gelassenheit. Ich versuche immer das Ganze zu sehen: Manchmal geht es gut, manchmal geht es nicht gut. Das ist mein Leben.

Wie erleben Sie das im Alltag: Olympiasieger sein?
Manche Leute sagen: Wow, du bist Olympiasiegerin, Wahnsinn! Oder wenn die kleinen Kinder morgens in der Schwimmhalle kreischen: Hallo, Britta Steffen! Das ist natürlich schön. Es gibt aber auch Leute, die nicht mal meinen Namen kennen. Und das erdet dann schon, wenn jemand zu dir sagt: Aha, du kannst schwimmen, und was kannst du noch? Ich kann dann sagen: Ich habe auch studiert. Sportler-Sein impliziert ja bei manchen: Du kannst deinen Sport – und ansonsten biste nicht besonders helle.

Bei den letzten Olympischen Spielen in Peking hat das Thema Menschenrechte vieles überstrahlt.
Ja, das war schwierig.

Was war schwierig? Sich dazu eine Haltung anzueignen?
Natürlich habe ich eine Haltung zum Thema Menschenrechte. Aber viele Leute wollten am liebsten von uns Sportlern hören, dass wir diese Spiele ganz boykottieren, weil China so ein schlimmes Land ist. Andere wiederum sagten: Vielleicht schaffen wir es, dass sich das Land dadurch ein bisschen öffnet, weil wir da hingehen. So richtig gelungen, finde ich, ist das nicht. Aber vielleicht verlangt man da vom Sport auch zu viel.

Nun also London, Olympia in einem vertrauten Kulturkreis. Liegt der Fokus dadurch stärker auf dem Sport?
Bestimmt. Keine Zeitumstellung, keine lange Anreise. Und ganz arg helfen wird mir auch, dass zum ersten Mal meine Eltern dabei sein werden. Meine Mutter hat die tolle Fähigkeit, mich wieder in meine Mitte zu bringen, wenn ich mal überdrehe. »Ganz ruhig, Britta! Schritt für Schritt!« – so ist meine Mutter.

Warum sind Ihre Eltern zu großen Wettkämpfen nie mitgereist?
Wenn meine Eltern in der Halle waren, hatte ich früher oft das Gefühl: Ich müsste jetzt noch mal kurz zu ihnen hochgehen, Guten Tag sagen, sie noch mal drücken. Oft war da aber gleichzeitig das Gefühl: Eigentlich sollte ich besser hier unten bleiben, mich auf meinen Wettkampf konzentrieren. Ich habe mich innerlich immer zerrissen gefühlt. Diesmal sind sie von einem großen Markenartikelhersteller im Rahmen der Kampagne »Danke Mama« eingeladen, deren Botschafterin ich bin. Sie sind rundum versorgt, können sich nicht in der großen Stadt verlaufen, es kann kein Problem mit den Tickets geben. Und ich weiß: Ich kann immer zu ihnen, muss aber nicht.

Spielte für Sie früher auch eine Rolle, es alleine schaffen zu wollen?
Nein. Nie. Ich bin ein Mensch, der gerne Hilfe annimmt. Und auf dem Startblock stehe ich eh allein.

Welchen Anteil hatte Ihre Mutter daran, dass Sie Schwimmerin geworden sind?
Die Grundeinstellung meiner Mutter war immer, den Satz höre ich noch: Ihr braucht am Nachmittag was zu tun. Ich will euch nicht den ganzen Tag in der Bude haben. Wir waren drei Kinder, unsere Wohnung hatte 57 Quadratmeter. Meine Mutter sag-te also: Morgens ist Schule, nachmittags wird Sport gemacht. Meine beiden Brüder machen Judo. Bei mir ging es mit sechs Jahren mit dem Schwimmen los.

Sie haben in letzter Zeit oft gesagt: »Sollte es in London schieflaufen, dann fängt mich eben meine Familie auf.«
Das habe ich auch schon das ein oder andere Mal getestet. Letztes Jahr, nach der vermasselten WM in Shanghai, zum Beispiel: Test, Test, Test – hat funktioniert! Das sollte Familie auch leisten in schwierigen Zeiten.In Shanghai gab es eine Menge Aufregung um Ihre fluchtartige Abreise. Tun Niederlagen wirklich so weh?Eine verpasste Medaille ist natürlich nicht das Lebensende. Aber für mich haben Niederlagen schon eine gewisse Dramatik. Weil der Sport mein absoluter Fokus ist, mein Leben. Und da komme ich wieder an den Punkt: Zum Glück habe ich schon diese beiden Goldmedaillen aus Peking. Es gibt so viele, die das Zeug haben für einen Olympiasieg, aber dann klappt es wegen einer Kleinigkeit nicht – und darunter leiden manche ein Leben lang. Das wird bei mir nicht so sein. Den Titel Doppel-Olympiasiegerin werde ich behalten.

