Ganz in Weiß

Kaum ist ein Sommer zu Ende, liegt am Matterhorn der erste Schnee - dank einer haushohen Maschine, die Schneekanonen weit überlegen ist. Die Geschichte einer wundersamen Erfindung.

Sie brechen mit der Sonne auf, der Meister und zwanzig Mann. Dorf und Tal dösen noch im Schatten der Berge, als die Gondel aus der Station schwingt und an Stahltrossen emporsteigt. Die Arbeiter stehen schweigend an den Fenstern. Almwiesen. Bergwald. Geröllfelder. Dann trifft sie das Licht. Die Sonne ist stark diesen Morgen. An den Hängen blitzen Flecken von Firnschnee auf, und ringsum gleißen die Gipfel. Am Fuß der Alpen gehen Menschen an diesem Tag im September ein letztes Mal schwimmen. Am Matterhorn werfen sie das erste Mal ihre Maschine für den Winter an. Sie müssen Schnee machen.

Sie steigen eine Station vor dem Gipfel aus der Gondel, dort, wo einst der Gletscher endete. Inzwischen schmilzt seine Zunge im Sommer knapp einen Kilometer hangaufwärts, und die Station der Seilbahn steht in der Ödnis der Geröllfelder wie eine Mondbasis – ein Betonbau, umlagert von im Fels versenkten Werkstätten. Die Arbeiter schwärmen aus. Zurück bleibt ein hagerer Mann mit zerfurchtem Gesicht. Das ist ihr Schneimeister, Raoul Biner.

Biner arbeitet seit 24 Jahren am Berg, sein halbes Leben. Auf Arbeit trägt er Stiefel, danach auch. Er lebt auf dem Furi, einem Weiler über Zermatt, an dem sich die Seilbahnen kreuzen. Biner stammt aus einer alten Familie des Tals. Die Biners waren Bergbauern, dann Bergführer, der Bäcker war ein Biner, der Metzger, der Schreiner. Heute leiten manche Biners Hotels mit vielen Sternen und einer die Hubschrauberflotte des Dorfs. Raoul Biner blieb am Berg.

Er geht breitbeinig durch das Geröll, den Blick zum Horizont gerichtet. Er prüft ihn. Der Himmel blendet in einem grellen Blau, vor dem sich jede Spitze und jeder Grat scharf wie ein Schattenriss abzeichnet. Kaum Wolken. Wenig Wind. Wird heiß werden heute. »Ein Prachttag«, sagt Biner. Er hat Zugriff auf Hunderte Sensoren an den Hängen dieser Berge, aber bei so einem Himmel braucht er keine Messdaten: Überall da unten geht die Feuchtkugeltemperatur zum Teufel.

Diese Messgröße ist der Puls der Pisten. Sie verbindet Feuchte und Temperatur der Luft zu einem Wert; von ihr hängt ab, ob Schneekanonen Schnee spucken können. Sie brauchen es kalt und trocken. Deswegen diese neue Maschine. Sie ist frei von solchen Zwängen. Biner stößt eine Tür auf, und da steht sie.

Sie war die erste ihrer Art auf der Welt. Als man sie vor sechs Jahren aufstellte, wirkte es wie ein Witz – eine Schneemaschine für den Sommer, erfunden von Ingenieuren aus Israel? Das klang wie damals, als das Fernsehen einen Bahnhofskiosk auf das Matterhorn flog, um Reinhold Messner bei seinem Anstieg zum Gipfel ein paar Andenken zu verkaufen, verstehen Sie Spaß? Doch es war eine wahre Geschichte. Ein israelischer Erfinder hatte 1956 eine Methode gesucht, in großem Maßstab Trinkwasser aus dem Meer zu gewinnen. Er griff auf seine Erfahrung aus Sibirien zurück: Einst von Stalin verbannt, hatte Alexander Zarchin in einem Gulag am Nordpolarmeer gelebt, wo es keine Brunnen und kaum Regen gab. Aber Meerwasser. Zarchin staute es in einer Lagune, wo es im Winter gefror. Eiskristalle aber enthalten kein Salz. Es setzte sich als Sole ab, leicht abzupumpen. Wenn der Sommer das Eis schmolz, blieb ein See aus Süßwasser. War dieser Trick auch in der Hitze Israels anwendbar?

Biner blickt die Maschine empor. Sie ist ein Koloss. Ihr Kessel allein ist elf Meter hoch, mehr als dreißig Tonnen Stahl, dazu kommen die Pumpen, Tanks, Kompressoren, Ventile; ein Wust von Röhren, die sich in die Höhe schlingen. Sie mussten dafür eigens ein Fundament in den Fels betonieren, die Bauteile zogen sie an den Seilen der Bergbahn herauf, »das war Schwerstarbeit«, sagt Biner. Er nickt dem Maschinisten zu, der den Leitstand bemannt, eine Kanzel an der Seite der Anlage, alle Teile der Maschine lassen sich von dort aus steuern. Biner tritt zum Kessel und entert auf. Mehrere Meter über dem Boden stoppt er an einem verglasten Mannsloch und leuchtet hinein. Das Licht reicht nicht weit. Druckdichtes Glas, wie bei einer Taucherglocke. Der Kessel ist eine gewaltige Vakuumkammer.

In Israel machte sich Zarchin damals ein Wunder des Wassers zunutze: Wann es siedet oder friert, hängt nicht allein von der Temperatur ab, sondern auch vom Druck. Deswegen kocht ein Topf Wasser im Himalaya schneller als am Toten Meer. Zarchin stellte fest, dass Wasser in einer Vakuumkammer bei sehr geringem Druck ein Wechselwesen wurde – es begann zu verdampfen, während der verbliebene Rest zugleich einen wässrigen Brei aus Eis bildete. Es war wie Magie und doch nur Physik: Ein Teil gefror, weil der verdampfende Teil ihm Energie entzog. Auf diese Art ließ sich – egal bei welcher Temperatur – Eis erzeugen, das exzellentes Trinkwasser ergab. Israel pries das Verfahren als Pioniertat; ein US-Magazin urteilte, der Zarchin-Prozess könnte für das Überleben des Landes bedeutender sein als die Atombombe. Zarchin gründete die Firma Israel Desalination Enterprises (IDE). Sein Wasser sollte Wüsten zum Blühen bringen. Die Methode war jedoch aufwendig, und als man entdeckte, wie sich Meerwasser einfacher entsalzen lässt, verlor Zarchins Verfahren an Bedeutung – ein Fossil des Fortschritts, dessen Erinnerung nur die Firma IDE Technologies pflegte. Erst eine Goldmine in Afrika brachte die Entdeckung erneut ans Licht, Jahrzehnte später, nach Zarchins Tod.

Bedächtig geht Biner die gesamte Anlage entlang, jede Pumpe, jeden Motor prüfend. Sobald sie startet, wird sie aus einem Speichersee Wasser saugen, in ihrem Kessel durch Pumpen und Kompressoren einen Unterdruck aufbauen, das Wasser in diese Vakuumkammer leiten und den entstehenden Eisbrei abpumpen, in ein haushohes Auffangsilo, in dem Schneekristalle aufsteigen und oben, direkt unter der Decke der Maschinenhalle, von einer Förderschnecke ins Freie getragen werden, wo Pistenraupen sie verteilen. Aber schon der Ausfall eines Ventils stoppt den gesamten Ablauf. »Ist ein Prototyp, immer noch«, sagt Biner. Deswegen die Kontrolle. Die Klarliste dafür, ein Stapel Regeln zur Inbetriebnahme, liegt im Leitstand, aber Biner hat alles auch im Kopf.

Mannslöcher?
Fettzufuhrdeckel?
Entleerungsstopfen?

Die Maschine steht seit Winter still. Die Männer drehen die Motoren und Wellen in dieser Zeit mehrmals von Hand, vorsorglich, aber jedes Jahr bleibt die bange Frage, ob alles anspringt. Als Biner zurückkehrt, gibt er das Signal. Anwerfen.

