Über die Wupper

Das Schauspiel Wuppertal muss radikal sparen. Seit einem Jahr versucht ein Mini-Ensemble, trotzdem Theater zu machen. Geht das?



Am Anfang ist die Angst, dass es funktionieren könnte.

Das Ensemble des Schauspiels Wuppertal diskutiert. Sechs Männer und drei Frauen, die meisten haben sich erst vor wenigen Wochen kennengelernt.

»Überlegt mal, wie gefährlich die Situation ist«, sagt Konstantin Shklyar, Jahrgang 1988, der Jüngste, »wenn wir es schaffen, könnte das ein fatales Signal für viele andere Stadttheater sein!«

»Ja«, sagt Helene Vogel, die Regisseurin, die mit Shklyar und seiner Kollegin Tinka Fürst am Max Reinhardt Seminar in Wien studiert hat, »das schlimmste Fazit wäre: So geht es auch!«

»Du meinst, wir schaufeln unser eigenes Grab?«, fragt Thomas Braus. Durch die Oberlichte fällt die Nachmittagssonne auf seinen kahlen Schädel. Braus ist der Einzige in der Runde, der nicht neu ist am Wuppertaler Theater, er kam vor 13 Jahren und hat den Abstieg miterlebt.

In einem Monat soll das Ensemble seine erste Premiere feiern, Die schöne Müllerin, ein Liederabend nach Franz Schubert. Die Intendantin Susanne Abbrederis hat Schauspieler gesucht, die singen können oder zumindest lernen wollen. Am Tisch sitzt eine Gruppe aus Anfängern und Veteranen, der Münchner Miko Greza ist mit 43 Bühnenjahren der Erfahrenste. Das Besetzungsschicksal hat sie in dieser Stadt vereint, in der kein Geld mehr ist für Träume. Kein Platz für Träumer. Oder gerade doch.

»Irre Stadt«, sagt Konstantin Shklyar.

Wuppertal, entstanden aus den Gemeinden Barmen und Elberfeld. Im 19. Jahrhundert das Wirtschaftszentrum des Deutschen Reiches. Textil. Chemie. Bayer. Oben am Hang die Villen, die Bonzen, unten die Massen. Das deutsche Manchester. Hier versteht der Industriellensohn Friedrich Engels die Welt. Man gründet eine Armenfürsorge. Man baut eine Schwebebahn über der Wupper. Das legendäre Thalia-Theater. Das Opernhaus.

Wuppertal nach 1945. Ein Stehaufstädtchen. Fußgängerunterführungsdeutschland. Aber auch: das neue Schauspielhaus. Heinrich Böll spricht zur Eröffnung von der Freiheit der Kunst. Pina Bausch gründet ihr Tanztheater.

Wuppertal seit der Ruhrgebietsdämmerung. Strukturwandel. Demografischer Wandel. 35 Prozent Einwohner mit Migrationshintergrund. Jedes dritte Kind in Armut. Zwei Milliarden Euro Schulden, jeder fünfte Einwohner ist selbst überschuldet, ein Teufelskreis. Nothaushalt. Politik mit dem Rotstift. Zuerst sind die »freiwilligen Ausgaben« dran. Sozialeinrichtungen. Schwimmbäder. Kultur.

Als man es hätte bezahlen können, hat die Stadt das Schauspielhaus nicht saniert – und als man es sanieren musste, konnte sie es nicht mehr bezahlen. Der Vorgänger von Susanne Abbrederis, Christian von Treskow, war zwei Monate im Amt, da wurde 2009 im Rathaus verkündet, der Saal des denkmalgeschützten Theaters sei aus Brandschutzgründen nicht mehr bespielbar – und die Schauspielsparte werde mittelfristig geschlossen.

Das bereits auf 15 Schauspieler geschrumpfte Ensemble machte fortan im provisorisch hergerichteten Foyer des Schauspielhauses ein trotziges und preisgekröntes Theater. Es gab Großdemonstrationen und internationale Solidaritätsbekundungen.

