»Zuerst war es ein leichtes Rumpeln aus den Tiefen des Wohnhauses«

Yukos Wohnung ist sicher, ihre Freunde und Familie sind es auch. Selbst ihren Job hat sie noch. Also versucht Yuko, sich mal ein bisschen locker zu machen. Genau dann bricht das bisher schwerste Nachbeben über Japan herein.

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8. bis 11. März

Meistgelesen diese Woche:

Ihr habt uns die ganze Zeit belogen
Es gibt zur Zeit ein Guerilla-Musikvideo auf Youtube von Kazuyoshi Saito, einem sehr bekannten japanischen Sänger. Es ist ein sehr einfach gemachter Clip, in dem er selbst einen seiner größten Hits parodiert; "Ich habe dich die ganze Zeit geliebt" heißt der Gassenhauer. Ich habe das Original viele Male hören müssen, es wurde für die Werbung einer Kosmetikfirma benutzt. Die neue Version seines alten Hits heißt: "Ihr habt uns die ganze Zeit belogen". Es geht so: "Ihr habt uns die ganze Zeit belogen, als ihr sagtet, Atomenergie sei sicher". Ich kenne nur noch einen anderen, sehr alten Anti-Kernkraft-Song von der Punkrockband "The Timers". Damals dachte ich mir: Hey, coole Haltung. An die eigentliche Aussage des Liedes habe ich keinen weiteren Gedanken verschwendet. Damals war meine Welt noch unschuldig und ignorant.    

Mach dich mal locker, Yuko
In der Bahn auf dem Weg zur Arbeit kann ich nicht anders: Ich muss immer all die herzzerreißenden Geschichten auf meinem iPhone lesen, die über das Unglück oder die über die vielen unterschiedlichen Hilfsorganisationen der vielen guten Menschen. Es sind zu viele Information, mehr, als für mich gut sein können. Ich sollte nur noch einmal täglich Nachrichten lesen. Denn ich bin sicherlich kein richtiger "Disasterholic“ (es ist meine eigene Wortkreation, toll, nicht?). Ich sollte mir vor allem meine eigene Realität stärker ins Bewusstsein rufen: Meine Wohnung ist sicher, kein einziges Weinglas ist zu Bruch gegangen, alle meine Freunde sind sicher, meine komplette Familie ebenso. Selbst meinen Job habe ich noch. Also mach dich mal locker, Yuko. Alles locker...

~~Es wackelt wieder~~
...und dann das! Das bis dato schwerste Nachbeben hat uns am 7. April spät in der Nacht getroffen. Gerade als ich Tim aus Berlin eine E-Mail geschrieben habe, ging der Alarm wieder los. Sie kennen ihn vielleicht schon, den Ton vor dem Ende der Welt, er geht mir mit seinem „di-di-Dah di-di-Dah!“ durch Mark und Bein. Allein der Gedanke an die Tonfolge lässt mich zusammenzucken. Anfangs dachte ich, es sei ein Fehlalarm. Die Erdbebenwarnung ist dieser Tage nämlich ein wenig nervöser als sonst. Aber eine halbe Minute später wusste ich, das alles ist ganz schrecklicher Ernst. Zuerst war es ein leichtes Rumpeln aus den tiefsten Tiefen des Wohnhauses, das hochstieg bis hinein in meine Wohnung. Dann schaukelte es wild in der Horizontalen. Es dauerte sehr lange, mindestens eine Minute. Ich habe sofort das Fernsehprogramm auf den staatlichen Sender NHK gestellt, dann habe ich meinen Twitter-Account gecheckt. Meine Twitterliste las sich wie folgt: "Da war wieder eins", "Angst", "~~Es wackelt~~", "Oh Gott, dauert das lang."   

Klein wie eine Katze
Eben noch litt mein Gehirn an einem Informations-Overkill, bis es schlagartig auf Reset gesetzt wurde. So wie eine Katze, die bemerkt, dass ein Auto frontal auf sie zufährt. Sie macht auf der Stelle Halt, dann scheint es, als schrumpfe sie in sich zusammen, haben sie das schon einmal gesehen? Ich war in diesem Moment die Katze. All meine Gedanken blieben auf der Stelle stehen, die Belanglosigkeiten in meinem Kopf machten sich ganz klein und meine Überlebensinstinkte schalteten meinen ganzen Körper in den Ausnahmezustand. Das lange Nachbeben wurde schwächer und schwächer, ein Freund aus Tokio twitterte: "Da wurden wir aber kalt erwischt". Unverzüglich schrieb ich die Mail an Tim aus Berlin zu Ende. Ich wollte in diesem Moment unbedingt mit einem Teil der Welt in Kontakt stehen, der nicht ständig wackelt.

Yukos Tagebuch (X) - "Die Power Generation Girls in der Dunkelstadt Shibuya"
Yukos Tagebuch (XI) - "Natur > Mensch"
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