»Ich sah aus, als hätte eine Katze auf meinem Kopf Junge bekommen«

Der Moderator Markus Kavka hat die sieben entscheidenden Songs seines Lebens rausgesucht. Einer davon verleitete ihn zum größten Frisurenunfall seines Lebens, ein anderer zum Tragen eines skelettierten Katzenkopfes.

    Marcus Höhn

    Einleitend möchte ich feststellen, dass die Aufgabe, die sieben wichtigsten Songs meines Lebens auszuwählen, eine der kniffligsten in meinem Leben war. Ich habe erst mal die 11 000 Songs auf meinem Rechner durchgekämmt, von denen blieben gut 1000 in der engeren Auswahl. Die drastisch eingekürzte Shortlist enthielt dann immer noch 200 Lieder aus fast fünf Jahrzehnten. Das Streichen zog sich wochenlang hin, Songs fielen raus, kamen wieder rein, fielen wieder raus, ganz neue kamen dazu und verschwanden wieder, am Ende sind es nun diese sieben Songs, und zu denen schreibe ich jetzt ganz schnell was, bevor ich noch mal alles ändere.

    #1 »Fade To Grey« von Visage
    Los geht es mit »Fade To Grey« von Visage. Das war die erste Platte, die ich mir mit 13 von meinem Taschengeld gekauft beziehungsweise kaufen lassen habe. Und zwar von meiner Oma, die jeden Samstag zum Einkaufen in die Stadt fuhr. Ich habe ihr die 6 D-Mark dafür gegeben und ihr genau aufgeschrieben, was ich möchte. Sie fragte noch: »Was soll das denn sein, dieses Singli?«, brachte dann aber wacker das Gewünschte mit. »Fade To Grey« war damals eine Offenbarung für mich. Davor hörte ich den üblichen Charts-Kram, der im Radio lief, also so Sachen wie Abba, Smokie, Queen oder Supertramp. Bei Visage hatte ich das erste Mal das Gefühl, dass die Musik nur für mich und niemanden sonst auf der Welt gemacht ist, so sehr hat sie mich berührt. Diese Melancholie, die neuartige elektronische Instrumentierung, die Stimme, der Text, das Cover der Single, das Video zum Song – das alles kannte ich in der Form noch nicht, und es sollte mich für lange Zeit prägen.


    #2 »People Are People« von Depeche Mode

    Depeche Mode waren die erste Band, von der ich so richtig Fan war, ich hatte Poster im Zimmer, kaufte jeden neuen Release und wollte auch so aussehen. Speziell wie Dave Gahan in der Zeit um 1983/84 herum, also exakt wie im Video zu diesem Song. Seine Frisur war so eine Art Flat-Top mit blondierten Spitzen, die wollte ich auch. Dieser Sache nahm sich mein Onkel Hans an, damals wie heute der Herrenfriseur am Platze in meinem Heimatdorf Manching. Sein Plan war folgender: Zunächst wollte er mir eine Dauerwelle machen, um etwas Spannkraft und Stehvermögen in meine ansonsten eher fluffigen und schlaffen Haare zu bringen. Anschließend wollte er sie ganz kurz schneiden und die Spitzen blondieren. Was in der Theorie schon abenteuerlich klang, sollte in der Praxis der größte Frisurenunfall in meinem an Frisurenunfällen ohnehin nicht armen Leben werden. Ich sah aus, als hätte erst eine Katze auf meinem Kopf Junge bekommen und danach noch ein Marabu drauf gekackt. Was den Song betrifft: Der sollte mich Jahrzehnte später noch mal einholen. Ich war zu Gast bei Zimmer frei, und wie jeder Gast sollte auch ich zusammen mit Götz Alsmann ein Musikstück darbieten. Meine Wahl fiel im Vorfeld auf »Never Let Me Down Again« von Depeche Mode. Kurz vor Sendungsbeginn meinte Götz allerdings, dass er das Stück zum Spielen zu langweilig fände und lieber »People Are People« aufführen würde. Widerspruch zwecklos. Es war ein Desaster. Ich konnte mich nicht mehr richtig an den Text erinnern und ging bei der verglichen mit meiner ursprünglichen Wahl deutlich komplizierteren Gesangslinie komplett baden.