Das Aus der Schauspielsparte wurde zurückgenommen, aber das Schauspielhaus 2013 endgültig geschlossen. Dem aufmüpfigen Intendanten von Treskow wurde wie seinem Ensemble und dem damaligen Opernchef gekündigt. Der neue Opernintendant Toshiyuki Kamioka, Liebling des CDU-Oberbürgermeisters Peter Jung, hat im Sommer 2014 gemeinsam mit Susanne Abbrederis angefangen und gleich mal verkündet, ohne festes Ensemble, sondern nur noch mit freien Sängern zu arbeiten.

Die Mittel der Wuppertaler Bühnen, zu denen neben Schauspiel und Oper auch das Sinfonieorchester gehört, wurden um weitere zwei Millionen Euro auf 16 Millionen Euro gekürzt. Das Schauspiel erhält davon noch 2,8 Millionen Euro, wovon etwa eine Million Euro für den künstlerischen Bereich bleibt, für das Bühnenbild, Gastengagements, das Ensemble. Dass die neun festen Schauspieler überhaupt eine eigene Arbeitsstätte haben, ist der Bürgerinitiative »Freunde der Wuppertaler Bühnen« zu verdanken, die 1,5 Millionen Euro Spendengelder aufgetrieben hat. Mit dem Geld wurde eine Lagerhalle im Schatten des Opernhauses zum »Theater am Engelsgarten« umgebaut, für 152 Zuschauer, eingeklemmt zwischen dem Geburtshaus von Friedrich Engels und einem Lidl-Parkplatz.

»Das ist doch toll«, sagt Susanne Abbrederis, »die Bürger dieser Stadt haben gezeigt: Sie wollen ein Theater!«

Aber weil in Wuppertal nur so etwas wie das kleinstmögliche Stadttheater übriggeblieben ist, herrscht in der Ensemblerunde im August 2014 die Angst, dass in vergleichbar großen, vergleichbar klammen Kommunen genau beobachtet wird, ob so die Zukunft aussehen könnte.

»Morgen, liebe Leute, machen wir einfach weiter unsere Arbeit«, beendet Abbrederis das Grübeln. Die kleine Frau, die immer einen großen Schal trägt, weil sie immer erkältet zu sein scheint, gleitet in ihrem langen, wallenden Rock durch das Labyrinth im Bauch des Opernhauses, wo ihr Büro untergebracht ist, reibt die Finger und sagt: »Da ist schon richtig Feuer im Ensemble, fantastisch!« So begeistert redet Abbrederis auch von Wuppertal. Wenn sie mit der Schwebebahn von Elberfeld nach Barmen fährt und das abgeriegelte Schauspielhaus sieht, dann sieht sie keinen Sarkophag, sie sieht ein Denkmal, einen Ansporn. Abbrederis, 61 Jahre alt, kennt die Region, sie war früher am Theater in Essen. Zuletzt arbeitete sie neun Jahre als Dramaturgin am Volkstheater in Wien. Wuppertal ist ihre erste Intendanz, sie wird nicht selbst Regie führen, es gibt genug zu tun.

In ihrem Büro trifft Abbrederis auf Enno Schaarwächter, den Geschäftsführer der Wuppertaler Bühnen. Ein bergischer Gentleman, mit ganz Wuppertal per Du. Es gab in Schaarwächters Amtszeit seit 2001 mit jedem Jahr weniger Geld zu bewachen. Er hört Abbrederis zu, wie sie von der kommenden Spielzeit schwärmt, den nur sechs Stücken, Klassiker, Komödien, Aktuelles, die sie aufführen werden, sowie von den Soloabenden, mit denen sich die Schauspieler vorstellen sollen. Er schaut auf diese Frau, als staune er über ihren Optimismus. Schaarwächter sagt, er wolle als Geschäftsführer kein Fressfeind der Intendantin sein. Er sagt, die Stadt würde gerne mehr für das Theater ausgeben, wenn sie könnte. Es gebe jetzt zwei Ziele, sagt Schaarwächter, die neue Spielstätte müsse wenigstens zu 75 Prozent ausgelastet sein. Und der »generative Wechsel« müsse gelingen, die Migranten und die Jungen müssten erreicht werden. Unter Christian von Treskow kamen neue Besucher ins Theater, aber die Auslastung stimmte nicht. Manche Stammzuschauer waren erschreckt, der OB, erzählt man sich, beschwerte sich über Nackte auf der Bühne. Abbrederis erzählt schnell von ihrer Küche, die heute endlich geliefert wurde. Sie will vom Anfang reden, nicht vom Ende.

