»Hip sein zu wollen, ist eine schreckliche Art zu leben«

Die Sängerin und Sixties-Ikone Marianne Faithfull im Interview über ihren alten Freund Keith Richards, den zerstörerischen Zwang zur Hipness und die schmerzhafte Aufarbeitung ihrer Vergangenheit.

Foto: Patrick Swirc/Naive/Indigo

In den Sechzigern stand sie im Zentrum der Gegenkultur, in den Siebzigern lebte sie heroinsüchtig in London auf der Straße, inzwischen ist sie die große alte Dame des Rock-Chansons. Marianne Faithfulls Lebenslauf enthält mehr Drama, als eine einzelne Person normalerweise aushalten kann, und dass sie immer noch da ist, ist Zeugnis eines bemerkenswerten Überlebenswillens. Seit zehn Jahren macht sie wieder Alben, die man sich anhören sollte. Vor allem hat sie sich inzwischen zu einer der tiefgründigsten Interpretinnen von anderer Leute Songs entwickelt, so auf ihrem Album Easy Come, Easy Go von 2008. Während diese Platte eher kammermusikalisch instrumentiert war, klingt ihre neue Platte Horses And High Heels (Naive/Indigo) teilweise überraschend rockig. Vor einigen Wochen hatte ich Gelegenheit, mit Marianne Faithfull zu telefonieren.

Marianne Faithfull, auf Ihrem neuen Album Horses And High Heels arbeiten Sie wieder mit dem Produzenten Hal Willner zusammen, der schon viele Ihrer Platten betreut hat. Was mögen Sie an seinem Stil?
Dass er keinen hat – sein Stil verändert sich ständig. Horses And High Heels klingt ganz anders als Easy Come Easy Go oder Strange Weather. Hal hat diesmal einige tolle Sachen mit Samples gemacht. Ich glaube, er ist jetzt in seiner Burt-Bacharach-Phil-Spector-Phase. Ich schätze auch an ihm, dass er immer wieder tolle Songs für mich findet. Vier Songs für das Album habe ich selbst geschrieben, da fehlten also noch einige. Die besten Vorschläge kamen von Hal.

Hätten Sie gerne mehr geschrieben als nur vier Songs? Eigentlich schon, aber mir haben die Ideen gefehlt. Das muss man akzeptieren. Songschreiben wird schwieriger, je älter man wird. Früher fiel es mir leicht, etliche meiner Alben habe ich komplett geschrieben. Da ist jetzt nicht mehr dran zu denken.

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Haben Sie alles gesagt, was sie sagen wollten?
Vielleicht. Es gibt auf jeden Fall Themengebiete, mit denen ich mich nicht mehr beschäftigen will. Meine Vergangenheit habe ich komplett aufgearbeitet, dazu habe ich nichts mehr zu sagen.

Wieso haben Sie das Album in New Orleans aufgenommen?
Weil es dort fantastische Musiker gibt. Zum Beispiel George Porter Jr., den alten Bassisten der Meters. Der ist unglaublich. Genauso der Drummer Carlo Nuccio – die beste Rhythmusgruppe, mit der ich je gearbeitet habe.

»Popmusik ist wie eine Berufung, die alles andere ausschließt. Die Musik ist wichtiger als Liebe, Familie, Freundschaften«

Wirklich?!
Okay, ich hatte schon oft tolle Rhythmusgruppen, aber im Moment finde ich, dass George Porter Jr. Gott ist.

Mit Wayne Kramer, Lou Reed und Dr. John sind noch andere Stargäste auf dem Album dabei.
Mit denen hat Hal an der Textur des Albums gearbeitet, als die Songs schon fast fertig waren. Er hat mir einen Mix nach dem anderen geschickt und gefragt, ob sie mir gefallen. Oft haben sie mir nicht gefallen. Ich war diesmal sehr kritisch.

Es hat mich überrascht, dass Sie den Goffin-King-Song »Goin' Back« covern, der einen nostalgischen Blick auf die heile Welt der Jugend wirft.
Dieses Gefühl erlaube ich mir erst seit kurzem. Wenn ich selbst über die Vergangenheit geschrieben habe, dann nie auf nostalgische Art und Weise, sondern immer so ehrlich wie möglich. Meist ging es um Schmerz, kein besonders nostalgisches Thema. Es war nicht leicht für mich, »Goin' Back« aufzunehmen: Die definitive Version stammt von Dusty Springfield, da konnte ich nicht mithalten.