Wie sieht es mit dieser romantischen Idee von Olympia aus: Alle vier Jahre trifft sich die Jugend der Welt zum fairen Wettkampf. Konnten Sie sich diesen Teil des Olympiabildes erhalten?
Das erarbeite ich mir gerade zurück. 2000 in Sydney, bei meinen ersten Spielen, war ich 16 und total verloren in dem ganzen Trubel. Die Stimmung war schrecklich, viel böses Blut. Ich habe mir das angeschaut und dachte: Das soll Olympia sein? 2004 in Athen habe ich mir auf der Tribüne den Fuß verknackst, das war auch nicht toll. Danach habe ich nicht ohne Grund gesagt: Ich höre auf mit dem Schwimmen.

Stimmt es, dass die einjährige Pause, die darauf folgte, wohl die Voraussetzung für alles Weitere war?
Die Pause hat mir letztlich den Weg geebnet. Ich habe viel an mir gearbeitet. Nach und nach entstand dann der Wunsch: Ich will das noch mal. Aber anders. Das fing mit dem Verhältnis zu meinem Trainer an. Ich habe da quasi einen Vertrag ausgearbeitet, der die Kooperationsweise mit Norbert festgelegt hat: Ich sage ihm, was ich denke, er sagt mir, ob das funktionieren kann.

Das haben Sie auf ein Blatt Papier geschrieben?
Es waren fünf Blättchen, mit ausformulierten Paragrafen. Er musste jedes Blatt unterschreiben. Hat er auch gemacht. Seither arbeiten wir wirklich auf einer sehr engen Vertrauensbasis zusammen. Die Zettel habe ich noch, nach Olympia kriegt er sie in einem Bilderrahmen.

Wichtig war auch die Arbeit mit der Psychologin. Als Sie 2006 bei der Europameisterschaft in Budapest fast aus dem Nichts Ihren ersten Weltrekord schwammen und alle wissen wollten, wie das sein kann, war eine Ihrer Antworten: Sie hätten mit Frau Janofske »am Mensch-Sein gearbeitet«. Was heißt denn bitte: »am Mensch-Sein arbeiten«?
Mein Freund Paul Biedermann meinte mal: »Britta, du hast damals so komische Sachen gesagt. Ich hab dich voll in die Esoterik-Ecke gesteckt – dabei bist du ja gar nicht so!« Natürlich bin ich nicht so. Aber ich mache mir halt Gedanken.

Es ging, wenn man das richtig verstanden hat, um den Umgang mit Druck: Druck ausblenden, Druck standhalten, die richtigen Prioritäten setzen – das Thema zieht sich durch Ihre Karriere.
Wenn du etwas ernst meinst, hast du ja automatisch einen speziellen Antrieb in dir. Das kennt jeder aus Prüfungen – Fahrschulprüfung, Abitur. Du willst es ungern vermasseln.

Hunde-Typen und Katzen-Typen

Soll heißen: Nicht nur Logik, Nachdenken, ein klarer Kopf führen zum Ziel?
Es geht um Balance. Du musst deinen Körper fühlen, aber nicht nur. Du musst auch die Konzentration, die Strategie im Kopf haben. Du musst gesteuert schwimmen – nicht übersteuern. Du musst dich einpendeln wie bei der Gaußschen Glockenkurve: Anspannung, Optimum, Entspannung.

Leistungssportler sagen immer: Der Druck der Öffentlichkeit ist mir egal, den größten Druck mache ich mir selbst.
Das kann ich unterstreichen.

Man kann doch die öffentlichen Erwartungen nicht ausblenden, die Angst, sich vor großem Publikum zu blamieren. Ist das nicht einer der größten Athleten-Irrtümer?
Aber es ist nur die andere Seite der gleichen Medaille: Wir Menschen streben nach Anerkennung, weil wir soziale Wesen sind, und wenn wir etwas richtig gut machen wollen, für uns und für die anderen – dann spielt plötzlich alles verrückt. Damit umzugehen, das ist die Kunst. Da muss man als Leistungssportler über eine gewisse Grenze hinausgehen. Je näher der Wettkampf kommt, desto mehr Konzentration baut sich auf, und wenn der Ernstfall dann da ist, schüttet der Körper eine Menge Hormone aus. Du kommst quasi in den Zustand, als stünde hinter dir der Säbelzahntiger, und wenn du bei drei nicht auf dem Baum bist, ist die Sache erledigt. Wobei Tiger vielleicht sogar klettern können. Aber Sie wissen, was ich meine: Urinstinkte, die man als Athlet kanalisieren muss. Wir Menschen haben auch im Kern noch das Reptiliengehirn, es gibt drei Reflexe: Totstellen, Fliehen und … was war der dritte?

Kampf?
Kampf! Diese Instinkte werden im Ernstfall angeregt. Vor dem Weihnachtsmann ein Gedicht aufzusagen ist übrigens auch so eine Drucksituation, die vielleicht jeder kennt.

