Ein Kostüm als Bekenntnis

Was Politiker mit ihrer Kleidung ausdrücken möchten, ist oft schwer zu deuten – nur die Farbwahl bietet Interpretationsspielraum. Niemand weiß den so geschickt zu nutzen wie Nicola Sturgeon, die schottische Regierungschefin.

So sieht Stoff für eine Trivial-Pursuit-Frage aus: »Welche Farben trug die schottische Regierungschefin Nicola Sturgeon bei ihrem ersten Besuch in Brüssel nach dem Brexit, um für den Verbleib Schottlands in der EU zu werben?« Die Antwort ist so einfach, dass sie natürlich in die Family-Version und nicht in die Genius-Edition gehört: »Blau und Weiß!« Die schottischen Nationalfarben also. Im Grunde hätte Sturgeon sich auch gleich in eine Schotten-Fahne mit Andreaskreuz wickeln können, um das Unabhängigkeitsbestreben ihres Landes symbolisch aufzuladen.

Offensives Farb-Motto-Dressing ist in der Politik immer noch das beliebteste Stilmittel. Nicht zufällig tragen Politikerinnen ja so gern Rot, auch wenn sie im Inneren tiefschwarz sind, weil ihnen irgendein Referent ständig einredet, das unterstreiche den Anspruch auf Macht, sehe kämpferisch aus, wirke aber trotzdem noch weiblich, womöglich sogar: ein bisschen sexy. Überflüssig zu erwähnen, was die resolute Sturgeon sonst vorzugsweise trägt. Auch Angela Merkel dürfte so an die hundert Burgundy-/Feuerrot-/Fuchsia-Varianten im Schrank haben, die vergangenes Jahr vor allem während der Grexit-Krise in die »Heavy Rotation« kamen. Was Merkel kürzlich in Brüssel anhatte? Einen Blazer in tiefstem EU-Blau. Ehrensache.

Irgendwie rührend diese Farbenlehre für Anfänger, die modisch gesehen natürlich hoffnungslos antiquiert ist. Dunkle Farben für die dunkle Jahreszeit, Pastelliges bitte nur im Sommer oder bei Unschuldsbekundungen vor Gericht, Blumendrucke nicht bei unter acht Sonnenstunden pro Tag – alles längst passé. Spätestens seit Raf Simons Kollektion für Jil Sander 2012 sind hellrosa Wintermäntel so verbreitet wie Dolce & Gabbanas »Winterflorals«, bunte Blumen auf schwarzem Grund. Nicht mal Metallic ist mehr für Weihnachten und den Abend reserviert, sondern darf ganz offiziell vor Sonnenuntergang getragen werden.

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Warum so viele Politikerinnen trotzdem an der traditionellen Palette festhalten? In der britischen Vogue beschwerte sich Nicola Sturgeon vergangenen Oktober, dass ihre Klamotten und ihre Haare sehr viel mehr Thema seien als die der Männer. Wahrscheinlich glauben viele Frauen, ihre Garderobe würde noch mehr diskutiert werden, wenn sie sich tatsächlich mal etwas Unerwartetes trauten. Immerhin das mit den Haaren hat Boris Johnson schon halbwegs widerlegt. Wenn demnächst noch Donald Trump amerikanischer Präsident wird, können sämtliche weiblichen Politikerinnen in seinem Windschatten wahrscheinlich machen was sie wollen.

In der Vogue sah die Schottin jedenfalls schon mal fantastisch aus. Statt ewigem Kostüm oder Shiftdress hatten sie ihr einen kurzärmeligen, engen Kaschmirpullover zum schwarzen Bleistiftrock mit Blumendruck (im Oktober!) angezogen. Weniger formell, aber alles andere als formlos. Auch Angela Merkel sollte unbedingt mehr ihren Sommer-Pantonefächer aus eiscremefarbenen Jacketts zu weißer Hose tragen. Da wirkt dann gleich der ganze Auftritt beschwingter und zuversichtlicher als bei der Winter-/Krisengipfelgarderobe – kann ja als Signal in diesen Zeiten vielleicht auch nicht schaden.

Wird getragen von: Politikerinnen und Leserinnen des Sachbuchs »Die Macht der Farben«
Das schreibt die Bunte: Nicola Sturgeon: Heimlich auch bei Udo Walz?
Das schreibt die Vogue: Rot-weiß-blau: Diesen Herbst total out
Typischer Instagram-Kommentar: Ob die Merkel zur nächsten IAA ein Kostüm in Petrol trägt?

Foto: Reuters

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