Schön zu hören

Mit edlen Stereoanlagen ist Amar Gopal Bose Milliardär geworden. Was er über den Beruf des Erfinders zu sagen hat, klingt natürlich hervorragend.

SZ-Magazin: Herr Dr. Bose, was war Ihre erste Erfindung?
Amar Gopal Bose:
Sie meinen, mein erstes Patent?

Nicht unbedingt. Ich möchte wissen, wann Sie zum ersten Mal das Gefühl hatten, ganz allein ein technisches Problem gelöst zu haben.
Hm, ich glaube, das war mit sechs. Ich hatte eine Modelleisenbahn und habe mich gefragt, wie ich es anstellen kann, dass die Weiche automatisch umspringt, wenn ein Zug kommt. Ich habe damals sogar von solchen Dingen geträumt. Und tatsächlich ist mir eine Lösung eingefallen. Ein ungewöhnlicher Zeitvertreib für einen kleinen Jungen.
Ich habe mich schon immer für Elektrotechnik interessiert. Mit zwei habe ich einen Schraubenzieher in eine Steckdose gebohrt. Gott sei Dank hatte sie nur 110 Volt Spannung, sonst säßen wir jetzt nicht hier. Mit 13 habe ich angefangen, Radios zu reparieren. Das war 1943, die meisten Techniker waren beim Militär. Also habe ich im Keller meines Elternhauses in Philadelphia eine Werkstatt eingerichtet. Der Bedarf war riesig, ich hatte jede Menge zu tun.

Hat Ihnen jemand gezeigt, wie man so etwas macht?
Nein. Erstaunlicherweise konnte ich es einfach. Ein paar Jahre später habe ich mir aus Restbeständen der US-Armee sogar einen Fernseher gebaut. Die Bildröhre kam von einem Radargerät, sie war fast einen Meter lang. Als Netztrafo benutzte ich den Leistungswandler eines Ölofens. Das war das erste Fernsehgerät in ganz Philadelphia!

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War es schon früh Ihr Ziel, das renommierte Massachusetts Institute of Technology zu besuchen?
Mein Vater kam aus Indien, und ich denke, je weiter man von den USA weg ist, desto mehr Glanz bekommen Namen wie Harvard oder MIT. Tatsächlich habe ich mich 1947, nach der Highschool, nirgendwo anders beworben. Das war sehr leichtsinnig: Wegen der ganzen Soldaten, die damals das Militär verließen, gab es in diesem Jahr doppelt so viele Bewerber wie sonst. Ich bin gerade noch reingerutscht.

Woran haben Sie geforscht?
Ich habe Elektrotechnik studiert. Ich habe zwar gern Musik gehört, hatte dafür jedoch kaum Zeit – das MIT war damals eine rechte Schufterei. 1956 habe ich meine Doktorarbeit fertiggestellt und wollte mir zur Belohnung eine Hi-Fi-Anlage zulegen. Ich habe Testberichte gelesen und schließlich das Gerät gekauft, das die besten Messdaten hatte. Aber als ich es zu Hause aufgestellt und einige Platten mit Violin-Musik abgespielt habe, war ich extrem enttäuscht. Das klang überhaupt nicht nach einer echten Geige! Damals dachte ich, dass die Technik all unsere Probleme lösen kann. Doch obwohl die technischen Daten meiner Anlage hervorragend waren, klang sie nicht richtig.

Da schlug Ihre Stunde, oder?
Genau! Ich habe einen Sommer lang auf eigene Faust im Akustik-Labor des MIT geforscht. Als ich kurz darauf Professor wurde, habe ich weiter geforscht. Mein erstes Patent war ein Ergebnis dieser Untersuchungen. Ich bekam es 1958 für den »sphärischen Lautsprecher«, der keinen Tieftöner und keinen Hochtöner hatte, sondern aktive Frequenzkurven-Entzerrung. Meine erste echte Erfindung.