    #3 »Blue Monday« von New Order
    Das war die nächste große Offenbarung für mich. Synthie Pop kannte ich ja nun schon eine Weile, aber eben nicht so. Mit diesem Druck, den Dance-Elementen und der einnehmenden Melancholie. Es ist wirklich nicht zu glauben, dass der Track 35 Jahre auf dem Buckel hat, so zeitgemäß und unangestaubt wie er heute noch klingt. Ich habe in den Achtzigern dazu getanzt, ebenso in den Neunzigern, wenn der Track wie selbstverständlich in Techno-Sets von DJ Hell lief, und auch in meinen eigenen Sets ist »Blue Monday« seit jeher ein regelmäßiger Bestandteil. Anfangs gab es den Song ja nur als Maxi-Single. Die habe ich mir damals für 12 D-Mark gekauft. Die Original-Pressung steht in einer Schutzhülle in der Schatz-Abteilung meines Plattenregals und wird nur in ganz besonderen Momenten rausgeholt. Was ja wohl das Mindeste an Wertschätzung ist, das man dieser Platte entgegenbringen kann. Wegen des extrem aufwändigen und teuren Coverartworks hat das Label nämlich mit jeder verkauften Kopie draufgezahlt und Verlust gemacht.


    #4 »A Forest« von The Cure

    Der Song, der stellvertretend für meine Jahre als Gruftie steht. Die Musik, die da ständig aus meinem Zimmer dröhnte, war für meine Eltern schon eine echte Zumutung, noch schlimmer war für sie aber wahrscheinlich das, was optisch damit bei mir einherging. Meine Klamotten waren nur noch schwarz, an den Füßen trug ich Schnallenschuhe, ich schminkte mich weiß mit schwarzumrandeten Augen und trug blutroten Lippenstift, so wie Robert Smith von The Cure eben, die Haare waren an den Seiten abrasiert und oben zu einer Art 10 cm hohen Trichter geformt, mit so einem Haarlappen über der linken Gesichtshälfte. Als Accessoires hatte ich umgedrehte Kreuze und Rosenkränze umhängen, dazu silberne Sarg-Ohrhänger und – besonders pikant – einen skelettierten Katzenkopf. Ich habe das Viech schon skelettiert im Straßengraben gefunden und musste den Schädel nur noch ein bisschen reinigen. Trotzdem dachten die Leute im Dorf, dass ich reihenweise Katzen umbringe und opfere und fragten jedes Mal bei meiner Mutter nach, ob ich denn nicht ihre verschwundene Katze gesehen hätte. Dabei hat die bei uns im Dorf wahrscheinlich nur der Traktor überfahren oder der Hund gefressen. Ja, es war nicht leicht für meine Eltern. Ich tanzte derweil in den einschlägigen Clubs unermüdlich zu »A Forest«. Wobei man das Ganze nicht wirklich tanzen nennen konnte. Man marschierte vier Schritte vor, verneigte sich und ging dann wieder vier zurück. Und weil in der Liveversion von 1984 das Instrumental-Intro so extralang ist, stand man erst mal gebückt auf der Stelle und vollführte mit den Armen Bewegungen, die aussahen, als würde man Staubwedeln.

    #5 »Smells Like Teen Spirit« von Nirvana
    Mir fällt gerade auf, dass ich vier Songs aus den Achtzigern, aber nur diesen einen aus den Neunzigern in dieser Liste habe. Keine Ahnung, woran das genau liegt, vielleicht sind die Neunziger einfach noch nicht lange genug her, um sie musikalisch verklären zu können. »Smells Like Teen Spirit« gilt ja als der wichtigste Song der Neunziger, und natürlich hat er auch bei mir seine Spuren hinterlassen. Ich habe zu der Zeit beim Radio in Erlangen beziehungsweise Nürnberg moderiert, für die Stadtzeitung geschrieben und in einem Indie-Club aufgelegt. Deswegen habe ich Vorab-Promos von kommenden Veröffentlichungen bekommen. Auch das Nirvana-Album »Nevermind«, und zwar etwa sechs Wochen vor dem Release am 24. September 1991 und damit vier Wochen vor dem Singlerelease von »Smells Like Teen Spirit«. Wie damals üblich auf Kassette. Der Song hat mich sofort weggeblasen, ich wollte ihn unbedingt im Radio spielen. Zum Glück befand sich dort noch ein Kassettendeck, das man benutzen konnte. In dem Club, in dem ich damals auflegte, war allerdings keins, was zur Folge hatte, dass ich jedes Mal mein eigenes von Zuhause mitschleppte, nur um diesen einen Song spielen zu können. Mittlerweile kamen auch Leute in den Laden, nur um dieses eine Lied zu hören, auf der Tanzfläche spielten sich jedes Mal Szenarien ab, die kann man sich heutzutage gar nicht mehr vorstellen. Die Leute sind regelrecht durchgedreht und wollten die Nummer mindestens drei Mal pro Abend hören. Als das Video dazu dann noch bei MTV lief, gab es überhaupt kein Halten mehr. Spätestens da war dann auch klar, dass da gerade was ganz Großes passiert.