Als sie schwanger war, haben alle sie für verrückt erklärt, wer engagiert dich noch?

2. Akt

Tag der offenen Tür vor dem Theater am Engelsgarten, das aussieht wie eine große Garage mit roter Fassade und Glasanbau. Die Schauspieler stehen zum »Meet & Greet« neben einem Würstchengrill.

Die alte Dame, die sich an diesem Sonntag im September 2014 erbarmt, auf die Gruppe zuzugehen, hat nur eine Frage: »Wo ist Thomas Braus?« Den kennt sie. Aber der ist noch nicht da. Die Dame, die so aussieht wie alle älteren Damen hier, viel Beige, viel Goldschmuck, testet dann die Sitze im neuen Theater. Sehr bequem. Aber kein Vorhang vor der Drehbühne? Dafür war kein Platz. Die Schauspieler wundern sich über nichts mehr, sie haben sich eingerichtet in den winzigen Garderoben in ihrem »Schuhkarton«, wie sie die Bühne nennen.

Am Abend, kurz vor Beginn von Die schöne Müllerin, Susanne Abbrederis hat gerade an alle Beteiligten ihre Glückssteine verteilt, beschwert sich eine andere ältere Dame mit Dauer-karte in Reihe sieben, dass sie und ihr Mann früher in Reihe fünf gesessen hätten. Außerdem sei es viel zu warm hier drin.

Die Vorstellung ist ein Desaster.

Man merkt, dass Uwe Dreysel, Julia Reznik und Miko Greza sehr gut singen können und die anderen Schauspieler passabel, ansonsten sieht man ein Ensemble, das gefangen ist in einem unmotivierten Bühnenbild und gern spielen würde. Aber das ist ja ein Liederabend. Susanne Abbrederis hat sich für die Geschichte vom Müller entschieden, der auf Wanderschaft geht, weil sie sich doch auch auf Wanderschaft gemacht hatten nach Wuppertal. Aber was hängenbleibt, ist, dass der Müller sich am Ende im Bach ertränkt. »Wie das Schauspiel in der Wupper«, sagt die Dauerkartendame.

Nach der Aufführung entkorkt Susanne Abbrederis eine Flasche Sekt. »Uuuund?«, fragt sie Gäste und Freunde des Ensembles, und die Antwort ist ein ratloses »Ja …!« Später, in der Kneipe, sagen manche Schauspieler, wenn Abbrederis nicht in der Nähe ist, dass sie früh gezweifelt hätten an dieser Inszenierung des Niederländers Jos van Kan. Sie trinken schnell.

Philippine Pachl sitzt zwei Tage später in der Kantine des Opernhauses, in Joggingklamotten, den Sohn hat sie gerade in die Kita gebracht. Pachl wird beim nächsten Stück, Minna von Barnhelm, nicht mitwirken, weil sie als Einzige aus dem Ensemble mit Gastschauspielern den Gestiefelten Kater spielt, das Kinderstück. Pachl ist auch die Einzige aus dem Ensemble, die nur einen Ein-Jahres-Vertrag bekommen hat, keinen für zwei Jahre. Sie will bald mit Susanne Abbrederis reden. Nächstes Jahr kommt der Sohn in die Schule, sie muss wissen, ob sie bleibt in dieser Stadt, in der die anderen Eltern so abweisend scheinen. Als sie schwanger war, haben alle sie für verrückt erklärt, wer engagiert dich noch? Sie sind hier nur drei Frauen und keine ist über 31, ältere Frauen werden von jungen Frauen gespielt. Pachl war zuvor am Theater in Coburg, ein schönes Haus, immer voll, beim Bäcker lobte man sie. Aber sie wollte weiter. Am liebsten wieder ins Fernsehen, aber sie brauchte Sicherheit in Zeiten, in denen für Bühnenschauspieler ohne großen Namen ein festes Engagement für 1600 brutto im Monat schon gut ist. Pachls Freund ist auch Schauspieler. Er hat was in Marburg. Philippine Pachl macht sich gerade weniger Gedanken um die Zukunft des deutschen Stadttheaters als um ihre eigene.

