»Ich war so gerührt, dass Coldplay und DJ Hell für uns gespielt haben«

Nach der Atomkatastrophe haben viele internationale Künstler ihre Auftritte in Japan abgesagt. Beim Fuji Rock Festival stellt Yuko jedoch erfreut fest, dass viele andere gekommen sind.


Flügellahme Festival-Hummel

Überall auf der Welt finden gerade Musik-Festivals statt, auch bei uns in Japan. Neulich war ich auf dem Fuji Rock Festival, am Fuße des Fuji, drei Stunden von Tokio entfernt. Als Zuschauer war ich schon drei oder vier mal da und habe mich dann in eine Menge von fast 100.000 Leuten gequetscht. Dieses Jahr war ich Teil der Crew. Denn Ryota Mori, ein befreundeter Fotograf, hatte mir einen Job als Assistentin angeboten. Er schwirrte von Bühne zu Bühne wie eine Biene, um Bilder von den Künstlern zu machen. Ich brummte eher flügellahm hinterher. Auch andere Freunde von mir arbeiteten hier, entweder als Runner oder in der Multimedia-Crew, unter ihnen auch mein Liebster, Yudai. Für uns war also die meiste Zeit keine Party angesagt, sondern Hochbetrieb.

Abgesagte Konzerte
Konzerte von Künstlern aus dem Ausland werden seit dem Beben im März in schöner Regelmäßigkeit abgesagt. Ist vielleicht auch verständlich. Es könnte weitere Beben geben. Fukushima konnte noch immer nicht komplett eingedämmt werden. Und die doch ziemlich abschreckende Berichterstattung im Ausland tut ihr übriges. Ich habe von Musikern gehört, die schon auf gepackten Koffern saßen, und dann von ihren Familien bekniet wurden, nicht zu fliegen. Auch das: verständlich, irgendwie. Unter normalen Umständen besitzt Japan bereits eine bisweilen verstörende Fremdartigkeit. Und was wir gerade an "Umständen" erleben, können wir in keinem Geschichtsbuch nachlesen.

(Folgendes möchte ich an dieser Stelle kurz loswerden: Sowohl Cyndi Lauper als auch Jeff Mills waren unendlich mutig und sind kurz nach der Katastrophe in Japan aufgekreuzt, um zu spielen. Sie sagten, dass sie sich als Musiker keine bessere Zeit hätten aussuchen können. Wie cool, und wie wahr.

Rührt euch und haltet die Klappe

Trotzdem (und umstandslos) waren viele Musiker aus aller Welt da, Coldplay und die Chemical Brothers, oder auch Atari Teenage Riot, Digitalism und DJ Hell aus Deutschland. Besonders gefreut hat mich der Auftritt von Tinariwen aus Mali. Ich war so gerührt, dass sie für uns alle gespielt haben. Ist es nicht die bestmögliche Unterstützung, die man sich von einem Musiker wünschen kann? Über meine Rührung gesprochen habe ich allerdings nicht, ich wollte nicht noch sentimentaler erscheinen. Ich habe also die Klappe gehalten und die gute Zeit genossen.

Yellow Magic Orchestras Anti-Atom-Talk
Wie viele Festivals hatte auch Fuji Rock immer schon einen leichten Öko-Touch. Und natürlich ist das diesjährige Thema Nummer Eins die Atompolitik. Womit die Diskussionen aus meinem Alltag einfach fortgeführt wurden. In einem der kleineren Zelte gab es sogar einen Anti-Atom-Talk. Moderiert hat ihn das Yellow Magic Orchestra, eine nahezu legendäre Techno-Kombo. Es war proppenvoll. Die Katastrophe und ihre Konsequenzen betreffen uns alle.

Teilen

Dieses Jahr fühlte sich das Festival an, als ginge es nur ums Teilen: die gute Zeit teilen, den Spaß teilen und positive Energie von den Starken auf die Schwachen übergehen lassen. Eigentlich ist so eine Existenz für das Rudel, das Aufgehen in der großen Gemeinschaft, ja gar nicht mein Ding. Aber der Aspekt des Teilens gefällt mir.

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