Auf in den Baumarkt

Die beliebtesten deutschen Schauspieler versammeln sich für einen gemeinsamen Film – und sehen dabei so aus, als wollten sie eine neue Stichsäge ausprobieren. Warum ist Glanz und Glamour im deutschen Showbusiness bloß so verpönt?

Deutschlands größte Filmstars im Baumarkt-Look: Jan Josef Liefers, Michael »Bully« Herbig, Matthias Schweighöfer und Til Schweiger (von links). In der Mitte steht der Regisseur Wolfgang Petersen.

Wolfgang Petersen dreht nach dreißig Jahren wieder in Deutschland – und hat dabei nicht nur geografisch den Glamour Hollywoods hinter sich gelassen. Anfang des Monats stellte der Erfolgsregisseur in Berlin sein neues Filmprojekt vor, eine Wiederauflage seines eigenen Fernsehkrimis Vier gegen die Bank von 1976. In den Hauptrollen: Jan-Josef Liefers, »Bully« Herbig, Matthias Schweighöfer und Til Schweiger. Vier der derzeit beliebtesten Schauspieler Deutschlands - und augenscheinlich auch der modefaulsten.

Wäre da nicht die werbebekleisterte Rückwand, man könnte meinen, hier hätte sich eine Gruppe Männerkumpels zum Erinnerungsbild nach ihrer letzten Brauerei-Besichtigung zusammengefunden. Tatsächlich entstand das Foto bei der Pressekonferenz zum Film im Berliner Luxushotel Ritz Carlton. Während in Hollywood jeder namhafte Schauspieler vor einem solchen Termin mindestens einen Stylisten konsultiert, war dieser Berufsstand in Berlin offensichtlich ausgeschlossen. Es schien nur eine Absprache zum Thema Dresscode zu geben: Jeans.

Jan-Josef Liefers mag es dabei »modisch« (Biker-Abnäher), eine Art Hells Angel, Sektion Berlin-Steglitz.

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Til Schweiger »lässig« und ausgelatscht (Boot-Cut), der Bewegte Mann in seiner 2015er Variante.

Herbig und Petersen »klassisch«, hier sind nicht die Jeans das Problem, sondern die onkeligen Longsleaves.

Eine Entschuldigung gilt an dieser Stelle Matthias Schweighöfer, aber zwischen all dem Nicht-Stil seiner Co-Stars geht die Bemühung um sein schwarzes Ton-in-Ton-Outfit leider unter.

Warum präsentieren sich die größten Filmstars der Bundesrepublik auf dem roten Teppich so, als gehörten sie dort gar nicht hin? Vor kurzem hat sich Henriette Confurius ihren Bambi als beste »Schauspielerin National« in Jeans und Schlabberpulli abgeholt. Irgendwann wird in Deutschland das goldene Mauerblümchen verliehen – und sie werden alle da sein.

Die Jeans, ursprünglich eine reine Arbeiterhose, steht dafür sinnbildlich. Das genietete Beinkleid: die Uniform des hart arbeitenden, im Vergleich tatsächlich ja schlecht bezahlten Kulturschaffenden in Deutschland. Wir haben keine Traumfabrik, sondern karges Ackerland.

Und genauso wie man die Herren an den schönen Satz von Oscar Wilde erinnern möchte »You can never be overdressed or overeducated«, genauso fragt man sich beim Blick auf dieses Bild, wann man zuletzt einen deutschen Schauspieler im perfekt sitzenden Tom-Ford-Anzug à la Daniel Craig gesehen hat. Oder man wünscht sich mal wieder einen schottenberockten Gottschalk mit seiner Walle-Walle-Thea, oder den herrlich-ordinären Transparent-Vorhang einer Jennifer Lopez oder, wenn wir schon dabei sind: das Kleid aus rohem Fleisch von Lady Gaga.

Ach, vor allem von ihr könnte sich das deutsche Roter-Teppich-Personal, tschuldigung, eine Scheibe abschneiden.

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Foto: Gettyimages / Franziska Krug

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