»Vielleicht sollte ich mir einen Regenmantel besorgen«

Mit dem Regen kommt das Unbehagen. Ist er radioaktiv? Yuko macht sich Gedanken, merkt aber, dass bei vielen ihrer Landsleute kein Redebedarf besteht.


Regenzeit

In Tokio hat es diesen Nachmittag ganz heftig geregnet. Ich dachte mir: "Woops, ich gehe heute wohl besser etwas später aus, wenn sich das Wetter beruhigt hat." In den letzten zwei Wochen habe ich eine seltsame, besondere Feinfühligkeit gegenüber Regen entwickelt. Meinen Freunden auf Twitter scheint es ganz ähnlich zu gehen, sie twittern "Regen..." und markieren mit der gepunkteten Leerstelle hinter dem Wort "Regen" den Platz, an dem sich etwas Unausgesprochenes befindet. Viele Atomphysiker und andere Spezialisten und Experten warnen, man solle vorsichtig sein und lang anhaltenden Kontakt mit dem Niederschlag vermeiden, um einer möglichen Verstrahlung zu entgehen.

Eine Nation der Panikmacher
Es scheint, als haben die Mainstream-Medien wie das Fernsehen und die großen Zeitungen sich endlich dazu entschlossen, ihre Kritik an der Kernenergie offener zu formulieren. Mehr und mehr finden sich Informationen über die tatsächlichen Ausmaße und Folgen der Verstrahlung auch in ihren Berichterstattungen. Man kann förmlich spüren, wie sich das Wissen über diese Themen immer weiter ausbreitet. Japan ist in diesem Moment wahrscheinlich die Nation mit dem höchsten allgemeinen Wissensstand über Kernenergie und Radioaktivität. Bis vor kurzem wurde jeder, der dieses Thema ansprach, als Sensibelchen und Panikmacher abgestempelt. Entweder sind wir nun etwas weniger verbohrt, oder wir haben uns zu einer Nation der notorischen Panikmacher entwickelt.

Die schweigende Hälfte
Während ich bei der Arbeit auf den Beginn eines Shootings wartete, sprach ich mit dem Grafikdesigner Toshi San. "Yuko, ich bin ein wenig enttäuscht über die japanische Gesellschaft", begann er das Gespräch. "Es ist, als teile sich unser Land gerade in zwei Hälften. Die eine Hälfte möchte sich so umfassend wie möglich über die Risiken von Kernenergie informieren und nach einer Lösung suchen. Die andere hält die Füße still und hüllt sich in Schweigen. Ich frage mich, was in den Köpfen dieser schweigenden Hälfte vorgeht." Ich stimmte ihm zu. Mich würde das auch brennend interessieren. Er fuhr fort: "Fukushima könnte einer dieser Wendepunkte gewesen sein, von dem ausgehend sich eine Gesellschaft komplett verändert. Da möchte man doch dran teilhaben, diskutieren, Meinungen austauschen." Ja, das möchte man. Ich möchte das zumindest. "Ich glaube außerdem, dass jeder gerade Informationen sammelt, auch wenn er vorgibt, es nicht zu tun. Wer nicht redet, möchte vielleicht nicht mehr darüber nachdenken als notwendig ist. Womöglich, weil man sich dann nicht mehr auf die Arbeit konzentrieren kann." Das alles kam aus dem Mund von Toshi san, den ich ansonsten weder zu den besonders schwermütigen noch überaus nachdenklichen Menschen gezählt habe. Aber auch ihm ist unbehaglich.

Ein Regenmantel

Wir lachen, gehen einkaufen, arbeiten und unterstützen den Norden. Wir lassen unser alltägliches Leben weiterlaufen, aber unter dieser Oberfläche aus Fleiß und Unbeirrbarkeit, irgendwo in unseren Köpfen, macht sich jeder Gedanken über Fukushima. Das ist gerade Tokyo Life. Ein Freund von mir hat neulich gesagt: "Inzwischen haben wir alle verstanden, dass bestimmte Orte kontaminiert sind. Deswegen wäre es gut zu wissen, wie man in Zukunft damit umgeht." Auch ich möchte lieber um der wahren Natur dieser Gefahr wissen, möchte ihr begegnen, anstatt sie zu verdrängen. Im Juni regnet es hier sehr häufig. Es ist unsere Regenzeit. Vielleicht sollte ich mir einen Regenmantel besorgen. Einen hübschen. Das würde mich sicherlich aufmuntern.

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