    #6 »Every Glance« von Jack Peñate
    Dieser Song lief bei meiner Hochzeit zu Beginn der standesamtlichen Trauung. Es war sozusagen das Lied von meiner Frau und mir, unser Song. Am Anfang war bei der Trauung auch noch alles wie geplant, dann allerdings legte der Standesbeamte los. Er war kurzfristig für seine Kollegin eingesprungen, die an dem Tag krank war. Mit ihr hatten wir uns im Vorfeld getroffen, um die Inhalte der Rede abzusprechen, zusätzlich hatten wir ihr noch eine Mail mit unserer Kennenlerngeschichte geschrieben, da diese sehr viel mit dem Ort zu tun hat, an dem die Trauung stattfand. Leider hatte sie es nicht mehr geschafft, ihrem Kollegen die Informationen zu übermitteln, weswegen dieser aus dem Stegreif eine Rede zaubern musste. Die dann allerdings eher zu einem Fahrlehrer-Pärchen gepasst hätte, jedenfalls war sie gespickt mit Straßenverkehrs-Metaphern. »Auch in der Ehe muss man mal vom Gas gehen und runterschalten... Die Ehe kann manchmal wie eine holprige Straße sein«, blablabla, so was halt. Zwischendurch dachte ich mir nur: Was für ein Scheiß, meine Braut hat noch nicht mal einen Führerschein! Im Nachhinein ist die Geschichte natürlich saulustig, die Rede habe ich dann nachher selbst vorgetragen, insofern war unsere Hochzeit ganz wunderbar.

    #7 »Designer Babies (feat. Kim Gordon)« von Lawrence Rothman
    Mein absolutes Lieblingslied der letzten Jahre. Meine Frau hat es zufällig auf einem Musik-Blog entdeckt. Der Künstler sagte uns gar nichts, als große Verehrer von Sonic Youth wurden wir aber natürlich neugierig, als wir »featuring Kim Gordon« lasen. Und das hier ist nun mal wirklich einer der großartigsten, breitwandigsten, dramatischsten und traurigsten Songs aller Zeiten. Ich mag auch die sehr besondere Stimme von Lawrence Rothman, und wenn im letzten Teil dann voller Inbrunst, Leidenschaft und Schmerz Kim Gordon zu singen anfängt, bleibt einem wirklich die Luft weg. So hat man sie vorher bei Sonic Youth noch nie gehört. Textlich dreht sich der Song mutmaßlich um die Trennung von ihrem Mann Thurston Moore, der sie nach 27 Jahren Ehe für eine jüngere Frau verlassen hat. War eine sehr bittere Geschichte, die Kim Gordon öffentlich in diversen Interviews, ihrer Autobiographie und eben diesem Song aufarbeitete, in dem sie in den Zeilen »The chain of command is in your head/I cross with you, just press stop, come on start again/I cross with you I cross with your genes« sogar noch mal auf die gemeinsame Tochter verweist. Als meine Frau und ich den Song zum ersten Mal hörten, drückten wir sofort auf die Repeat-Taste. Er kam dann noch weitere sechs Mal nacheinander. Wir konnten in diesen 30 Minuten nicht sprechen, weil wir vor Ergriffenheit beide einen Kloß im Hals und feuchte Augen hatten. Beschämt vollführten wir stattdessen allerlei Übersprunghandlungen wie Geschirrspüler ausräumen, Wäsche abhängen und Papierkram sortieren, nur um nicht vollends in Tränen auszubrechen.

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