Konstantin Shklyar wird im Frühjahr im Stück Supergute Tage den Autisten Christopher spielen, die Hauptrolle. Shklyar, dessen Freundin und kleine Tochter in Berlin geblieben sind, wird sich dort auf die Aufgabe vorbereiten und wie Pachl nicht in der Minna von Barnhelm mitwirken. Shklyar hatte lange gezögert, ob er Abbrederis’ Angebot annehmen sollte. Er und seine Freundin hatten überlegt auszusteigen, vielleicht aufs Land nach Russland. Shklyar stammt aus Russland. »Ich hatte eigentlich keinen Bock auf die geordneten Strukturen im Stadttheater«, sagt er. Aber was ist in Wuppertal schon noch geordnet? »Ich hatte das Gefühl, dass ich hier etwas lernen kann«, sagt Shklyar, »und dass wir hier etwas bewegen können. Hier muss Theater sich doch einmischen!«

Am nächsten Tag erscheint in der FAZ eine Kritik zur Premiere von Die schöne Müllerin: »Wo es darauf ankäme, dass das Schauspiel seine Unverzichtbarkeit beweist, führt es sich auf, als wollte es der Stadtspitze, die es, fast genau fünf Jahre ist es her, mit dem ›Kann wegfallen‹-Vermerk versah, bestätigen, dass es mehr als diese Nischenexistenz nicht verdient.«

3. Akt

Das schmucklose »Café Ankerpunkt« neben dem Theater am Engelsgarten, ein dunkler Novembernachmittag. Eine einzige Person sitzt unter grellem Licht an einem der Tische: die Regisseurin Helene Vogel.

»Ich kann gerade gar nichts zu meiner Inszenierung sagen«, sagt Helene Vogel. Morgen ist die Premiere ihrer Minna von Barnhelm, dazu der Alltagswahnsinn: Es fehlen ja nicht nur Schauspieler, es gibt auch zu wenige Techniker, Requisiteure, Maskenbildner, manchmal müssen sich die Schauspieler selbst schminken. »Es ist ein tolles Team«, sagt Helene Vogel, und ihre Augen flackern, »aber es klappt nur, wenn man bereit ist, sich übers Maß zu engagieren.«

Vor der Premiere nehmen die Schauspieler ihre junge Regisseurin in den Arm. Alle mögen Helene Vogel. Umso ratloser sind sie nach der Vorstellung, warum der Funke wieder nicht übergesprungen ist. »Was ist mit dem Publikum los?«, fragt einer. »Wir dürfen nicht über das Publikum schimpfen«, sagt ein anderer bei der Premierenfeier im »Café Blue Moon«, in dem alles nach Knoblauch schmeckt, sogar das Bier, »ich meine, war das wirklich gut heute?« Die meisten Kritiker sind sich einig, dass Tinka Fürst eine gute Minna war, dass die Inszenierung aber nichts Neues zu erzählen hatte.

Um Mitternacht wird auf den Schauspieler Daniel F. Kamen angestoßen, der Geburtstag hat. Kamen wird Wuppertal nach der Spielzeit wieder verlassen. Es ein Schock für das Ensemble, und dazu all diese Kritiken. Immerhin wurde Philippine Pachls Vertrag verlängert.

Susanne Abbrederis ist in diesen Tagen noch erkälteter als sonst. »Es ist ungerecht, wie wir bewertet werden«, sagt sie, »wir können nicht mit den großen Bühnen mithalten, wir machen ein neues, kleines Theater.« Sie sagt: »Sie müssen sich das vorstellen, auch in der künstlerischen Leitung sind wir nur zu viert, Hausregie, Dramaturgin, Öffentlichkeitsarbeit und ich«

Es sind nervöse Wintertage in Wuppertal. Opernintendant Kamioka hat verkündet, 2016 wieder aufzuhören. OB Jung steht in der Kritik. Hinter der Hand wird viel geschimpft, geknöttert heißt das hier, auch über Abbrederis. Beobachter erzählen, sie habe den Posten nur bekommen, weil sie den Berater, der der ahnungslosen Findungskommission geholfen hatte, von früher kenne. Sie sei politisch wie Tupperware, das gefalle der Stadt.

Aus ihrem Haus hört man, Abbrederis rede mit dem Ensemble wenig über Stücke und Rollen, weil sie damit beschäftigt sei, mit dem christsozialdemokratischen Wuppertaler Klüngel und der Verwaltung fertigzuwerden.

4. Akt

Wuppertaler Zoo. Eine überdachte Tribüne, davor eine Wiese. Publikum, frierend, auf der Tribüne. Schauspieler, schreiend, auf der Wiese.

Als es dunkel wird und die Flamingos krähen und der Fabrikbesitzer das Lieschen in einem Golfcart über die Wiese fährt und die Luft über den Zuschauern dampft vor Staunen und Lachen, da ahnt Helene Vogel, dass die durchgearbeiteten Nächte sich gelohnt haben, ohne die sie diese Vorpremiere von Die Wupper Ende März 2015 nicht hätte organisieren können. Das Stück von Wuppertals bekanntester Tochter Else Lasker-Schüler wird an vier Orten aufgeführt: im Theater am Engelsgarten, in einer alten Tuchfabrik, hier im Zoo, zum Schluss in einem Gemeindehaus. Die hundert Zuschauer pro Abend werden in zwei Bussen transportiert, während der Fahrt hören sie Vorträge zur Stadt- und Stückgeschichte. Die Schauspieler fahren in einem kleineren Bus vor und schleppen die Kostüme selbst. Und obwohl das mehr Event als Theater ist, funktioniert das Zusammenspiel des Ensembles so gut wie nie. Sie haben das Theater am Engelsgarten verlassen und plötzlich scheint es, als wären sie angekommen.

Die Proben waren hart. Nicht alle kamen mit der harschen Art des Regisseurs Stephan Müller klar. Es war kalt. Viele wurden krank. »Wir sind durch diese anstrengende Zeit wieder sehr eng zusammengerückt. Ich glaube, davor waren wir uns zum ersten Mal richtig auf die Nerven gegangen«, sagt Julia Reznik, das Lieschen.

Stefan Walz, der Fabrikbesitzer, der das Lieschen im Zoo verführt, sagt: »Man hätte denken können, dass wir als Mini-Ensemble besonders eng sind, aber es ist umgekehrt: Wir brauchen mehr Abstand voneinander, als es in großen Ensembles üblich ist, weil wir uns jeden Tag und in jedem Stück sehen.«

Vor dieser Preview gab es Streit. Miko Greza wollte nicht, dass sie sich verbeugen, das darf man laut Theatergesetz erst nach der Premiere. Die anderen überstimmten ihn. Greza fehlt auf der anschließenden Feier in der Opernhaus-Kantine. Vielleicht sitzt er vor seinem geliebten »Café du Congo« und raucht gegen das Heimweh nach Bayern an. Er sagt: »Die Jungen können nicht wissen, wie Theater mal war.« Er hat Die Wupper vor vierzig Jahren schon gespielt, an den Kammerspielen in München.

»Auf Dauer ist das nicht gesund.«

5. Akt

Wuppertal im Frühling. Alle.

Ende April 2015, verkehrte Welt in Wuppertal: Das Schauspiel wird auf einmal gelobt. Supergute Tage und Die Wupper kommen zumindest in der Lokalpresse an.

Fast alle Vorstellungen sind ausgebucht. In dieser verkehrten Wuppertaler Welt ist es auf einmal Susanne Abbrederis, die am meisten von der »Auslastung« ihres Theaters spricht, fast neunzig Prozent sind es aktuell. Neunzig Prozent von nur noch 152 Plätzen am Abend, 16 000 Zuschauer in der Spielzeit, das sind nicht mehr als unter Christian von Treskow, der gelegentlich im Opernhaus spielen ließ. Abbrederis will das in der kommenden Spielzeit auch wagen.

