Bretter, die die Welt bedeuten

Kaum ein Satz wird öfter über das Theater gesagt. Und man kann ihn durch­aus wörtlich nehmen. Zwölf Bühnenprofis erzählen von der besonderen Rolle des Bodens.

Foto: Janek Stroisch

Kammerspiele, München

»Ein alter, viel benutzter Bühnenboden. Seit der Generalsanierung vor 15 Jahren sind die Bühnenbilder und Dekorationen schwerer geworden. Da auch die sogenannten Züge erneuert wurden, haben sich die Gewichte erhöht, die man an ein Bühnenbild hängen kann. Dadurch wird die Bühne noch stärker abgenutzt.«
Richard Illmer, Technischer Leiter

»Als ich 1986 hier als Bühnentechniker anfing, war der Boden noch nicht schwarz, sondern holzfarben. Wir haben vor jeder Probe und jeder Vorstellung grüne, ölgetränkte Späne, die nach Menthol rochen, über die gesamte Bühne gestreut, sie anschließend zusammengekehrt und weggeräumt. Der Boden war gepflegt, zurück blieb dieser Mentholgeruch, den wir alle total mochten. Das war unser Ritual. Ich glaube, dass das auf keinem Bühnen­boden der Erde mehr gemacht wird – auch wenn er nicht schwarz ist.«
Frank Beyer, Bühnentechniker

Deutsches Theater, Berlin

Fotos: Lêmrich

»Unser Boden ist fünf Jahre alt. Die Bretter sind aus Pitchpine, einem harten Kiefernholz. Es ist weich und doch stabil: Zum einen schließen sich die Löcher wieder wie von Zauberhand, wenn Schrauben rein- und wieder rausgedreht wurden, zum anderen hält der Boden 500 Kilo pro Quadratmeter aus. Wir schleifen ihn alle zwei Jahre ab. Für weiße Markierungen verwenden wir wasserfeste Eddingstifte, damit sie nach dem Reinigen der Bühne noch zu sehen sind. Sie sind Hinweise an die Bühnenarbeiter, wo welcher Gegenstand bei einer Inszenierung abgestellt wird. Rot-weiße Klebebänder sind Warnungen vor Stolperstellen, etwa Scheinwerfern am Boden. ›VK 3‹ heißt: Unter der Bühne ist einer von sechs Stromkästen mit Steckdosen für Scheinwerfer.«
Olaf Grambow, Technischer Direktor

»Der Bühnenmeister muss vor jeder Probe oder Vorstellung die Bühne freigeben, das heißt, dann ist sie für alle sicher: Techniker, Bühnenarbeiter und Schauspieler. Obwohl Boden und Ritzen gründlich mit einem Magnetbesen gereinigt wurden, der Schrauben und Nägel entfernt, hat sich die Schauspielerin Linda Pöppel voriges Jahr während der Vor­stellung von Ibsens Gespenster einen Splitter in die Ferse getreten, der ganz knapp an der Sehne vorbeiging. Das hat mich sehr geärgert, den Splitter hätten wir beim Fegen und Wischen sehen sollen.«
Jörg Luxath, Leiter Bühnentechnik

Jedermann-Bühne, Domplatz, Salzburg

Foto: Janek Stroisch

»Was wie Steinfliesen aussieht, sind Holzleisten, auf die Strukturpaste aufgetragen wurde. In die noch feuchte Paste wurden Schnüre gelegt und nach dem Trocknen rausgenommen, so entstand das Raster. Die Unregelmäßigkeiten auf dem Boden sind Zeitspuren. Obwohl die aktuelle Inszenierung mit diesem Bühnenboden erst im zweiten Sommer gespielt wird, strapaziert ihn die Witterung: Wann immer das Wetter es zulässt, wird der Jedermann im Freien gespielt, die Bühne bleibt während der Festspiele aufgebaut.«
Margit Ann Berger, Stellvertretende Leitung Ausstattung, Salzburger Festspiele

»In diesem Sommer wurden oft sechzig Grad auf dem Boden gemessen, darum hat man weiße Tücher ausgelegt und kalt abgeduscht, damit die Bühne runterkühlt. Ich spiele trotz der Hitze lieber auf dem Domplatz als im Festspielhaus. Im Haus bewegt sich die Bühne nämlich sehr langsam, als Teufel aber bin ich auf die Hydraulik des Bühnenbodens angewiesen: Ich warte, bis sich die Unterbühne hebt, damit ich aus der Hölle kriechen kann, ziehe mich an den Brettern hoch und halte, teilweise mit einer Hand an den Brettern hängend, vor 2000 Menschen meinen Monolog.«
Hanno Koffler, Teufel und guter Gesell im »Jedermann«

