"Wir sind so verletzt, wir können nicht vergessen"

Die Illustratorin und Werbefilmerin Yuko Ichimura aus Tokio verfasste während des Atomunfalls für das SZ-Magazin ein illustriertes Tagebuch, das ihre Eindrücke der Fukushima-Katastrophe wiedergibt. Dies wird nun als Buch veröffentlicht.

»Was auch immer uns aus der Bahn wirft, wir werden niemals aufhören, zu lachen und zu weinen«

Ein halbes Jahr nach dem Tsunami steht Yuko im Buchladen vor dem neu eingerichteten Regal mit Katastrophenliteratur. Darin finden sich viele informative Werke, aber auch Traktate wie Strahlen sind nicht schädlich und Keine Angst vor geringen Strahlungsdosen.

»Ich war so gerührt, dass Coldplay und DJ Hell für uns gespielt haben«

Nach der Atomkatastrophe haben viele internationale Künstler ihre Auftritte in Japan abgesagt. Beim Fuji Rock Festival stellt Yuko jedoch erfreut fest, dass viele andere gekommen sind.

Lernen von den Samurai

Es ist heiß in Tokio. Heiß wie in einem Backofen. Heiß wie im Inneren eines Vulkans. Um sich gegen die Sonne und die Hitze zu schützen, entdecken die Menschen in Tokio die Klimaanlagen des 17. Jahrhunderts neu.

»Jedermann ist zum Stromsparen verpflichtet«

Seit der Atomkatastrophe in Fukushima ist der Strom knapp, heißt es. Auch Yuko will Strom sparen, fragt sich aber, wie das in einer Metropole wie Tokio überhaupt gehen soll.

»Die Mütter bunkern Bohnen aus dem vorigen Jahr«

Die Atomkatastrophe hat Yukos Freundeskreis gespalten. Die einen sind sorglos und leben friedlich weiter, die anderen denken ständig an die Auswirkungen der Strahlung. Yuko kann beide Positionen verstehen.

»Ich begebe mich auf meine tägliche Netzpatrouille«

Yuko informiert sich hauptsächlich über das Internet. Auf Twitter liest sie zum Beispiel die Nachrichten eines Arbeiters, der im Atommeiler Fukushima I tätig ist. Und dann gibt es noch die Blogs von zwei Hausfrauen, die stets seltsame Geräusche hören, bevor die Erde bebt.

»Woher stammt unser Schweigegelübde?«

Wenn Yuko sich mit Freunden trifft, dann tun alle erstmal so, als gäbe es kein Fukushima. Irgendwann reden sie aber doch über ihre Sorgen und Ängste. Was ist der Grund für die gestörte Kommunikation? Ein paar Erklärungsversuche.

»Sich 1053 Kilometer südlich von Fukushima aufzuhalten, macht ganz schön was aus«

Yuko fährt in den Süden Japans und kauft mit Begeisterung eine garantiert unverstrahlte Gurke. Und fragt sich, ob sie eigentlich hysterischer ist als ihre Landsleute.

»Ich stütze mich auf meinen Besen, anstatt hinter einem Transparent zu stehen«

Yuko schrubbt energisch den Fußboden - angeblich soll das gegen radioaktiven Staub helfen. Dabei sieht sie im Fernsehen einen Bericht über eine Demo. Steigt in Japan endlich der Widerstand gegen die Atomkraft?

»Die Sehnsucht war niemals stärker als jetzt«

Das Erdbeben hat etliche Beziehungen durcheinander gebracht. Yuko schaut sich in ihrem Freundeskreis um und bemerkt, dass viele Paare enger zusammengerückt sind. Manche haben sich leider getrennt.

»Ich musste ein bisschen weinen«

Endlich rollt der Rubel! Yuko und ihre Freundinnen überweisen Spendengelder an eine Hilfsorganisation, die Behelfshäuser für Erdbebenopfer baut. Als sie einen Bericht über diese Häuser im Fernsehen sieht, wird sie von Rührung übermannt.

»Unsere Bäuche haben gewackelt wie Götterspeise«

Als bei einem Nachbeben alles zu wackeln beginnt, stellt Yuko fest, dass sie seit März ordentlich zugenommen hat. Genau wie einige Freundinnen. Woher kommt dieses »Katastrophenfett«? Und wann verschwindet es wieder?

»Vielleicht sollte ich mir einen Regenmantel besorgen«

Mit dem Regen kommt das Unbehagen. Ist er radioaktiv? Yuko macht sich Gedanken, merkt aber, dass bei vielen ihrer Landsleute kein Redebedarf besteht.

»Ich pendele zwischen Erleichterung und tiefster Depression«

Yuko schaltet den Fernseher an. Doch aus dem Programm wird sie nicht recht schlau. Wie kann es sein, dass im japanischen Fernsehen der Eindruck vermittelt wird, die Situation sei zugleich ganz unproblematisch und völlig hoffnungslos?