Philippine Pachls Freund wird dann die frei werdende Stelle von Daniel Kamen besetzen. Er zieht bald zu seiner Familie nach Wuppertal.

Konstantin Shklyar träumt noch immer von einem Stadttheater, das nicht an Auslastungszahlen denken muss – und gerade deshalb gut besucht wird. Shklyar sagt: »Hier ist der Theater-Gau passiert, aber man macht so weiter wie immer. Dass wir uns hier schwertun, liegt nicht am wenigen Geld, sondern an den Stadttheaterstrukturen. Mit unserem Geld hätten freie Gruppen immer noch zwanzig Premieren gefeiert.«

In dieser verkehrten Welt redet Geschäftsführer Enno Schaarwächter, der sich vor den nächsten Tariferhöhungen fürchtet, die von den Bühnen nicht ohne Hilfe getragen werden könnten, lieber nicht mehr von Zahlen, sondern davon, dass er sich für die nächste Spielzeit mehr Wagemut wünscht. In dieser verkehrten Welt ist die Stimmung im Ensemble schlechter als die um das Ensemble herum. Keiner der Schauspieler ist mit dem, was er spielt, wirklich zufrieden, keiner weiß, ob er im Herbst seinen Vertrag verlängern will. Die Schauspieler sind schwer beschäftigt, aber nicht befriedigt. Thomas Braus und Uwe Dreysel werden für ein eigenes Comedy-Programm gefeiert, das sie nebenher stemmen und das Abbrederis verbieten wollte.

Die Wuppertaler Bühnen sind nur eines von 140 deutschen Theater- und Opernhäusern, die von öffentlicher Hand getragen werden. Der Bund der Steuerzahler errechnete, dass an den 22 größten Stadttheatern in Nordrhein-Westfalen jede Besucherkarte im Schnitt mit 113 Euro bezuschusst wird. Die Frage, die auch in anderen Kommunen gestellt wird: Handelt es sich dabei um großzügige Subventionen oder um notwendige Investitionen in eine lebenswerte Stadt? Wuppertal gewährt seinen Bühnen gerade mal ein Prozent des Stadtetats. Das Schauspiel Wuppertal ist deshalb längst in die Regionalliga abgestiegen, aber man erwartet trotzdem noch Champions-League-Qualität von ihm. Aber dieses erste Jahr auf Sparflamme hat gezeigt, dass man mit einem geschrumpften Theater, das auf Nummer sicher gehen muss, auch nur das geschrumpfte Bürgertum erreichen kann.

Diese verkehrte Welt ist eine Stadt, die noch stolz, aber nicht mehr reich genug ist für ein ambitioniertes Dreispartenhaus. Susanne Abbrederis sagt: »Ich kann hier nur stabilisieren und hoffentlich darauf aufbauen.«

Helene Vogel sagt: »Auf Dauer ist das nicht gesund.«

Stefan Walz sagt: »Ich will nicht die verschwenderischen Neunziger zurück, wo man im Theater gemacht hat, was man wollte, und nicht, was die Leute wollten – aber es muss doch etwas dazwischen geben!«

Miko Greza sagt: »Ich stelle mir schon manchmal die Gewissensfrage: Lieber kein Stadttheater als eines, das man so stiefmütterlich behandelt?«

Enno Schaarwächter sagt: »Weniger Budget geht nicht, es muss einen qualitativen Unterschied geben zwischen einem Stadttheater und den Off-Theatern.«

Julia Reznik sagt: »Hier am Theater sind viele Begrenzungen zu spüren.«

Sie erzählt, dass es während der Wupper-Aufführungen, als zwei Gastschauspielerinnen dazukamen, unmöglich war, sich in der Frauengarderobe umzuziehen. Da habe sie verstanden, dass hier vielleicht gar kein Wachstum mehr vorgesehen ist.

Was einmal weg ist, kommt nicht wieder. Das kleine, neue Haus ist immer voll. Jetzt kann die Stadt sagen: Was habt ihr denn, läuft doch!

Am Ende bleibt die Angst, dass es so wirklich funktioniert.

Fotos: Theo Barth

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