Zurück aus dem Altersheim

Gerade noch vor allem bei Senioren zu sehen, macht die Brillenkette jetzt auf den Laufstegen Furore. Wie konnte das passieren? Und welches Accessoire knöpft sich die Modeindustrie als nächstes vor?

Spätestens jetzt kann man wahrscheinlich sagen: Nichts ist mehr sicher vor der Mode. Jeder noch so verschüttet geglaubte Trend wird irgendwann wieder ausgegraben (bauchfrei, Radlerhosen, Kropfband), selbst die abwegigsten Dinge werden modisch neu erschlossen (Verkehrs-Warnwesten, karierte Plastiktaschen, Frotteeschlappen). Jetzt also auch: das Brillenkettchen.

Bis vor Kurzem galt es als Zubehör, das lediglich Großmütter und Sekretärinnen vom alten Schlag benutzten. Andere Brillenträger, selbst die mit einem ausgeprägten Hang zur Schusseligkeit, hätten sich nie mit so einem Ding an den Bügeln in der Öffentlichkeit erwischen lassen. Doch dann taucht es plötzlich bei Gucci und Balenciaga auf dem Laufsteg auf, und schon wird der Oma-Look als »Statement-Accessoire« gefeiert. Mittlerweile teilen junge Mädchen begeistert Bastelanleitungen für DYI-Brillenkettchen mit Quasten und Schmuckperlen im Netz.

Sicher, wir haben schon sinnlosere Modeerscheinungen gesehen, praktisch sind Brillenketten allemal. Die Gläser verkratzen nicht wie sonst beim ewigen Irgendwo-Dran-Hängen, und das allsommerliche Risiko, die fünfte Sonnenbrille irgendwo zu verlieren, geht mit der Schlinge um den Hals wahrscheinlich gen null. Schon David Hasselhoff trug als Rettungsschwimmer in Baywatch immer Brille mit Bändchen, aber natürlich ehen diese sportlichen schwarzen Gummischläuche, die über die Bügel einer Oakley gestülpt werden, während bei Gucci filigrane Silberkettchen und bei Balenciaga die Panzerketten-Ghetto-Variante zu sehen war. Ins Haar geschobene Brillen waren übrigens zuletzt in den Neunzigern cool – und werden deshalb bestimmt bald zusammen mit über die Schulter geworfenem Popper-Pullovern reaktiviert.

Aber warum feiert das Brillenkettchen ausgerechnet jetzt seinen Durchbruch? Und landet vom Seniorenbedarf gleich in der High Fashion?

Zum einen kann man sagen: Weil die meisten anderen Schmuckstücke gerade erst abgegrast wurden, eine Saison ohne neuen Accessoire-Trend aber nicht mehr vorgesehen ist. Nach Ohrringen, Haarspangen und Kropfbändern muss also irgendein neues hübsches Juwel her, und da Sehbrillen gerade sowieso wieder Thema sind – warum nicht hier ansetzen? Kette ist schließlich Kette. Egal, wie sie um den Hals liegt.

Vor allem jedoch liebt die Mode gerade nichts so sehr, wie Dinge umzudrehen und in einen anderen Kontext zu setzen. So eine Brillenprothese hat am Hipster-Gestell eigentlich überhaupt nichts zu suchen. Aber wenn es nur von den richtigen Labels kommt, oder an den richtigen Leuten auftaucht, wirkt alles, was vorher hoffnungslos spießig, peinlich oder sonstwas war, plötzlich doppelt abgefahren. Erst recht, wenn die Kette wie bei Balenciaga nicht dezent hinterm Ohr, sondern vor der Brust getragen wird. Eigentlich nur eine Frage der Zeit, bis jemand Omas Hackenporsche umkrempelt und zur neuen It-Bag macht.

Wird getragen von: Großmüttern, Hipstern, Rettungsschwimmern
Häufigster Satz: Wo habe ich nur meine Brille hingelegt?
Passender Songtitel: Diana Ross: »Chain Reaction«
Typischer Instagram-Kommentar: Was hat deine Brille denn verbrochen, dass sie angekettet wurde?

Foto: Getty Images/Catwalking