Residenztheater, München

Foto: Janek Stroisch

»Beginnt die Schicht um sechs Uhr morgens, müssen meine Kollegin und ich die Bühne kehren, saugen, wischen und alles wegräumen, was von der Abendvorstellung liegen geblieben ist. Ab sieben bauen die Bühnentechniker für die Probe auf. Bei Don Juan sind Ziegen auf der Bühne, die verrichten dort auch ihr Geschäft. Das müssen wir nicht wegräumen, das macht die Frau, der die Ziegen gehören. Aber Sie können sich vorstellen, wie das in der Früh stinkt. Ich mag den Job, Büros zu putzen ist sicher viel langweiliger.«
Adriana Elia, Bühnenreinigung

»Für Bühnenbildner ist wichtig, wie hoch eine Person sitzen muss, damit sie über den Vordermann schauen und die gesamte Bühne sehen kann. Das Residenztheater hat eigentlich einen guten Zuschnitt, aber der Bühnenboden ist im Verhältnis zum Zuschauerraum zu niedrig. Gerade die ersten Reihen sehen die Schauspieler erst ab dem Knie aufwärts. Wenn man das vermeiden will, muss man den Bühnenboden mit Podesten um zwanzig Zentimeter erhöhen. Aber ab dreißig Zentimetern bekommt die erste Reihe Genickstarre.«
Stefan Hageneier, Bühnenbildner

Thalia Theater, Hamburg

Foto: Armin Smailovic

»Der Bühnenmeister markiert vor den Proben mit Klebeband zum Beispiel, wo Wände stehen werden. Reißt man das Band später schnell ab, hinterlässt das manchmal helle Spuren auf dem Boden. Unser Boden wurde 2014 erneuert, doch am alten hänge ich viel mehr: Er war aus Pitchpine und ­Oregonholz, den klassischen Holzarten für Bühnenböden. Heute haben wir, wie fast alle Theater, eng verleimtes Schichtholz mit einem Belag aus Vollholz darüber. Das ist natürlich ökologisch sinnvoller.«
Annette Kurz, Ausstattungsleiterin Bühnenbild

»Als unser Boden vor vier Jahren ausgetauscht wurde, habe ich gedacht: Das sind so hochwertige Holzbretter, da kann man noch was draus machen. In der Tischlerei haben wir daraus eine Serie von zwanzig ­­­­­­Hockern und vierzig Schlüsselbrettern hergestellt. Gebrauchsspuren des alten Bodens haben wir bewusst erhalten. Die Bretter bedruckte unser Malsaal mit der Silhouette des Thalia Theaters. Alles wurde exklusiv im Kreis der Theater-Förderer versteigert und uns regelrecht aus den Händen gerissen. So sind diese Bretter, die eigentlich Müll waren, noch einmal zu Ehren gekommen.«
Peter Bruns, Leiter der Tischlerei

Deutsches Schauspielhaus, Hamburg

Foto: Armin Smailovic

»Auf unserem Bühnenboden sind Markierungen für alle Stücke. Sie bleiben da jeweils so lange, wie das Stück gespielt wird. Jedes Stück bekommt ein andersfarbiges Klebeband. Es gibt auch leuchtendes Klebeband, wenn Umbauten im Dunkeln notwendig sind. Die Plättchen mit den Zahlen aus Messing sind fix in den Boden geschraubt, es gibt etwa 140 Stück. Sie dienen der Orientierung: So kann man die Position etwa eines Vorhangs bestimmen, der von oben, vom Schnürboden, auf die Bühne gleiten soll.«
Paul Strugalla, Bühneninspektor

»Ich arbeite seit 33 Jahren am Schauspielhaus. Das ist der zweite Bühnenboden, den ich miterlebe. Er wurde 1993 verlegt. Der erste knarzte vor, aber auch hinter der Bühne: Bei Stücken, in denen leise gesprochen wurde und Stille wichtig war, mussten die Techniker hinter der Bühne natürlich auch ruhig sein. Aber der alte Boden knarzte ja bei jedem Schritt. Wir mussten den Leuten der technischen Abteilung dann zeigen, wie man leise geht. Mit dem neuen Boden gibt es das Problem nicht mehr.«
Olaf Rausch, Chefinspizient