»Der Schnee muss da sein«, sagt Biner. »Vom Schnee hängt alles ab.«

Die Mine lag in den Goldfeldern von West Wits, einem legendären Bergbaurevier in Südafrika. Nirgends war das Erz damals reicher, nirgends liefen seine Adern tiefer in der Erde. Die Sohle der Mine von Mponeng lag in knapp vier Kilometern Tiefe. Das Gestein dort war sechzig Grad Celsius heiß und musste, damit Menschen schürfen konnten, mit Wasser gekühlt werden, was die Stollen in eine dampfende Hölle verwandelte. Diese Bedingungen faszinierten einen Ingenieur in Israel: Abraham Ophir, der als Kind nach Sibirien verbannt worden war und zu Zarchins Weggefährten wurde. Ophir leitete die Forschungsabteilung der Firma IDE, die nach wie vor Entsalzungsanlagen baute. Er hatte das Verfahren seines Freundes nie vergessen, seit Jahren sann er über Probleme nach, die der Zarchin-Prozess vielleicht zu lösen vermochte. Eine Hölle, kaum zu kühlen? In den Neunzigerjahren sprach IDE in Südafrika vor. Was, wenn man die Kühlleitungen nicht mit Wasser beschickte, sondern mit Eisbrei? Großen Mengen von Eisbrei, bei jeder Temperatur erzeugbar?

An der Flanke des Bergs, wo in der Sonne silbern ein See funkelt, springt jetzt – ganz unten, am Grund dieses von Gletschermilch gespeisten Wasserspeichers – ein Hebewerk an: Temperatur, check, Durchlauf, check, Öffnungsgrad, check, Systeme melden Status klar, Ventile sind auf, Pumpen sind an, Alarmmeldungen: null. Ein Zittern erfasst die Maschine. Biner merkt sofort, da stimmt etwas nicht.

Eine Unwucht? Läuft ein Lager nicht sauber? Hat irgendeiner seine Bergstiefel nicht sorgfältig genug gereinigt, bevor er zur Wartung der Turbine den Kessel betrat? Biner und sein Maschinist blicken auf das Spalier der Bildschirme im Leitstand, sie wissen beide, was auf dem Spiel steht. Sie starten in drei Wochen ihre Hauptsaison, bis dahin brauchen sie eine Grundbeschneiung von der Seilbahnstation bis zur Gletscherzunge, 800 Meter lang, zwölf Meter breit, einen halben Meter hoch, das sind mehrere Tausend Tonnen Schnee, und die Maschine schafft, sobald sie Tag und Nacht läuft, vierzig Tonnen die Stunde – wenn sie schon jetzt in Verzug geraten, wird es eng. »Der Schnee muss da sein«, sagt Biner. »Vom Schnee hängt alles ab.«

Er tritt zur Maschine und horcht. Sie lassen sie langsam anlaufen, da brummen Pumpen, da summen Motoren, dann sagt Biner: »Ah, da hört man’s.« Was? »Ist noch Luft drin.« Nichts, was die Entlüftung der Leitungen nicht packen würde. Dauert nicht lang, und in den Röhren singt das Wasser, das sie aus dem See saugen.

Die Mine von Mponeng ließ es auf einen Versuch mit Eisbrei aus Vakuum ankommen. Es klappte. Eisbrei senkte die Mengen deutlich, die durch die Kühlrohre fließen mussten. Bald schluckten die Stollen Tag für Tag 6000 Tonnen Eis, produziert von abgewandelten Entsalzungsanlagen – die Evolution einer Entdeckung: Zarchin hatte Wasser machen wollen, erfand aber eine Eismaschine für extreme Bedingungen. Als Abraham Ophir 2005 den Aufbau einer Anlage überwachte, blieben bei Testläufen Berge von Eiskristallen übrig, die in der Sonne Afrikas schimmerten wie Schnee. Ophir schickte nach Skiern. Er war 72 Jahre alt. Skilaufen hatte er in Sibirien gelernt. Konnte in Südafrika nicht schwieriger sein. Er schoss den Hang hinab, und ein Jahr später lud IDE eine Delegation aus den Alpen vor die Mine von Mponeng zum Après-Ski. Es hatte dreißig Grad im Schatten, doch der Schnee fühlte sich an wie im Frühling, feucht und schwer. Zermatt orderte die erste Allwetter-Schneemaschine. Das Pitztal die zweite.

Es ist Mittag, als Biner das Vakuum aufbaut. Die Maschine sirrt in den Tönen hoher Drehzahlen, und wenn Biner nah rangeht, spürt er, wie sie bebt. Der Maschinist hat den Motor des Verdichters an seine Grenzen getrieben, Vorsichtsmaßnahme, nur so sind sie sicher, dass er nach dem Stillstand drei Wochen durchhält. Der Druck im Kessel fällt schnell, dann immer langsamer. 120 Millibar. 60 Millibar. 20. Biner erzählt von früher.

Als er am Berg anfing, standen in seinem Abschnitt nur ein paar Dutzend Schneekanonen, kaum mehr als primitive Propeller, die Wassertröpfchen in die Winterluft bliesen, wo sie zu Schneeflocken erstarrten. Der Schneimeister damals saß unentwegt vor Wettermeldungen, um sofort Trupps auszusenden, wenn die Feuchtkugeltemperatur stimmte. Dann hoch auf die Hänge, Kanonen ausrichten, auch nachts, wenn neben den Scheinwerfern der Pistenraupen nur die Sterne leuchteten. Damals glaubte Biner, die größte Gefahr für seine Augen sei der gleißende Gletscher. Heute fragt er sich, ob ihn nicht das ständige Starren auf Bildschirme zu seiner Lesebrille zwang.

Inzwischen sind rund um das Dorf 1200 Schneekanonen und Schneilanzen stationiert, meist druckluftbetrieben, fast jede kann Biner fernsteuern. Er klickt auf einen Bildschirm im Leitstand, schon fächern sie sich auf, ihren Einsatzstatus meldend, Wetterdaten inklusive. »Haben ganz schön aufgerüstet«, sagt er. Höhepunkt der Aufrüstung war die Maschine. Als das Dorf sie anschaffte, schrieb eine Schweizer Zeitung vom »Monster aus Israel« und spottete, Schweizern Schnee zu verkaufen, das sei wie Sandmaschinen für die Sahara. War dem Dorf egal. Ein Monster? In den drei Wochen vor Saisonstart, ihrer Haupteinsatzzeit, schluckt die Maschine 6000 Kubikmeter Wasser, die ganze Saison über verbraucht sie 125 000 Kilowattstunden Strom, eine stattliche Menge – aber ein Verbrauch, der vor dem Bedarf aller Seilbahnen, Lifte und Schneekanonen verblasst. Die Zeitung lag falsch damals. Wenn, war nicht die Maschine das Monster, sondern der Sport, dem sie dient: das Skifahren.

Die Vakuumkammer meldet sich. 4,7 Millibar. »Wir sind schneibereit«, sagt der Maschinist. Biner schaltet die Kreisläufe auf, Wasser strömt in den Kessel, wenig später fließt der erste Eisbrei in das Auffangsilo. Jetzt müssen sie nur noch warten, bis das Eis aufsteigt. Sie gehen raus in die Sonne – rauchen und der Arbeit der anderen zusehen.

So kurz vor der Saison ist der Berg eine Baustelle. Auf dem Gletscher hat der Schub des Eises die Masten eines Schlepplifts verrückt, zwei Pistenraupen in Marsch gesetzt, weiter unten spülte Schmelzwasser ein Stück Trasse fort, ein Schaufelbagger auf Ketten und ein Muldenkipper sind im Einsatz, in der Werkstatt nebenan machen sie Schneemobile gefechtsklar, an den Hängen die Schneilanzen, und über allem wölbt sich ein wolkenloser Himmel von unvergesslichem Blau. Manchmal wünscht Biner, die Gäste könnten diesen Anblick erleben. »Die Menschen sehen diesen Aufwand nicht, der notwendig ist«, sagt er.

Und, lohnt er sich, der Aufwand?

Biner lacht. Das ist eine Frage, die nur Fremde stellen. »Wenn kein Schnee liegt, will keiner Ski fahren«, sagt er. »Davon leben wir aber. Nicht nur das Dorf, das ganze Tal.« Dann winkt sein Maschinist. Es ist so weit, Ausstoß, das ist am Berg immer ein besonderer Augenblick: Aus der Mündung einer surrenden Förderschnecke fällt leise der erste Schnee dieses Winters.

Fotos: Marvin Zilm