»Es war der Wendepunkt meiner Reise«

Danger Dan, Rapper der Hip-Hop-Band Antilopen Gang, über den Moment, in dem er mit Jimi Hendrix und gebrochenem Herzen in Kalifornien strandete - und warum seine eigene Musik nach den Prinzen klingt.

    Danger Dan

    Foto: Jaro Suffner

    #1 »Nichtsnutz« von Massive Töne
    Ich glaub’s kaum, ich sehe es vor mir, als wär es gestern. Ist nun aber doch schon paar Jahre her. Als ich das Lied zum ersten Mal hörte, war ich ungefähr 17, hatte keinen Bock auf Schule und überhaupt keine Ahnung, was ich mit meinem Leben mal anfangen wollte. Das Lied begleitet mich nun schon die Hälfte meines Lebens und immer, wenn ich gerade irgendwelche Schulen schmiss, Ausbildungen abbrach oder bei irgendwelchen Jobs rausflog, da ich eh lieber Musik machen wollte, habe ich mich von dem Song verstanden gefühlt. Abgesehen von meinen eigenen Liedern - und selbst da hapert es hier und da - ist das der einzige Rap-Song, den ich auswendig kann.

    #2 »Erschießen« von Ideal
    »Komm, wir lassen uns erschießen.« In den letzten Jahren war ich mit der Antilopen Gang in unzähligen Radiostationen eingeladen und immer wieder durfte ich mir dort ein Lied wünschen. Ich habe nie lange überlegt und mir immer »Erschießen« von Ideal gewünscht. Irgendwann langweilte das Lied meine Bandkollegen Koljah und Panik Panzer so sehr, dass ihnen - um es mit Annette Humpe zu sagen – gewaltsam zumute wurde. Also unterdrücke ich nun immer meinen ersten Reflex, wenn wir uns ein Lied wünschen sollen. Widerwillig suche ich mir dann irgendwas anderes aus. Aber egal, was läuft, in meinem Kopf ertönt immer Annettes Stimme und singt: »Komm, wir lassen uns erschießen, an der Mauer Hand in Hand.«

    #3 »Babylon Rule Dem« von Groundation
    Ich habe mal für ein paar Jahre meine Kohle als Keyboarder einer Reggae-Band verdient. In dieser Zeit sind wir öfter mit Groundation, einer Jazz-Reggae-Fusion-Band aus Kalifornien, unterwegs gewesen. Die wenigsten Menschen, die mich kennen, würden glauben, dass ich mit solchen Bands etwas anfangen kann, aber sie irren sich. Ich glaube, ich habe von keiner Band mehr Live-Konzerte gesehen als von dieser und ich war jeden Abend von neuem begeistert. Mittlerweile haben sowohl Groundation als auch die Band, in der ich damals spielte, abgesehen vom Sänger die Besetzung komplett verändert. Ich würde trotzdem jederzeit wieder auf ein Groundation-Konzert gehen.

    #4 »True Confession« von Silvertones
    Ja, ich gebe es zu. Ich sehe zwar aus wie ein normaler Lauch und spiele in einer Hip-Hop-Band, aber irgendwo in mir schlummert ein Skinhead, der immer, wenn er dieses Lied hört, wach wird und ungelenk durchs Wohnzimmer skankt. Die meisten Leute assoziieren mit dem Begriff Skinhead glatzköpfige Neonazis, liegen aber sehr falsch mit dieser Annahme. Wenn ich Skinhead sage, dann meine ich natürlich die Typen, die in den frühen Siebzigern den Early Reggae, Ska und Northern Soul hörten und den Faschos ein paar auf die Nuss gehauen haben. 