Das konnten Sie als Kind vermutlich gut – es gibt eine Menge Geschichten, die Ihren Ehrgeiz beschreiben. Sie haben in der Schule geheult, wenn’s mal nur eine Zwei war.
Ich habe auch geheult, wenn ich beim »Mensch ärgere Dich nicht« verloren habe. Und wenn ich mit einem Rennen nicht zufrieden war, habe ich gesagt: Mama, ich hör auf mit Schwimmen!

Ist das jene Art Ehrgeiz, die man braucht, um weit zu kommen?
Mein Eindruck ist, dass es den meisten Leistungssportlern so geht. Dass viele so einen speziellen Ehrgeiz haben. Die fangen, wenn etwas nicht funktioniert, nicht gleich alle an zu heulen. Aber sie werden bockig und wütend, weil sie nicht verlieren können. Es gibt eine Theorie, bei der man Menschen in Hunde-Typen und Katzen-Typen unterteilen kann.

Wie geht die?
Hunde hecheln anderen hinterher, machen alles mit, die freuen sich über jeden, der ein Leckerli dabei hat. Katzen sind anders: Katzen suchen sich ihre Freunde aus. Katzen sitzen da, gucken, lassen sich schon auch vieles gefallen – aber wenn der entscheidende Moment gekommen ist, nehmen sie keine Rücksicht. Dann packen sie zu. Leistungssportler sind eher Katzen-Typen. Das ist so eine Definition von einem Schwimmtrainer aus den USA. Ich glaube, da ist was dran.

Um mal im Bild zu bleiben: Wenn man weiß, dass nicht alle Athleten ihren Sport sauber und ehrlich bestreiten: Welches Tier charakterisiert dann diejenigen, die – weil sie nicht verlieren können oder wollen – auch diese Grenze überschreiten?
Sie meinen Sportler, die dopen? Das sind dann vielleicht die Schlangen-Typen. Die gibt es auch. Aber da wehre ich mich gegen Pauschalisierungen, weil ich genügend Sportler kenne, die eine hohe Moral haben – und die dieses Bild gerne bereinigen würden. Aber alleine schaffst du es nicht. Du kannst nicht beweisen, dass du sauber bist.

Sie haben vor einigen Jahren mal bei der Nationalen Anti-Doping-Agentur angerufen und darum gebeten, öfter den Kontrolleur zu schicken. Warum?
Ich fand, dass ich zu wenig getestet werde. Aber letztlich kannst du jede Woche eine negative Kontrolle vorlegen, trotzdem fragen manche: Und was war in den sechs Tagen dazwischen?

Man weiß inzwischen eine Menge über die Qualität dieser Tests: Die amerikanische Sprinterin Marion Jones hatte fast 200 negative Kontrollen vorzuweisen – und war quasi durchgehend gedopt.
Eben. Du bekommst als sauberer Sportler einfach keine Gewalt über dieses Thema. Und deshalb muss man vielleicht mal anfangen, andere Fragen zu stellen: Wie kommen die Leute zu diesen Drogen? Welche Systeme stecken dahinter? Diese Systeme müssten zielgerichteter aufgedeckt werden. Ich könnte mit so einem erlogenen Sieg jedenfalls nicht umgehen. Ich könnte mich auch nicht darüber freuen, meine Doktorarbeit von jemand anders schreiben zu lassen und mich dann Doktor zu nennen. Wäre nicht mein Ding.

Als Sie zwölf waren, sind Sie von Schwedt an der Oder nach Berlin gegangen, ins Internat und an die Sportschule. Das war vor mehr als 15 Jahren. Ist das Schwimmen seither auch eine Art Schutzraum geworden? Auf diesem Gebiet sind Sie die Beste – im normalen Leben sind Sie bald wieder eine Lernende?
Auch deshalb habe ich ja nach den Olympiasiegen nicht einfach Schluss gemacht. Weil das Schwimmen eine besondere Fähigkeit von mir ist – die sehr bald enden wird. Aber ich habe auch keine Angst vor dem nächsten Schritt. Respekt schon, weil es neu sein wird. Alle, die vor mir aufgehört haben, sagen: »Britta, es ist eigentlich toll ohne Sport! Man hat ganz anders Zeit!« Aber was das konkret bedeutet, werde ich erst nach den Spielen entscheiden. Getreu dem Motto: Die Planer planen, und das Schicksal lacht über sie.

Im Sommer 2014 sind die Europameisterschaften in Ihrer Heimat Berlin. Wie klingt das?
Total realistisch!

Sagen wir: verlockend.
Ja, warum nicht? Da habe ich ja Glück mit meinen kurzen Strecken: Für 50 Meter Kraul würde sogar einmal am Tag Training reichen. Ich könnte halbtags arbeiten, irgendwo Berufsluft schnuppern, und halbtags schwimmen. Das wäre die eine Traumvariante.

Es sieht also danach aus, dass man Britta Steffen auch nach London noch …
…erleben kann! Ja!

Fotos: Procter & Gamble; laif (2)

Artikel teilen: