»Als wären wir die Dienerinnen der Männer«

Die Musikerin Rosanne Cash, Tochter von Johnny Cash, spricht über die permanente Demütigung von Frauen in den USA, die Wut, die Trump in ihr auslöst, und eine historische Stätte in Bayern, die sie nun endlich besucht hat.

Rosanne Cash, 63, ist die älteste Tochter von Johnny Cash und seit vierzig Jahren im Musikgeschäft aktiv. In den Achtzigern war sie einer der Top-Stars in Nashville, zuletzt erschien von ihr das mit einem Grammy prämierte Album The River & The Thread. Cash ist in zweiter Ehe mit dem Musiker John Leventhal verheiratet und hat drei Töchter und einen Sohn. Sie schreibt regelmäßig für die New York Times und veröffentlichte einen erfolgreichen Memoirenband. Anfang November erscheint ihr neues Album She Remembers Everything bei Blue Note Records.

Foto: Michael Lavine

SZ-Magazin: Bevor es um Ihre neue Platte geht, würde ich gern über ein Ereignis reden, das diesen Sommer bei uns in Bayern stattfand – Ihren ersten Auftritt in Landsberg, einem für die Familie Cash sehr wichtigen Ort, weil Ihr Vater dort von 1950 bis 1954 als Luftwaffensoldat stationiert war. Wie war’s?
Rosanne Cash: Sehr heiß und sehr schön. Ich hatte ein bisschen Angst, dass sich alles um meinen Vater dreht und das Publikum nicht viel von mir und meiner Arbeit weiß. Aber das war nicht der Fall, die Leute kannten meine Songs und waren sehr aufmerksam. Mich hat es sehr bewegt, den Ort zu sehen, an dem mein Vater so lange gelebt hat. Er war damals noch jung – ungefähr in demselben Alter, in dem mein Sohn gerade ist. Irgendwie ist es doch immer verlockend, Dinge über die Zeit zu erfahren, als die eigenen Eltern jung waren.

Haben Sie den Armeestützpunkt besuchen können, auf dem Ihr Vater damals gelebt hat? Inzwischen ist es ein Fliegerhorst der Bundeswehr.
Nein, dafür war leider keine Zeit. Wir mussten am nächsten Morgen weiter. Ich hoffe, ich kann das bei Gelegenheit nachholen.

Sie haben mal gesagt, während der Zeit Ihres Vaters in Landsberg sei die Saat für vieles gelegt worden, das später in seiner Musik zur Blüte kam. Wie meinen Sie das?
Er hat in Landsberg seine erste Gitarre gekauft. Er hatte einen Plattenspieler auf seiner Stube und hat in den Briefen an meine Mutter viel über die Platten geschrieben, die er sich angehört hat – Hank Williams, Hank Snow, Ernest Tubb. Er hat sich ein Tonbandgerät gekauft und aufgenommen, wie er singt. Er hatte eine Band, die Landsberg Barbarians – es heißt, seine Kameraden hätten ihn nachts geweckt, damit er Musik für sie macht. Alles hat dort seinen Anfang – sein Drang, sich auf die Bühne zu stellen ebenso wie seine intensive Beschäftigung mit verschiedenen musikalischen Stilen und Ideen.

An Ihrer neuen Platte She Remembers Everything fällt zuerst das markante Cover auf. Darauf regnet es Blütenblätter und ein wundersames Objekt fällt Ihnen in die Hände. Was ist das für ein Ding?
Ein Dolch. Das Cover stammt von der Künstlerin Portia Munson. Ich liebe ihren Stil und würde ihn »gothic feminist art« nennen. Die Rosenblätter und der Dolch fallen auf mich herab, als würden sie etwas übertragen: vielleicht Weisheit und Macht, vielleicht auch Zorn oder Mitgefühl. Im alten Griechenland glaubte man, dass die besondere Weisheit des Orakels ebenfalls irgendwie von oben herabsinken würde. Etwas von dieser Symbolik ist für mich auf dem Bild zu sehen.

»Gothic feminist art« – das Cover von Rosanne Cashs neuer Platte.

Ihre Alben haben in der Regel ein Oberthema. Welches ist es diesmal?
Anfangs wollte ich nicht schon wieder ein Album mit einem bestimmten Thema machen, sondern einfach nur zwölf neue Songs aufnehmen. Aber als wir mit den Aufnahmen begannen, hat sich quasi von selbst ein Thema ergeben, und zwar das gleiche, das auch in Portia Munsons Kunst mitschwingt: gothic femininity. Seit der Wahl bin ich unheimlich wütend darüber, wie in diesem Land mit Frauen umgesprungen wird. Bei dieser furchtbaren, desaströsen Anhörung im Kongress hat sich das neulich nochmal gesteigert.

Sie meinen die Anhörung im Justizausschuss des US-Senats, bei der Dr. Blasey Ford berichtete, wie sie als Jugendliche von Brett Kavanaugh, Trumps Kandidaten für den Supreme Court, missbraucht wurde.
Sie hat sich getraut, etwas zu sagen, aber es hat nichts geändert. Man glaubt den Frauen einfach nicht! Sie haben ihn bestätigt, als ob nichts gewesen wäre. Es ist zum aus der Haut fahren! Als wären wir Frauen die Beute oder allenfalls die Dienerinnen der Männer. Auf der Platte geht es unter anderem darum, wie Frauen diese Demütigungen und diesen Zorn in ihrem Innenleben verarbeiten.

Man kann Ihr Album also als Kommentar zum Kulturkampf um die Dominanz der weißen Männer deuten, der sich gerade in den USA vollzieht?
Ja, genau. Besonders auch basierend auf den Erfahrungen, die junge Frauen heute machen. Ich erfahre da viel von meinen Töchtern. Für sie ist das alles gerade die reine Qual. Eine der Drei hat mich nach Trumps Wahlerfolg angerufen und konnte gar nicht mehr aufhören zu weinen. Ich fühle mich so übergangen, hat sie immer wieder gesagt. Vieles, was ich auf dem Album sagen will, hat seinen Ursprung in diesem Gefühl: Frauen finden, dass es auf sie nicht ankommt, dass sie ständig übergangen werden und niemand ihre Bedürfnisse respektiert. Inzwischen sind wir immerhin so weit, dass etliche Frauen sich trauen, über dieses Gefühl der Ohnmacht und Wertlosigkeit zu sprechen. Aber was macht das für einen Unterschied, so lange sich nichts ändert?

Vor einigen Monaten haben Sie mal getwittert: »What fresh hell today?« Empfinden Sie häufig so?
Ja! Jeden Tag! Ich wache auf und schaue ängstlich auf mein Telefon: Was hat Trump jetzt schon wieder zerstört? Was tut er uns heute an?

Über Twitter, wo Sie über hunderttausend Follower haben, oder Medienbeiträge mischen Sie sich regelmäßig in öffentliche Debatten ein. Täuscht mein Eindruck oder hat das zugenommen?
Ich glaube, da täuschen Sie sich. Ich setze mich zum Beispiel schon seit mehr als 20 Jahren dafür ein, dass die US-Waffengesetze verschärft werden. Und seit zehn Jahren beschäftige ich mich intensiv damit, was die Digitalisierung für uns Musiker bedeutet. Das ist eine sehr komplexe Materie, wo es um Copyright-Bestimmungen geht, Gesetzgebung, die Entlohnungsmodelle digitaler Plattformen. Über die Jahre habe ich mich da mehr und mehr eingearbeitet und bin nun Teil einer Organisation, die für die Rechte von Künstlern eintritt. Irgendwie liegt mir das in der Natur - für soziale und politische Themen habe ich mich schon als Kind interessiert. Meine Tante hat vor einer Weile beim Stöbern in alten Unterlagen einen Brief gefunden, den ich mit neun an Präsident Johnson geschrieben habe.

Wirklich? Was haben Sie ihm geschrieben? Dass er schleunigst den Vietnamkrieg beenden soll?
Soweit war ich mit neun dann doch noch nicht. Nein, ich habe erklärt, wer ich bin und wo ich wohne und dass ich ihn wählen würde, wenn ich könnte. Und ich habe gefragt, was er für Hobbys hat.

»Für junge Frauen ist es doch dasselbe wie immer – die werden sexualisiert und ausgebeutet«

Dieses Jahr ist es vierzig Jahre her, dass Ihr erstes Album erschien ...
Unglaublich, nicht?!

Wie hat sich die Rolle der Frauen in der Musikindustrie in diesem Zeitraum geändert? Was für Erfahrungen haben Sie diesbezüglich gemacht?
Persönlich wird mir heute sehr viel mehr Respekt entgegengebracht als früher – was wohl einfach daran liegt, dass ich so lange dabei bin und ein gewisses Durchhaltevermögen gezeigt habe. Hinzu kommt, dass ich in meinem Alter, mit 63, kein sexuelles Beutestück mehr für die Männer bin. Beides führt dazu, dass ich mich heute viel entspannter, freier und selbstbewusster in der Musikindustrie bewegen kann als früher. Aufs Ganze betrachtet glaube ich aber nicht, dass sich die Rolle von Frauen in der Musikindustrie in den vergangenen Jahrzehnten entscheidend geändert hat. Für junge Frauen ist es doch dasselbe wie immer – die werden sexualisiert und ausgebeutet, und zwar mit einer derartigen Selbstverständlichkeit, dass es uns gar nicht mehr groß auffällt.

Ist Ihre Tochter Chelsea nicht auch Musikerin geworden?
Sie konnte es nicht durchstehen. Sich der Öffentlichkeit zu präsentieren, war einfach nicht ihr Ding. Es bedrückt mich sehr, denn sie ist eine sehr begabte Songwriterin. Aber man muss eine Menge aushalten, wenn man auf der Bühne steht, viele Schmähungen ertragen.

Es freut mich sehr, dass Kris Kristofferson einen Gastauftritt auf Ihrem Album hat. Zuletzt waren ja Berichte über gesundheitliche Probleme zu lesen. Wie geht es ihm?
Nicht besonders gut. Aber er ist immer noch auf Tour. Mein Eindruck ist, dass er einen Großteil seiner Lebenskraft aus diesen Bühnenauftritten zieht. Seine Musik ist irgendwie die Essenz seiner Menschlichkeit. Den Song »8 Gods Of Harlem«, auf dem er dabei ist, haben wir allerdings schon 2008 aufgenommen; der lag eine Weile im Archiv.

Sie kennen Kristofferson bestimmt schon sehr lange – Ihr Vater hatte schließlich großen Anteil daran, dass er Anfang der Siebziger zum Star wurde.
Ja, ich habe ihn kennengelernt, als ich noch ein Teenager war. Er war ein wilder Typ. Er hat damals noch getrunken und einen verrückten Lebensstil gehabt – was ich ein bisschen beängstigend fand. Schon lange ist er aber wie ein älterer Bruder für mich. Ich mag ihn sehr.

Ein anderer Aspekt, der mir an Ihrem Album gefällt, ist der Gitarrensound, besonders beim Stück »Not Many Miles To Go«.
Ich erwähne die Telecaster-Gitarre meines Mannes John sogar im Text dieses Songs, also war klar, dass er auch ein Telecaster-Solo spielen musste. Er hat richtig auf die Tube gedrückt. Ich liebe diesen Sound.

Einer der Pioniere dieses Sounds war Luther Perkins, der langjährige Gitarrist Ihres Vaters. Zusammen mit Ry Cooder haben Sie Perkins kürzlich auf besondere Weise geehrt.
Ry und ich hatten vier Shows zusammen in San Francisco unter dem Motto »The Music of Johnny Cash«. Und das Irre ist: Ry hat sich für die Konzerte die alte Gitarre von Luther Perkins besorgt, also exakt dasselbe Instrument, das Luther auf den ganzen Aufnahmen mit meinem Vater gespielt hat. Mein Bruder hat diese Gitarre inzwischen in seiner Obhut, also ist Ry nach Nashville geflogen und hat sie zusammen mit meinem Bruder aus dem Lager geholt.

Und der Sound war immer noch gut?
Ja, absolut außergewöhnlich. Ich habe Gänsehaut bekommen. Das eine war, wie Ry bei den vier Auftritten diese Gitarre spielte. Das andere war, wie er darüber erzählte, dass der Klang genau dieser Gitarre sein Leben verändert hat, als er ihn als Junge im Radio hörte.

Zum Abschluss noch eine Frage zum letzten Stück auf Ihrer Platte, der schottischen Ballade »The Parting Glass«. Warum haben Sie dieses Stück ausgewählt?
Ich fand, dass der tröstliche Ton dieses Liedes ein guter Kontrapunkt zum Rest der Platte ist. Hinzu kommt, dass meine Vorfahren von der Cash-Seite aus Schottland kamen und dass ich keltische Musik sehr mag. Und außerdem liebe ich einfach generell die alten Balladen. Wann immer ich mal die Chance habe, eine zu singen, ergreife ich sie.

Mir ist, als ich Ihre Aufnahme gehört habe, gleich wieder aufgefallen, wie viel Kraft in diesen alten Liedern steckt.
Das sehe ich ganz genauso. Die alten Balladen sind das Fundament nicht nur von meiner Musik, sondern von allem, was in der Blues-, Folk- und Countrymusik von Bedeutung ist.

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