    #5 »1983« (A Merman I Should Turn to Be) von Jimi Hendrix  
    Ich hatte mal, inspiriert durch Jack Kerouacs »On the Road«, die romantisch-verblödete Idee, von San Diego nach San Francisco zu trampen. Was ich nicht wusste, war, dass am Highway-Rand Trampen mittlerweile illegal ist. Nach wenigen Stunden griff mich das L.A. Police Department halb verdurstet und mit starkem Sonnenbrand an einer Kreuzung in der Wüste auf. Der Sheriff dachte, ich sei verrückt oder aus dem Gefängnis geflohen. Ich konnte den Irrtum leider erst aufklären, als ich schon mit dem Gesicht auf dem Asphalt lag. Enttäuscht fuhr ich in ein schreckliches Hostel mit Backpack-Touristen, checkte meine E-Mails und fand eine, in der mir meine damalige Liebschaft eröffnete, dass sie doch keine Lust mehr auf mich habe. Zerbrochen, zerbeult und perspektivlos schlurfte ich an diesen einen Strand, dessen Namen ich vergessen habe, der aber in allen möglichen Filmen vorkommt. Ich setzte mich in den Sand, schaute über das Wasser und hörte dieses Lied. Fast wäre ich in die Wellen gegangen, zum Glück war ich im Gegensatz zu Jimmy nicht auf LSD. Es war der Wendepunkt meiner Reise. Als die Musik gerade verklungen war, kam eine junge Frau auf mich zu und sagte einfach »Hallo« und fragte, was ich da höre. Wir unterhielten uns kurz, ich klagte ihr mein Leid. Sie lud mich sofort ein, ich könne in ihrem Haus wohnen. Ich bin nie in San Francisco angekommen.

    #6 »Mein Fahrrad« von Die Prinzen
    Die erste Musikkassette, die ich mir je gekauft habe, war von den Prinzen. Ich habe diese Band damals geliebt. Bis heute kann ich alle möglichen Texte mitsingen und wer genau hinhört, merkt, wie stark die Prinzen auch die Musik der Antilopen Gang beeinflusst haben. Eingängige Melodieverläufe und mehrstimmiger Gesang ziehen sich wie ein roter Faden durch unsere Diskographie. Während der Releaseparty zu meinem neuen Album an meinem letzten Geburtstag habe ich zusammen mit Sebastian Krumbiegel »Mein Fahrrad« im Duett gesungen. Ich könnte jetzt behaupten, dass damit ein Kindheitstraum in Erfüllung gegangen ist. In Wirklichkeit erschien es mir aber sogar als Kind schon viel zu unrealistisch, dass sowas mal passieren könnte. Es lag vollkommen außerhalb meiner Vorstellungskraft, diesen Traum auch nur zu träumen. Das Lied ist nun meine persönliche Lobeshymne an die Absurdität des Lebens und daran, dass alles - sogar das Unvorstellbare - möglich ist. Erschreckend und schön zugleich.

    #7 »Cryin'« von Aerosmith
    Ich hab dieses Lied im zarten Alter von sechs Jahren im Radio gehört und dann kurzerhand zu meinem Lieblingslied erklärt. In diesen Freundebüchern, in denen man Steckbriefe über sich ausfüllen sollte, habe ich zu dieser Zeit immer angegeben, mein liebster Song sei »Quaeeen« (ich wusste nicht, wie man das schreibt). Bis heute mag ich das Lied sehr und bis heute habe ich den Text leider so tief in einem Fantasie-Englisch abgespeichert, dass ich nicht wirklich sagen kann, worum es in dem Lied geht. Ich glaube, der Typ weint, weil er irgendwen vermisst und das ist schmierig und nüchtern nicht zu ertragen. In meiner Version hat das Lied allerdings einen witzigen, dadaistischen Text und macht sich lustig über die ganzen Sänger mit Liebeskummer. Am schönsten ist es, beim Singen auch theatralische Gesten zu machen. Kann ich nur empfehlen, hilft auch gegen besagten Liebeskummer.

    Die nächsten Tour-Termine von Danger Dan:
    19.9.2018 Nürnberg, Desi
    20.9.2018 München, Kranhalle im Feierwerk
    21.9.2018 AT-Wien, Chelsea
    22.9.2018 Dresden, GrooveStation
    26.9.2018 Münster, Gleis 22
    27.9.2018 Köln, Luxor
    28.9.2018 Stuttgart, Schräglage
    29.9.2018 Wiesbaden, Schlachthof
    02.10.2018 Berlin, SO36
    04.10.2018 Hamburg, Hafenklang
    05.10.2018 Leipzig, Conne Island

    Artikel teilen: