Glatt daneben

Die Filmbranche hat ein Problem: Operationen und Botox befreien Gesichter nicht nur von Falten, sondern auch von jeder Mimik. Was wird jetzt aus den starren Stars?

Ist diese Frau: a) euphorisch, b) verärgert, c) freundlich, d) glücklich, oder e) traurig?

In den Fluch der Karibik-Kinofilmen treten Piraten auf, die halb Mensch und halb Haifisch sind oder sich im Mondschein in lebende Skelette verwandeln. Die Produzenten mögen fantastische Gestalten, aber eines war sogar ihnen zu unrealistisch: die Silikonbrüste von Hollywoods Jungschauspielerinnen. Darum stand in der Ausschreibung der Nebenrollen für den 2011 anlaufenden Pirates of the Caribbean 4: »Sprechen Sie nicht vor, wenn Sie Implantate haben.« Die Filmbranche hat ein Problem: »Es hat Hollywood Jahrzehnte gekostet, die perfekte Frau zu kreieren, jetzt wollen sie die alte zurück«, schreibt die New York Times.

Die perfekte Frau ist die ewig schöne, schlanke, junge Leinwand-Frau. So auszusehen ist teuer und schmerzhaft: Falten lassen sich mit dem Nervengift Botox wegspritzen, Gesichtszüge mit Hyaluronsäure oder Kohlendioxid-Gas aufpolstern, dazu gibt es etliche operative Methoden. Viele Schauspieler sehen heute jünger aus als vor zehn Jahren, auf dem roten Teppich mag das gut wirken, spätestens bei der Nahaufnahme bemerken Kameramann, Regisseur und Zuschauer das Problem: »Kann man mit Botox noch Schauspieler sein?«, fragt die britische Zeitung The Guardian. Das Problem ist auch ein deutsches: Eine Schauspielerin, nennen wir sie S., deren Gesicht Sie aus Kino und Fernsehen kennen, erzählt uns, nur anonym, von ihrer ersten Botox-Behandlung. »Der Arzt hat zu viel gespritzt; als ich danach das erste Mal drehen sollte, rief der Regisseur: ›Schau nicht so böse‹, aber ich hatte nur noch zwei Blicke drauf – sexy oder böse.« Seither lässt sie sich nur noch sehr selten mit Botox behandeln.

»In immer mehr Verträgen steht, dass Schauspieler nicht Botox benutzen dürfen – aber das machen trotzdem viele«, sagt S. Wenn man Cornelia von Braun, die Vorsitzende des deutschen Castingverbandes fragt, wie viele der hiesigen Topschauspielerinnen über 40 in irgendeiner Form ihrer Schönheit künstlich nachhelfen, antwortet sie: »Alle.« Der Oscar-prämierte Kameramann Michael Ballhaus beobachtet einen »bedauerlichen Trend in Deutschland« und Armin Morbach, einer der erfolgreichsten deutschen Make-up-Artists, weiß: »Botox ist sehr normal, das geht mit 25 los, speziell bei Frauen auf dem roten Teppich, und ab 40 aufwärts ist fast jeder gebotoxt.«

Morbach hat in den USA Schauspieler vor der Oscar- und Grammy-Verleihung gestylt, »da habe ich noch frisiert und währenddessen wurde Botox gespritzt«. In Deutschland sei das Problem relativ neu, »erst vor zwei bis drei Jahren ging es richtig los«. Maskenbilder spotten, besonders schlimm sei es bei Sängern der Volksmusikszene. Botoxen geht schnell, eine Spritze in die Stirnpartie, und man kann nach Hause gehen. »Das ist ab 50 Euro zu haben, bei der Fashion Week gibt es Leute, die sind mobil unterwegs und spritzen dich frisch, was früher der Kokain-Dealer war, ist jetzt der Botox-Dealer«, sagt Morbach.

In der New York Times hat sich eine kleine, aber signifikante Gruppe von Filmmachern und Castingagenten zu Wort gemeldet, die Hollywoods Einstellung zu Schönheitsoperationen ändern will. Castingagentin von Braun sagt: »Ich habe es bei zwei oder drei hiesigen Regisseuren erlebt, dass sie eine Schauspielerin nicht haben wollten, weil die zu sehr geliftet war. Kollegen bestätigen das.« Oliver Hirschbiegel, der mit US-Stars wie Nicole Kidman und zuletzt Liam Neeson drehte, findet: »Botox ist doch ein Antagonismus – gute Schauspielerei bedeutet in die Tiefe zu gehen, über bloße Schönheit hinaus.« Dass es ohne Botox gehe, sehe man doch an Hannelore Elsner.

Kehrt also die natürliche, alternde Schönheit auf die Leinwände zurück? Eher nicht. »Es geht ja nicht um die drei, vier Charakterrollen in Deutschland – sie werden immer einen Film für Hannelore Elsner haben«, sagt Cornelia von Braun, »aber was ist mit den Schauspielern, die fürs tägliche Brot arbeiten, die über 50 sind, gut, aber nie richtig bekannt wurden?« Sie als Castingagentin versteht, warum Schauspieler Tausende von Euros zahlen, Schmerzen und ihre Ausdruckskraft für ein junges Gesicht riskieren: »Mein Problem ist, dass ich Rollen von 60-Jährigen mit 40-Jährigen besetzen muss. Ich habe für ein Fernsehspiel gecastet, da wollte der Sender niemanden über 40 – und da waren Rollen dabei wie etwa ein Minister!«

Schauspielerinnen werden besetzt als junge hübsche Frau bis 30, dann als die Ehefrau bis 40, selten wird eine Geschäftsfrau gesucht, gern unter 30. »Denken Sie an den Kinofilm Wolke 9 über Sex im Alter, den fanden alle mutig, aber an den Kinokassen ist der untergegangen.« Es gebe Regisseure, die altersgemäß besetzen – »aber allein von Dominik-Graf-Filmen können die Schauspieler nicht leben«.

S., der Schauspielerin, wurde gesagt, dass sie für eine Filmrolle mit Mitte 40 leider zu alt sei, obwohl sie aussieht wie Mitte 30. Wie es weitergeht? »Ich weiß es nicht. Die Regisseure wollen keine Schönheitseingriffe. Aber viele Rollen für Frauen, die aussehen wie 50, gibt es auch nicht.«

Illustration: Dirk Schmidt