Herr Bose, jetzt müssen Sie uns erklären: Wie erfindet man etwas?
In den Naturwissenschaften basiert alles auf logischem Denken. Nun hat sich aber gezeigt, dass Erfindungen eine Dimension haben, die in keiner Weise rational ist. Die meisten bahnbrechenden Ideen stehen keineswegs am Ende einer langen, logisch aufgebauten Gedankenkette: Solche Ideen überkommen dich ganz plötzlich, wie ein Blitz. Danach muss man hart arbeiten und all sein Wissen aufbieten, um herauszufinden, ob die Idee sinnvoll ist oder nicht.

Sie haben einmal gesagt, der Prozess des Erfindens sei so etwas wie »intelligentes Stolpern«. Was meinen Sie damit?
Das zeige ich Ihnen am besten an meiner Tafel. Wo ist denn bloß mein Stift? Immer dasselbe! (Er findet einen Stift und malt einen großen Kreis auf die Tafel, die hinter seinem Schreibtisch an der Wand hängt.) Nehmen wir an, alles Wissen, über das wir verfügen, liegt in diesem Bereich. Hier ist eine Idee, deren Gültigkeit sie beweisen wollen. Und dies ist ihr Ausgangspunkt. (Er malt zwei Kreuze in den Kreis.) Wahrscheinlich werden sie nun erst mal in die falsche Richtung gehen. Das intelligente Stolpern besteht darin, dass jemand das Glück und die Intelligenz besitzt zu erkennen, dass die erste Richtung falsch ist. Diese Person wird danach eine Zeit lang in die richtige Richtung gehen, dann vom Weg abkommen und zum Schluss, nach vielen Umwegen, womöglich doch die Idee erreichen. (Er malt einen Zickzackkurs, der vom einen zum anderen Kreuz führt.) Dann sagen alle: Oh, wie hat er bloß die Lösung gefunden? Aber er hat sie gar nicht gefunden. Er ist zur Lösung gestolpert.

Sie gelten als Vollblut-Wissenschaftler. Trotzdem haben Sie 1964 Ihre Firma, die Bose Corporation, gegründet. Warum eigentlich?
Dazu möchte ich Ihnen eine Geschichte erzählen: Es war 1964, als mich ein Kollege am MIT, Professor Lee, an einem Freitagnachmittag in sein Büro bestellte. Er sagte, er wolle mir von seinen Kriegsjahren in China erzählen. Ich sehe es noch vor mir, wie er aus seinem Schreibtisch das Foto eines Menschen herausholte, der zum Skelett abgemagert war – das war er selbst.

Warum hat er Ihnen von dieser Zeit erzählt?
Habe ich mich auch gefragt. Aber ich kannte ihn gut genug, um zu wissen, dass er bestimmt auf etwas Wichtiges hinauswollte. Professor Lee berichtete, dass er damals aus Not Antiquitätenhändler wurde und in der Umgebung von Shanghai die Bauernhöfe abklapperte, auf der Suche nach Möbeln und Bildern, die sich verkaufen ließen. So habe ich überlebt, sagte er. Und jetzt möchte ich Ihnen von einem Traum erzählen, den jeder Antiquitätenhändler hat. Der erste Teil des Traums: Eines Tages stößt man auf ein Objekt von großem Wert. Der zweite Teil: Man erkennt den Wert dieses Objekts und lässt es nicht durch die Finger gleiten. Mit diesen Worten lehnte sich Professor Lee zurück. »Danke«, sagte er. Und verabschiedete mich.

Mehr hat er Ihnen nicht verraten?
Nein. Ich habe das ganze Wochenende darüber nachgegrübelt. Am Montag bin ich in sein Büro. Professor Lee, sagte ich, ich weiß, dass Ihnen bekannt ist, dass ich seit Jahren einige Patente besitze, mit denen nichts passiert. Wollen Sie mir den Gedanken nahelegen, dass diese Patente jene wertvollen Objekte sind, die mir durch die Finger gleiten? Wollen Sie mich dazu bringen, eine Firma zu gründen? Als ich das gesagt hatte, lächelte er nur. Ein unglaublicher Mensch.

Hatten Sie überhaupt Erfahrung als Geschäftsmann?
Nein, von Geschäften verstand ich gar nichts. Vielleicht ist das der Grund, dass wir am Anfang harte Zeiten zu überstehen hatten. Wir standen mehrmals kurz vor dem Bankrott. Aber die geschäftliche Seite der Firma interessiert mich bis heute nicht besonders. Ich beschäftige mich lieber mit Forschung und Entwicklung und versuche, gute Leute einzustellen, die sich um den Rest kümmern.

Ihr Unternehmen ist für den Hi-Fi-Bereich bekannt. Aber geforscht haben Sie immer auch auf anderen Gebieten, zum Beispiel der Kernfusion. Warum?
Dafür habe ich die Firma schließlich gegründet – um interessante Dinge zu tun, die vorher noch niemand ausprobiert hatte.

Was hat Sie an der Stoßdämpfung von Autos interessiert?
Alle Forschung auf dem Gebiet der Radfederung bezog sich auf bereits existierende Hardware, also zum Beispiel auf die Verbesserung der Hydraulik. Wir haben es anders gemacht: Wir haben zuerst mathematisch errechnet, was ein perfektes Stoßdämpfungssystem leisten muss. Danach haben wir versucht, es zu bauen.

Bis zur Marktreife des »Bose Suspension System« vergingen geschlagene 24 Jahre. Wie kam es, dass Sie nicht nach zehn Jahren gesagt haben, Leute, der ganze Spaß wird mir jetzt zu teuer?
Meine Philosophie ist: Wenn jemand eine neue Idee hat, die mir interessant erscheint, dann unterstütze ich die Erforschung dieser Idee, auch wenn sie nichts mit unserem Kerngeschäft zu tun hat. Ich habe die Firma schließlich nicht gegründet, um Geld zu verdienen!

Trotzdem stehen Sie auf der Forbes-Liste der reichsten Amerikaner auf Platz 271, mit einem Vermögen von 1,8 Milliarden Dollar.
Alles Schätzungen! Die schätzen, wie viel mein Anteil an der Firma wert ist. Aber das ist doch nicht mein Geld! Ich verdiene hier keinen Cent mehr als mein Gehalt und auch dessen Höhe wird nicht vor mir selbst festgelegt.

Gut, aber Ihnen gehört fast das gesamte Unternehmen. Wenn Sie es verkaufen würden…
Das werde ich niemals tun, glauben Sie mir. Ich habe zwei Ziele. Erstens: Die Firma muss im Privatbesitz bleiben. Sobald Sie ein Unternehmen an die Börse bringen, geht es nur noch darum, den Aktienkurs hochzuhalten. Bei Bose soll es aber weiterhin um die Forschung, die Qualität der Produkte und die Mitarbeiter gehen. Zweitens: Ich will etwas für die Bildung tun und daher eine Stiftung gründen, die nach meinem Tod meine Anteile an der Firma erbt. Das ganze Vermögen der Firma, außer dem laufenden Budget, soll der Bildungsarbeit zugute kommen.

Gehen Sie mit 78 Jahren noch jeden Tag ins Büro?
Ich versuche, zwei Tage in der Woche für meine Forschungen freizuhalten. Die finden zu Hause statt, denn wenn ich hier im Büro bin, stehe ich auf Abruf für meine Mitarbeiter zur Verfügung. Aber das ist Theorie. Wenn ich einen Tag in der Woche forschen kann, bin ich schon zufrieden. Die Forschungsarbeit macht mir nämlich weiterhin viel Spaß. Wirklich sehr viel Spaß.


Amar Gopal Bose, 78, wuchs als Sohn eines indischen Freiheitskämpfers und einer Amerikanerin in Philadelphia auf. Von 1956 bis 2001 war er Professor am Massachusetts Institute of Technology. 1964 gründete er die Bose Corporation, die hochwertige Hi-Fi-Geräte herstellt. Die Firma beschäftigt 9000 Mitarbeiter und machte 2007 2,5 Milliarden Dollar Umsatz. Dr. Bose lebt nahe Boston und auf Hawaii.