Welcher Teil Ihrer Vergangenheit wäre das denn, für den Sie Nostalgie empfinden?
Eigentlich alles. Meine Kindheit, meine Jugend in den Sechzigern.

Obwohl Sie aus einer kaputten Familie kommen und später beim Heroin gelandet sind? Ihnen sind doch viele schreckliche Dinge passiert!
So schrecklich waren sie auch nicht. Ich bin darüber hinweggekommmen, das liegt alles in der Vergangenheit. Es tut nicht mehr weh. Ich spüre es noch ein bisschen, aber das alles ist sehr weit weg. Ich habe mich verändert.

Ich habe vor kurzem Ihre Autobiographie Faithfull  gelesen, darin erscheinen Sie noch nicht so gelassen.
Die ist schon über 15 Jahre alt. Ich bin froh, dass ich 1994 dieses Buch geschrieben habe. Jetzt könnte ich das nicht mehr leisten. Ich habe da sehr viel Arbeit reingesteckt, mich ausgiebig mit meinem Schmerz auseinandergesetzt. Das Buch hat mir sehr geholfen, die Vergangenheit zu überwinden. Es war eine Reinigung.

Haben Sie schon das Buch von Keith Richards gelesen?
Ja, ich finde es großartig. Besonders interessant finde ich, was er über Musik schreibt: über Auftritte, Songwriting, wie sich das anfühlt und was er darüber denkt. Ich vermute, das war sehr anstrengend für ihn. Keith ist eloquent, aber er würde dennoch lieber spielen, als zu reden. Sein Ghostwriter James Fox und er haben sehr hart gearbeitet. Ich bin sicher, dass das Buch auch für ihn eine Reinigung war.

In Ihrem Buch steht: »The law of pop music: You have to give away a lot in order to get anything«. Können Sie diese These genauer erklären?
Es klingt ein bisschen prätentiös, aber Popmusik ist wie eine Berufung, die alles andere ausschließt. Die Musik ist wichtiger als Liebe, Familie, Freundschaften und so weiter. Zu diesen Dingen kann man erst zurückkehren, wenn alles vorbei ist, wenn man keine Songs mehr schreiben kann. Ich glaube nicht, dass Keith noch Songs schreibt. Und Dylan schreibt eigentlich auch keine mehr. Dann ist man bereit fürs echte Leben.

Mehrmals beschreiben Sie in Ihrem Buch, wie Sie selbst und andere unter dem Zwang zur Hipness gelitten haben.
Hipness ist wie der Tod. Eine zerstörerische Kraft. Hip sein zu wollen, ist eine schreckliche Art zu leben. Manchmal tun mir die jungen Leute leid, die heute in dieser Scheinwelt gefangen sind. Wenn sie Glück haben, werden sie aufwachen und den Weg zurück in die echte Welt finden.

Ist Ihre Abkehr von der Hipness auch der Grund dafür, warum Sie in den Siebzigern, während Ihrer Heroin-Sucht, plötzlich Countryfan geworden sind?
Ja, genau! Countrymusik war extrem unhip. Das habe ich an ihr geliebt. Eine schwarz-weiße Welt, wo Männer noch Männer waren und Frauen Frauen. Ich liebe die Countrymusik immer noch. Jimmie Rodgers, Hank Williams, Johnny Cash, Loretta Lynn, Patsy Cline – in das Werk solcher Leute habe ich mich richtiggehend vertieft.

Das waren alles zutiefst individuelle Performer.
Sie hatten etwas Unverwechselbares. Und eine besondere Tiefe in ihrem Vortrag. Solche Performer gibt es heute nicht mehr oft. Kürzlich ist mir wieder aufgefallen, wie schwierig es ist, einen Song auszufüllen und gleichzeitig zu kommentieren. Das ist etwas, was ich, glaube ich, ganz gut beherrsche, allerdings nur aufgrund jahrzehntelanger Übung. Mein Schwachpunkt ist das Auswendiglernen von Texten. Früher habe ich öfter Allen Ginsberg auf der Bühne gesehen, wie er seine berühmten Gedichte Howl und Kaddish vorgetragen hat. Der konnte die auch nicht auswendig. Da habe ich gedacht, wenn der damit durchkommt, kann ich das auch machen.

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