»Das ist so pur, dass es richtig weh tut«

Der Schauspieler Jonathan Berlin verrät, warum Bob Dylan in seinen Augen das schönste Liebeslied überhaupt geschrieben hat - und warum er Wir sind Helden ewig dankbar ist. 

    Jonathan Berlin

    Foto: Niklas Vogt

    #1 »Mr Blue Sky« von Electric Light Orchestra
    Wenn ich Skatebord fahren könnte - das wäre das Lied, mit dem ich morgens durch die Stadt düsen würde. Ich kenne kaum ein Lied, das so viel Laune macht wie dieses. Als wir an der Schauspielschule unsere Abschlussinszenierung vorbereitet haben, sind wir in der gemeinsamen Arbeit unter anderem auf eben diesen Song gestoßen, von da an sang Mr. Blue Sky morgens in mein Ohr.

    #2 Sad-Eyed Lady Of The Lowlands« von Bob Dylan
    »And your flesh like silk, and your face like glass - who could they get to carry you?« Vollkommener kann man Hingabe und Kostbarkeit wohl kaum beschreiben. Dylans raue Stimme und die Mundharmonika am Ende, das ist so pur, dass es richtig weh tut. Für mich vielleicht das schönste Liebeslied überhaupt.

    #3 »Wonderwall« von Oasis
    Ja, was soll ich sagen? »Wonderwall«! Kann man nicht beschreiben, Jugend, Kult und 'ne ganze Menge mehr ist das. Wobei: Witzigerweise habe ich den Song erst so richtig für mich entdeckt, als er durch einen Film in einen völlig neuen Kontext gerückt wurde: Mommy von Xavier Dolan, in dem es um eine so innige wie schwierige Beziehung zwischen einer Mutter und ihrem 15-jährigen Sohn geht. In der Mitte des Films wird das Lied komplett durchgespielt, während sich die Figuren aus ihrer Misere befreien. Ich saß mit 20 im Kino und dieser Film hat (hört sich pathetisch an, ist aber so) mein Leben verändert. Als ob die Bilder die Leinwand sprengen, so sehr hat mich diese Art des Filmemachens überwältigt. Allein schon eben jene »Wonderwall«-Szene – man muss sie und den Film gesehen haben, genauso wie man »Wonderwall« einfach gehört haben muss.

    #4 »Denkmal« von Wir sind Helden
    Ich saß im Zug zu einem meiner ersten Drehs, war 13 und hab mir meine Haare länger wachsen lassen, weil ich es cool fand, und hab das dazugehörige Album zum ersten Mal auf dem Discman gehört. Ich hab mich richtig anarchisch gefühlt, wie ich da im Zug saß und diesen sich fast überschlagenden Zeilen zugehört hab. Danke, Wir sind Helden, für dieses Gefühl.

    #5 »Iron Sky« von Paolo Nutini
    Am Morgen, als ich erfahren habe, dass Donald Trump die US-Wahlen gewonnen hat, stand ich fassunglos im Gang unserer damaligen WG und habe die Nachricht an meine gerade aufstehende Mitbewohnerin weitergegeben, die stehen blieb und nur meinte: »Erschrick mich doch nicht so...« Meine Fassungslosigkeit wurde an dem Tag erstmal durch einige andere Lieder kompensiert, bis ich auf dieses kraftvolle Stück von Paolo Nutini stieß. Ich liebe es, dass er aus einer Verletzlichkeit heraus in so eine Kraft kommt und diese großen Werte, um die es geht, so offensiv nach außen trägt. Das braucht es in diesen Zeiten.

    #6 »10.000 Miles« von Mary Chapin Carpenter
    Dieses Lied bedeutet für mich absolute kindheitliche Geborgenheit. Ich kenne es aus dem wunderbaren Film Fly away home (der deutsche Titel ist mit Amy und die Wildgänse nicht ganz so poetisch), in dessen letzten Minuten es gespielt wird. Ich weiss noch, wie ich ihn, sehr klein muss ich gewesen sein, mit meinen Eltern und meinen beiden Geschwistern zum ersten mal auf Video- Kassette geschaut habe, ich glaube, es war im Winter... »Fare thee well, my own true love...«, heißt es im Lied. Sehr traurig, sehr schön. Und sehr geborgen eben.

    #7 »Symphonie aus der neuen Welt - Allegro con Fuoco« von Antonin Dvořák
    Tatsächlich ist das die Melodie meiner Kindheit. Wir hatten einige CDs zuhause, auf denen verschiedene Komponisten in ziemlich tollen Musik-Hörspielen vorgestellt wurden. Und bei Dvořák war es um mich geschehen. Ich hörte die Platte rauf und runter und habe mit einer Stricknadel in meinem Zimmer die »Symphonie aus der neuen Welt« dirigiert. Dieser vierte Satz (ab Minute 30:00) ist für mich wohl bis heute das kraftvollste, was ich je gehört habe. Diese Opulenz, dieser unbändige Aufbruch, diese positive Formulierung von Veränderung – das beschert mir immer noch Gedankenstürme, Euphorieausbrüche und einen gewissen Wunsch zur Revolution.

    Jonathan Berlin ist am 26. September 2018 in der Romanverfilmung »Kruso« zu sehen (ARD).

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