Der Glanz der späten Jahre

Der Autor und Louis-Armstrong-Experte Ricky Riccardi im Interview über die Lebensgeschichte des großen Trompeters und den schiefen Blick auf dessen Werk, den viele immer noch pflegen.

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Zu meinen Lieblinsgblogs gehört seit einiger Zeit dieser: The Wonderful World of Louis Armstrong. Seit 2007 schreibt Ricky Riccardi hier unglaublich kenntnisreich und enthusiastisch über seinen Lieblingsmusiker. Viele Blogposts hat er zum Beispiel einzelnen Stücken gewidmet, akribisch vergleicht er dabei die verschiedenen Versionen. Leicht kann man sich in seinem Blog verlieren und viele Stunden dort zubringen, auch weil er in der Regel Audio-Beispiele einbindet.

Im Sommer kam nun Riccardis erstes Buch heraus: What a Wonderful World. The Magic of Louis Armstrong's Later Years. Die These ist bereits aus dem Titel ersichtlich: Riccardi widerspricht der weit verbreiteten Annahme, dass die Zwanziger Armstrongs künstlerisch stärkste Periode waren, und versucht zu beweisen, dass er in den Fünfzigern und Sechzigern genauso gut war, wenn nicht gar besser, wie zu Beginn seiner Karriere. Bei der Recherche kam ihm zugute, dass er direkt an der Quelle sitzt: Er arbeitet nämlich als Archivar im Louis Armstrong House in Queens, New York, und hatte Zugang zu den privaten Aufzeichnungen und Tonbandaufnahmen des Trompeters.

Ohne über Riccardis Kenntnisse zu verfügen, hatte ich doch auch schon lange das Gefühl, dass der amtliche Blick auf Armstrongs Karriere etwas schief ist. Viele von Armstrongs LPs aus den Fünfzigern und Sechzigern mag ich außerordentlich gern, Riccardis Buch legt nun auf exzellente Weise dar, wie sich Armstrongs Karriere nach 1947 entwickelte und warum er auch in dieser Zeit als Genie zu gelten hat. Vor einigen Wochen hatte ich Gelegenheit, mit Ricky Riccardi zu sprechen.

Ricky Riccardi, Louis Armstrong ist seit vierzig Jahren tot. Warum sollten sich die Menschen heute noch seine Musik anhören?
Weil er die Musik für immer verändert hat. Seine Ideen sind der Rahmen für alle großen Entwicklungen im Pop des 20. Jahrhunderts.

Ich glaube, das müssen Sie genauer erklären.
Besonders augenfällig ist sein Einfluss beim Gesang. Es gibt doch jetzt diese ganzen Castingshows, wo die Juroren immer wieder sagen, dass die Bewerber sich die Songs aneignen und auf unverwechselbare Weise singen müssen. Louis Armstrong hat dieses Konzept überhaupt erst erfunden. Vorher haben die Leute die Lieder so gesungen, wie sie geschrieben worden waren. Louis war der erste, der die Melodie laufend verändert und den Text mit eigenen Ideen angereichert hat. Heute gibt es kaum jemand mehr, der einfach die Melodie vom Blatt singt.

Was finden Sie persönlich in seiner Musik, das Sie sonst nirgendwo finden?
Seine Musik macht mich glücklich. Sie macht es mir leichter, das Leben zu genießen. Ich mag auch Duke Ellington oder Miles Davis, aber keiner der anderen großen Jazzmusiker ist so eine Naturgewalt wie Louis. Er hat fantastisch Trompete gespielt und gesungen, aber er war auch ein begnadeter Komiker und Entertainer.

Louis Armstrong hatte ein sehr außergewöhnliches Leben. Gibt es etwas, das man aus seiner Biographie lernen kann?
Louis wuchs in bitterster Armut auf, hat sich aber gegen alle Widerstände nach oben gekämpft und wurde zu einer weltberühmten Musikikone. Mich beeindruckt, dass ihm all das nicht zu Kopf gestiegen ist. Er blieb Zeit seines Lebens ein bodenständiger Mensch, was man auch daran sieht, wo er wohnte: in einem bescheidenen Haus in Corona, Queens. Er hätte gewiss genug Geld gehabt, um sich eine Villa in Beverly Hills zu kaufen, aber er wohnte lieber in einem Arbeiterviertel. Dort ließ er sich beim Friseur an der Ecke die Haare schneiden und schaute mit den Nachbarskindern Fernsehen. Diese Bescheidenheit finde ich sehr inspirierend, und sie ist auch seinen Fans nicht verborgen geblieben.

So eine Bodenständigkeit ist im Showbusiness eher die Ausnahme. Wie erklären Sie sich Armstrongs Verhalten?
Ich denke, die meisten Facetten seiner Persönlichkeit kann man zu seiner Kindheit und Jugend in New Orleans zurückverfolgen. Er kam, wie gesagt, aus sehr schwierigen Verhältnissen und erkannte ziemlich früh, dass die Musik für ihn der Ausweg aus einem Leben in Hunger und Armut sein könnte. Deshalb hat er Zeit seines Lebens unglaublich intensiv an seinen musikalischen Fähigkeiten gearbeitet. Er wollte einfach nicht zurück und hat sich deshalb nie auf seinen Lorbeeren ausgeruht. Er sah sich als ganz normaler arbeitender Musiker, nicht als Superstar.

In vielen Jazzbüchern liest man, dass die Zwanziger seine künstlerisch fruchtbarste Periode waren und dass er ab den Fünfzigern kaum noch etwas von Wert zustande brachte. Ziel Ihres Buches ist es, diese weit verbreitete Ansicht zu widerlegen.
Ich glaube, dass die meisten Kritiker Armstrong und sein Werk nicht wirklich verstanden haben. Immer heißt es, er sei in den Zwanzigern dieser große Künstler gewesen, der mit Stücken wie »West End Blues« und »Potato Head Blues« Musikgeschichte geschrieben habe; später habe er jedoch nicht mehr so gut Trompete gespielt und stattdessen auf der Bühne Witze gemacht. Ich habe viel geforscht und in seinen privaten Aufzeichnungen und Unterlagen gelesen. Wenn man genau hinschaut, kann es keinen Zweifel daran geben, dass er in den Zwanzigern bereits derselbe Entertainer war wie in den Fünfzigern. Er hat auch damals schon auf der Bühne Witze erzählt, Sketche aufgeführt und gängige Pophits gecovert.

Wie hat sich Ihrer Ansicht nach sein Trompetenspiel entwickelt?
Er selbst sagte, dass er in den Fünfzigern besser Trompete gespielt hat als je zuvor. Ich finde, dass er sein Spiel weiterentwickelt hat und reifer geworden ist. Ohne Zweifel war er in den Fünfzigern auch ein besserer Sänger als zu Beginn seiner Karriere. Dass sein Spätwerk so lange ignoriert wurde, ist mir wirklich unverständlich: Jeder weiß, dass der Mann ein Genie war – da ist es doch hirnrissig, wenn man nur zwei oder drei Jahre seiner Karriere betrachtet und den Rest ignoriert.

Sie zitieren den Kritiker Stanley Crouch, der gesagt hat, es gäbe heute keinen Trompeter mehr, der physisch in der Lage wäre, ähnlich kraftvoll und intensiv zu spielen wie Armstrong in den Fünfzigern.
Er hat einfach so viel geübt! Je älter er wurde, desto härter hat er gearbeitet, mit 300 und mehr Konzerten im Jahr. Dieses Pensum hat ihn nicht etwa ausgelaugt, sondern hat sein Spiel auf eine neue Ebene gehoben.

In ihrem Buch liest man, dass Armstrong selbst dann noch wie ein Besessener tourte, als er schon längst weltberühmt war und eigentlich kürzer hätte treten können. Warum hat er das getan?
Das war sein Lebensziel: rausgehen und spielen, möglichst jede Nacht. Er lebte für sein Publikum und mochte es einfach nicht, untätig zu Hause herumzusitzen. Viele Musiker aus seiner Band hielten die anstrengenden Tourneen nicht aus und gaben vor Erschöpfung auf, einige starben sogar unterwegs – obwohl sie alle viel jünger waren als er. Er war ein Mann aus Eisen.