»Mädels, heute Abend putzen wir uns raus, wie schon lange nicht mehr«

Yuko gründet »Emogirl«, um mit kleinen Projekten ihren Mitmenschen zu helfen. Denn Beziehungen zwischen echten Menschen, das merkt sie, sind wertvoller als die auf Facebook und Co. gepflegten.

»Zwischen der Welt der Werbung und der Welt in Trümmern tut sich ein tiefer Abgrund auf«

Die Krise erfasst den Werbesektor, Yukos Projekt wurde gestrichen. Und sie erfährt: Beinahe hätte ihre Firma für die Atomindustrie geworben.

»Was bringt das ganze Geld, wenn man jederzeit sterben kann«

Seit der Katastrophe hat sich bei Yuko und vielen Japanern die Einstellung zu Geld völlig geändert: Die Zeit des Sparens ist vorbei. Das Seltsame ist nur: Trotzdem wird der Kontostand nicht niedriger, sondern höher.

»Muffin in der Konservendose, Wegwerftoilette, Taschenlampe«

Wie gut oder wie schlecht man in Japan auf Katastrophen vorbereitet ist, hängt auch vom Arbeitgeber ab. Yuko berichtet diesmal von Notfallrucksäcken, Taxiquittungen und Wasserlieferungen aus Hongkong.

»Es ist an der Zeit, ihre Geschichten zu erzählen«

Trotz einiger Zweifel hat sich Yuko entschlossen, von ihren Bekannten aus dem Norden zu erzählen. Von Menschen wie Akiko aus Sendai, deren alte Schule man zu einer Leichenhalle umfunktioniert hat.

»Sie geben mir das Gefühl, dass nicht alles verloren ist«

Yuko trifft sich mit alten Freunden aus Übersee, die Tokio im Gegensatz zu vielen anderen Ausländern nicht verlassen haben. Sie ist dankbar für jeden, der sich zum Bleiben entschließt.

»Das geliebte Tokio aus ›Lost in Translation‹ scheint für immer verloren«

Das Beben hat Tokio verändert. Der Optimismus und die Leichtigkeit der Gedanken sind verschwunden. Doch für einen politischen Wandel scheinen die Menschen noch nicht bereit zu sein.

»Zuerst war es ein leichtes Rumpeln aus den Tiefen des Wohnhauses«

Yukos Wohnung ist sicher, ihre Freunde und Familie sind es auch. Selbst ihren Job hat sie noch. Also versucht Yuko, sich mal ein bisschen locker zu machen. Genau dann bricht das bisher schwerste Nachbeben über Japan herein.

»Kirschblüten. Hach!«

Yuko genießt den Frühling und freut sich über die Kirschblüte. Aber eigentlich dreht sich nach wie vor alles um das Erdbeben und seine Folgen. Viele Japaner sind von den Medien maßlos enttäuscht. Sie müssen sich nun selbst ein Bild von der Lage verschaffen.

»Ich fühlte mich wie eine Seiltänzerin«

Yuko und Yudai haben sich wieder zusammengerauft. Fast ist es in ihrer Beziehung wieder so, wie vor dem Beben - aber das möchte Yuko eigentlich gar nicht. Teil zwölf ihres Krisen-Tagebuchs  

»Natur > Mensch«

Yuko fragt sich, warum es keine Grünen in Japan gibt, warum manche Regale im Supermarkt leer sind und ob sie Fleisch aus dem Norden des Landes kaufen soll. Teil elf ihres Krisen-Tagebuchs

»Die Power Generation Girls in der Dunkelstadt Shibuya«

Von der Dunkelheit im Ausgehviertel Shibuya lässt sich Yuko nicht verunsichern. Mit ihren Freundinnen trifft sie sich in ihrer Stammkneipe. Sie sprechen über ihre Ängste, aber können auch noch zusammen lachen. Teil zehn ihres Krisen-Tagebuchs.

»Nichts Neues. Es ist herrlich. Heute putze ich die Wohnung«

Yuko trotzt dem Informationsüberfluss. Sie ignoriert die Nachrichten, überhört das aufgeregte Gezwitscher auf Twitter. Stattdessen macht sie den Haushalt, putzt und kocht Suppe.  

»Die Radioaktivität läuft durch unsere Wasserhähne«

Die Angst vor verseuchtem Regen und Grundwasser treibt Yuko und ihren Freund Yudai um. Auch ihre Beziehung droht unter dieser Last zu zerbrechen. Teil acht ihres Krisen-Tagebuchs.

»Die Motivation ist mir abhanden gekommen«

Zurück in Tokio, zurück im vermeintlichen Alltagstrott. Yuko arbeitet wieder für die Werbung, kann sich aber weder konzentrieren noch richtig motivieren. Und Zweifel lassen sich nicht mit einem Geigerzähler messen.