»Unsere Bäuche haben gewackelt wie Götterspeise«

Als bei einem Nachbeben alles zu wackeln beginnt, stellt Yuko fest, dass sie seit März ordentlich zugenommen hat. Genau wie einige Freundinnen. Woher kommt dieses »Katastrophenfett«? Und wann verschwindet es wieder?


Geht’s euch gut in Island?

In den Nachrichten habe ich gesehen, dass in Island der Vulkan Grímsvötn ausgebrochen ist. Geht es euch gut drüben in Island? Heute morgen hatten auch wir wieder ein großes Erdbeben. Yudai und ich haben noch geschlafen, als es uns in der Horizontalen erfasste, unsere Bäuche haben gewackelt wie Götterspeise. "Ich habe ganz schön zugenommen", stellte ich zu meinem Bedauern fest.

Ein 3D-Modell namens Yuko
Die Erde scheint ja gerade in einer sehr aktiven Phase zu stecken. Und auch ich merke, wie ich mich seit dem 11. März in einer Phase befinde, in der sich viel verändert. Es ist, als würde ich mich mit einer Software für 3D-Modellierung selbst in ein Gitterraster setzen und mal hier, mal da etwas wegnehmen oder hinzufügen.

Katastrophenverfettung
Was hinzugefügt worden ist, das ist definitiv mein GEWICHT! Ich bin ein bisschen rundlicher geworden. Das haben auch schon einige meiner Freundinnen bei sich selbst festgestellt, etwa Miki. "Die Arbeit ist gerade nicht besonders stressig, und außerdem esse ich eine ganze Menge", sagte sie. Eigentlich hätten nach dem Stress der letzten Zeit die Kilos nur so purzeln müssen. Oder ist es so, dass wir in Notsituationen wie dieser Energiepolster hamstern? Das wäre dann eine erstaunlich simple Instinkthandlung. Meine Freundin und ich habe uns entschlossen, unsere Gewichtszunahme als "Katastrophenverfettung" zu bezeichnen.

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Den Kopf bewahren
Gestern, nach der Arbeit, wartete ich auf meine Bahn, als ein Mann neben mir stürzte. Ein junger Geschäftsmann war als erstes bei ihm, und auch eine Frau war sofort zur Stelle. Ich schaute mich um, denn irgendwas musste ich schließlich auch tun. Daher rannte ich so schnell ich konnte zum Bahnpersonal. Kann es sein, dass mein Gespür für das richtige Handeln in Notfallsituationen besser geworden ist, zumindest ein kleines bisschen? Denn eigentlich reagiere ich in solchen Situationen vollkommen kopflos, weiß überhaupt nicht, was ich tun soll. Auch dies könnte ein Zeichen des Wandels sein. Darüber bin ich ein bisschen froh, auch weil ich mich dafür geschämt habe, am 11/3 nicht geistesgegenwärtig genug gehandelt zu haben.

Pianoverkauf und Kleiderschrankdünger
Und heute hat Yudai sein elektronisches Piano von Yamaha sowie andere musikalische Gadgets bei einer Internetauktion verkauft. Er hat tatsächlich alles verkauft. Dabei waren sie ihm einst so wichtig, hat er doch im College Musik als Hauptfach belegt. Was mich betrifft, ich habe mich von einigen Klamotten getrennt. Etwa von einem T-Shirt, dass ich drei Jahre lang nicht getragen habe. Und von ungetragenen, zu engen Sandalen. Solche Dinge nennt man bei uns in Japan übrigens Kleiderschrankdünger. Stattdessen trage und wasche ich meine Lieblingsklamotten jetzt häufiger, und schere mich nicht mehr darum, dass ich sie so schneller abtragen könnte. Davor hatte ich früher immer Angst, vor Verschleiß. Aber eines Tages werden die Sachen ohnehin zerschlissen sein. Wie dumm von mir.

Den wichtigen Dingen Raum geben
Es ist nicht, dass ich mich darum sorge, ein neuer Tsunami könne kommen. Unsere Wohnung liegt im achten Stock. Aber die Folgen des Tsunamis haben mich doch sehr stark beeinflusst. Ich möchte einfach das Hier und Jetzt gebührend beachten, will nicht in einer verklärten Vergangenheit leben. Denn wir können niemals zu dieser Vergangenheit zurückkehren. Bei meinem persönlichen 3D-Modell soll also Unnötiges weggelassen werden, um den wichtigen Dingen mehr Raum zu geben. Ich hoffe nur, mein Katastrophenfett erweist sich ebenfalls als unnötig.

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