In den letzten zwölf Jahren seines Lebens hatte Armstrong trotz seiner Popularität keinen Exklusiv-Vertrag mit einer Plattenfirma. Wie kam es dazu?
Das lag an seinem Manager Joe Glazer. Den hat nur interessiert, was unterm Strich herauskam, deshalb hat er ab 1958 keine Exklusiv-Verträge mehr unterschrieben. Wer Louis haben wollte, musste viel Geld bezahlen. So hat er innerhalb relativ kurzer Zeit für so verschiedene Label wie Audio Fidelity, Roulette und Capitol aufgenommen. Einige dieser Platten sind spektakulär, in den Sechzigern sind aber auch schwache Platten herausgekommen; da haben seine Produzenten nicht mehr besonders viel Sorgfalt walten lassen. Mitte der Fünfziger hätte er fast einen Zehn-Jahres-Vertrag mit Columbia unterschrieben. Wenn er das getan hätte, dann gäbe es heute, da bin ich sicher, einen Katalog von ihm, der genauso stark wäre wie der von Miles Davis. Aber wegen Glazers Geldgier kam es leider nicht dazu.

Welches sind für Sie seine drei besten LPs?
Meine Nummer eins, ganz klar: Louis Armstrong Plays WC Handy. Meine Nummer zwei wäre Satchmo – A Musical Autobiography. Als drittes wähle ich eine Live-Aufnahme: Satchmo At Symphony Hall aus dem Jahr 1947.

Was ist mit Ella & Louis, seinem ersten Duett-Album mit Ella Fitzgerald?
Das wäre meine Nummer vier gewesen!

Im Sommer ist eine spektakuläre Zehn-CD-Box erschienen: Satchmo – Ambassador of Jazz. Es ist die erste Zusammenstellung, die seine gesamte Karriere umfasst, von 1923 bis 1971. Sie waren auch daran beteiligt, oder?
Ich habe die Produzenten der Box getroffen, als sie zu uns ins Archiv gekommen sind, auf der Suche nach Fotos und anderem Material. Sie haben mir das Tracklisting für die ersten beiden CDs gezeigt, das schon mal sehr gut war. Ich habe trotzdem einige Verbesserungsvorschläge gemacht – da haben sie gesagt, hey, willst du nicht die Tracks für den Rest der Box auswählen?

Klingt nach einem Traumjob!
Auf jeden Fall. Ich habe die CDs drei bis sieben zusammengestellt und außerdem all das unveröffentlichte Material gesichtet, das es noch im Universal-Archiv gibt.

Mir kommt es gerade so vor, als würde das Interesse an Armstrongs Musik wieder steigen.
Ja, auch vierzig Jahre nach seinem Tod bewegt er die Menschen. Forrest Whitaker arbeitet gerade an einer Filmbiographie über Louis, das würde ihn natürlich noch stärker in den Fokus rücken. Ich bin sicher, dass er eines Tages einen ähnlichen Status wie Beethoven oder Mozart haben wird. Auch die Leute, die ihn weniger beachtet haben, werden merken, dass er eines unserer großen Genies ist.

Ich gebe Ihnen eine Zeitmaschine und die Möglichkeit, sich drei Konzerte von Louis Armstrong anzuschauen. Wohin würden Sie reisen?
Als erstes würde ich ins Vendome Theatre in Chicago reisen, um Louis während der Hot-Five-Periode zu erleben. Nur um zu beweisen, was ich in meinem Buch schreibe, nämlich dass er auch in den Zwanzigern schon auf der Bühne Witze gemacht hat. Als zweites würde ich ins Jahr 1947 reisen, zum legendären Town-Hall-Konzert. Damals trat er zum ersten Mal seit langem wieder mit einer kleinen Band auf, und das Resultat war so sensationell, dass er seine Big Band auflöste und für den Rest seines Lebens nur noch mit einer kleinen Gruppe tourte. Das dritte Konzert wäre, obwohl ich es vielleicht bereuen würde, eine Show bei seinem Engagement im New Yorker Waldorf Astoria im März 1971, vier Monate vor seinem Tod. Erst kürzlich habe ich mich mit Dan Morgenstern darüber unterhalten, wie traurig diese Konzerte waren, denn er war schon recht geschwächt. Aber für seine Fans hat er bis zum Schluss alles gegeben.